TFK 009
Gustav, die Weihnachtsgans
Eine tierisch turbulente Weihnachtskomödie in einem Akt
von Helmut Schmidt
Inhalt:
Auf Bauer Brunos Hof herrscht vorweihnachtliche Stimmung. Überall wird geschmückt, gebacken und über das große Weihnachtsessen gesprochen. Alles essen in der Vorweihnachtszeit eher wenig. Nur Gustav, die wohlgenährte Gans, wundert sich, weshalb ausgerechnet er ständig zusätzliche Portionen bekommt.
Zunächst hält er sich für den Liebling des Bauern. Doch dann erfährt er die schreckliche Wahrheit: An Heiligabend soll er als knuspriger Weihnachtsbraten auf dem Tisch liegen!
Damit ist für Gustav der Spaß vorbei. Gemeinsam mit der klugen Henne Henriette, dem verfressenen Schwein Oskar und der etwas besserwisserischen Kuh Mathilda entwickelt er die verrücktesten Rettungspläne. Gustav versucht abzunehmen, sich als Huhn zu tarnen und sogar als Weihnachtswunder Karriere zu machen. Doch Bauer Bruno lässt sich nicht so leicht täuschen.
Als schließlich Brunos Enkelin Leni auf den Hof kommt, nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung. Denn Leni stellt eine Frage, auf die ihr Großvater keine einfache Antwort findet: Muss an Weihnachten wirklich ein Tier sterben, damit die Menschen glücklich sind?
Eine warmherzige, turbulente Weihnachtskomödie über Freundschaft, Mitgefühl, Mut und die Erkenntnis, dass das schönste Weihnachtsgeschenk manchmal darin besteht, einem anderen das Leben zu schenken – auch wenn es „NUR“ ein Tier ist.
Bühnenbild
Die gesamte Handlung spielt auf dem Hof von Bauer Bruno. Ein einziges, einfaches Bühnenbild genügt.
Im Hintergrund befindet sich eine angedeutete Scheunenwand mit einer Tür oder einem Vorhang. Rechts stehen zwei Strohballen und ein Futtertrog, links eine Holzbank und ein kleiner Tisch. Ein Eimer, eine Futterschüssel und einige Weihnachtsdekorationen vervollständigen das Bild. Ein geschmückter Tannenzweig oder eine Lichterkette sorgt für weihnachtliche Stimmung.
Die Tiere werden von Kindern in einfachen, farblich passenden Kostümen dargestellt. Gustav trägt beispielsweise weiße Kleidung mit einem orangefarbenen Schnabel, Henriette braune oder bunte Kleidung mit einem kleinen Kamm, Oskar rosa und Mathilda schwarz-weiß. Aufwendige Tiermasken sind nicht nötig, damit die Kinder gut sprechen und ihre Mimik einsetzen können.
Sämtliche Szenen spielen vor derselben Scheune. Es gibt keine Umbauten und keine besonderen technischen Anforderungen.
Besetzung: 3 Mädchen - 3 Jungen
Alter etwa 8 bis 12 Jahre
Spieldauer: ungefähr 25 bis 30 Minuten bei lebendigem Spiel und ausgespielten Aktionen
PERSONEN
GUSTAV – eine weiße Gans, stolz, empfindsam, verfressen und sehr lebendig (Junge)
HENRIETTE – eine kluge, resolute Henne, Gustavs beste Freundin (Mädchen)
OSKAR – ein gemütliches Schwein mit großem Appetit und trockenem Humor (Junge)
MATHILDA – eine erfahrene Kuh, die gerne kluge Ratschläge gibt (Mädchen)
BAUER BRUNO – ein etwas sturer, aber nicht herzloser Bauer (Junge)
LENI – seine aufgeweckte Enkelin, die Weihnachten mit ihm verbringt (Mädchen)
Texteinsätze:
Gustav, die Gans - 23
Bauer Bruno - 16
Henriette, die Henne - 14
Oskar, das Schwein - 12
Mathilda, die Kuh - 11
Leni, die Enkelin - 9
1. SZENE – DER LIEBLING DES BAUERN
(Es ist einige Tage vor Weihnachten. Gustav sitzt zufrieden vor einem prall gefüllten Futtertrog. Henriette sucht Körner, Oskar liegt auf einem Strohballen und Mathilda betrachtet die Weihnachtsdekoration)
GUSTAV: Ach, ist das Leben schön! Frische Luft, ein gemütlicher Stall und schon wieder ein voller Futtertrog. Ich weiß gar nicht, womit ich das verdient habe. Gestern gab es dreimal Mais, heute viermal. Wenn das so weitergeht, brauche ich nach Weihnachten einen eigenen Futterwagen.
