Lange danach gesucht - auf Ibiza 2012 endlich gefunden
Musiker gesucht

„Walnussmond mit Nougatcreme“

 

 

Komödie in 4 Akten

 

von

 

Helmut Schmidt und Elke Siemers

 

 

 

 

Inhalt:

Anna Thalmann hat eine Tochter von gerade 18 Jahren, einen Ehemann der in der Woche auswärts arbeitet und einen „guten“ Lohn verdient, eine „beste Freundin“, mit der sie täglich ein-zwei Stunden tratscht, sowie einen Wellensittich, dem sie intimstes anvertraut. Ihre Mietwohnung ist groß und hübsch eingerichtet, und sie war noch niemals ernsthaft krank. Sie könnte also eine glückliche Frau sein. Doch der Alltag frustriert sie seit einiger Zeit und sie fühlt sich in ihrer Rolle als treusorgende Mutter und Ehefrau verlassen von ihrer Familie. Die Tochter macht Schwierigkeiten, ihre wenigen Hobbys fangen an sie zu langweilen und wenn ihr Mann Erwin an den Wochenenden zuhause ist, sieht der lieber Fussball oder geht zu seiner Skatrunde, anstatt mit seiner Frau etwas zu unternehmen. Anna hat angefangen, diesen Frust in sich hineinzustopfen – und das im wahrsten Sinne des Wortes – denn sie ißt viel und gerne und hat 20 Kilo Übergewicht. Doch nun will sie was ändern ! Sie bestellt sich Fitnessgeräte im TV-Shop, geht zur Gymnastik-Gruppe, holt sich Schminktipps von ihrer Freundin Sonja; will das Feuer in ihrer Ehe erneut entfachen. Aber ihr Plan ist mühselig und langwierig. Als eines Tages die Waschmaschine defekt ist, taucht der junge, türkische Klempner Mustafa Yldiz auf, der von Anna sofort fasziniert ist – so, wie sie ist. Er lädt sie zu sich ein und bereitet Anna einen unvergesslichen „türkischen“ Abend. Wird Anna schwach und verfällt diesem gutaussehenden jungen Mann oder lernt sie durch dieses Geschehen, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen muss ?

 

 

 

Personen:            3m/3w           2 Bühnenbilder

 

 

Anna Thalmann             -            (ca. 40 Jahre)

Erwin                            -            ihr Ehemann (40-50 J.)

Corinna                         -            beider Tochter (18 Jahre)

Dennis                          -            Freund von Corinna (ca. 22-25 Jahre)

Sonja Roth                    -            Nachbarin (ca. 30 J.)

Mustafa Yldiz               -            Klempner (30-35 Jahre)

 

 

Spielort: Kleinstadt in Deutschland

Spielzeit: Sommer in der Gegenwart

Spieldauer: ohne Pausen ca. 120 Minuten

 

Hinweis: Sie benötigen für eine Inszenierung dieses Werks einen Werbespot, (siehe Seite 21), der Ihnen bei einer verbindlichen Bestellung vom Plausus-Verlag gerne zur Verfügung gestellt wird. Siehe auch Anhang.

 

Sie benötigen des weiteren folgende Musiktitel:

Roy Black: „Irgendjemand liebt auch Dich“;

Gloria Gaynor: “I am what i am“; sowie eine typische instrumentale Bauchtanzmusik. Auf diverse Tonträger im Handel erhältlich.

 

ACHTUNG ! Für die Musikeinspielungen werden bei Aufführungen dieses Werks GEMA-Gebühren fällig.

 

 

1. Bühnenbild:  Akt 1,2, und 4.

 

Die Wohnküche der Familie Thalmann. Das Publikum sieht eine komplette Einbauküche; falls dieses nicht möglich ist, zumindest Schränke, Spüle sowie Kühlschrank. Ein Tisch mit vier Stühlen oder aber eine Eckbank mit zwei Stühlen. Vorne rechts oder links auf einem kleinen Tisch oder aber auf einem Regal an der Wand ein kleiner Fernseher (der Zuschauer sieht die Rückseite vom Gerät); irgendwo in der Nähe der Arbeitsplatte ein CD-Recorder. Irgendwo liegt ein Stapel mit Frauenzeitschriften. An den Wänden hängen Töpfe, Pfannen, ein Regal mit Gewürzen, Dosen mit Kaffee, Mehl, Zucker, sowie ein Korb mit Obst, des weiteren Knoblauch u.a. Der Zuschauer soll den Eindruck bekommen, dass hier gerne gekocht wird. Es hängen einige Bilder und ein Kalender an der Wand, sowie eine Uhr. Bilder von der Kaiserin Elisabeth von Österreich, Lady Diana und Roy Black kleben an der Kühlschrank-Tür. Irgendwo in einer Ecke ein Käfig mit einem Wellensittich oder Kanarienvogel. Auf dem Boden bei der Tür nach rechts eine Personenwaage, darüber ein Plan mit Stift. Es werden zwei Türen benötigt. Eine nach hinten, die zum Flur und dann durch eine weitere Tür, die nicht unbedingt sichtbar sein muss, hinein-bzw. hinaus führt, eine zweite rechts oder links, die zu den anderen Räumen (Schlafzimmer, Kinderzimmer, Bad, u.a.) führt. = im Stück wird hierfür jeweils „rechts“ angegeben =. Alles weitere (Fenster, Blumen u.a.) bleibt der Theatergruppe überlassen. - Beschreibung des 2. Bühnenbilds siehe Beginn 3.Akt.

