TFK 003

 

 

RAPUNZEL heute

 

Eine völlig durchgeknallte Märchenkomödie

 

von Helmut Schmidt

 

Frei nach dem Märchen der Brüder Grimm

 

 

INHALT:

Was passiert, wenn eine schwangere Frau plötzlich unbändigen Appetit auf Salat bekommt und ihr Ehemann deshalb zum Dieb wird? Richtig: Er handelt sich gewaltigen Ärger ein! Denn ausgerechnet die Rapunzeln im Garten der gefürchteten Zauberin Frau Gothel haben es seiner Frau angetan. Und die versteht bei Gemüse überhaupt keinen Spaß. Kurzerhand verlangt sie als Gegenleistung das ungeborene Kind. Ein ziemlich hoher Preis für ein bisschen Grünzeug! Jahre später sitzt die inzwischen erwachsene Rapunzel in einem Turm mitten im Wald. Ohne Tür, ohne Treppe, ohne Freunde und – was besonders schlimm ist – ohne WLAN! Frau Gothel nennt das liebevolle Fürsorge, Rapunzel dagegen schlichtweg Freiheitsberaubung.

Als eines Tages ein Prinz auftaucht, scheint die Rettung endlich nahe. Doch der romantische junge Mann hat seine Rechnung ohne Rapunzel gemacht. Denn die hat überhaupt keine Lust, sich von einem dahergelaufenen Märchenprinzen retten und anschließend gleich heiraten zu lassen. Und schon gar nicht möchte sie, dass ständig irgendwelche Leute an ihren Haaren herumklettern! Zwischen einer überfürsorglichen Zauberin, einem etwas unbeholfenen Prinzen und einer jungen Frau mit sehr eigenen Vorstellungen vom Leben gerät das alte Märchen gehörig durcheinander.

„Rapunzel heute“ ist eine turbulente, freche und herrlich verrückte Märchenkomödie über Liebe, Freiheit, Selbstbestimmung und die Erkenntnis, dass man für einen guten Salat manchmal einen verdammt hohen Preis bezahlen muss!

 

Spieler: 3w/2m

 

RAPUNZEL – selbstbewusst, schlagfertig und keineswegs bereit, sich von anderen erklären zu lassen, wie sie ihr Leben zu führen hat. TE= 134

MUTTER – schwanger, eigentlich vernünftig – bis sie die Rapunzeln im Nachbargarten entdeckt. TE= 37

VATER – liebt seine Frau über alles. Leider setzt bei ihm unter Druck gelegentlich das selbstständige Denken aus. TE= 44

FRAU GOTHEL / ZAUBERIN – mächtig, streng, kontrollierend und vollkommen davon überzeugt, immer nur das Beste für Rapunzel zu wollen. TE= 118

PRINZ – romantisch, durchaus sympathisch und zunächst überzeugt, dass Rapunzel nur darauf wartet, von ihm gerettet zu werden. TE= 83

 

TE = Texteinsätze

 

 

Spieldauer: ca. 40 Minuten

 

 

Bühnenbild:

Das gesamte Märchen kann auf einer einzigen, einfach gestalteten Bühne gespielt werden. Aufwendige Kulissen, ein tatsächlich begehbarer Turm oder größere Bühnenumbauten sind nicht erforderlich.

Den Hintergrund bildet eine einfache Waldkulisse, beispielsweise ein bemalter Vorhang mit einigen Bäumen und Sträuchern. Alternativ genügen wenige aufgestellte Bäume aus bemalter Pappe oder Sperrholz. Auf einer Bühnenseite befindet sich ein angedeuteter Turm. Dieser kann aus zwei leichten, bemalten Stellwänden bestehen, die eine Steinmauer darstellen. Im oberen Bereich wird ein Fenster angedeutet, aus dem Rapunzel ihren langen Zopf herunterlassen kann.

Das Turmfenster muss sich nicht tatsächlich in großer Höhe befinden. Es reicht völlig aus, wenn Rapunzel hinter einer entsprechend gestalteten Kulisse steht und durch eine Fensteröffnung zu sehen ist. Das Hinaufklettern von Frau Gothel und dem Prinzen wird lediglich pantomimisch dargestellt. Durch passende Bewegungen und die Reaktionen Rapunzels entsteht die gewünschte komische Wirkung.