HENRIETTE: Du brauchst jetzt schon eine größere Tür. Gustav, ist dir eigentlich aufgefallen, dass Bruno nur dich so mästet? Ich bekomme eine Handvoll Körner, Oskar einen Eimer Kartoffelschalen und Mathilda ihr übliches Heu. Aber dir serviert er ein Fünf-Gänge-Menü mit Nachschlag.
OSKAR: Das ist wirklich ungerecht. Ich habe mich sogar freiwillig neben deinen Trog gelegt, falls etwas herunterfällt. Aber du lässt ja nicht einmal ein Körnchen übrig. Unter Freunden sollte man teilen. Besonders dann, wenn einer von den Freunden ein Schwein ist.
MATHILDA: Ich beobachte die Menschen schon seit vielen Jahren. Wenn ein Bauer vor Weihnachten besonders freundlich zu einer Gans ist, würde ich nicht unbedingt von einer innigen Freundschaft ausgehen. Manchmal hat Freundlichkeit einen sehr unangenehmen Grund.
GUSTAV: Ihr seid bloß neidisch. Bruno hat gestern gesagt, ich sei sein ganzer Stolz. Er hat mich sogar hochgehoben und gesagt: „Mein Gott, bist du schwer geworden!“ Das klang sehr bewundernd. Ich bin offenbar die wertvollste Gans weit und breit.
(Bruno kommt mit einem Eimer. Er hängt einen Tannenzweig auf)
BRUNO: Na, meine Lieben? Noch ein paar Tage bis Heiligabend! Gustav, mein Prachtkerl, für dich habe ich etwas ganz Besonderes. Die feinsten Körner, extra für dich. Du musst bis zum Fest noch ein bisschen zulegen. Dann wird das eine richtige Freude für die ganze Familie.
GUSTAV: (Zu den Tieren) Habt ihr das gehört? Für die ganze Familie! Vielleicht bekomme ich einen Ehrenplatz bei der Bescherung. Oder einen Orden. Am besten aus Schokolade. Obwohl – Schokolade vertrage ich nicht. Dann eben einen aus Mais.
HENRIETTE: Bruno, was genau soll denn aus Gustav werden? Und warum schaust du ihn dabei an, als wäre er ein Kuchen, der noch nicht ganz fertig gebacken ist?
BRUNO: (Versteht die Henne nicht) Na, Henriette, du gackerst heute aber viel. Gustav, iss schön weiter! Ich muss nur noch mit dem Metzger telefonieren und die Gewürze besorgen. Rosmarin, Beifuß, Äpfel ... Weihnachten soll schließlich etwas Besonderes werden.
(Bruno geht in die Scheune)
OSKAR: Metzger? Gewürze? Äpfel? Ich will nicht unhöflich sein, Gustav, aber das klingt nicht nach einer Ordensverleihung. Bei uns Schweinen weiß man, dass das Wort „Metzger“ meistens keine Einladung zum Geburtstag bedeutet.
GUSTAV: Moment mal. Was hat der Metzger mit mir zu tun? Vielleicht bekommt Bruno zu Weihnachten eine neue Schürze. Und die Äpfel sind für mich. Ich mag Äpfel. Besonders, wenn sie klein geschnitten und mit Mais serviert werden.
MATHILDA: Gustav, ich sage es jetzt ganz deutlich. Du bist die Weihnachtsgans. Nicht die Gans, die Weihnachten feiert. Die Gans, die an Weihnachten gegessen werden soll. Mit Rotkohl und Klößen. Ich weiß, das ist schwer zu verdauen. Für dich wäre es allerdings noch schlimmer.
GUSTAV: (Erstarrt) Gegessen? Ich? Aber ich habe doch noch so viel vor! Ich wollte nächstes Jahr endlich schwimmen lernen, ohne dabei ständig im Kreis zu paddeln. Und Henriette habe ich versprochen, ihr beim Nestbau zu helfen. Nein! Ich bin kein Weihnachtsbraten! Ich bin Gustav!
(Kurze Stille)
HENRIETTE: Dann müssen wir dafür sorgen, dass du Gustav bleibst. Und zwar mit Federn, Schnabel und allen anderen wichtigen Teilen. Wir lassen dich nicht allein. Wir überlegen uns etwas, bevor Bruno auch nur eine einzige Kartoffel schält.