 

 

        Erster Akt

 

                  (Noch bevor der Vorhang sich öffnet, erklingt der Titel „Irgendjemand liebt auch Dich“ von Roy Black. Ein Montagmorgen, ca. 7:00 Uhr. Wenn der Vorhang sich öffnet, sieht das Publikum einen üppig gedeckten Frühstückstisch, mit Brot, Brötchen, Kaffeekanne, Marmelade, Käse, Wurst, Besteck, ein großes Glas mit Nougat-Creme u.v.a. Auf dem Herd ein Kochtopf, darin kochen noch einige Eier – evtl. mit Dampf sichtbar. Anna steht mit einem – nicht sehr apartem, sondern eher altmodischem Morgenmantel am Herd. Sie trägt Plüsch-Hausschuhe, im Haar einige Lockenwickler, darüber ist ein dünnes Kopftuch gespannt. Erwin sitzt am Tisch und liest die Tageszeitung; er ist bereits fertig mit dem Frühstücken, trägt schon eine Jacke. An einem Stuhlbein lehnt seine Arbeitstasche. Das Lied verklingt langsam ca. 30 Sekunden nach öffnen des Vorhangs)

 

1.Szene

 

Anna:        (schaut zur Uhr, geht zur Tür nach rechts, ruft dorthin:) C o r i n n a !!! – Sieben Uhr durch. Frühstück. (die Eieruhr klingelt, Anna holt mit einem Löffel drei Eier heraus, nimmt den Topf vom Herd, verteilt die Eier auf dem Tisch in bereitstehende Becher, seufzt, öffnet dann das Nutella-Glas, nimmt einen großen Löffel, füllt diesen damit, isst genussvoll – aber so, dass ihr Mann es nicht unbedingt sieht – leckt den Löffel ganz „sauber“, geht dann zu dem Käfig mit dem Wellensittich, nimmt Futter aus einer Dose, füllt die Behälter im Käfig auf, währenddessen:) Ja, Flori – Du bist immer da, wenn man Dich zum Frühstück ruft, nicht wahr ?! Du brauchst keine Extra-Einladung. - Hier – siehste wohl. Guten Appetit. (geht dann wieder zum Tisch, nimmt sich ein Brötchen, beißt ab, dann wieder nach rechts, ruft erneut, diesmal mit vollem Mund:) C o r i n n a !

 

Corinna:    (genervt von dort) Ja doch !

 

Anna:        Das die immer auf den letzten Drücker aus dem Haus muss. Gerade für´s Frühstück muß man sich doch Zeit nehmen. Immer nur hetzen, hetzen, hetzen.

 

Erwin:       (nach einer kleinen Pause:) Johann Hansen ist tot.

 

Anna:        (stellt den CD-Recorder an, es erklingt der Titel „I am what I am“. Aber nur in der Lautstärke, dass der Dialog nicht untergeht. Sie summt das Lied leise mit, beißt wieder von dem Brötchen ab. Anna füllt nun die drei restlichen Tassen mit Kaffee) Johann Hansen ? Hhmm... der war aber doch schon über 80, oder ?!

 

Erwin:       77.

 

Anna:        Ist immer zu früh – egal in welchem Alter.

                   

Erwin:       „Nach kurzer schwerer Krankheit“, steht hier. Weißt Du was davon ?

 

Anna:        Nee, woher ?

 

Erwin:       Hätte´ ja sein können.

 

Anna:        Soll ich ´ne Beileidskarte hinschicken ?

Erwin:       Wenn noch eine im Haus ist...

 

2. Szene

 

Corinna:    (kommt von rechts herein. Eine flotte, schlanke junge Frau; ist hübsch gestylt, dezent geschminkt, trägt schicke Kleidung, ist zunächst sehr gut gelaunt) Morgen.

 

Anna:        Morgen Corinna.

 

Corinna:    (geht zum Kühlschrank, nimmt eine Flasche Multivitaminsaft heraus, setzt sich an den Tisch, nimmt sich eine Scheibe Knäckebrot, gießt sich ihren Kaffeebecher voll mit dem Saft, trinkt und ißt – das Knäckebrot ohne Belag und ohne Margarine) Morgen Papa.

 

Erwin:       Hhm ? - Ja, guten Morgen.                

                 

Anna:        (sieht nun, was Corinna ißt) Kind ! Trockenes Knäckebrot... Das hältst Du doch nicht durch. Jeden Morgen das selbe. Komm, iss Dein Ei, schmier Dir ein paar Brötchen, (schneidet ihr schon eins entzwei) trink eine schöne heiße Tasse Kaffee oder Kakao und...

 

Corinna:    M a m a, bitte ! Muss ich Dich ernsthaft erneut aufklären, wie viel Cholesterin so ein Gallus-Produkt enthält ? Sicher nicht.

 

Anna:        Ja aber, dann iss doch zumindest...

 

Corinna:    Deine Margarine hat zuwenig ungesättigte Fettsäuren, über die Brotinhaltsstoffen und die Arbeitsweise der sogenannten Fachkräfte in einer Backstube mit eben diesen Produkten schweigen wir lieber. Über Wurst und Kaffee hatte ich wohl gestern ein Referat gehalten.

 

Anna:        Aber Du musst doch was essen !