Für das Elternhaus werden lediglich ein kleiner Tisch, zwei Stühle und ein angedeutetes Fenster benötigt. Diese Requisiten können zu Beginn auf der gegenüberliegenden Bühnenseite stehen und nach der ersten Szene entfernt werden. Der Garten von Frau Gothel wird durch einige künstliche Grünpflanzen oder Salatköpfe in einem Blumenkasten dargestellt. Die spätere Wüstenei benötigt keine eigene Kulisse. Hier genügen ein kahler Zweig, ein kleiner künstlicher Felsen oder eine veränderte Beleuchtung. Die Darsteller können diesen Spielort auch einfach auf der freien Bühnenfläche darstellen.

 

Besondere Requisiten:

Ein besonders langer, geflochtener Zopf ist für das Stück erforderlich. Dieser kann aus dicker Wolle oder künstlichem Haar hergestellt und an einer Perücke beziehungsweise einem Haarteil befestigt werden. Der Zopf muss sich leicht abnehmen lassen, damit Frau Gothel ihn scheinbar abschneiden kann. Eine große, ungefährliche Requisitenschere verstärkt die Wirkung.

Für die weiteren Szenen werden nur wenige Gegenstände benötigt, beispielsweise ein Korb oder eine Schüssel für die Rapunzeln, ein Baby als Puppe, ein Handy und etwas Stoff beziehungsweise Seide für die geplante Strickleiter.

Hinweis für die aufführenden Bühnen:

Sämtliche Klettervorgänge und auch der spätere Sprung des Prinzen aus dem Turm werden ausschließlich angedeutet. Ein tatsächliches Klettern oder Springen ist nicht notwendig. Die komische Wirkung entsteht durch die Dialoge, die Bewegungen der Darsteller und entsprechende Geräusche.

Mit wenigen Kulissenteilen, einfachen Requisiten und etwas Fantasie lässt sich das gesamte Märchen ohne aufwendige Umbauten aufführen.

 

1. SZENE

(Zu Hause. MUTTER steht am Fenster und starrt hinaus. VATER sitzt gemütlich da und beschäftigt sich mit seinem Handy)

MUTTER: Oh Gott. Oh mein Gott! Schatz, komm sofort her und sieh dir das an!

VATER: Ich sitze gerade so schön. Was gibt es denn zu sehen?

MUTTER: Im Garten von Frau Gothel. Neben den Blumen und den Kräutern. Diese herrlichen Rapunzeln!

VATER: Salat?

MUTTER: Rapunzeln!

VATER: Ist das nicht unsere Tochter?

MUTTER: Welche Tochter?

VATER: Rapunzel.

MUTTER: Wir haben noch gar keine Tochter! Das da ist Salat.

VATER: Warum heißt der Salat dann wie unsere Tochter, die wir noch gar nicht haben?

MUTTER: Keine Ahnung. Märchenlogik. Aber sieh doch mal: so frisch, so grün, so knackig. Ich will die!

VATER: Dann kaufen wir Rapunzeln.

MUTTER: Ich will genau DIE!

VATER: Die gehören Frau Gothel. Man nimmt anderen Leuten nicht einfach den Salat weg.

MUTTER: Natürlich nicht. Du nimmst ihn.

VATER: Nein.

MUTTER: Schatz, ich bin schwanger und habe Gelüste. Vorgestern wollte das Baby Gewürzgurken mit Vanilleeis und heute will es Rapunzeln.

VATER: Das Baby ist ungefähr so groß. (deutet eine kleine Größe an) Und bestellt schon Essen?

MUTTER: Schwangerschaftsgelüste kann man nicht erklären. Ich muss diese Rapunzeln haben. Nur eine kleine Handvoll. Sonst sterbe ich!

VATER: Wegen Salat? Dann sollten wir vielleicht eher zum Arzt.

MUTTER: Du liebst mich überhaupt nicht.

VATER: Natürlich liebe ich dich! Aber die Frau ist eine Zauberin. Jeder hat Angst vor ihr. Ich übrigens auch.

MUTTER: Dann geh hin und frag sie, ob wir etwas haben dürfen.

VATER: Fragen? Das wäre natürlich eine Möglichkeit. Aber wenn sie Nein sagt, klaue ich ihn lieber.

MUTTER: Interessantes Rechtsverständnis.

