Lange danach gesucht - auf Ibiza 2012 endlich gefunden
Musiker gesucht

 

 

          „Schwer ist so ein Bauernleben“

 

Komödie in 4 Akten

 

von

 

                    Helmut Schmidt

 

 

 

Inhalt: Auf dem Hof von Friedrich und Anna Hansen ist einiges im Argen. Zwar hat der Nachbarssohn Peter die uneheliche Tochter von Friedrich - Bianca - geheiratet und den Hof übernommen; doch dieser bricht sich ein Bein und ist für die nächsten 4 Wochen arbeitsunfähig. Die andere Tochter von Friedrich und Anna (Petra) ist im 9. Monat schwanger von einem Mann, der sie verlassen hat. Als alle Landwirte aus dem Ort zu einer BSE-Kundgebung in die Stadt fahren, taucht auf dem Hansen-Hof zu allem Übel Friedrichs 2. uneheliches Kind Francesco auf, um seinen Vater zu besuchen. Friedrich sitzt aber zur Zeit im Gefängnis, weil er die Krankenkasse betrogen hat. Gerade nun setzen bei Petra die Wehen ein – und Francesco muss Geburtshelfer spielen. – Auf dem Hof muss nun aber erst mal Ersatz her. Von der Alterskasse wird der junge Betriebshelfer Benno Zeusel gesandt, der sich dann in Petra Hansen verliebt, es ihr aber nicht sagen mag, da er sehr schüchtern ist. Als Friedrich aus dem „Knast“ entlassen wird, beschließt die Familie in einer Feierstunde endlich die Mutter von Friedrich, die seit 3 Jahren vermisst wird, offiziell für Tod zu erklären. Doch da klopft es an der Tür – und „Oma“ ist zurück. Und damit ist das Chaos perfekt...

 

 

 

 

 

Spieler:     4m/4w      1 Bühnenbild - Wohnküche

 

 

Friedrich Hansen        -           Landwirt (50-60 Jahre)

 

Anna                           -           seine Frau (50-60 Jahre)

 

Peter Patzke               -           Schwiegersohn von Friedrich und Anna - Landwirt ( 32 Jahre)

 

Bianca                         -          Frau von Peter; Friedrichs unehel. Tochter (ca.25 J.)

 

Petra Hansen              -          Tochter von Friedrich und Anna (25-30 J.)

 

Liselotte Hansen        -           Mutter von Friedrich (ca. 80 Jahre)

                                      

Benno Zeusel             -           Aushilfe bei Hansens (30-40 Jahre)

 

Francesco Carisi         -          Friedrichs unehelicher Sohn   (ca. 25-30 Jahre)

 

 

 

Spielort: Dorf im ländlichen Gebiet

 

Spielzeit: Sommer in der Gegenwart

 

Spieldauer: ohne Pausen ca. 100 Minuten

 

 

 

Bühnenbild:

 

Das Bühnenbild zeigt die Wohnstube des Ehepaares Friedrich und Anna Hansen. Ein Tisch mit Stühlen oder Sofa, evtl. eine Eckbank, Schrank, Regale an den Wänden. Es ist hübsch und modern eingerichtet. Eine Tür zum Flur, die nach draußen führt an der hinteren Wand, eine weitere nach rechts zur Küche und eine dritte Tür links, die zu den Schlafräumen und Gästezimmern führt. Irgendwo auf einem Schrank o.a. das Telefon. Alle weiteren Ausstattungen (Fenster, Blumen usw.) bleiben den Spielern überlassen.

 

 

 

              Erster Akt

 

                  (Wenn der Vorhang sich öffnet, stehen einige Teetassen auf dem Tisch, Kandis, Milch, sowie eine Schale mit Keksen. Die Tür zum Flur ist geöffnet. Es ist ein Wochentag so gegen 10.00 Uhr)

 

1.Szene

 

Anna:        (spricht bei geöffneter Tür nach hinten) Jetzt kommt doch erst einmal hier her. Ich habe doch extra Tee gemacht. Und wir müssen doch auch noch miteinander besprechen wie es hier nun weitergehen soll mit dem Hof. Soviel Zeit ist noch, bevor ich los muss.

 

Peter:         (stöhnt) Oh Mann, so ein Mist aber auch.

 

Bianca:      Das hätte auch schlimmer kommen können.

 

Anna:        Sei vorsichtig. Geht das auch mit den Krücken ? (sie kommt nun ins Zimmer, hält die Tür für die Nachfolgenden auf) Oh nein, was für ein Malheur. (Anna ist schick gekleidet)

 

Peter:         (kommt herein. Eines seiner Beine ist eingegipst. Er geht mit Krücken, macht ein leicht schmerzverzerrtes, mürrisches Gesicht. Ihm folgt Bianca, die die Tür dann schließt)

 

Anna:        (schiebt einen Stuhl vor) Ach, du liebe Zeit. Soweit ist das eingegipst worden?

 

Peter:         (setzt sich beschwerlich hin) Ein glatter Bruch. Das hier... (klopft mit einer Krücke an den Gips) bleibt erst einmal vier Wochen drauf hat der Arzt im Krankenhaus gesagt. – Hach, diese dumme, alte Leiter.

 

Bianca:      Ich hab´ schon vor Wochen gesagt, die alte Leiter aus Holz soll mit auf´s Osterfeuer. Aber nein, mein lieber Peter meint ja, Holz ist natürlicher als Metall.

 

Peter:         Kann ich denn riechen, dass die vorletzte Sprosse bricht, wenn ich da drauf stehe? (verzieht das Gesicht wieder)

 

Bianca:      Die vorletzte Sprosse oben, wohlgemerkt.

 

Anna:        Tut es sehr weh? (schiebt ihm einen Hocker hin, der unterm Tisch stand)

 

Peter:         Ich hab´ mich schon mal besser gefühlt. (legt das Bein darauf)

 

Anna:        Aber das wird doch wieder, oder? Ich meine, das Bein wird doch wieder ganz gesund?

 

Peter:         Meine Güte, Schwiegermutter. Was bist du denn auf einmal so besorgt um mich? Das kennt man ja sonst gar nicht von dir.

 

Anna:        Wer soll die Arbeit hier auf dem Hof denn in Zukunft machen? Du musst doch wieder gesund werden. Und wie soll es hier denn nun in den nächsten Wochen weitergehen – nun, wo Friedrich auch noch nicht wieder zurück ist?

 

Peter:         (kann sich das schmunzeln kaum verkneifen) Noch nicht wieder zurück ist. – Das hast du aber schön gesagt.

 

Bianca:      Peter, bitte. Das ist für Anna auch nicht leicht. Darüber musst du dich nicht lustig machen.

 

Anna:        Danke Bianca. Schlimm genug, dass mein eigener Mann hinter dicken Gefängnismauern einsitzen muss.

 

Bianca:      Sind ja nur noch 14 Tage bis er wieder rauskommt.

 

Anna:        Ja, aber 14 Tage kann dieser Hof nun einmal nicht ohne einen Bauer auskommen.

 

Peter:         (ironisch) Dann muss eure Petra eben mal wieder einspringen. Sie hat doch ihre ganze Kindheit auf Mama und Papas Hof verbracht. Oder geht das zurzeit nicht? (lacht)

 

Anna:        Sehr witzig Peter Patzke .

 

                  (Es klopft an der Hintertür)

 

Anna:        Ja?

 

2.Szene

 

Petra:         (kommt herein, sie ist hochschwanger, im neunten Monat. Sie geht deswegen etwas beschwerlich, hält sich mit einer Hand den Rücken) Guten Morgen.

 

Peter:         Wenn man vom Teufel spricht...

 

Anna:        Petra, du sollst doch nicht soviel herumlaufen. (schiebt einen zweiten Stuhl vor, diesmal für ihre Tochter)

 

Peter:         (und Bianca begrüßen sie ebenfalls kurz)

 

Petra:         Ich habe durchs Küchenfenster von meiner Wohnung aus gesehen, dass ihr wiedergekommen seid. Was ist denn nun mit dir, Peter? (stöhnt beim Setzen leicht auf)

 

Peter:         Das siehst du doch. – Was glaubst du wohl, wie lange ich den Arzt im Krankenhaus bearbeiten musste, damit ich mich hier zuhause auskurieren kann. Der wollte mich unbedingt da behalten.

 

Anna:        (seufzt) Achja... Ich hole dann erst mal die Teekanne. Ich glaub´, ´ne Tasse Tee können wir jetzt alle vertragen. (ab in die Küche)

 

 

3.Szene

 

Bianca:      Das Bein ist gebrochen, Petra. Ein ganzer Monat Gips ist erstmal angesagt.

