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DORNRÖSCHEN heute

 

Eine völlig durchgeknallte Märchenkomödie

von Helmut Schmidt

 

Frei nach dem Märchen der Brüder Grimm

 

 

Ein modernes, turbulentes Märchen für Kinder

 

Es war einmal ein Königspaar, das sich nichts sehnlicher wünschte als ein Kind. Als endlich eine kleine Prinzessin geboren wird, soll natürlich ein riesiges Fest stattfinden. Doch ausgerechnet zwölf goldene Teller bringen das ganze Königreich in Schwierigkeiten. Denn es gibt dreizehn weise Frauen, und eine von ihnen muss zu Hause bleiben. Eine Entscheidung mit verhängnisvollen Folgen!

Die beleidigte Dreizehnte erscheint trotzdem auf dem Fest und belegt die kleine Prinzessin mit einem schrecklichen Fluch. An ihrem fünfzehnten Geburtstag soll sie sich an einer Spindel stechen und sterben. Zum Glück kann eine andere weise Frau den Fluch abmildern: Statt zu sterben, wird Dornröschen hundert Jahre schlafen.

Fünfzehn Jahre später ist aus der kleinen Prinzessin ein selbstbewusstes Mädchen geworden, das sich von seinen übervorsichtigen Eltern längst nicht mehr alles gefallen lässt. Warum darf sie nicht in den Nordturm? Weshalb sind sämtliche Spindeln verboten? Und warum benehmen sich König und Königin ständig so merkwürdig?

Als Dornröschen schließlich das Geheimnis entdeckt, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Hundert Jahre später erscheint tatsächlich ein Prinz. Doch wer glaubt, dass nun alles wie im alten Märchen abläuft, hat die Rechnung ohne Dornröschen gemacht!

Eine turbulente und humorvolle Neufassung des bekannten Märchens mit Smartphones, WhatsApp, Instagram, überforderten Eltern, einer äußerst nachtragenden weisen Frau und einer Prinzessin, die ganz genau weiß, was sie will.

Ein Märchenspaß für die ganze Familie, bei dem alte Traditionen auf die moderne Welt treffen und garantiert nicht alles nach Märchenbuch verläuft!

 

Haupt-Personen: 5w/2m (einige Rollen müssen/können doppelt besetzt werden

DORNRÖSCHEN – eine ausgesprochen selbstbewusste Königstochter. Weiß ziemlich genau, was sie will – und noch genauer, was sie nicht will. TE= 92

KÖNIG – ihr Vater. Liebenswert, aber mitunter erschreckend weltfremd. TE= 80

KÖNIGIN – ihre Mutter. Möchte unbedingt eine moderne, verständnisvolle Mutter sein. Solange Dornröschen genau das macht, was sie sagt. TE= 69

WEISE FRAU 1 – freundlich und würdevoll. TE= 2

WEISE FRAU 2 – ebenfalls weise, aber erheblich weniger geduldig. TE= 8

DIE DREIZEHNTE – nicht eingeladen und darüber vollkommen zu Recht oder Unrecht stinksauer. Je nach Betrachtungsweise. TE= 31

PRINZ 43 – hält sich für ausgesprochen mutig und romantisch. Dornröschen wird dazu später eine eigene Meinung entwickeln. TE= 4

PRINZ 1 – TE= 4

PRINZ 2 – TE= 3

ALTE FRAU – TE= 14

Die weisen Frauen können bei kleiner Besetzung selbstverständlich zusammengelegt bzw. doppelt besetzt werden. TE=Texteinsätze

 

BÜHNENBILDER

Das Stück kann mit einem einfachen Grundbühnenbild gespielt werden, das während der gesamten Aufführung weitgehend bestehen bleibt. Aufwendige Umbauten sind nicht erforderlich.

 

DER SCHLOSSSAAL

Das Hauptbühnenbild stellt einen Raum im königlichen Schloss dar. Die Ausstattung darf märchenhaft wirken, sollte aber nicht zu prunkvoll sein. Ein größerer Stuhl oder Sessel kann als königlicher Sitz dienen. Dazu genügen ein kleiner Tisch sowie ein oder zwei weitere Stühle. Mit einigen wenigen Dekorationen – beispielsweise einem Wappen, einem Vorhang, Bildern oder goldfarbenen Gegenständen – lässt sich der königliche Charakter des Raumes andeuten. Für das Fest zur Geburt Dornröschens kann der Raum mit einer Tischdecke, Blumen, Geschirr oder anderen festlichen Gegenständen ergänzt werden. Ein Baby muss nicht tatsächlich dargestellt werden; eine Wiege, ein Korb oder ein entsprechend hergerichtetes Bündel genügt. Der Schlosssaal bleibt auch für die späteren Szenen das Grundbühnenbild.