 

Corinna:    Tu ich doch. Siehst Du ja. Und ich lebe noch. Ich fühle mich pudelwohl. Mein tolles Aussehen verdanke ich nur meiner bewussten Ernährung. (dann zaghaft) Vielleicht solltest Du auch endlich mal...

 

Anna:        (schnell) Kein Wort, ja !? – Du weißt ganz genau, dass ich alles dafür tue – seit Wochen.

 

Corinna:    Du tust was wofür ?

 

Anna:        Dafür, dass ich etwas Gewicht verliere.

 

Corinna:    Aha. - Ist ´n Teufelskreis, nicht wahr ?!

 

Anna:        Was ?

 

Corinna:    Na, Gymnastik dreimal die Woche, Dein neuer Power-Trainer, Schlankheitspillen in acht verschiedenen Sorten - und nicht zu vergessen – Dein Nutella-Glas !

 

Anna:        Was soll das heißen ?

 

Corinna:    (nimmt das Nutella Glas, öffnet den Deckel) Mutter; keiner in unserer Familie isst dieses Zeug. Papa nicht und ich schon gar nicht. Aber dennoch ist dieses Glas hier schon wieder halb leer. Und dabei hast Du es gestern erst gekauft. Was nützt Dir die ganze Anstrengung und Bewegung ? Du schwitzt das Fett hinaus und wirfst die Kalorien mit diesem Schoko-Kram wieder in Dich hinein. (deutet auf das Nutella-Glas)

 

Anna:        (holt tief Luft, weiß aber nicht spontan, wie sie sich daraufhin wehren soll; dann:) Würdest Du bitte mal mitkommen ?! (geht zur Personenwaage, steigt hinauf) Na ? Was sagst Du jetzt ?

 

Corinna:    (geht hin, schaut auf die Anzeige, dann auf den darüberhängenden Plan) Exakt das gleiche Gewicht wie gestern, Mutter. Tut mir leid, aber das kann mich nicht beeindrucken.

 

Anna:        Pah, Du musst ja wohl das Gewicht der Lockenwickler abziehen.

 

Corinna:    (muss lachen) Oh ja...

 

Anna:        Die habe ich gestern nicht getragen – und habe sie vorher gewogen. Das macht genau 220 Gramm die Du abziehen musst.

 

Corinna:    (geht zum CD-Recorder, stellt die Musik ab) Tatatata... meine Mutter hat 220 Gramm abgenommen. Das wird die Schlagzeile des Tages. „I am what I am“ – Mutter, leg Dir schnell ein neues Lieblingslied zu. Wie wär´s jetzt mit „I´ve lost my pounds, I´m happy“ ? (singt diesen Text evtl. mit selbst erfundener Melodie)

 

Anna:        Ich weiß, dass ich etwas Übergewicht habe. Aber das kriege ich schon in ´n Griff. Du hungerst dich noch mal zu Tode, Corinna.

 

Corinna:    Mutter – ist doch egal. Lass uns nicht schon wieder streiten. Aber bitte lass mich selbst entscheiden, was ich an Nahrung zu mir nehme, ja ?! Lässt du mich in Ruhe, werde ich auch keine ironischen Bemerkungen mehr über Deine Figur machen.

 

Anna:        Wieso muss ich mir das eigentlich anhören ? Von meiner eigenen Tochter. – Erwin, sag doch auch mal was dazu !

 

Erwin:       (schaut jetzt von der Zeitung auf) Was ?

 

Anna:        Deine Tochter provoziert mich !

 

Erwin:       (liest schon weiter in der Zeitung, eher nebenbei:) Corinna, provoziere Deine Mutter nicht.

 

Anna:        (sieht ihn nur strafend an; ironisch:) Wow, das hat aber gesessen ! – (dann wieder zu Corinna) Und wenn Du den Bus noch kriegen willst, dann schau mal zur Uhr. Ist ja kein Wunder, wenn Du keine Zeit zum Frühstücken hast. Bis mitten in der Nacht unterwegs; aber morgens nicht aus den Federn kommen.

 

Corinna:    Mutter – ich bin 18.

 

Anna:        Ja und ? Das nimmt mir jetzt das Recht, Dir die Wahrheit zu sagen ?

 

Corinna:    Natürlich nicht, Mutter. Aber - bevor ich es vergesse; also – ich hab´ Euch da noch etwas mitzuteilen.

 

Anna:        (kommt interessierter an den Tisch, ist erschrocken) Oh Gott. Das ist doch nicht etwa der Moment, vor dem sich alle Mütter fürchten ?

 

Corinna:    Bitte ?

 

Anna:        Kind, Du willst uns doch nicht etwa mitteilen, dass Du ausziehen willst ?

 

Corinna:    Oh nein, zumindest nicht in den nächsten Wochen. Miete zahlen ist doch völlig out – außerdem kaufe ich mir lieber neue Klamotten von dem Geld. Es ist... nun, wie soll ich sagen ? – Also...

 

3. Szene

 

Dennis:      (kommt von rechts herein. Er trägt nur Boxershorts. Kommt mit nackten Oberkörper herein, das Haar wirr auf dem Kopf, sieht verschlafen aus, gähnt, streckt die Arme) Morgen.

 

Anna:        (muß sich an den Tisch festhalten) Mor...morgen.

 

Corinna:    (ist über die jetzige Situation auch überrascht und schämt sich etwas) Oh...

 

Erwin:       (sieht nun auch kurz zur Tür nach rechts)

 

Dennis:      Ist Kaffee da ?