 

Peter:         Zum verrückt werden. Ich kann nicht arbeiten, Schwiegervater sitzt im Knast, und DU... (deutet auf Petra)

 

Petra:         Oh, tut mir leid. Ich würde Dir gerne helfen, aber ich bin derzeit ein wenig - unpässlich!

 

Peter:         Ja eben! Wer soll sich denn jetzt um den Hof kümmern?

 

Bianca:      Wann ist es denn soweit bei dir, Petra?

 

Petra:         Tja? Der Geburtstermin ist in zehn Tagen. Aber bis jetzt ist noch alles ruhig. Der Doktor hat gesagt, das kann auch noch ein paar Tage länger dauern. Das weiß man ja nie so genau.

 

Bianca:      Kannst uns zu jeder Zeit rufen, wenn es losgeht.

 

4.Szene

 

Anna:        (kommt mit einer Teekanne zurück, schenkt die Tassen voll) Am besten ist es wohl, wenn ihr alle hier bei mir bleibt. Ich kann ansonsten doch nicht zur Ruhe kommen. Und unser Gästezimmer steht ja sowieso leer. Du (deutet auf Peter) jetzt mit dem gebrochenen Bein - Du... (deutet auf Petra) hochschwanger...

 

Peter:         Schwiegermutter, nun mach aber mal einen Punkt. Unsere Wohnung ist hier gleich angebaut. Das sind zwei Minuten bis zu uns rüber.

 

Anna:        Aber du, Petra. Wenn deine Wehen jetzt ganz plötzlich einsetzen... ich mache mir so viele Sorgen um euch.

 

Petra:         Mama, ich habe Telefon und meine eigene Wohnung hier genau gegenüber. Und bis zu dir sind es für mich nur drei Minuten zu Fuß. Das dauert sowieso sicher noch gut zwei Wochen mit der Geburt.

 

Anna:        Drei Minuten können in so einer Situation ganz schön lang sein. Hach, was für ein Elend. Und ausgerechnet heute muss die Protestkundgebung sein. Dazu fehlt mir nun wirklich die Ruhe.

 

Peter:         Ja, verdammt! Und gerade ich kann nicht mitgehen. Dabei wird der Landvolkpräsident sicher tüchtig auf dem Putz hauen.

 

Anna:        So langsam muss ja auch mal was passieren. Gestern stand noch in der Zeitung, dass mehr als 10.000 Bauerhöfe wegen der BSE-Krise um ihre Existenz bangen müssen.

 

Peter:         Ist das nicht alles ein Irrsinn auf dieser Welt?! 2001 war es - da hörten wir das erste Mal vom sogenannten Rinderwahn. Und nach ein paar Jahren war alles wieder vergessen.

Bianca:      Das ist doch bei allen Dingen so. Die Menschen werden immer nur verunsichert - und die Medien fördern das, wo sie nur können. Was gab´s schon alles für Katastrophen: Hühnerpest, Schweinegrippe, dann findet man was in den Eiern, dann sind es die Brötchen - dann die Nudeln. Morgen ist sicher unsere Milch schädlich.

 

Peter:         Wohl wahr. Aber man darf das nicht unterbewerten. Unsere Existenz hängt daran. Doch wer hätte gedacht, dass uns BSE plötzlich wieder Sorgen macht - und das nach all den Jahren? (richtet sich schon auf)

 

Petra:         Niemand!

 

Peter:         (zu Anna): Übrigens - sehr nett von Dir, dass Du zur Versammlung fährst, Schwiegermutter. Du musst mir später alles erzählen.

 

Anna:        Natürlich. - Was hast Du vor?

 

Peter:         Seid nicht böse – ich muss jetzt eben mal eine Weile alleine sein. Bei der Alterskasse muss ich anrufen, damit die uns einen Ersatz schicken. Und Bianca -  Dir muss ich noch eine ganze Menge erzählen, was noch zu tun ist. (von Bianca gestützt)

 

Bianca:       Sicher. Denkst Du denn, dass wir überhaupt eine zusätzliche Kraft brauchen?

 

Peter:          Die groben, körperlich schweren Arbeiten sind nichts für Dich, Schatz.

 

Anna:        Wenn Friedrich doch nur da wäre. Dann könnte der euch hier helfen.

 

Peter:         Wir machen das schon, Schwiegermutter. Mach dir mal keine Sorgen. Außerdem haben wir lange genug eingezahlt – dann können wir in einem solchen Fall auch mal einen Arbeiter für unseren Hof anfordern. (gestützt von Bianca ab nach hinten)

 

Anna:        Schön vorsichtig mit dem Bein, Peter.

 

Peter:         Ja doch. (jetzt ab, Tür zu)

 

5.Szene

 

Petra:         So ein Unglück, was? Gerade jetzt im Juni. Gut, dass sie zumindest schon Silo gefahren haben.

 

Anna:        (etwas betrübt) Ja... (hat sich auch wieder hingesetzt)

 

Petra:         Peter ist hart im Nehmen, Mama. Der ist schnell wieder auf den Beinen. Und Papa kommt doch auch schon in 14 Tagen zurück; dann kann zur Not auch noch mit einspringen. – Vielleicht ist er dann schon Opa.

 

Anna:        Ja...

 

Petra:         (sieht das ihre Mutter betrübt ist und kaum noch ihre Tränen verbergen kann) Mama, ist irgendwas?

 

Anna:        (holt nun ein Taschentuch hervor) Ach Kind, du hast ja keine Ahnung. (trocknet sich die Tränen) Ich habe immer so getan als wenn ich hier auf diesem Hof die glückliche Anna Hansen bin. Aber so ein schweres Los wie ich, hat wirklich nicht jeder zu tragen, das kannst Du mir glauben. Und irgendwann verlässt auch mich die Kraft.

 

Petra:         Oh Mama, ich werd´ mein Kind auch schon alleine groß kriegen, wenn du das meinst - und auch Peters Knochen werden wieder heil.

 

Anna:        Es geht doch nicht alleine darum.

 

Petra:         Was bedrückt dich denn sonst noch?

 

Anna:        Mir wächst das alles über den Kopf. Petra – immer haben wir darauf gehofft, dass Du irgendwann mal den richtigen Mann findest und dann einmal diesen Hof übernehmen würdest. Den Hof Deiner Eltern - mit Dir - unserem einzigen Kind - und unserem Schwiegersohn - Deinem Mann. --- Und was passiert? – Du lachst Dir endlich einen Kerl an, der schwängert Dich; und nachdem Du ihm das erzählt hast, lässt er Dich im Stich.

 

Petra:         Mama - ich weiß ja, dass Memmet sich da falsch verhalten hat. Aber das ist anderen Frauen doch auch schon passiert. Ich bin drüber weg. Sich ewig ärgern bringt doch auch nichts. Außerdem hätte ich ja auch aufpassen können. Ich freu mich auf das Baby - und hoffe, Du tust es auch.

 

Anna:        Jaja... - Nach über 25 Jahren erfahre ich, dass Friedrich eine uneheliche Tochter hat – eben Bianca, die jetzt mit Peter hier diesen Hof übernommen hat.

 

Petra:         Mama, kannst Du dich damit denn nicht endlich abfinden?

 

Anna:        Das habe ich versucht. Aber damit ja nicht genug, stellt sich vor ein paar Wochen plötzlich heraus, dass meinem Mann noch ein zweites Malheur passiert ist. Francesco! Friedrichs Resultat mit einer italienischen Liebschaft in jungen Jahren.

 

Petra:         Francesco ist ein netter Kerl. Wenn er nicht mein Stiefbruder wäre, den hätte ich vielleicht sogar geheiratet.

 

Anna:        Mein eigener Mann – zwei uneheliche Kinder. Und die Krönung von allem ist, dass er die Alimente immer von dem Pflegegeld für Deine Oma gezahlt hat.

 

Petra:         (geht zu ihrer Mutter, stellt sich hinter sie, tröstet sie) Ich kann gut verstehen, dass das alles ein bißchen viel für Dich sein muss. 

 

Anna:        Im Dorf wird man sich mittlerweile schon den Mund fusselig reden über uns.

 

Petra:         Du meinst, wo Oma wirklich sein könnte jetzt?

 

Anna:        Ich denke,sie ist tot.

Petra:         Wie lange ist sie jetzt schon vermisst? Drei Jahre?

 

Anna:        Ja, es sind fast 3 Jahre. Ich kann´s bis heute nicht glauben. Packt einfach ihre Sachen, haut ab und meldet sich nie wieder. Und als wenn das nicht schon schlimm genug wäre - kassiert Dein Vater danach lustig weiter das Pflegegeld von der Krankenkasse für sie. Was Friedrich für eine verruchte Jugend hinter sich hat, davon will ich gar nichts mehr hören.