2. SZENE – DIE GROSSE ABNEHMAKTION
(Die Tiere stehen im Halbkreis. Henriette hat einen Stock als Zeigestab. Gustav trägt ein improvisiertes Stirnband)
HENRIETTE: Erste Rettungsmaßnahme: Gustav muss so dünn werden, dass sich ein Weihnachtsbraten nicht mehr lohnt. Keine Extra-Portionen, keine heimlichen Snacks und vor allem Bewegung. Ich habe einen Trainingsplan erstellt.
Aufwärmen, Kniebeugen, Flügelschlagen und zehn Runden um den Hof.
GUSTAV: Zehn Runden? Henriette, ich bin eine Gans und kein Rennpferd! Ich habe diese Figur nicht über Nacht bekommen. Da steckt jahrelange Arbeit drin. Außerdem habe ich gehört, dass Sport hungrig macht. Was ist, wenn ich nachher aus Versehen den ganzen Futtertrog auffresse?
OSKAR: Dann müsste ich ihn vorher in Sicherheit bringen. Das würde ich selbstverständlich übernehmen. Ich könnte den Mais vernichten, bevor du in Versuchung gerätst. Eine heldenhafte Aufgabe, aber irgendjemand muss sie ja erledigen.
MATHILDA: Oskar, deine Hilfsbereitschaft ist wirklich rührend. Wir machen es vernünftig: Gustav bewegt sich, und wir zählen. Wer keine Beine trainieren will, kann wenigstens die Flügel bewegen. Wenn du schnell genug flatterst, hält Bruno dich vielleicht für einen Ventilator.
HENRIETTE: Los geht's! Eins, zwei, drei – in die Knie! Und wieder hoch! Jetzt die Flügel! Gustav, nicht nur so tun, als würdest du fliegen. Du musst dich anstrengen. Stell dir vor, hinter dir steht der Metzger mit seinem Einkaufszettel.
(Gustav macht übertriebene Kniebeugen und flattert, stolpert und landet auf einem Strohballen)
GUSTAV: Ich glaube, ich habe mir gerade die linke Weihnachtskeule gezerrt. Mir wird schwindelig. Sehe ich schon dünner aus? Bitte sagt Ja. Ich brauche dringend ein Erfolgserlebnis und vielleicht eine kleine Belohnung in Form von Mais.
OSKAR: Von hier aus sehe ich vor allem, dass du noch atmest. Das ist bei unserem Plan schon ein großer Erfolg. Und falls du wirklich nichts mehr essen willst, würde ich mich schweren Herzens um die Reste kümmern. Ich bin eben ein Tier, das Opfer bringt.
(Bruno kommt mit einem Maßband)
BRUNO: Was ist denn hier los? Gustav, warum rennst du herum wie ein aufgescheuchtes Huhn? Du sollst dich schonen und ordentlich fressen. Na, komm mal her, ich will sehen, ob du schon ein bisschen mehr auf die Waage bringst. Die Familie freut sich schon auf dich!
(Gustav versteckt sich hinter Mathilda)
MATHILDA: (Zu Gustav) Ruhig bleiben. Wenn er dich sucht, stehe ich einfach davor. Eine Kuh ist schließlich ein ausgezeichnetes Sichtschutzmodell. Nur leider habe ich vier Beine, und du schaust zwischen ihnen hindurch wie ein sehr aufgeregter Federball.
GUSTAV: (Zu Bruno) Ich verzichte! Ich trete von meiner Rolle als Weihnachtsgans zurück! Sucht euch jemand anderen! Ich könnte stattdessen die Tischdekoration übernehmen. Oder die Weihnachtsgeschichte vorlesen. Ich bin sehr vielseitig, nur eben nicht zum Essen geeignet!
BRUNO: (Hört nur Geschnatter) Du meine Güte, Gustav, heute bist du aber aufgeregt. Na gut, dann später. Und lass mir ja den Trog nicht stehen. Ich will am Heiligabend keine Enttäuschung erleben.
(Bruno ab)
HENRIETTE: Der Abnehmplan ist gescheitert. Aber keine Panik, wir haben noch einen zweiten. Wenn Bruno keine Gans mehr findet, kann er auch keine Gans schlachten. Gustav, wir müssen dich verkleiden. Und ich weiß schon, als was.
3. SZENE – EIN HUHN NAMENS GUSTAVINE
(Henriette bindet Gustav einen bunten Schal um und setzt ihm einen improvisierten Hahnenkamm auf)
GUSTAV: Nein, nein und noch einmal nein! Ich sehe aus wie ein explodierter Staubwedel. Was soll das überhaupt darstellen? Wenn ich damit durch die Gegend laufe, werde ich nicht geschlachtet, sondern ausgelacht. Und das ist für eine Gans mit Würde auch nicht gerade angenehm.