 

Anna:        (schluckt, versucht dann aber sehr cool mit der Situation umzugehen) Kaffee ? Klar doch. Mit Milch und Zucker ? (holt schon eine Tasse hervor)

 

Dennis:      Nein danke. Schwarz bitte.

 

Erwin:       (schaut seine Frau verblüfft an)

 

Corinna:    (geht zu ihm) Dennis – Dein Auftritt kommt nun aber etwas plötzlich. Ich wollte meinen Eltern gerade von Dir erzählen.

 

Dennis:      Eh Zuckerschnecke – gibt´s irgendein Problem ?

 

Corinna:    Mausi bitte. – Also – das ist Dennis. – Dennis; meine Mutter, mein Vater.

 

Dennis:      Hi.

 

Erwin:       (ebenso) Hi.

 

Anna:        Ja, aber hi ! (reicht ihm einen Becher mit Kaffee) Bitteschön.

Dennis:      Eh Mann, spontane Bedienung – geil. (trinkt)

 

Anna:        Ja, echt geil hier, nicht wahr ?!

 

                  (kurze Pause)

 

Erwin:       Junger Mann – was denken Sie, wer wird Deutscher Meister ?

 

Dennis:      Schwer zu sagen – aber als Bayern-Fan würde ich mir natürlich wünschen...

 

Erwin:       (ist spontan aufgestanden, schüttelt ihm die Hand, sehr erfreut) Na, das ist mal ´n Wort. Herzlich willkommen in unserer Familie.

 

                  (es hupt ein paarmal)

 

Erwin:       Oh, Paul ist da.

 

Dennis:      Auch Bayern-Fan ?

 

Erwin:       Aber immer. (schnappt sich seine Tasche, setzt einen Hut auf) Wir müssen uns mal unterhalten – achwas – wir müssen mal zusammen ins Stadion. Am Freitag abend bin ich wieder zurück.

 

Dennis:      (überrascht) Meinetwegen.

 

Erwin:       Wir seh´n uns. (schon abgehend nach hinten, dann in der Tür) Ich freu mich.

 

Anna:        Erwin !

 

Erwin:       (dreht sich nochmal um) Ja ?

 

Anna:        Haben wir nicht irgendwas vergessen ?

 

Erwin:       Wir ? Ich weiß nicht. Also... (dann fällt es ihm ein, gibt Anna einen Kuss auf die Wange) Tut mir leid. Bis Freitag, Anna. Und schön munter bleiben. – Tschüß Corinna.

 

Corinna:    Tschau Papa.

 

Erwin:       Auf wiedersehen, junger Mann.

 

Dennis:      See you Friday, Mister Thalmann.

 

Anna:        Fahrt vorsichtig.

 

Erwin:       Immer doch. (ab)

 

Anna:        (schließt die Tür)

 

 

 

4. Szene

 

Anna:        (seufzt) Tja, da geht er wieder dahin – unser Vater, und lässt uns die ganze Woche allein.

 

Dennis:      Arbeitet auswärts, der gute Alte ?

 

Anna:        So ist es.

 

Dennis:      Krass. Das wär´ nichts für mich. Vor allem – 5 Tage ohne Frauen und ohne Sex – voll uncool.

 

Anna:        (glaubt fast nicht, was sie da hört) Großer Gott...

 

Corinna:    Dennis, das ist meine Mutter !

 

Dennis:      Ja, Du sagtest es bereits, Püppi.

 

Anna:        Nun ja, irgendwo muß das Geld ja schließlich herkommen, wenn man leben will. Denn Kleidung, Brot und Kaffee will ja schließlich bezahlt werden, nicht wahr ?!

 

Dennis:      (trinkt wieder) Klar, seh´ ich auch so.

 

Anna:        Corinna, Du hast mir nicht vielleicht irgendetwas zu sagen ?

 

Corinna:    Mama, Dennis und ich... das geht schon ein paar Tage. Und wir wollten gerne mal eine Nacht zusammen verbringen. Ist doch nichts dabei. – Ja, okay, ich hätte Papa oder Dich vorher fragen sollen – aber, Mensch, ich bin doch wohl mit 18 Jahren langsam alt genug.

 

Anna:        (kurz) Sicher. Natürlich bist Du das. Es tut mir leid, dass ich etwas unfreundlich war.

 

Corinna:    Und die Geschichte von den Bienchen und Blümchen kannst Du Dir auch sparen. Das hast Du zwar versäumt, als ich 12 war; aber ich weiß über alles bestens bescheid.

 

Anna:        Ja sicher; warum auch nicht ?

 

Corinna:    Mama, das klingt nun echt ´n bißchen nach „beleidigte und eingeschnappte Leberwurst“.

 

Anna:        Nein nein – ist schon gut. - Und... junger Mann - wie verdienen Sie ihr Geld so, wenn ich nicht zu indiskret bin mit dieser Frage ?

 

Corinna:    (schnell) Dennis ist Künstler, Mama.

 

Anna:        Künstler, aha. – Was künstlern Sie denn so ?

 

Dennis:      Ich male.

 

Anna:        Sie malen. – Schön. Und wo kann man Ihre Bilder kaufen ? Wo war Ihre letzte Vernissage?

 

Dennis:      Nun, ich male eigentlich mehr auf der Strasse. Hauptsächlich Passanten in der Fussgängerzone, zum Beispiel. Ich warte noch auf den großen Durchbruch. Aber das kann nicht mehr lange dauern.