 

Anna:        Mama, nun sei stark. Papa´s Schwindel ist aufgeflogen und er hat 3 Monate Knast bekommen. Die Leute im Dorf denken, er wäre zur Kur - es ist alles geregelt. Okay - er hat einen Fehler gemacht - und er war Dir nicht immer treu. Aber Du musst ihm endlich verzeihen und einen Schluss-Strich ziehen.

 

Anna:        Das sagt sich leicht. Dein Vater hat für zwei Kinder über zwanzig Jahre lang Alimente bezahlen müssen. Und ich erfahre das erst vor ein paar Monaten. Unsere ganze Ehe war bislang eine einzige Lüge.

 

Petra:         Ich denke, er hat aus Liebe zu Dir geschwiegen. Kannst Du ihm denn nicht auch endlich vergeben? Bald seid ihr Großeltern - und mein Kind möchte doch auch eine glückliche Oma haben.

 

Anna:        Friedrich hat mir versprochen, wenn er wieder zurück ist, will er mit mir ein ganz neues Leben beginnen. Pah - wie denn wohl? Die Vergangenheit kann man nicht einfach ausradieren.

 

Petra:         Wenn schon. Ich weiß - er meint es so. Jetzt, wo ihr euch aufs Altenteil zurückgezogen habt, solltet ihr euch auch noch ein paar schöne Jahre machen. Zufrieden und glücklich.

 

Anna:        Ja, Du hast ja recht. Aber trotzdem kannst du dir sicher vorstellen wie ich mich manchmal fühle.

 

Petra:         Natürlich. Ich sitze hier mit einem dicken Bauch ohne Mann, Peter hat sich das Bein gebrochen, er führt mit Papa´s unehelicher Tochter hier den Hof, Papa ist im Knast, jetzt wieder der BSE-Skandal, und wo unsere Oma ist, weiß kein Mensch...

 

Anna:        Danke für die offene Zusammenfassung. Ich glaub´ ich hol mir ein Stärkungsmittel aus der Apotheke.

 

Petra:         Mama, es ist ein ganzes Paket, was Du aushalten musst. Aber bei all dem Ärger darfst Du nie vergessen, dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können.

 

Anna:        Vielleicht hast Du recht, mein Kind. (schaut auf ihre Uhr, springt dann hoch) Du liebe Zeit, so spät ist das schon? Dann muss ich ja unbedingt los. Die Versammlung beginnt doch gleich. (schnell ab nach rechts, kommt sodann zurück, hat sich eine Jacke übergezogen, eine Handtasche dabei, hat auch ein Handy in der Hand) So Petra. – Dies ist ein neues Handy. Das habe ich vor ein paar Tagen extra gekauft für spezielle Notfälle. Das nehme ich mit. Und wenn irgendetwas sein sollte, dann rufst du mich auf der Stelle an, hörst du?! (verstaut das Handy in ihre Tasche)

 

Petra:         Mama, was soll denn sein?

 

Anna:        Man kann ja nie wissen. Als du geboren wurdest, hast du mich auch fast drei Wochen warten lassen nach dem errechneten Termin. Wenn das erblich ist, wird es wohl noch etwas andauern. – Doch ich fühle mich besser, wenn ich weiß, dass du mich anrufen kannst.

 

Petra:         (etwas genervt) Mach ich, Mama.

 

Anna:        Das ist schön. Bleib ruhig hier sitzen. Aber, wenn du wieder rübergehst in Deine Wohnung, dann schließe doch bitte die Tür ab, ja? Ich lass die dann jetzt offen.

 

Petra:         Mach ich, Mama.

 

Anna:        (hat schon wieder auf die Uhr gesehen) Die fangen noch ohne mich an. (geht noch mal zu Petra, gibt ihr einen Kuss auf die Wange) Dann bis später.

 

Petra:         Viel Spaß...

 

Anna:        (ab, Tür zu)

 

6.Szene

 

Petra:         (seufzt, steht auf, sucht sich eine Illustrierte, setzt sich dann wieder, blättert darin, dann klingelt das Telefon) Oh nein, das musste ja kommen. (kurze Pause) Mir doch egal. Lass es doch klingeln. Hier ist niemand im Haus. (nach einer Weile steht sie dann doch genervt auf, geht zum Telefon, hebt ab) Petra Hansen! (dann sehr erfreut, kann es kaum glauben) Papa...! So was. Wie geht es dir? – Ja, das kann ich mir vorstellen. – Mir? Mir geht es auch gut. Das Kind lässt sich noch 14 Tage Zeit, bis Du wieder zurück bist. – Du, tut mir leid, ich bin allein hier. Mama ist zur BSE-Kundgebung in die Stadt gefahren. Und Peter, dieser Trottel hat sich... (besinnt sich plötzlich, dass es wohl besser ist, ihm von dem Unglück nichts zu sagen) ...Peter ist im Stall, ja. (kurze Pause) Aaach, sind ja nur noch zwei Wochen, Papa. Das schaffst du auch noch.

 

                  (es klingelt an der Tür)

 

                  Oh, du, es klingelt an der Tür. – Ja, mach ich. Ruf doch heute Abend noch einmal wieder an. Und... Kopf hoch, Papa. Ja, tschü...üß. (legt auf, will dann zügig zur Tür nach hinten, hält auf halber Strecke aber plötzlich inne, fasst sich an den Bauch, stützt sich an einem Stuhl ab, verzieht das Gesicht) Oooh...oh nein, was ist das denn?

 

                  (Es klingelt wieder an der Tür)

 

Petra:         (ruft dahin, recht laut) Jaaa....! Moment! (bekommt dann aber starke Schmerzen, stöhnt bzw. „schreit“ auf) Aaaah.... – oh Gott, Hilfeeee...! (geht fast zu Boden vor Schmerz)

 

 

 

7.Szene

 

Francesco: (kommt zügig herein, hat einen kleinen Koffer dabei, sieht Petra halb am Boden liegen) Du meine Güte Gott. Petra, meine halbe Schwester, was ist nur los bei dir? (geht besorgt zu ihr, „wirft“ den Koffer beiseite)

 

Petra:         (erstaunt, redet mit schmerzverzerrter Stimme) Francesco? Was...? Was machst du denn hier?

 

Francesco: Habe doch versprochen, dass ich werde besuchen meine Papa Friederico und euch alle in diese estate – ich meine Sommer. Und was Francesco sagen, das er auch halten.

 

Petra:         Ja. Das ist ja schön und gut, aber... ich glaube, bei mir geht es langsam los. Mann eh,... das ist viel zu früüüüh... aaah... (krümmt sich)

 

Francesco: (aufgebracht, versucht sie zu stützen und zu einem Stuhl zu führen; Petra setzt sich dann, „liegt“ aber mehr auf dem Stuhl) Porca miseria. – Warum kommt denn keiner? – Oh jaaa... nun erinnere ich – Du bekommst eine Bambini. Darum auch der Bauch wie eine Kugel.

 

Petra:         (ärgerlich) Ja genau. Jetzt mach doch was, du halber Bruder. Ich halte das nämlich nicht mehr lange aus. So wie es aussieht, will das Kind wohl unbedingt seinen halben Onkel Francesco kennenlernen.

 

Francesco: (weiß nicht genau was er machen soll) Wo ist Mutter von Petra?

 

Petra:         Die ist gerade weggefahren. – in die Stadt.

 

Francesco: Und Friederico? Wo ist meine Papa? Der wird helfen dir.

 

Petra:         Dein Papa Friederico ist auch nicht da. Der ist zur Zeit – nun – wie soll ich sagen? Eingebuchtet. (stöhnt wieder)

 

Francesco: (erfreut, weil er glaubt zu verstehen) Aaaah... in einer Bucht? Er macht Urlaub?

 

Petra:         Urlaub. – Ja, so kann man das auch nennen. - Nun tu doch was! Ruf den Doktor an. – Oder zumindest Peter oder Bianca… aaahhh…

 

Francesco: (irrt umher) Ja, werde holen Hilfe. Petra muss atmen wie Luftpumpe. (an der Tür nach links)

 

Petra:         Bitte?

 

Francesco: Na, eben... wie soll ich erklären? (hechelt dann wie ein Hund) Du verstehst? Genau wie euer Flocki.

 

Petra:         Ja, das weiß ich selbst. – Ruf meine Mutter an. Die hat ein Handy dabei.

 

Francesco: Gute Idee! Was ist die Nummer?

 

Petra:         Nummer? Ach du liebe Zeit. Ich habe keine Ahnung. – Mann, dann geh rüber zu Peter. Bitteee....

 

Francesco: Ja, ich werde holen Hilfe. (geht zur Tür nach rechts, will dorthin)

 

Petra:         Die andere Tür.