 

IM GARTEN

(Abend. VATER schleicht sich herein. Eine Tasche oder Schüssel hat er dabei)

VATER: Ganz ruhig. Es ist nur Salat. Ein bisschen Rapunzel, das merkt kein Mensch. (pflückt) Das reicht. Obwohl ... Schwangerschaft. Da darf man nicht knausern.

(Er pflückt noch etwas und verschwindet)

 

ZU HAUSE

(MUTTER stürzt sich begeistert auf den Salat)

MUTTER: Wahnsinn! Der ist unglaublich! So frisch, so knackig, so aromatisch! Probier mal!

VATER: Nein danke. Dafür riskiere ich keine Verzauberung und esse das Beweismaterial anschließend auch noch.

(MUTTER isst weiter und hat schließlich alles aufgegessen)

MUTTER: Ich brauche mehr. Morgen holst du dreimal so viel.

VATER: NEIN! Ich bin gerade in den Garten einer Zauberin eingebrochen!

MUTTER: Und es ist doch gut gegangen.

VATER: Das ist der Satz, nach dem in Geschichten grundsätzlich alles schiefgeht.

 

AM NÄCHSTEN ABEND

(VATER schleicht wieder in den Garten)

VATER: Letztes Mal. Ganz sicher. Danach kaufen wir Salat wie normale Menschen. (Er pflückt)

FRAU GOTHEL: Guten Abend.

VATER: Guten Abend.

(Er pflückt noch einmal. Dann hält er inne und dreht sich langsam um) Oh.

FRAU GOTHEL: Schmecken meiner Frau die Rapunzeln?

VATER: Woher wissen Sie das?

FRAU GOTHEL: Ich bin Zauberin. Außerdem stehen Sie zum zweiten Mal in meinem Garten.

VATER: Sie haben mich gestern gesehen?

FRAU GOTHEL: Natürlich. Ich wollte nur wissen, ob Sie dreist genug sind, wiederzukommen. Offenbar sind Sie es.

VATER: Meine Frau ist schwanger. Sie hat Schwangerschaftsgelüste und wollte unbedingt Ihre Rapunzeln.

FRAU GOTHEL: Dann hätten Sie fragen oder ihr welche kaufen können.

VATER: Habe ich auch vorgeschlagen. Sie wollte aber genau Ihre, weil sie die vom Fenster aus gesehen hat.

(FRAU GOTHEL schaut Richtung Haus)

FRAU GOTHEL: Dieses Fenster? Interessant. Da mache ich morgen Sichtschutz hin.

VATER: Bitte seien Sie nicht böse.

FRAU GOTHEL: Ich bin nicht böse. Noch nicht. Sie können von meinen Rapunzeln haben, so viel Sie wollen – unter einer Bedingung.

VATER: Geld? Gartenarbeit? Ich könnte Ihnen beim Rasen helfen.

FRAU GOTHEL: Ich möchte Ihr Kind.

VATER: Unser Baby? Wegen SALAT?!

FRAU GOTHEL: Rapunzeln. Sehr hochwertige Rapunzeln.

VATER: Bei REWE kostet so etwas zwei Euro!

FRAU GOTHEL: Dann hätten Sie zu REWE gehen sollen.

VATER: Auch wieder wahr. Trotzdem bekommen Sie unser Kind natürlich nicht!

FRAU GOTHEL: Dann müssen wir das anders regeln.

(Sie macht eine bedrohliche Zauberbewegung)

VATER: Was machen Sie?

FRAU GOTHEL: Ich überlege noch. Kröte? Regenwurm? Nacktschnecke?

VATER: UM GOTTES WILLEN! Können wir uns nicht auf etwas anderes einigen?

FRAU GOTHEL: Nein. Sie bekommen unbegrenzt meine Rapunzeln, ich bekomme das Kind.

VATER: Bio? Ungespritzt?

FRAU GOTHEL: Natürlich.

(VATER überlegt verzweifelt)

VATER: Ich stehe gerade sehr unter Druck. Also... ja.

FRAU GOTHEL: Abgemacht.

VATER: Aber...

FRAU GOTHEL: Zu spät!

(Sie gibt ihm einen großen Bund Rapunzeln) Guten Appetit.

VATER: Mir ist der Appetit vergangen.

FRAU GOTHEL: Ihrer Frau bestimmt nicht.

 

EINIGE MONATE SPÄTER

(MUTTER hält das neugeborene Kind. VATER steht daneben und wirkt ausgesprochen nervös)

MUTTER: Ist sie nicht wunderschön? Unsere kleine Tochter. Aber du bist seit Monaten so komisch. Was hast du denn?