 

DER NORDTURM

Der Nordturm sollte möglichst auf einer Seite der Bühne angedeutet werden, sodass kein vollständiger Umbau notwendig ist. Eine Tür oder ein mit einem Vorhang abgetrennter Bereich genügt. Im Turm befinden sich ein Bett oder eine Liege sowie die für die Handlung wichtige Spindel. Der Raum darf etwas altmodisch, verstaubt und vergessen wirken. Hier begegnet Dornröschen der alten Frau, entdeckt die Spindel und fällt schließlich in ihren hundertjährigen Schlaf. Für die spätere Szene, in der der Prinz das schlafende Dornröschen findet, wird dasselbe Bühnenbild verwendet.

 

DIE DORNENHECKE

Für die Szenen vor dem Schloss wird die Dornenhecke vor oder seitlich vor das vorhandene Bühnenbild gestellt. Sie kann beispielsweise aus künstlichen Zweigen, Rankpflanzen, bemalten Stellwänden oder Stoffelementen bestehen. Wichtig ist weniger eine naturgetreue Darstellung als die Möglichkeit, damit zu spielen: Die ersten Prinzen sollen an den Dornen scheitern können, während sich die Hecke nach hundert Jahren für den richtigen Prinzen scheinbar von selbst öffnet. Dies kann sehr einfach gelöst werden, indem zwei Heckenteile von Darstellern oder Helfern auseinandergezogen werden.

Ein Schild mit der Aufschrift

„100 JAHRE SPÄTER“

kann den Zeitsprung zusätzlich deutlich machen.

 

DAS SCHLAFENDE SCHLOSS

Nachdem Dornröschen sich an der Spindel gestochen hat, fällt das gesamte Schloss in Schlaf. Dafür ist kein neues Bühnenbild erforderlich. Die Veränderung entsteht durch die Darsteller und das Licht: König, Königin und gegebenenfalls weitere Schlossbewohner schlafen dort ein, wo sie sich gerade befinden. Ein gedämpftes oder leicht verändertes Licht kann den Eindruck vermitteln, dass im Schloss plötzlich die Zeit stehen geblieben ist.

Nach hundert Jahren findet der Prinz genau dieses unveränderte, schlafende Schloss vor.

 

ALLGEMEINER HINWEIS

Die Bühnenbilder können den räumlichen Möglichkeiten der jeweiligen Theatergruppe angepasst werden. Bei kleinen Bühnen empfiehlt es sich, Schlosssaal und Nordturm gleichzeitig anzudeuten und die einzelnen Spielorte lediglich durch Lichtwechsel hervorzuheben. So sind während des gesamten Stückes nur wenige Veränderungen notwendig:

Schlosssaal – Nordturm – Dornenhecke

Mit diesen drei Bereichen lässt sich das gesamte Stück ohne größere Umbaupausen spielen

 

1. SZENE

(Im Schloss. KÖNIG und KÖNIGIN sitzen zusammen. Der KÖNIG betrachtet sein Handy)

KÖNIGIN: Leg das Ding weg. Du sagst seit zehn Minuten „Moment“. Was machst du überhaupt?

KÖNIG: Ich google, warum wir kein Kind bekommen. Hier steht: Stress. Und Übergewicht.

KÖNIGIN: Dann leg sofort das Handy weg! Und warum guckst du mich bei „Übergewicht“ an?

KÖNIG: Ich habe überhaupt nicht geguckt! Ich wollte doch nur helfen.

KÖNIGIN: (nimmt ihm das Handy weg) Jeden Tag dasselbe. „Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!“ Andere Leute bekommen einfach Kinder. Nur bei uns klappt es nicht.

KÖNIG: Ach, wenn wir doch ein Kind hätten.

KÖNIGIN: Siehst du?! Du machst es schon wieder!

KÖNIG: Entschuldigung. Aber wir sind eben keine anderen Leute. Wir sind König und Königin. Vielleicht liegt es daran.

KÖNIGIN: Wieso sollte es daran liegen?