 

Francesco:Ah ja… (geht dorthin)

 

Petra:         (allein) Oh Mann, warum ist denn jetzt auch keiner da? (versucht dann doch tief ein und aus zu atmen, hechelt dann hin und wieder)

 

                  (Nach einer Weile kommt...)

 

8.Szene

 

Francesco: (aufgebracht zurück) Ist niemand da, Petra. Habe gesehen von Fenster, dass junge Frau Bianca gerade gefahren ist weg mit Automobile. Und sonst ist keiner dort.

 

Petra:         (verärgert) Peter muss da sein!

 

Francesco: Scusa. – Bitte?

 

Petra:         Peter ist da! Der hat ein gebrochenes Bein. Verdammt! Der ist da! Schau nach!

 

Francesco: Ja. Francesco werden suchen weiter. (wieder ab)

 

Petra:         (versucht aufzustehen, was ihr nur mühsam gelingt; hält sich den Bauch, stützt sich ab, „schleppt“ sich aber irgendwie nach links, rufend dorthin abgehend) Peter...! Peter? (sobald sie fort ist, schreit sie aber noch mal laut auf; dann hört man...)

 

Francesco: Großer Gott! Was tust du?

 

Petra:         Es geht loooos! Hilf miiiiiirrrr...

 

Francesco: (kommt ins Zimmer, irrt umher, weiß nicht was er machen soll, schaut nach oben, betet zum Himmel) Grande dio – come stai. (wieder ab, von dort hört man dann) Ganz ruhig bleiben, Petra. Wir werden machen. Du hecheln – immer hahaha... (kommt zurück, nimmt den Hörer des Telefons, wählt die Notrufnummer, wartet kurz, dann aufgeregt) Müssen kommen. Sofort! Petra bekommen Bambini. Ich nix Doktor. Was soll geschehen, wenn ich mache falsch? Und keiner zuhause. Prego. – Lassen mich nicht allein mit nascita. – Wohnen? Ja, ist hier die Strasse...oh...äh... Mühlenweg, Betrieb mit Kühen und Rindern – Hansen ist der Name. Ja. Kommen schnell. Geht um Leben von Petra und kleine Bambini. (legt auf)

 

Petra:         (stöhnt wieder von nebenan)

 

Francesco: (wieder dorthin, wischt sich vorher den Schweiß von der Stirn. Von dort): Uno, due, tre – Doktore wird gleich kommen, Petra. Seien ganz ruhig.

 

Petra:         Aaah...

 

Francesco: (plötzlich nach einer kleinen Pause) Große Güte Gott,... das Kind kommt hervor.

 

Petra:         Jaaaa,... das sage ich doch!

 

Francesco: Meine Güte, meine Güte... (völlig aufgebracht und durcheinander) Aber es ist zu früh, Petra. Du musst warten auf Doktore. Ich habe keine Geburtserfahrung. Padrenostro, hilf mir.

 

9.Szene

 

Peter:         (kommt ohne anzuklopfen von hinten herein, etwas verärgert) Hallo? Hat von hier irgendjemand wie verrückt an unser Fenster geklopft? (wundert sich dann, dass niemand im Zimmer ist) Petra? - Schwiegermutter? (wartet kurz, will schon wieder ab, als...)

 

Petra:         (...wieder laut aufstöhnt) Aaah.... ja...ja... (hechelt)

 

Francesco: Guuut, Petra...

 

Peter:         Petra? (geht zum Raum nach nebenan) Petra, bist du hier? (nachdem er durch die Tür geschaut hat, sieht er, was da geschieht) Du meine Güte, Petra. Und Francesco? Was machst du denn hier?

 

Petra:         (von dort) Es ist soweit, Peter..........aaaaaah...

 

Peter:         Oh nein...! Der Notarzt muss her... (kommt mit Krücken zurück in den Raum, nun auch völlig aus dem Häuschen, greift sich das Telefonbuch, blättert wild darin)

 

Francesco: (von dort)Das ist wohl zu spät, mein lieber Peter. Aber gut dass Du bist gekommen. Francesco ist völlig unerfahren in Geburten. Bitte helf mir.

 

Peter:         (ironisch) Ja witzig - denkst Du, ich war mal Hebamme? Sag Petra, ich ruf den Arzt an. Solange muss sie sich noch gedulden mit der Geburt. (nimmt den Hörer, wählt, wartet)

 

Francesco: Bitte schnell!

 

Peter:         Praxis Doktor Rosenbusch? Peter Hansen hier. Schicken Sie uns bitte auf der Stelle einen Krankenwagen. Bei Petra Hansen geht es los. Ja, eine Geburt. – Was denn wohl sonst? Mühlenstraße 13.

 

Petra:         (hört man jetzt nur noch kurz stöhnen und „pressen“)

 

Peter:         Die Wehen müssen wohl so auf einmal eingesetzt haben... vor zehn Minuten war nämlich noch alles ruhig. Und eigentlich hat sie noch zehn Tage oder so, soweit ich weiß. Aber beeilen Sie sich bitte. (kurze Pause) Sagen Sie mal, was können wir denn machen bis Sie hier sind? Ich meine... ich habe ja nun auch gar keine Ahnung von so etwas. – Beruhigen, und messen in welchen Abständen die Wehen

kommen. Aha! Vorsichtshalber schon mal Laken und kochendes Wasser bereitstellen? Ja! Ja, ist gut. Ich habe verstanden. – Aber wir warten auf jeden Fall auf den Krankenwagen. Soviel Zeit ist sicher noch. – Ja, ja, bis gleich. (legt auf, seufzt, geht dann wieder behende mit seinen Krücken zur Tür)Petra, der Krankenwagen ist gleich unterwegs. Das kann gar nicht mehr lange dauern und...

 

                  (Jetzt hört man von hinten plötzlich ein Baby schreien.)

 

Peter:         Großer Gott! Das kann nicht wahr sein.

 

Francesco: Holen Decke. – Schnell! Und eine Schere... und Wasser und Tücher. – Petra, alles gut?

 

Peter:         Schnell? - Wie denn mit ´nem gebrochenen Bein? (Das Babygeschrei verstummt langsam, Peter ab nach links)

 

Francesco: (von rechts sprechend) Petra - meine Güte Gott, Petra. Es ist heraus - es ist da - meine halbe Schwester hat ein Baby. Und so wie ich sehe ist auch alles daran, was da sein muss. Ist wohl ein Junge. Sehe auch kleinen Schniepel.

 

Peter:         (kommt zurück, ab nach links) Hier! Ist das recht?

 

Francesco: Ja. Was meint ihr - können wir schneiden die Schnur einfach ab?

 

Peter:         Da fragst du mich aber was. Aber im Fernsehen tun die das ja auch immer.

 

Francesco: Sollen wir schneiden ab, Petra?

 

Petra:         Ja, ist wohl besser.

 

Peter:         Oh Gott... wie süß.

 

Francesco:Okay, ich schneiden dann ab. - Und - schnipp!

 

Peter:         Und Dir geht es gut, Petra?

 

Petra:         Ja, geht schon. Danke.

 

Francesco: Wir müssen waschen das Bambini. Scusa, Petra. – Ich bin sofort zurück.

                  (kommt in den Raum, das Baby auf dem Arm, in einer Decke eingehüllt, ein bisschen stolz auf sich ist, ihm folgt sodann Peter) Kleiner Francesco ist da. Und ich habe gemacht Geburthelfer. Oh, wenn das gesehen hätte meine Papa Friederico...

 

Schneller Vorhang

 

Ende des ersten Akts

 

 

 

 

Zweiter Akt

 

                  (Zwei Wochen später. Ein Wochentag gegen 10.00 Uhr vormittags. Wenn der Vorhang sich öffnet, steht Teegeschirr auf dem Tisch. Irgendwo in einer Ecke ein Kinderwagen. Petra steht auf einem Stuhl vor der Hintertür und hängt gerade ein Schild darüber auf mit der Aufschrift: „Willkommen zurück“. Die Tür nach rechts ist geöffnet)

 

1.Szene

 

Anna:        (kommt mit einem Kuchen herein) Petra, was machst du denn da? Du weißt doch, dass du nach der schweren Geburt noch aufpassen musst.

 

Petra:         (hat ihr Werk vollendet, steigt vom Stuhl herunter) Mama, das ist 14 Tage her. Es geht mir blendend.

 

Anna:        Ja, aber Du musst dich noch schonen, Kind. (sieht dann das Schild über der Tür) Petra, ist das nicht ein bisschen übertrieben? (stellt den Kuchen auf den Tisch)

 

Petra:         Sicher freut Papa sich darüber. Die 3 Monate hinter schwedischen Gardinen waren sicher nicht so leicht für ihn.

 

Anna:        Hoffentlich ist er dort zumindest etwas zur Besinnung gekommen. (schaut auf die Uhr) Oh, es ist schon nach zehn. – Dann können sie ja jeden Augenblick zurück sein.