 

Corinna:    Dennis kann Dich doch auch mal zeichnen, Mama. Das macht er großartig. Ich habe ihm vorgestern Modell gestanden. 4 Stunden lang.

 

Anna:        Wie bitte ? Vier Stunden ?

 

Corinna:    Ja sicher. Bei mir war es ja nicht nur ein Portrait. Dennis hat mich ganz gemalt. Jeder einzelne Körperteil ist auf dem Bild zu sehen. Ein wunderbarer Akt. - Nicht wahr, Spatz ?! (Kuss, schwärmt dann:) Es war genauso wie bei Rose Dewitt-Beaucater und Jack Dawson auf der Titanic. (erneuter Kuss)

 

Dennis:      Exakt, Honey. Ja, ich denke auch, dass es mir ganz gut gelungen ist. (Kuss)

 

Anna:        Und wenn Du mir jetzt noch sagst, dass Du auch noch nackt warst, als er Dich gezeichnet hat, dann...

 

Dennis:      Na klar war sie nackt – ich, als Künstler brauch Inspiration. Diesen makellosen, schlanken Super-Körper von Corinna kann man einfach nur nackt malen. - Rose trug auf der Titanic auch nur das Herz des Ozeans.

 

Anna:        (etwas böse) Ja, bin ich hier im Kino ? Ich hab den Film leider nicht gesehen, Herr... – Dawson ! - Tut mir leid, wenn ich nicht alles verstehe von dem, was Sie sagen.

 

Corinna:    Du solltest auch öfter ins Kino gehen, Mama.

 

Anna:        Und mit wem, bitteschön ? Dein Vater ist die ganze Woche nicht zuhause. – Und am Wochenende – der und Kino. (kurzes Schweigen, dann schon abgehend nach rechts) Ich hab Wäsche heute. Am besten, ich stell die Maschine gleich an. – Der Tisch ist noch gedeckt, junger Mann. Wenn Sie etwas wünschen, was nicht auf dem Tisch steht, wenden Sie sich an meine Tochter. (will ab, bleibt an der Tür stehen, dreht sich nochmal um, dann barsch:) Die Eier sind noch warm ! (ab nach rechts)

 

Corinna:    Mama...

 

5. Szene

 

Dennis:      Die ist ja gut drauf – Deine Mam. (setzt sich an den Tisch, schmiert sich ein Brötchen, „köpft“ ein Ei)

 

Corinna:    Dennis, das war irgendwie... (kann sich jetzt aber auch das Schmunzeln nicht verkneifen) ...völlig abgefahren. Vor meinen Eltern steht am frühen Montagmorgen ein fremder, fast nackter, wenn auch gutaussehender Mann und tut so, als wäre er hier zuhause.

Dennis:      Locker bleiben, Baby. Ist doch straight abgegangen. Womit hast Du ein Problem ?

 

Corinna:    Du solltest Dich jetzt anziehen und gleich mit mir rausgehen. Und am Wochenende ziehst Du Dir mal schicke Klamotten an und wir versuchen das Vorstellen am Besten nochmal.

 

Dennis:      Sweety – ich dachte, wir legen uns gleich nochmal ab – (neckisch) so nach dem Frühstück – ein bißchen neue Power für mich... Na ? Keine Böcke ? (schmiert sich Nutella, Marmelade, Fleischsalat u.a. abwechselnd auf´s Brötchen, nascht hier und da, indem er mit dem Messer aus allen Gläsern und Bechern etwas herausholt und es auch mit dem Messer ißt)

 

Corinna:    Wenn ich das Abi schaffen will, müßte ich schon längst auf dem Weg in die Schule sein. – Bitte Schatz, mach´ es nicht noch schlimmer, als es ohnehin schon ist. (trinkt ihren Saft) Meine Mutter ist zwar eine modern denkende Frau, aber so ´ne Situation  wie vorhin ist einfach zuviel für sie. Wenn sie mit sowas konfrontiert wird, denkt sie wie in den 50er Jahren. – Und wir sollten es nun dabei belassen; und wir legen uns nicht nochmal ab, ja ?!

 

Dennis:      War ich nicht gut, heute nacht ?

 

Corinna:    Dennis – bitte !

 

Dennis:      (ißt und trinkt seinen Kaffee) Okay okay; Einspruch also abgewiesen.

 

Corinna:    Und hör bitte auf, Dir dieses ungesunde Kram hineinzustopfen. Es reicht doch, wenn meine Mutter als schlechtes Beispiel voran geht.

                 

Dennis:      Eh, schmeckt doch lecker schlecker.

 

Corinna:    Ja, lecker-schlecker und total ungesund. (schaut auf ihre Armbanduhr) Ich muß jetzt wirklich los. Bitte zieh´ Dich an, mach´ Dich frisch und verschwinde auch hier, ja ?! (Kuss, geht dann nach rechts, kommt mit einer Schultasche zurück)

 

Dennis:      Ja doch.

 

Corinna:    Ich kann mich auf Dich verlassen ?!

 

Dennis:      Eh Mann – nu bleib´ mal geschmeidig, ja ?!

 

Corinna:    Ich ruf Dich heut´ abend an. (schon an der Tür nach hinten) Übrigens – Du warst wunderbar heute nacht.

 

Dennis:      (zeigt ihr den erhobenen Daumen, wirft ihr noch einen Kuss zu) I´ll always do my very best, Sweetheart.