KÖNIG: Inzucht. Früher bei Königsfamilien—

KÖNIGIN: Hör auf zu googeln!

(Kurzer Übergang. KÖNIGIN kommt aufgeregt herein)

KÖNIGIN: Schatz! Ich muss dir etwas erzählen.

KÖNIG: Du bist schwanger!

KÖNIGIN: Nein. Ich habe mit einem Frosch gesprochen.

KÖNIG: Okay. Ich muss das gerade erst mal sortieren.

KÖNIGIN: Ich saß im Bad. Da kam plötzlich ein Frosch und hat mit mir gesprochen!

KÖNIG: Ein Frosch in unserem Badezimmer? Wir müssen dringend mit der Gebäudereinigung reden. Und wenn er tatsächlich gesprochen hat, vielleicht auch mit einem Arzt.

KÖNIGIN: Er hat gesagt, dass wir innerhalb eines Jahres eine Tochter bekommen!

KÖNIG: Ein Frosch hat dir im Badezimmer gesagt, dass du schwanger wirst, und du findest daran überhaupt nichts merkwürdig?

KÖNIGIN: Wir leben in einem Märchen.

KÖNIG: Stimmt. Dann herzlichen Glückwunsch.

(Lichtwechsel. Einige Zeit später. Der KÖNIG kommt jubelnd herein)

KÖNIG: EINE TOCHTER! WIR HABEN EINE TOCHTER! Das müssen wir riesengroß feiern! Familie, Freunde, Bekannte und natürlich alle weisen Frauen!

KÖNIGIN: Schrei nicht so! Ich weiß, dass wir eine Tochter haben. Ich war dabei. Wie viele weise Frauen gibt es eigentlich?

KÖNIG: Dreizehn.

KÖNIGIN: Gut. Dann laden wir alle ein.

(Der KÖNIG wird plötzlich still)

KÖNIGIN: Was ist? Du machst schon wieder dein „Ich habe gerade etwas vollkommen Bescheuertes festgestellt“-Gesicht.

KÖNIG: Wir haben ein Problem. Wir besitzen nur zwölf goldene Teller. Aber es gibt dreizehn weise Frauen.

KÖNIGIN: Dann bekommt eine einen normalen Teller. Oder wir kaufen einen dreizehnten goldenen.

KÖNIG: Zu zwölf goldenen Tellern einen normalen dazustellen? Das sieht doch unmöglich aus! Und weißt du, was Gold kostet? Gerade als König muss ich wirtschaftlich denken.

KÖNIGIN: Dann hast du hoffentlich eine bessere Idee.

KÖNIG: Wir laden nur zwölf ein.

KÖNIGIN: Wir beleidigen also eine mächtige weise Frau, die möglicherweise zaubern kann, damit unser Tisch schön aussieht?

KÖNIG: Wenn du das so formulierst, klingt es nicht besonders clever. Vielleicht merkt sie es gar nicht.

KÖNIGIN: Natürlich merkt sie es! Wir haben eine WhatsApp-Gruppe gegründet: „Dornröschens große Willkommensparty“.

KÖNIG: Du hast das Kind Dornröschen genannt?

KÖNIGIN: Nein. Keine Ahnung, warum die Gruppe so heißt. Das Märchen ist da etwas inkonsequent.

KÖNIG: Also gut. Eine wird nicht eingeladen. Die Dreizehnte.

KÖNIGIN: Warum ausgerechnet sie?

KÖNIG: Weil sie die Dreizehnte ist. Irgendjemand muss es sein!

KÖNIGIN: Das ist Diskriminierung aufgrund einer Zahl. Sag ihr wenigstens persönlich Bescheid.

KÖNIG: Natürlich. (Nimmt sein Handy)

KÖNIGIN: Was machst du jetzt?

KÖNIG: Eine Sprachnachricht. Persönlicher geht es doch kaum.

 

DAS FEST

(Festliche Stimmung. WEISE FRAU 1 und WEISE FRAU 2 stehen beim Königspaar. Ein Baby kann angedeutet werden)

WEISE FRAU 1: Ein wunderschönes Kind. Ich schenke ihr Schönheit, Freundlichkeit und Mut.

KÖNIG: Wunderbar!

WEISE FRAU 2: Und ich schenke ihr Verstand, Selbstbewusstsein und Klugheit.

KÖNIGIN: Selbstbewusstsein finde ich besonders gut.