 

Petra:         Warum muss Bianca ihn eigentlich unbedingt abholen?

 

Anna:        Na, weil sie das gerne wollte. Und Peter quält sich ja noch mit dem Gips.

 

Petra:         Ja, aber wäre das für Vater nicht schöner gewesen, wenn du ihm selbst als erste entgegengekommen wärst?

 

Anna:        (ironisch) Ich stelle mich vor den Knast und warte, ja. Und morgen weiß es dann auch noch der letzte Mensch hier im Dorf. Nein, nein. Und dann will ich auch erst mal abwarten, ob Friedrich sich auch wirklich geändert hat. Das möchte ich hier bei uns in der Wohnstube erleben. Ich gehe jede Wette ein, dass er mit einem mickrigen Strauß Nelken ankommt und so tut als wenn nichts gewesen ist. (geht zum Kinderwagen, schaut hinein)

 

Petra:         Na ja, zumindest zeigt er dadurch dann ja doch ein bisschen Reue.

 

Anna:        Nelken, Petra. – Die bekomme ich immer! Schon, solange wir verheiratet sind. Nelken gehören auf den Friedhof und nicht bei uns auf den Tisch! – Ach, wie schön er schläft, der kleine Wurm.

 

Petra:         Leon kriegt von Opas Schandtaten gar nichts mit.

 

Anna:        Zum Glück! Das wird er noch früh genug erfahren. Auch das dein Halbbruder Geburtshelfer spielen durfte. Ein Unding ist so etwas!

 

Petra:         Sag nichts gegen Francesco. Wenn der nicht gewesen wäre... ich mag gar nicht dran denken.

 

Anna:        Und dieser Memmet? Weiß der denn auch Bescheid, dass er Vater geworden ist?

 

Petra:         (schüttelt nur mit dem Kopf) Wozu Mutter? Memmt und ich... das ist Geschichte.

 

Anna:        Aber er hat doch ein Recht darauf. Und auch finanziell... ich meine...

 

Petra:         Mama, bitte. Überlass das bitte mir. Und sein Geld will ich sowieso nicht.

 

Anna:        Jaja, ich meine es ja nur gut. – (mehr zu sich selbst) Verrückte Jugend! – Früher hätte es so etwas nicht gegeben.

 

                  (Im Hintergrund hört man nun evtl. ein Motorengeräusch.)

 

Anna:        Ich glaube, sie sind da, Petra. (geht schnell zum Telefon, wählt eine Nummer, wartet kurz)

 

Petra:         (schaut – falls vorhanden – aus dem Fenster)

 

Anna:        Peter? – Bianca ist mit Friedrich zurück. Kommst du rüber? Ja. (legt auf, glättet ihre Kleidung noch schnell, geht sich mit den Händen durchs Haar, wirkt aufgeregt)

 

Petra:         Mama, jetzt sei doch nicht so aufgeregt. Und halte Papa bitte keine Standpauken, die drei Stunden andauern. Er hat für seine Schuld gebüßt und damit sollte es dann auch gut sein.

 

Anna:        Ja doch.

 

Beide:        (stehen wartend nebeneinander da)

 

2.Szene

 

Benno:       (kommt, ohne anzuklopfen, recht außer Atem hereingeplatzt) Frau Hansen, sie sind da! Friedrich und Bianca, meine ich. (er ist ein etwas dröger und linkischer Mann, macht seine Arbeit auf dem Hof aber recht gut, trägt Arbeitskleidung, Kombi oder T-Shirt mit Jeans, Baseballcap, ist evtl. etwas dreckig)

 

Anna:        (empört) Für Sie ist Friedrich immer noch Herr Hansen. Merken Sie sich das, Herr Zeusel.

 

Benno:       Benno! Sie dürfen gerne Benno sagen. Habe ich Ihnen ja schon vor 14 Tagen angeboten.

 

Petra:         Und anklopfen wäre auch nicht schlecht, Herr Zeusel!

 

Benno:       Jaja. – Tut mir leid! Ich kam gerade aus dem Stall und sah zufällig, dass Bianca - ich meine, die junge Frau Patzke und Fried... ich meine... Ihr verehrter Herr Gemahl - Herr Hansen - gerade die Einfahrt hochgefahren kamen. Und da habe ich mir gedacht, es wäre doch vielleicht besser mal schnell Bescheid zu sagen, nicht wahr?!

 

Petra:         Ja, dass haben Sie ja nun.

 

Benno:       Ja. (steht etwas unschlüssig da)

 

Anna:        Na, worauf warten Sie denn noch? Sie sind hier als Aushilfsarbeiter auf dem Hof, und nicht als Familienrat. Oder haben Sie nichts mehr zu tun?

 

Benno:       Sicher, Frau Hansen. (schaut etwas gierig auf den Tisch)

 

Anna:        Das zweite Frühstück gibt es heute übrigens etwas später. Wir wollen erst einmal unter uns sein, meine Familie und ich.

 

Petra:         Genau!

 

Benno:       (zu Petra) Hhmm,... das kann ich gut verstehen, Fräulein Petra. Ging mir sicher nicht anders, wenn mein Vater nach 12 Wochen aus dem Zuchthaus entlassen worden wäre.

 

Petra:         (räuspert sich)

 

Anna:        (kann es kaum glauben) Oooh,... wer hat Ihnen das denn erzählt?

 

Benno:       Ja,... also,... das war...

 

Petra:         (schnell) Und das nächste Mal ziehen Sie diese beschissenen Stiefel gefälligst aus, wenn Sie hier schon so reinplatzen. (bei Petra weiß man nicht genau, ob sie Benno ernsthaft angreift, oder ob es bloß ein Necken ist, weil sie Benno insgeheim mag. Dementsprechend redet sie auch mit ihm, teilweise schelmisch grinsend)Und "Fräulein Petra" will ich auch nicht wieder hören von Ihnen - nennen Sie mich nur Petra - oder Frau Hansen. Aber wir bleiben per "Sie"!

 

Benno:       Mache ich, Petra – ich meine Frau... also Sie! (überlegt kurz) Sagen Sie, sind Sie eigentlich verheiratet?

 

Anna:        Unfassbar - schämen Sie sich, solche Fragen zu stellen, Sie Flegel!

 

Petra:         Lass nur, Mutter. --- Nein, bin ich nicht. Was dagegen?

 

Benno:       Mir doch egal. – Ich meine… (zeigt zum Kinderwagen) also...

 

Petra:         Das ist mein Sohn. Aber dazu braucht man heute keinen Trauschein mehr. Babys produziert man heutzutage auch ohne Ehemann, Herr Zeusel. Schon mal was davon gehört?

 

Anna:        P E T R A !

 

Benno:       Sicher doch. Entschuldigen Sie, dass ich überhaupt gefragt habe. Das geht mich ja auch nichts an. (sieht die Deko) Oh, wie schön Sie das hier alles dekoriert haben...

Petra:         Tja, was muss, das muss! Sonst noch Fragen oder vielleicht was auf dem Herzen, Herr Zeusel?

 

Benno:       Äh... nein, eigentlich nicht...

 

                  (Es klopft an der Tür.)

 

Anna:        (und Petra aufgeregt) Ja. – Herein!

 

3.Szene

 

Friedrich:   (kommt gefolgt von Bianca herein, trägt einen Koffer, Bianca eine weitere Reisetasche, er macht einen eher betrübten Gesichtsausdruck, hat einen in Papier eingewickelten Blumenstrauß in der Hand)

 

Alle:          (sehen sich an, kurzes Schweigen)

 

Friedrich:   (seufzt dann) Guten Morgen zusammen. – Ich bin wieder zurück.

 

Anna:        (fällt ihm dann nach einer weiteren kleinen Pause stürmisch um den Hals) Oh Friedrich.

 

Friedrich:   (stellt den Koffer ab, gibt Anna einen Kuss)

 

Petra:         (begrüßt ihren Vater dann ebenso herzlich) Papa, schön, dass du wieder da bist. Wir haben dich hier ja so vermisst.

 

Bianca:      (geht mit der Reisetasche ab nach links; nimmt auch den Koffer mit) Ich bring das erstmal weg, ja?

 

Benno:       (steht grinsend da, hält seine Hand zur Begrüßung hin; aber darauf reagiert keiner)

 

Friedrich:   (schaut auf Lisas Bauch, dann zum Kinderwagen) Petra, du bist... (glaubt es kaum) Nein!

 

Petra:         Doch Papa, du bist Opa. Wir haben Dir absichtlich nichts erzählt am Telefon. Das sollte eine Überraschung für Dich sein.

 

Anna:        (nimmt Friedrich am Arm, führt ihn zum Kinderwagen) Wenn ich dir unseren Enkel vorstellen darf... Friedrich, das ist Leon.