 

Corinna:    Ach Du... (glücklich ab)

 

6. Szene

 

Dennis:      (ißt weiter)

 

Anna:        (kommt nach einer kleinen Pause dann schimpfend zurück) Verfluchter Mist auch... (kurzes Schweigen, schaut Dennis skeptisch an) - Ist äh... Corinna schon weg ?

 

Dennis:      (nickt) Hhmm. Ist sie !

 

Anna:        Sagen Sie – junger Mann – Sie kennen sich nicht vielleicht mit Waschmaschinen aus ?

 

Dennis:      (ironisch:) Waschmaschinen... das sind doch diese Teile, wo man dreckige Klamotten reinwirft um sie dann mit Wasser, Pulver und Elektrizität wieder sauber zu kriegen; hab´ ich recht ?

 

Anna:        (leicht genervt von diesem „Witz“) Bingo; aber voll ins Schwarze.

 

Dennis:      Sorry, war ´n Joke. Nun ja... kommt drauf an, was Sie unter „auskennen“ verstehen.

 

Anna:        Die Tür geht nicht mehr auf. – Ich hatte gestern abend noch ´ne Ladung Buntwäsche. Ist auch mein Jogging-Anzug dabei – na ja, muß doch um 11 zur Gymnastik. Und nun geht die Tür einfach nicht auf. Ich hab´ doch nur den einen Jogging-Anzug.

 

Dennis:      Das is Kacke, wa ?! Aber – sicher no problem – ich schau mal. Wo steht denn das gute Teil ? (steht auf, leckt sich die Finger ab, an denen noch Marmelade o.a. klebt)

 

Anna:        (führt ihn nach rechts) Hier vorne rechts. (mit ihm abgehend nach rechts, kurze Pause, dann klingelt es sehr oft an der Haustür)

 

Anna:        (kommt dann zügig wieder von rechts herein, abgehend nach hinten) Ja doch, ja doch, ja doch... (ab nach hinten, öffnet dort die Tür zum Flur)

 

7. Szene

 

Sonja:        (ist schon im Raum, wirkt etwas hektisch. Sie trägt einen sehr aparten Morgenrock oder einen Schlafanzug aus Satin. Sie ist eine junge, schlanke Frau) Morgen Anna. Ach, ich seh´ schon – Du bist meine letzte Rettung. Wenn ich Deinen Frühstückstisch sehe... hier gibt es doch wirklich nichts, was es nicht gibt.

                  Bitte lass mich nicht im Stich, meine Gute.

 

Anna:        (ist mitlerweile auch wieder von hinten dazugekommen, schließt die Tür) Sonja ! Also, Nachbarschaftshilfe in allen Ehren – aber es ist kurz nach sieben.

 

Sonja:        Eben Anna. Eben weil es erst kurz nach sieben ist, brauche ich Deine Hilfe. Die Läden sind doch noch zu. – Und wieso Nachbarschaftshilfe ? Das ist nun auch nicht die feine Art über die beste Freundin zu zitieren.

 

Anna:        Ja, okay – Du bist ja auch meine beste Freundin; wohnst aber eine Etage höher im gleichen Haus und bist somit auch meine (leicht ironisch) beste Nachbarin. Einverstanden ? – Also - was kann ich für Dich tun ?

 

Sonja:        Ich hoffe doch – eine Menge. Ich bin gerade dabei das Frühstück vorzubereiten; da ist mir doch tatsächlich der Kaffee ausgegangen. Hab´ nur noch diesen löslichen. Und H-Milch brauch ich auch – für den Milchschaum, weißt Du ?!

 

Anna:        (muß lachen) Na, was ist denn los, dass Du Dich an einem Montagmorgen so verwöhnen willst ?

 

Sonja:        Ich ? Mich ? – Anna – Du solltest mich eigentlich kennen, ich würde Dich doch nicht morgens um 7 um Kaffee und Milch bitten, wenn das alleine für mich wäre.

 

Anna:        (stockt einen Moment) Das heißt – Du hast wieder – Besuch ?

 

Sonja:        (schwärmt) Er hat mich gestern abend im Lido angesprochen. Gott, was für ein Mann.

 

Anna:        Und dann hat er gleich bei Dir übernachtet ?

 

Sonja:        Das Leben ist zu kurz, dass man sich auch nur eine Stunde langweilen darf. Und ich hasse Langeweile. Ich muß mich beeilen, bevor er wach wird.

 

Anna:        Äh... kenn ich ihn vielleicht ?

 

Sonja:        Antonio ? Woher denn ? Du gehst doch so gut wie nie raus aus dem Haus.

 

Anna:        Danke, dass Du mich an mein langweiliges Leben erinnerst. - Antonio ?

 

Sonja:        (schwärmt wieder) Richtig. Antonia Farisi. Du ahnst nicht, was Männer mit Frauen machen können, damit sie richtig glücklich sind. Ich habe schon einige erlebt, aber nichts ist zu vergleichen mit Antonio.

 

Anna:        Italiener ?

 

Sonja:        Oh ja. Ein richtiger Latin-Lover.

 

Anna:        Sonja – Du traust Dich aber was. Und dann noch mit einem Ausländer. Also – ich könnte sowas nie !

 

Sonja:        Mußt Du ja auch nicht. Du hast ja Deinen Erwin.

 

Anna:        Sag mal - hieß der vom letzten Wochenende nicht Mark ? Mark Müller, oder so ? - Und hörte ich da nicht ähnliches schwärmen ?