KÖNIG: Aber nicht zu viel. Denkt an die Pubertät. Und reich wäre auch nicht schlecht.

KÖNIGIN: Sie ist eine Königstochter!

KÖNIG: Trotzdem. Man weiß nie, was mit der Rente wird. Und könnte man von dem Verstand vielleicht etwas für Erwachsene abzweigen?

KÖNIGIN: Schatz!

(Plötzlich fliegt die Tür auf. DIE DREIZEHNTE kommt herein)

DREIZEHNTE: Halloooo! Überraschung!

(Alle verstummen)

KÖNIG: Oh. Wie schön!

DREIZEHNTE: Nein. Nicht „wie schön“. (Zeigt ihr Handy) Wollt ihr mal sehen? Instagram! „Wir feiern unsere kleine Prinzessin.“ (Wischt) „Mit all unseren liebsten Menschen.“ (Wischt.) „Was für ein unvergesslicher Tag.“ Und auf dem Gruppenfoto stehen zwölf weise Frauen. ZWÖLF!

KÖNIGIN: Wir können das erklären.

DREIZEHNTE: Bitte. Ich bin gespannt.

KÖNIG: Teller. Wir hatten nur zwölf goldene Teller.

(DIE DREIZEHNTE schaut ihn lange an)

DREIZEHNTE: Ihr habt mich nicht eingeladen, weil euch ein TELLER fehlte?!

KÖNIG: Ein goldener.

DREIZEHNTE: ACH SO! Na dann! Ich bin seit 327 Jahren weise Frau und werde wegen eines Tellers ausgeschlossen!

KÖNIG: Sie sehen aber jünger aus.

DREIZEHNTE: SCHLEIM NICHT!

KÖNIGIN: Ich habe gesagt, wir nehmen einen normalen Teller. Wir könnten dir jetzt noch einen bringen.

DREIZEHNTE: JETZT WILL ICH AUCH KEINEN MEHR!

WEISE FRAU 1: Vielleicht beruhigen wir uns erst einmal alle.

DREIZEHNTE: Ich BIN ruhig!

WEISE FRAU 2: Du schreist.

DREIZEHNTE: ICH SCHREIE NICHT!

WEISE FRAU 2: Natürlich nicht.

DREIZEHNTE: Ihr habt dem Kind doch gerade eure tollen Wünsche gegeben. Schönheit, Verstand, Reichtum und den ganzen Rest. Dann fehlt ja nur noch meiner.

(Sie geht zum Baby)

KÖNIGIN: Was hast du vor?

DREIZEHNTE: Auch etwas schenken. (Erhebt feierlich die Hände.) An ihrem fünfzehnten Geburtstag soll sich eure Tochter an einer Spindel stechen und...

KÖNIGIN: Entschuldigung. Was ist eine Spindel? Ich kenne das Wort, aber ich habe noch nie eine gesehen.

KÖNIG: Ich auch nicht.

DREIZEHNTE: Damit spinnt man!

KÖNIGIN: Kannst du nicht etwas nehmen, was es 2026 noch gibt?

DREIZEHNTE: ICH BIN MITTEN IN EINEM FLUCH! Also: Sie sticht sich an einer Spindel... UND FÄLLT TOT UM!

(Entsetztes Schweigen)

KÖNIG: Wegen eines Tellers?!

DREIZEHNTE: EINES GOLDENEN TELLERS!

KÖNIG: Das macht es nicht besser!

DREIZEHNTE: Zu spät!

(Sie dreht sich um)

KÖNIGIN: Warte! Wir haben noch Kuchen!

(DIE DREIZEHNTE bleibt kurz stehen)

DREIZEHNTE: Welchen?

KÖNIGIN: Schwarzwälder.

(DIE DREIZEHNTE überlegt.)

DREIZEHNTE: Nein!

(Sie rauscht ab)

KÖNIG: Fast.

KÖNIGIN: Unser Kind soll sterben! Wir müssen etwas unternehmen!

WEISE FRAU 2: Moment. Ich habe meinen Wunsch noch nicht ausgesprochen. Ich kann den Fluch zwar nicht aufheben, aber abmildern.

KÖNIG: Warum kannst du ihn nicht einfach aufheben?

WEISE FRAU 2: Märchenregeln.

KÖNIG: Wer macht denn diese Regeln? Da muss man sich doch irgendwo beschweren können!

WEISE FRAU 2: Wo denn?

KÖNIG: Gute Frage.