 

Friedrich:   (schaut in den Wagen, ist sehr gerührt) Oh Gott. Leon... ? Ich bin Opa und weiß gar nichts davon. Wann ist er denn geboren?

 

Petra:         Vor zwei Wochen schon, Papa.

 

Anna:        Ja, das war vielleicht ein Ding. Du glaubst gar nicht wie das Kind auf die Welt gekommen ist.

 

 

Petra:         Mama, lass uns das doch später alles erzählen. Erst einmal ist Papa dran.

 

Friedrich:   Ich bin vollkommen durcheinander. – Kann ich... kann ich ihn mal auf den Arm nehmen, diesen kleinen Wurm?

 

Petra:         Papa, er schläft gerade so schön. Kann das nicht noch eine Stunde warten?

 

Friedrich:   Ja, sicher. Ich bin bloß so... (muss jetzt ein Taschentuch hervorholen) Ich sitze da hinter dicken Gefängnismauern und meine Petra wird Mutter. Und ich erfahre von alledem erst jetzt etwas. (beugt sich vor, streichelt „Leon“ vorsichtig mit dem Finger)

 

Benno:       Nicht wahr? Hier ist eine ganze Menge passiert, seitdem Sie ein Knacki gewesen sind, Herr Hansen.

 

Anna:        (empört) Also wirklich...

 

Friedrich:   (dreht sich um, sieht Benno praktisch jetzt erst, der immer noch seine Hand zum Gruß hinhält) Wer...? Wer sind Sie?

 

Benno:       Benno Zeusel. Ich schmeiße den Hof hier für ´ne Zeit.

 

Friedrich:   (plötzlich furchtbar erschrocken) Großer Gott, jetzt sagen Sie nicht, dass sie mein Malheur Nummer 3 sind? – Anna, ich kaufe mir einen Strick, wenn du mir sagst, dass dieser Junge auch meiner ist.

 

Anna:        (erbost) Was soll das heißen, Friedrich? Könnte das denn sein?

 

Friedrich:   Nein! Absolut nicht! Das ist UNMÖGLICH !!!

 

Anna:        Mit Deinen unehelichen Kindern - die plötzlich auftauchen - wird das ja wohl langsam ein Ende haben, oder?

 

Friedrich:   Oh ja!

 

Benno:       Keine Angst. Ich bin nicht Ihr Sohn. Aber, Herr Hansen, ich habe schon gehört, dass Sie in jungen Jahren wohl ein wilder Rammler gewesen sind.

 

Petra:         (kann, wie Anna, gar nicht glauben, was sie da hört) Ja, was erlauben Sie sich eigentlich, Sie unverschämter Kerl?

 

Anna:        Unverschämtheit!

 

Friedrich:   Allerdings. Wer sind Sie und was wollen Sie hier?

 

Benno:       Ich bin Benno Zeusel. Mein Vater heißt Kunibert Zeusel. Ich komme aus Pfalzdorf. Man hat mich hierher geschickt für die Zeit, in der Peter seine Knochen wieder zusammenschweißt.

 

Friedrich:   Was? Anna, was ist passiert? Was ist mit Peter?

 

Benno:       Jaaa,... hier ist was los, sag ich Ihnen! Wenn ich dann mal kurz erzählen dürfte? Also, das war so...

 

Petra:         Sie, Herr Zeusel, machen sich am besten wieder an die Arbeit. Haben wir uns vorhin nicht deutlich genug ausgedrückt?

 

Benno:       (beleidigt) Ja. Ist ja schon gut. Dann eben nicht!

 

Anna:        Ja, und nun man los. Wir rufen Sie dann schon, wenn Sie Ihren Tee bekommen. Sie wissen doch, was zu tun ist, oder?

 

Benno:       Hhmm... (ab nach hinten)

 

4.Szene

 

Friedrich:   Mann oh Mann, ein viertel Jahr ist man aus dem Haus, und hier passieren Sachen... (sieht nun die Deko über der Tür, muss schlucken) Und das da habt ihr extra für mich gemacht? (muss schon wieder sein Taschentuch hervorholen und sich die Tränen trocknen)

 

Anna:        Petra hatte die Idee. Sie wollte dir eine kleine Freude damit machen.

 

Petra:         Papa, jetzt fang dich mal langsam wieder. So kennt man dich ja gar nicht.

 

Anna:        Genau. Jetzt setz dich erst einmal hin. Du bekommst auch gleich eine Tasse Tee.

 

Friedrich:   Ja. (will sich setzen, merkt nun erst, dass er immer noch den Blumenstrauß in der Hand hält) Oh Anna. Blumen können sicher nicht wieder gutmachen, was ich in meinem Leben schon alles verkehrt gemacht habe. – Aber dieser Strauß soll dir sagen, dass ich immer nur Dich lieb gehabt habe, auch wenn ich in jungen Jahren zwei uneheliche Kinder in die Welt gesetzt habe, und wovon du erst vor einem Jahr etwas erfahren hast. Und auch die Sache mit der Krankenkasse, die ich betrogen habe und wofür ich sitzen musste. Vergib mir, Anna. Die Blumen sollen dir sagen: Danke! Danke, dass du trotz allem zu mir gehalten hast und... lass uns versuchen alles zu vergessen und mit neuem Mut in die Zukunft blicken. Bitte Anna. Ich liebe Dich! (gibt ihr den Strauß)

 

Anna:        (seufzt, weil sie einen Nelkenstrauß erwartet) Na ja, wir beiden Alten sind wohl nicht mehr jung genug, um noch auseinander zu gehen, denke ich. An Scheidung habe ich nie gedacht, Friedrich. Nicht bloß wegen unseres Hofes. – Und ich will auch versuchen alles zu vergessen, was hier in den letzten Jahren vorgefallen ist – aber die Nelken hättest du dir sparen können. Die bekomme ich doch auch schon zum Hochzeitstag, zum Geburtstag und auch zum Valentinstag – wenn du es nicht vergisst. (hat, während sie diesen letzten Satz sagt, das Papier entfernt; sieht dann einen wunderschönen Rosenstrauß, ist völlig überrascht und begeistert) Friedrich!– Rosen?

 

Friedrich:   Ja. Wieso? Das sind doch die Blumen der Liebe, oder?

 

Anna:        Oh Friedrich,... das muss ein Zeichen sein. (umarmt ihn, Kuss)

 

Petra:         Nelken? Mama, was denkst du eigentlich? Nelken gehören doch auf den Friedhof. Nicht wahr, Papa?

 

Friedrich:   (nickt unsicher)

 

Anna:        (ganz aus dem Häuschen, riecht daran) Ich will mal schnell eine Vase suchen. (ab nach rechts)

 

5.Szene

 

Petra:         Da hast du aber nochmal Glück gehabt, Papa.

 

Friedrich:   Ich hatte schon fünf weiße Nelken gekauft. Und dann hat Bianca mich schnell aufgeklärt, dass das wohl nicht das Richtige ist.

 

Petra:         (muss lachen) Oh Papa...

 

Friedrich:   Jetzt erzähl erst mal, was das hier für ein Arbeiter ist, und was genau ist mit Peter?

 

6.Szene

 

Peter:         (ist schon von hinten herein gekommen - hat die Frage gehört - er trägt immer noch den Gips) Mein Bein ist gebrochen, Schwiegervater. (geht zu ihm,umarmt ihn kurz) Schön, dass du wieder da bist.

 

Bianca:      (ist gleichzeitig von links hereingekommen, hat die Teekanne in der Hand, schenkt die Tassen voll) 14 Tage hat er noch die Ehre mit diesem weißen, schweren Hosenbein herumzulaufen.

 

Friedrich:   Du meine Güte, du hattest einen Unfall? Und warum erzählt ihr mir so etwas nicht? Wir haben doch fast jeden Tag telefoniert.

 

Petra:         (hilft Bianca evtl.) Vater, du machst dir doch immer gleich soviel Sorgen. Und du solltest dich nicht aufregen. Die Zeit im Gefängnis war für Dich Sorge genug.

 

Friedrich:   Ich werde Opa, Peter bricht sich das Bein... Was ist hier denn sonst noch alles passiert, wovon ich nichts weiß?

 

Bianca:      (belustigt) Die Benzinpreise sind wieder gestiegen, Papa.

 

Petra:         Und wir haben jetzt nicht nur wieder BSE, sondern auch erneut MKS.

 

Friedrich:   W a s ??? Die Maul-und Klauenseuche ist wieder ausgebrochen? Aber doch nicht bei uns, oder?

 

Peter:         Nein nein, keine Sorge. Es gibt bisher auch nur 2 Fälle in Deutschland - aber weit weg.