VATER: Nichts. Schwangerschaft.

MUTTER: DU warst nicht schwanger!

VATER: Stimmt.

(Es klopft)

MUTTER: Erwartest du jemanden?

FRAU GOTHEL: (von draußen) Ich komme wegen der Lieferung!

(MUTTER schaut zum VATER)

MUTTER: Welche Lieferung?

VATER: Oh Gott.

(FRAU GOTHEL kommt herein)

FRAU GOTHEL: Herzlichen Glückwunsch! Ist sie das? Süß. Dann nehme ich sie gleich mit.

MUTTER: Moment! Welches Kind wollen Sie mitnehmen?

FRAU GOTHEL: Das da. Unseres.

MUTTER: UNSERES?!

(Sie schaut zum VATER)

VATER: Ich kann das erklären.

MUTTER: Das hoffe ich für dich!

FRAU GOTHEL: Ihr Mann und ich haben eine Vereinbarung

MUTTER: Welche Vereinbarung?

VATER: Erinnerst du dich an die Rapunzeln? Die waren nicht kostenlos.

MUTTER: Wie teuer waren die denn?

(VATER zeigt auf das Baby)

(Pause)

MUTTER: DU HAST UNSER KIND GEGEN SALAT GETAUSCHT?!

VATER: Getauscht klingt so endgültig.

FRAU GOTHEL: Es war ein Tausch.

MUTTER: Halt du dich raus! So ein Vertrag ist doch überhaupt nicht rechtsgültig!

FRAU GOTHEL: Mündlich. Und wir sind im Märchen.

MUTTER: Verdammt.

FRAU GOTHEL: Ich werde gut für sie sorgen. Sie wird bei mir alles haben.

MUTTER: Und wie wollen Sie sie nennen?

(FRAU GOTHEL betrachtet das Baby)

FRAU GOTHEL: Rapunzel.

MUTTER: Nach dem Salat? Das ist geschmacklos.

VATER: Geschmacklich war er eigentlich—

(MUTTER schaut ihn an) Schon still.

(FRAU GOTHEL nimmt das Kind bzw. einen entsprechenden Bühnenersatz vorsichtig an sich)

MUTTER: Warte! Darf ich ihr wenigstens etwas sagen?

FRAU GOTHEL: Sie ist ein Baby.

MUTTER: Trotzdem. (geht zum Kind) Meine Kleine, wenn du irgendwann groß bist und wissen möchtest, warum das alles passiert ist ... (schaut zum VATER) ... dein Vater war's.

VATER: Danke.

MUTTER: Bitte.

FRAU GOTHEL: Wir müssen.

MUTTER: Frau Gothel! Eine Sache noch: Waschen Sie den Salat eigentlich vorher?

FRAU GOTHEL: Natürlich.

MUTTER: Gut.

(FRAU GOTHEL geht mit dem Kind ab. Stille)

VATER: Schatz?

MUTTER: Kein Wort.

VATER: Ich wollte doch nur...

MUTTER: KEIN. WORT.

VATER: Was gibt es heute Abend?

(MUTTER dreht langsam den Kopf zu ihm) Bitte keinen Salat.

LICHT AUS.

 

2. SZENE

ZWÖLF JAHRE SPÄTER

 

(RAPUNZEL und FRAU GOTHEL stehen vor dem Turm bzw. an einem entsprechend angedeuteten Spielort. RAPUNZEL trägt einen auffallend langen Zopf)

RAPUNZEL: Das soll also mein neues Zuhause sein? Ein Turm ohne Tür, Treppe, Aufzug, Feuerleiter und Notausgang?

FRAU GOTHEL: Genau. Du wohnst ganz oben und kommst durch das Fenster hinein. Dort bist du vollkommen sicher.

RAPUNZEL: In einem Turm ohne Fluchtweg? Diese Logik musst du mir irgendwann erklären.

FRAU GOTHEL: Du bist jetzt zwölf und wirst älter. Die Welt da draußen ist gefährlich. Es gibt Betrüger, Diebe, Verbrecher und jede Menge schlechte Menschen.

RAPUNZEL: Und deshalb sperrst du mich ein?

FRAU GOTHEL: Ich sperre dich nicht ein. Ich beschütze dich.