HENRIETTE: Du bist ab sofort Gustavine, meine entfernte Cousine aus dem Nachbardorf. Eine ganz gewöhnliche Henne. Du musst nur den Kopf einziehen, kleine Schritte machen und gackern. Vor allem darfst du auf keinen Fall schnattern. Eine Henne, die schnattert, ist sofort verdächtig.
OSKAR: (Betrachtet Gustav) Die Frisur ist gewagt, aber ich habe schon Schlimmeres gesehen. Auf dem letzten Dorffest hatte der Bürgermeister ungefähr dieselbe Haarfarbe. Vielleicht solltest du dich noch etwas kleiner machen. Sonst hält Bruno dich für ein Huhn, das heimlich im Fitnessstudio war.
MATHILDA: Ein Huhn ist eine gute Idee, allerdings gibt es ein winziges Problem: Hühner legen Eier. Und wenn Bruno von seiner neuen Rieshenne ein Ei verlangt, brauchen wir eine Erklärung. Vielleicht behaupten wir, Gustavine sei im Urlaub und habe ihre Legeleistung vorübergehend eingestellt.
GUSTAV: (Übt) Gack, gack! Gockel? Gickel? Ach, Henriette, ich kann das nicht. Meine Stimme klingt wie eine kaputte Fahrradhupe. Außerdem möchte ich nicht den Rest meines Lebens als Huhn verbringen. Ich will einfach nur eine Gans sein, die Weihnachten überlebt.
(Bruno tritt auf und bleibt überrascht stehen)
BRUNO: Nanu? Was ist denn das für ein merkwürdiges Federvieh? Henriette, hast du Besuch bekommen? Das Tier sieht ja aus wie Gustav, nur mit einem sehr schlechten Hut. Wo ist Gustav eigentlich? Er soll nicht den ganzen Tag verschwinden.
HENRIETTE: (Zu Gustav, leise) Jetzt! Kleine Schritte, freundlich lächeln und gackern. Denk daran, du bist meine Cousine Gustavine. Du kommst aus einem sehr vornehmen Hühnerstall und sprichst einen etwas ungewöhnlichen Dialekt.
GUSTAV: (Sehr bemüht) Gack, gack! Guten ... gack! Ich bin Gustavine und lege ausgezeichnete Eier. Also meistens. Heute leider nicht. Morgen vermutlich auch nicht. Aber ich bin sehr nett, ordentlich und völlig ungeeignet als Weihnachtsbraten!
BRUNO: (Schaut ihn genau an) Gustav? Was hast du denn da auf dem Kopf? Ich glaube, ich muss vor Weihnachten noch einmal mit dir zum Tierarzt. Erst machst du Sport, dann verkleidest du dich. Was kommt als Nächstes? Singst du Weihnachtslieder?
OSKAR: (Zu den anderen) Das mit dem Singen wäre gar nicht schlecht. Vielleicht machen wir aus Gustav einen Star. Einen berühmten Gänsesänger schlachtet niemand. Jedenfalls nicht, solange die Eintrittskarten verkauft werden. Ich könnte sein Manager werden. Gegen einen bescheidenen Anteil am Futter.
(Bruno nimmt Gustav den Hahnenkamm ab und geht kopfschüttelnd)
GUSTAV: Das war meine letzte Verkleidung. Ich werde nicht noch einmal zum Huhn, zum Weihnachtsbaum oder zum Kartoffelsack. Wenn wir mich retten wollen, brauchen wir einen Plan, bei dem Bruno begreift, dass ich kein Stück Fleisch bin. Ich bin jemand. Und jemand möchte leben.
4. SZENE – DAS WEIHNACHTSWUNDER
(Die Tiere haben den Hof mit einer kleinen Girlande geschmückt. Oskar hält ein Schild: „WUNDERGANS GUSTAV“. Mathilda hat einen Eimer als Trommel)
OSKAR: Willkommen zur großen Weihnachtswundershow! Eintritt frei, Spenden in Form von Kartoffeln jederzeit willkommen. Wir präsentieren Gustav, die einzige Gans der Welt, die rechnen, sprechen und vermutlich auch tanzen kann. Zumindest hat sie vorhin beim Abnehmen etwas getan, das entfernt nach Tanzen aussah.
MATHILDA: Oskar, du sollst nicht ständig ans Essen denken. Die Idee ist, dass Bruno Gustav für ein ganz besonderes Tier hält. Menschen schlachten doch auch nicht einfach einen berühmten Zauberer. Gustav, du musst zeigen, dass du etwas kannst, was eine gewöhnliche Gans nicht kann.