 

Friedrich:   (deutet auf Peters Bein) Ja, aber was ist denn nun genau mit dir passiert?

 

Bianca:      Peter ist von der Leiter gefallen. Ist schon zwei Wochen her.

Petra:         Und genauso lange geht dieser dusselige Benno Zeusel uns hier auch schon auf die Nerven.

 

Friedrich:   Kommt er denn nicht gut zurecht, dieser Benno?

 

Peter:         Na ja...! Ich kann ja nicht den ganzen Tag hinter ihm herlaufen. – Aber so wie ich das sehe, Schwiegervater, macht er seine Arbeit, nachdem ich ihm alles gezeigt habe, ganz gut.

 

Bianca:      Das finde ich eigentlich auch. – Obwohl ich ja nicht allzu viel von der Landwirtschaft verstehe.

 

Petra:         Aber ein unverschämter Kerl ist er. Mischt sich in alles ein und grinst immer so blöd. Zumindest grinst er mich ständig an.

 

Friedrich:   Aha. Was mag das denn wohl zu bedeuten haben? (schelmisch grinsend)

 

Bianca:      Wer weiß, wer weiß...

 

7.Szene

 

Anna:        (kommt mit dem Strauss Blumen zurück, der nun in einer Vase steht, stellt sie auf einen Nebentisch ab) Hach, was für schöne Blumen. Du bist doch der Beste, Friedrich. (gibt ihm noch einen Kuss auf die Wange, dann wieder ab nach rechts)

 

Peter:         Wow! Hier scheint ja auf einmal eine richtige Familienidylle zu herrschen.

 

Friedrich:   Es ist schön, dass Anna sich so verhält. Hier ist in dem letzten Jahr genug Unheil gewesen. Und ich weiß auch, dass die ganze Schuld bei mir liegt. Wird Zeit, dass wir wieder ein normales Leben führen wie andere Familien auch.

 

Petra:         Francesco kommt auch noch zum Tee, Vater.

 

Friedrich:   (erfreut) Oh ja?

 

Bianca:      Vor zwei Wochen stand er plötzlich vor der Tür und wollte uns besuchen. Er wusste ja nicht, dass du nicht da sein würdest.

 

Friedrich:   (seufzt) Der arme Kerl. Da kommt er ganz aus Hamburg hierher und muss dann erfahren, dass sein Vater im Knast sitzt...

 

Petra:         Ein Glück, dass Francesco hier aufgetaucht ist, sonst wäre ich wohlmöglich gestorben.

 

Friedrich:   Was sagst du da?

 

Peter:         Francesco hat bei Petra Geburtshelfer gespielt.

 

Friedrich:   Ist das wirklich wahr?

 

Petra:         Oh ja. Ob du es glaubst oder nicht – Leon ist hier nebenan in der Küche geboren. Alle Leute aus dem Ort waren bei der BSE-Kundgebung, Bianca war gerade in die Stadt gefahren, und bis Peter hier war mit seinem Gipsbein, war das Kind schon fast da. Und Francesco hat Hebamme gespielt.

 

Friedrich:   Mensch, das sind ja Geschichten. Und das ist alles gut gegangen?

 

Petra:         Ist es! – Aber jetzt erzähl DU doch endlich, Vater. Wie war´s denn nun im Knast?

 

Friedrich:   Ach Kind, auf diese Erfahrung solltest du besser verzichten. Das einzig Gute ist, dass man eine Menge Zeit hat über das nachzudenken, was man falsch gemacht hat im Leben.

 

8.Szene

 

Anna:        (kommt mit einem – schon in Stücke geschnittenen Kuchen, einem Gesang- bzw. Gebetbuch, einem Foto und einem Zettel wieder herein) So, dann lasst uns jetzt endlich Tee trinken. (stellt den Kuchen auf den Tisch, setzt sich dann auch hin)

 

Alle:          (anderen – außer Bianca – sitzen mittlerweile auch, falls sie bisher noch gestanden haben)

 

Bianca:      (verteilt den Kuchen für alle Anwesenden auf Kuchenteller)

 

Petra:         Dein Lieblingskuchen, Vater. Extra für dich.

 

Friedrich:   Ich habe euch gar nicht verdient. – Können wir nicht einfach einen Schluss-Strich unter das ziehen, was gewesen ist und heute noch mal ganz von vorn anfangen?

 

Anna:        Das hattest Du ja schon vorgeschlagen, Friedirch. Und ich denke, das können wir. Und darum habe ich einen Wunsch. Du hast sicher soviel darüber zu erzählen, Friedrich, wie es im Gefängnis zugeht. Und du willst auch sicher alles wissen über Peters Unfall und über Leons Geburt, aber wenn ihr nichts dagegen habt, würde ich diese Stunde gerne erst einmal nutzen, um endlich mit meinem Friedrich ins Reine zu kommen.

 

Petra:         Mama, was hast du denn vor?

 

9.Szene

 

Francesco:(kommt, ohne anzuklopfen, zügig von hinten herein, geht sofort auf Friedrich zu, umarmt ihn, hat eine Flasche – hübsch verpackt - dabei) Friederico, meine Paaapa. Du bist zurück.

 

Friedrich:   Francesco, mein Junge.

 

Francesco: Ich konnte gar nicht glauben, was ich da habe gehört. Zuerst haben alle gesagt, du wärst in eine gesundheitliche Anstalt.

 

Petra:         Kur sagen wir dazu, oder Reha, Francesco.

 

Francesco: Aber plötzlich ich erfahre etwas Neues. – Du warst in Bunker, Friederico? – Aber warum nur? Was hast du gemacht? Hast du erfahren von neuem Malheur? 3. Kind ohne Ehe?

 

Peter:         Na, das wird heutzutage ja nicht mit Knast bestraft, Francesco.

 

Anna:        Obwohl das gar nicht so schlecht wäre, wenn es so gemacht werden würde.

 

Friedrich:   Nein, kein neues Malheur, Francesco. Ich habe doch für meine Mutter jahrelang Pflegegeld bekommen.

 

Francesco: Ja, du hast erzählt davon einmal.

 

Friedrich:   Und dieses Geld habe ich auch noch 3 Jahre nach dem Verschwinden meiner Mutter angenommen.

 

Francesco: Oh, ich verstehe. Das war nicht gut, meine Paapa. – Aber nun ist vorbei?

 

Friedrich:   Ja, jetzt ist das endlich vorbei.

 

Francesco: Oh, das macht Francesco glücklich. (geht zum Kinderwagen, beugt sich darüber) Ja, und wo ist der kleine Bambino? Nanana…Leon, Leon, Leon... du du du…

 

Petra:         Bitte Francesco, lass ihn schlafen.

 

Friedrich:   (begreift jetzt erst wie sein Enkel heißt) Leon? Du hast diesen kleinen Wurm Leon genannt, Petra?

 

Petra:         Ja. Wieso? Das „L“ am Anfang steht für seine Uroma Liselotte. – Gott hab sie selig.

 

Anna:        Wo wir wieder beim Thema sind. Francesco, setzt du dich bitte zu uns, damit ich weiter machen kann?!

 

Francesco: Oh ja, mache ich gerne. Habe ich gestört eine Veranstaltung hier? Chidere scusa. (setzt sich an den Tisch, bekommt auch Tee und Kuchen von Bianca)

 

Anna:        (holt seufzend tief Luft, schaut auf das Foto) Deine Mutter, Friedrich – ja, unsere gute Oma ist schon vor Jahren einfach über Nacht so von uns gegangen. Nur diesen Brief hier hat sie uns hinterlassen und danach haben wir nie wieder ein Lebenszeichen von ihr erhalten.

 

Petra:         Ganz schön traurig, diese Ungewissheit.

 

Friedrich:   Wo mag sie nur sein, meine Mutter?

 

Anna:        Das mein Friedrich einfach fast drei Jahre lang das Pflegegeld für sie weiter kassiert hat, dafür hat er seine Strafe abgesessen. Aber jetzt nach all den Jahren sollten wir endlich Abschied von unserer Oma nehmen. Und das will ich jetzt gerne mit euch zusammen tun.

 

Alle:          (nun recht bedächtig)

 

Anna:        Friedrich. Kinder. Ich denke, wir sollten auf dem neuen Friedhof eine Grabstelle kaufen und da einen Gedenkstein für Oma draufstellen. Mag der liebe Herrgott wissen wo sie nun ist. – Aber ich denke wir sind ihr das schuldig.

 

Peter:         Das ist eine gute Idee.

 

Friedrich:   Ja Anna, die Idee hätte sogar von mir sein können.

 

Petra:         Mutter, das ist ganz großartig.