WEISE FRAU 2: (geht zum Kind) Die Prinzessin soll nicht sterben. Wenn sie sich an der Spindel sticht, wird sie stattdessen hundert Jahre schlafen.

KÖNIGIN: Hundert Jahre?! Kannst du nicht acht Stunden machen? Oder wenigstens zehn Jahre?

KÖNIG: Ein Jahr würde doch auch reichen. Acht Stunden wären sogar gesund.

WEISE FRAU 2: HUNDERT JAHRE! Das ist mein letzter Wunsch, und dabei bleibt es!

KÖNIG: Man wird doch wohl verhandeln dürfen.

(WEISE FRAU 2 geht ab)

KÖNIGIN: Was machen wir denn jetzt?

KÖNIG: Ganz einfach. Wir schaffen sämtliche Spindeln im ganzen Königreich ab. Dann kann nichts passieren.

KÖNIGIN: Vielleicht sollten wir unserer Tochter später einfach erklären, was passiert ist. Dann weiß sie wenigstens, wovor sie sich in Acht nehmen muss.

KÖNIG: Nein! Viel zu gefährlich. Wir erzählen ihr niemals etwas von Spindeln.

KÖNIGIN: Du glaubst wirklich, dass das funktioniert?

KÖNIG: Natürlich.

KÖNIGIN: Wir werden richtig gute Eltern.

KÖNIG: Finde ich auch.

(Beide betrachten zufrieden ihr Kind)

LICHT AUS

 

2. SZENE

(15 Jahre später. Im Schloss. DORNRÖSCHEN sitzt mit ihrem Handy da. KÖNIG und KÖNIGIN kommen herein. Beide sind auffällig nervös)

KÖNIGIN: Guten Morgen, mein Schatz! Wie geht es dir? Fühlst du dich heute irgendwie anders als gestern? Kribbelt vielleicht etwas?

DORNRÖSCHEN: Morgen. Mir geht es gut. Warum sollte ich mich anders fühlen? Und was soll denn bitte kribbeln?

KÖNIG: Deine Finger vielleicht. Nur so eine Frage.

DORNRÖSCHEN: Was ist mit meinen Fingern? Ihr seid heute noch komischer als sonst.

KÖNIGIN: Mit deinen Fingern ist überhaupt nichts! Wir freuen uns nur, weil heute so ein wunderschöner Tag ist.

DORNRÖSCHEN: Mein fünfzehnter Geburtstag. Ich weiß. Wo ist mein Geschenk?

KÖNIGIN: Dornröschen!

DORNRÖSCHEN: Was denn? Ihr habt mit „wunderschöner Tag“ angefangen. Ein neues Handy wäre schön. Oder ein Laptop. Oder ein E-Scooter.

KÖNIG UND KÖNIGIN: NEIN!

DORNRÖSCHEN: Warum schreit ihr denn so? Alles ist bei euch gefährlich. Klettern, Reiten, Fahrradfahren, allein rausgehen und sogar Basteln mit Scheren. Ich bin fünfzehn!

KÖNIGIN: Scheren sind spitz!

KÖNIG: Und gerade in deinem Alter passieren viele Unfälle.

DORNRÖSCHEN: Welche denn? Ihr tut ja so, als würde ich gleich tot umfallen, wenn ich mal über einen Teppich stolpere. Papa, du regierst ein ganzes Königreich. Wie machst du das eigentlich?

KÖNIGIN: Das frage ich mich manchmal auch.

DORNRÖSCHEN: Und warum darf ich eigentlich nicht in den Nordturm? Der ist seit fünfzehn Jahren abgeschlossen. Genauso wie der Keller, der Dachboden und der Westflügel. Und allein in den Schlosspark darf ich auch nicht.

KÖNIG: Welchen Nordturm? Ach, DER Nordturm. Da besteht Einsturzgefahr. Im Keller ist Schimmel und im Westflügel zieht es.

KÖNIGIN: Auf dem Dachboden liegt viel Staub. Und im Schlosspark gibt es Zecken.

DORNRÖSCHEN: Seit fünfzehn Jahren droht der Turm einzustürzen? Das muss ja ein sehr langsamer Einsturz sein. Ihr habt für alles eine Ausrede! Wovor wollt ihr mich eigentlich beschützen?

KÖNIG: Vor...

KÖNIGIN: ...dem Leben.

(DORNRÖSCHEN starrt sie an)

 

 

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