 

Sonja:        Mark ? Ach der. Nee nee, das war wohl doch nicht das wahre für mich. Außerdem hat der immer die Socken anbehalten im Bett. Schreckliche Eigenschaft. – Du, den gibt´s sowieso ja gar nicht mehr. Heißt doch nun Euro Müller; weil´s die Mark doch nicht mehr gibt. (lacht)

 

Anna:        (lacht gestellt mit, findet den Witz aber weniger lustig, weil sie das ganze Erzählte von Sonja weniger „okay“ findet)

 

Sonja:        Aber mit Antonio – da könnte ich mir sogar vorstellen, dass es etwas länger dauert. Wow, wenn Du seinen Körper spüren könntest – diese makelose, braune, muskulöse Haut, diese Augen, dieser Mund...

 

Anna:        Ja ja, jetzt komm´ mal wieder runter. (geht zum Schrank, holt eine Dose mit Deckel hervor, holt ihre Kaffeedose hervor, holt aus dem Kühlschrank eine neue Packung H-Milch)

 

Sonja:        (währenddessen:) Ich hab´ lediglich ein wenig geflirtet. Hab´ zunächst nicht im Traum daran gedacht, ihn mitzunehmen nach Hause. Aber dann... na ja, Du weißt ja, wie schwach Frauen sein können.

 

Anna:        Ja ?

 

Sonja:        Nun ja, Du hast zwar seit mehr als 20 Jahren immer den gleichen Mann an Deiner Seite; eine Sache, mit der ich persönlich überhaupt nicht klarkommen würde. Aber ich denke doch, dass auch Dein Erwin sich manchmal was raffiniertes neues für Dich überlegt, oder?! Ich meine – sonst schläft sie doch ein, so ´ne Ehe, nicht wahr?! (knufft sie) Erzähl doch mal – was denkt Erwin sich aus, damit es bei euch immer wieder prickelt ? – Mir kannst Du ´s doch sagen.

 

Anna:        (steht an der Arbeitsplatte, mit dem Rücken zu Sonja, kann die Tränen nicht mehr verbergen, während sie Kaffee in die leere Dose schüttet)

 

Sonja:        (sieht dies zunächst nicht) Na, nun sag schon. Ich weiß, das ist ein recht pikantes Thema, aber wir beide können uns sowas doch anvertrauen. Ist doch sonst keiner hier, Anna.

 

Anna:        (schluchzt, winkt nur ab)

 

Sonja:        (sieht dieses nun, jetzt leicht besorgt, geht zu ihr) Anna, was ist denn ?

 

Anna:        Ach nichts. Lass mich einfach in Ruhe.

 

Sonja:        Ja, soweit kommt das noch. – Zu blöd, dass ich nicht viel Zeit habe. Stell Dir doch bloß mal vor, Antonio wacht auf, ich bin nirgends zu finden und er – macht womöglich die Fliege. Nicht auszudenken.

 

Anna:        Eben. Darum kümmere Dich nicht um mich und geh wieder hinauf zu Deinem Lover.

 

Sonja:        (kurzes Überlegen, dann plötzlich erfreut aufschreiend) Hach..., der kann ja gar nicht raus !

 

Anna:        Wer ?

 

Sonja:        Antonio. Ich hab doch abgeschlossen von außen. (sitzt schon) Und nun komm schon. 5 Minuten gönn´ ich Dir. Was ist los ?

Anna:        Ach, lass doch.

 

Sonja:        Na Tempo Tempo – avanti, prego. Wenn eine Frau meines Kalibers schon 5 Minuten von ihrem neuen unglaublichen Liebhaber opfert, dann darf man das niemals ignorieren und diese Zeit verplempern. – Also, meine Liebe – meine Lauscher sind geöffnet. Und bitte tacheles !

 

Anna:        Und Du willst das auch wirklich hören ?

 

Sonja:        Wird es nun bald ?!

 

Anna:        (kommt zum Tisch) Na gut. - Es... es wird mir alles zuviel. Nein; es ist... ich bin so unzufrieden, ach – ich weiß auch nicht, wie ich Dir das erklären soll.

 

Sonja:        Erklär´ es so, wie es ist. Was passt Dir nicht ?

 

Anna:        Was mir nicht passt ? – Mein Leben, – meine Familie, einfach alles ! Und vor allem – Kleidergröße 48/50. Es ist schrecklich. Und das bei meiner Größe. – Oder sind es vielleicht meine Hormone, die verrückt spielen ?

 

Sonja:        Ach Anna, das klingt alles gar nicht gut. Aber nichts im Leben ist so schlimm, das man es nicht ändern kann. Vor allem deshalb nicht, wenn man eine Freundin hat, die Sonja Roth heißt. – Gott, Schätzchen, Du läßt Dich aber auch gehen. Wenn ich schon sehe, wie Du wieder rumläufst... diese Lockenwickler – dieser Morgenrock... Gott der Gerechten...

 

Anna:        Danke, Du baust mich echt auf.

 

Sonja:        Nun, ich bin vielleicht manchmal etwas taktlos, aber immer offen und ehrlich. Find ich besser als schweigen und hinterm Rücken klatschen – das ist verlogen.

 

Anna:        (nach einer kurzen Pausen) Du hast ja recht, Sonja. Und ich möchte auch sehr gerne abnehmen; seit Wochen versuche ich das. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie schwer das ist. Und ich möchte auch mein Aussehen verändern, meinen Charakter vielleicht auch ein bißchen. Ich weiß, dass das kaum möglich ist, aber...