 

Anna:        Wir wissen nicht, was damals in Omas Kopf vorgegangen ist. Sie hat uns hier nur auf diesen Zettel geschrieben, dass sie eine Schiffsreise machen wolle. Und sicherlich war sie nicht ganz bei Sinnen als sie das getan hat. – Aber das sie nie gefunden worden ist und wir nie ein Lebenszeichen von ihr erhalten haben, kann ich bis heute nicht verstehen. (muss schlucken)

 

Friedrich:   (und Petra holen auch ein Taschentuch hervor)

 

Francesco: (sieht dies, tut dann gleiches, schaut dann nach oben) Omama, wo bist du nur hin?

 

Anna:        Wenn es euch nichts ausmacht, lasst uns hier in dieser Stunde zusammen Abschied von Friedrichs Mutter nehmen mit einem Abschiedssegen. (blättert im Gesang- bzw. Gebetbuch)

 

Alle:          (falten die Hände, senken die Köpfe)

 

Anna:        (ist während sie sprach, aufgestanden) Liebe Schwiegermutter... (schaut Petra an)

 

Petra:         Liebe Oma... (schaut Friedrich an)

 

Friedrich:   Liebe Mutter...

 

Anna:        Wir, deine Familie, sehen dich noch so vor uns, wie du auf diesem Bild hier aussiehst. (schaut darauf) Mit deinem blau-bunten* Lieblingskleid von damals und deinem schwarzen Hut*, den du immer so gern getragen hast. Wir haben dich nie vergessen, und das tun wir auch in und nach dieser Stunde hier nicht. Wo auch immer du nun sein magst, Liselotte Hansen – Der Dreieinige Gott segne und bewahre dich zur Auferstehung des Lebens. Amen. (*so beschreiben, wie die Kleidung aussieht, welche Liselotte gleich tragen wird, wenn sie herein-kommt)

 

Alle:          Amen.

 

Francesco: Estremitá.

 

10.Szene

 

Liselotte:   (platzt exakt nun herein, trägt die Kleidung die von Anna beschrieben wurde, trägt zwei Koffer, die sie schnell fallen lässt, macht ein fröhliches Gesicht, breitet beim Hereinkommen die Arme aus) A M E N !!!

Alle:          (unfassbar erstaunt und äußerst erschrocken)

 

Friedrich:   M a m a !

 

Liselotte:   Ja! Da bin ich wieder. Habt ihr den Tee schon fertig?

 

 

 

Schneller Vorhang

 

Ende des zweiten Akts

 

 

 

 

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Dritter Akt

 

                  (Zwei Tage später. Wenn der Vorhang sich öffnet, sitzen Liselotte, Friedrich und Bianca am Tisch. Petra schenkt allen ein Glas Wein ein. Es ist später Nachmittag, etwa 17 Uhr. Liselotte ist geistig völlig klar, aber sie geht etwas gekrümmt, benötigt auch einen Stock zum Gehen)

 

1.Szene

 

Bianca:      Wie ist das denn jetzt genau gewesen? Nun erzähl doch endlich.

 

Liselotte:   Ach Bianca-Kind; ich musste die Geschichte schon so oft erzählen. Ich bin gerade mal zwei Tage wieder zurück, und das ganze Dorf ist fast hier gewesen, um mich zu besuchen. Und jedem musste ich alles in jeder Einzelheit berichten.

 

Friedrich:   Na ja, du musst die Leute verstehen. Das ist ja immerhin eine Sensation, wenn man drei Jahre spurlos verschwunden ist und plötzlich wieder auftaucht – und auch noch gerade in dem Augenblick, wenn deine Kinder hier den Abschiedssegen für dich sprechen.

 

Liselotte:   Vielleicht könnt ihr euch noch darauf besinnen, dass hier zweimal pro Woche ein Zivildienstleistender zu mir kam – damals – vor Jahren.

 

Petra:         Ich erinnere mich ganz gut an diesen Casanova. Okay, er sah gut aus, dass gebe ich zu. – Aber was er mit Oma gemacht hat,... dafür sollte man ihn einsperren.

 

Friedrich:   Einsperren?

 

Petra:         Erzähl du mal weiter, Oma. Ich muss erst einmal nach Leon schauen. (ab nach rechts)

 

 

2.Szene

 

Liselotte:   Sven war für mich nicht einfach bloß ein Zivildienstleistender. (schwärmt ein bisschen) Er hat mir jedes Mal was von seinem Leben erzählt, wenn er zu mir kam. – Wie er sich seine Zukunft vorstellt, wovon er träumte... – na ja, und zuletzt ging mir das gesundheitlich immer besser. Seine Geschichten haben mir gefallen. Und das ich mich nicht aufgegeben habe, verdanke ich alleine Sven. Er hat mir praktisch die Sterne vom Himmel geholt.

 

Bianca:      Ja. So ein junger Mann... kann ich gut verstehen.

 

Liselotte:   Und hier im Haus wurde ich doch die ganzen Tage über von Anna, Friedrich und Petra allein gelassen. Die waren den ganzen Tag auf dem Land oder im Stall am arbeiten, und ich lag hier von morgens bis abends lieblos allein in der Wohnstube. Dabei hat Friedrich doch immer Pflegegeld für mich bezogen. Wofür denn wohl?

 

Friedrich:   Du hast ja recht, Mutter. Wir hätten uns besser um Dich kümmern müssen.

 

Bianca:      Sag mal, Liselotte - wieso eigentlich ist Pflegegeld für Dich bewilligt worden? Dir fehlt doch nichts, oder ?

 

Friedrich:   (zu Bianca): Ähm... also - wirklich pflegen mussten wir meine Mutter nicht. Dass dieses Pflegegeld bewilligt wurde, war wirklich ein Glück. (zu Liselotte): Vielleicht hat Mutter auch ein wenig geschauspielert, als der Kontrolleur damals hier war, nicht wahr - Mutter ?! Es war aber manchmal ein wenig - nun ja - anstrengend mit Dir.

 

Liselotte:   Ach ja - anstrengend war ich? Soso... - Manchmal machen meine Knochen nicht mehr so richtig mit und man muss mich stützen.

 

Friedrich:   Wir hätten uns dennoch besser um Dich kümmern müssen.

 

Liselotte:   Ja, das hättet ihr auch. - Sven hat mich davon überzeugt, dass es so nicht weitergehen konnte mit mir. Er hat gesagt, meine Knochen wären bloß so gebrechlich, weil ich anfangen würde, mich aufzugeben. Und darum würde auch mein geistiger Zustand immer mehr abbauen. Auch mit fast 80 Jahren wäre mein Leben noch lange nicht zu Ende, hat er gemeint. Ich müsste raus, meinte er.

 

Bianca:      Und dann?

 

Liselotte:   Er hat mir immer wieder von seinem Traum in Spanien erzählt. – Das er sich dort ein Haus kaufen wollte; und immer öfter versuchte er mich davon überzeugen, dass ich es wäre, die mit ihm dorthin ziehen sollte. Und ich sei die, mit der er alt werden wollte und die er lieb habe.

 

Friedrich:   (glaubt es kaum) W a s ?

 

Liselotte:   Ja, so habe ich zunächst auch reagiert, Friedrich. Was denkt ihr... so ein junger Bursche von 25 Jahren und eine alte Oma wie ich es bin?

 

Friedrich:   Na ja, so vielleicht nicht, aber...

Liselotte:   Kannst das ruhig zugeben. Ist ja auch so.

 

Bianca:      Und dann bist du wirklich mit diesem Sven nach Spanien geflogen?

 

Liselotte:   Das kam alles so zusammen. Sven hatte eine kleine Erbschaft gemacht, ich hatte Streit gehabt mit Anna, und gerade an diesem Tag wollte Sven dann seine Zelte hier abbrechen und los. Na ja, und Hals über Kopf bin ich dann mit ihm mitgegangen.

 

Friedrich:   Nicht zu fassen. Und das in deinem Alter.

 

Liselotte:   Ich weiß ja selbst nicht, was da über mich gekommen ist.

 

Bianca:      Und Du hast nie geschrieben oder ein Lebenszeichen von Dir gegeben?

 

Liselotte:   Oh doch. – Ich habe geschrieben. Na ja, zuerst nicht. Aber nach einer Woche in Spanien bin ich damit angefangen, damit sich hier keiner Sorgen um mich machen sollte. Ich habe bestimmt 50mal in den letzten beiden Jahren Briefe und Karten an Friedrich und Anna verschickt. – Aber eine Antwort ist nie gekommen, obwohl ich meine neue Adresse immer draufgeschrieben hatte.

 

Bianca:      Ja. – Aber...

 

Liselotte:   Meine Briefe sind hier nie angekommen. Ich habe ja immer Sven zur Post geschickt. Tja, nun hat sich herausgestellt, dass er sie nie abgeschickt hat.

 

Friedrich:   Das ist ja eine Schweinerei.

 

 

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