HENRIETTE: Wir machen es ganz einfach. Ich stelle eine Frage, du antwortest. Wie viel ist drei plus vier? Sieben. Was steht auf dem Schild? Wundergans Gustav. Und wenn Bruno fragt, was du dir zu Weihnachten wünschst, sagst du ganz laut: „Mein Leben!“ Vielleicht versteht er es diesmal.
GUSTAV: Ich versuche es. Aber ich habe Angst, dass Bruno nur wieder Geschnatter hört. Was nützt mir das schönste Weihnachtswunder, wenn am Ende niemand zuhört? Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Menschen uns Tiere nur dann verstehen, wenn wir Hunger haben oder ihnen im Weg stehen.
(Bruno kommt mit einer Liste)
BRUNO: Was habt ihr denn jetzt schon wieder angestellt? Eine Bühne mitten auf meinem Hof? Und warum steht da „Wundergans Gustav“? Ich brauche keine Wundergans, ich brauche ein ordentliches Weihnachtsessen. Die Gäste kommen übermorgen, und ich habe noch eine Menge vorzubereiten.
OSKAR: (Macht einen feierlichen Trommelwirbel auf dem Eimer) Verehrter Bauer Bruno! Hiermit präsentieren wir ein Tier von außergewöhnlicher Begabung. Gustav beherrscht die höhere Mathematik, kann auf einem Bein stehen und besitzt außerdem ein Herz, das sehr gerne weiterschlagen möchte.
HENRIETTE: Gustav, drei plus vier! Und danach sagst du deinen größten Weihnachtswunsch. Wir alle sind bei dir. Du musst nur laut genug sein, damit sogar ein Bauer, der ausschließlich an Klöße denkt, endlich begreift, was du ihm sagen willst.
GUSTAV: (Tritt vor) Drei plus vier ist sieben! Sieben Tage in der Woche, sieben schöne Gründe zum Leben und hoffentlich noch mindestens siebenundvierzig Weihnachten für mich! Und mein größter Wunsch ist nicht mehr Futter, kein Orden und keine Schokolade. Ich möchte einfach weiterleben!
BRUNO: (Versteht nur Geschnatter) Na, das ist ja ein Konzert. So laut habe ich dich noch nie gehört. Aber ich habe jetzt wirklich keine Zeit für euren Unsinn. Leni kommt gleich mit dem Bus. Ich will ihr zeigen, wie schön wir den Hof für Weihnachten geschmückt haben.
(Bruno geht. Die Tiere lassen enttäuscht die Köpfe hängen)
MATHILDA: Es hat nicht funktioniert. Dabei war die Rechnung richtig, die Vorstellung ordentlich und Oskars Trommel erstaunlich erträglich. Vielleicht liegt das Problem gar nicht bei Gustav. Vielleicht hören manche Menschen nur das, was sie hören wollen.
GUSTAV: Ich möchte Weihnachten doch genauso erleben wie alle anderen. Ich möchte die Lichter sehen und den Schnee, falls welcher fällt. Ich möchte mit euch lachen, und im Frühjahr möchte ich wieder über den Hof laufen. Ist das wirklich zu viel verlangt?
5. SZENE – LENI HÖRT ZU
(Leni kommt mit einem Rucksack auf den Hof. Bruno folgt ihr mit einem kleinen Päckchen)
LENI: Opa, wie schön du geschmückt hast! Sogar die Scheune hat eine Lichterkette. Und da ist Gustav! Gustav, mein alter Freund, erinnerst du dich an mich? Im Sommer
habe ich dir immer heimlich Salat mitgebracht, und du bist mir überall hinterhergelaufen.
BRUNO: Natürlich erinnert er sich. Gustav hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis, besonders wenn es ums Fressen geht. Komm, Leni, ich zeige dir gleich die Weihnachtsvorbereitungen. Dieses Jahr gibt es etwas ganz Besonderes: eine schöne, große Weihnachtsgans mit Äpfeln und Klößen.
LENI: (Schaut Gustav an) Eine Weihnachtsgans? Opa, du meinst doch nicht Gustav? Den Gustav, den ich seit Jahren kenne? Den ich immer streichle und dem ich Geschichten erzähle? Bitte sag mir, dass du eine andere Gans meinst.
BRUNO: Leni, auf einem Bauernhof geht es nun einmal anders zu als in der Stadt. Tiere werden auch gehalten, damit wir etwas zu essen haben. Das war schon bei meinem Vater so. Und bei meinem Großvater. Weihnachten ohne Gänsebraten – das gab es bei uns noch nie.