RAPUNZEL: Das klingt schöner, ist aber dasselbe. Bisher konnte ich wenigstens raus. Was ist mit Freunden, Schule, Sport und Internet?

FRAU GOTHEL: Freunde werden überschätzt, Schule machen wir zu Hause, Sport hast du genug und außerdem hast du Bücher.

RAPUNZEL: WLAN? Streaming?

FRAU GOTHEL: BÜCHER!

(RAPUNZEL starrt sie entsetzt an)

RAPUNZEL: Jetzt wird es unmenschlich.

(Lichtwechsel. RAPUNZEL befindet sich nun oben im Turm. FRAU GOTHEL steht unten)

RAPUNZEL: Und wie kommst du jetzt hoch? Wenn du schon zaubern kannst, zauber dich doch einfach hier hoch.

FRAU GOTHEL: So funktioniert meine Zauberei nicht. Ich komme anders hoch. Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!

RAPUNZEL: Nein. Du willst zwanzig Meter an meinen Haaren hochklettern? Weißt du, was das für eine Zugbelastung auf meiner Kopfhaut ist?

FRAU GOTHEL: Nun stell dich nicht so an. Lass dein Haar herunter!

RAPUNZEL: Wenn du möchtest, binde ich dir vorher ein Seil an die Haare und ziehe daran. Dann reden wir noch mal darüber.

FRAU GOTHEL: Wie soll ich denn sonst hochkommen?

RAPUNZEL: Tür! Treppe! Leiter!

FRAU GOTHEL: Nein. Dann könntest du nämlich herunterkommen.

RAPUNZEL: Aha. Eben hast du noch gesagt, du sperrst mich nicht ein.

FRAU GOTHEL: Ich beschütze dich!

RAPUNZEL: Das wird vor Gericht bestimmt hervorragend funktionieren.

FRAU GOTHEL: HAARE!

RAPUNZEL: Meine Güte.

(RAPUNZEL lässt den langen Zopf hinunter)

Langsam, nicht ruckartig, nicht mit den Füßen in den Zopf treten und wenn ich „Stopp“ sage, bedeutet das...

FRAU GOTHEL: RAPUNZEL!

RAPUNZEL: Ist ja gut.

(FRAU GOTHEL beginnt hochzuklettern. RAPUNZEL verzieht das Gesicht)

Au!... AU! Du hängst an meinen Haaren!

(Schließlich ist FRAU GOTHEL oben)

FRAU GOTHEL: Siehst du? Gar kein Problem.

RAPUNZEL: Für dich vielleicht

 

EINIGE JAHRE SPÄTER

(RAPUNZEL ist inzwischen eine junge Frau. Sie sitzt am Fenster und singt vielleicht einige Töne oder summt eine Melodie. Dann bricht sie ab)

RAPUNZEL: Langweilig. Baum. Noch ein Baum. Noch ein Baum. Wald war als Aussicht auch nur die ersten drei Jahre interessant. Andere Leute in meinem Alter gehen aus, treffen Freunde und haben Beziehungen. Ich gucke Bäume an und habe einen Zopf. Nicht mal den freiwillig.

(Unten erscheint der PRINZ. Er hört Rapunzels Stimme)

PRINZ: Hallo? Ist da oben jemand?

RAPUNZEL: Wer ist da?

PRINZ: Ich bin der Prinz.

RAPUNZEL: Natürlich. Märchen, Turm, junge Frau – irgendwann musste ja einer kommen.

PRINZ: Kann ich hochkommen?

RAPUNZEL: Nein. Keine Tür, keine Treppe und keine Leiter. Und falls du als Nächstes fragst, wie ich herunterkomme: gar nicht. Frau Gothel nennt das „beschütztes Wohnen“.

PRINZ: Du bist hier eingesperrt? Das ist ja schrecklich!

RAPUNZEL: ENDLICH sagt es mal jemand!

PRINZ: Ich hole dich da raus. Ich bin schließlich Prinz.

RAPUNZEL: Das ist schön für dich, beantwortet aber nicht die Frage, wie.

PRINZ: Ich könnte an der Wand hochklettern oder ein Seil nehmen.

RAPUNZEL: Glatte Wand. Und hast du ein Seil?

(PRINZ sieht sich um)

PRINZ: Nein.

RAPUNZEL: Läuft hervorragend.

(Plötzlich hört man FRAU GOTHEL)

FRAU GOTHEL: (von außerhalb) Rapunzel!

 

 

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