 

Sonja:        Du willst einfach nicht mehr Du sein.

 

Anna:        Ja, so ähnlich könnte man es ausdrücken.

 

Sonja:        Oh – Ehekrise ?

 

Anna:        Ehekrise... achwas. Es ist eingefahren in unserer Ehe und in der Familie. Und zwar so sehr, dass es mich nur noch frustriert und ich den ganzen Tag heulen könnte. Corinna wird langsam erwachsen. Den Halt an unsere Tochter kann ich mir also langsam abschminken. Und bei Erwin und mir passiert absolut nichts mehr, was man als Eheleben bezeichnen könnte.

 

Sonja:        (kann das kaum glauben) Nein ? Ist das wirklich wahr ?

 

Anna:        Die ganze Woche ist er auswärts arbeiten. Jeden Montag morgen wird er abgeholt, jeden Freitag abend kommt er zurück. Seit Jahren der gleiche Ablauf.

Sonja:        Ist natürlich dumm, wenn man nur noch die Wochenenden zusammen hat.

 

Anna:        Wenn wir die dann zumindest gemeinsam nutzen würden.

 

Sonja:        Ach, macht ihr nicht ? Ist mir gar nicht aufgefallen in all den Jahren.

 

Anna:        Wie denn auch ? Ich hab´ ja bislang nichts gesagt und allen die treusorgende Mutter und glückliche Ehefrau vorgespielt. – Es ist zum Kotzen, ja. - Entschuldige, aber so ist es. Am Freitag abend kommt Erwin zurück, schiebt sich das Abendessen hinein, was immer pünktlich auf dem Tisch stehen muß; trinkt zwei Flaschen Bier und dann geht er in die Badewanne. Kurz nach acht geht er zum Skatabend und kommt erst nach eins zurück. Samstags vormittags angeln, nachmittags läuft irgendwo ein Fussballspiel. Wenn nicht im Stadion dann im Fernsehen.

 

Sonja:        Meine Güte, das ist ja schrecklich.

 

Anna:        Abends hocken wir dann meistens gemeinsam vor dem Fernseher und schauen und ´ne Quiz-Show oder die Volkstümliche Hitparade an.

 

Sonja:        Oh mein Gott – wie alt seid ihr denn ?

 

Anna:        Sonntags schläft Erwin lange. Und ganz ganz selten – und auch nur, wenn schönes Wetter ist, gehen wir vielleicht mal spazieren am Nachmittag. Aber das passiert auch nur 3 mal im Jahr. Abends dann früh zu Bett, weil er ja Montag wieder früh raus muß. So sieht unser Wochenende aus.

 

Sonja:        Das ist ein Alptraum. Wieso hast Du denn nie etwas gesagt ?

 

Anna:        Sonja, das hat doch seinen Grund, das Erwin und ich keine normale Ehe mehr führen, so wie sie sein sollte. Und ich alleine bin 100%tig der Grund dafür. Er mag mich nicht mehr. Er rührt mich ja auch kaum noch an.

 

Sonja:        W a s ? – Ihr habt nicht mal mehr an den Wochenenden... (stockt) ? Sag, dass das nicht wahr ist !

 

Anna:        Wenn ich Glück hab´ - einmal im Monat !

 

Sonja:        Großer Gott ! - Du hast recht. Hier muß sich was ändern.

 

Anna:        Ich alleine bin der Grund dafür, das es so ist. Ich bin unattraktiv geworden für Erwin. (wieder weinerlicher) Es wird sicher nicht mehr lange dauern, bis er Gefallen an andere Frauen findet und mich verläßt. Vielleicht hat er in Polen ja längst eine andere...

 

Sonja:        Na, das wäre ja wohl noch schöner. Noch bin ich ja da. Schatz, gleich heute Nachmittag kommst Du zu mir hoch. Dann arbeiten wir ein spezielles Programm für Dich aus. Ich werde Dir Schminktipps geben, wir gehen shoppen, ich werde ´ne Stil-und Farbberatung bei Dir durchführen; und auch ein paar Diätpläne mit Dir durchsprechen. Und dann werden wir Deinem Erwin mal wieder etwas Feuer unterm Hintern machen.

Anna:        (hat sich etwas beruhigt, muß jetzt schon wieder darüber lachen, obwohl sie noch weint) Du bist so gut zu mir, Sonja. Hätte ich doch nur ein bißchen mehr von Deinem Charakter.

 

Sonja:        (umarmt sie) Das wird schon. Ich bin ja bei Dir.

 

Anna:        Danke. – Ach, was jammer ich eigentlich herum ? Ich sollte mich schämen. Anderen Leuten geht es bestimmt nicht so gut wie mir. Außerdem war ich noch niemals ernsthaft krank in meinem ganzen Leben.

 

Sonja:        Physisch vielleicht nicht. Aber wenn Deine Seele ´ne Grippe hat, Anna – die will auch kuriert werden.

 

Anna:        (versteht das nicht so ganz) Hä ?

 

8. Szene

 

Dennis:      (kommt zurück) Tut mir leid. Dieses Scheiß-Bullauge ist nicht zu bewegen.

 

Sonja:        Na sowas. Wen haben wir denn da ? (geht schon auf ihn zu, ist sehr angenehm überrascht)

 

Anna:        Oh, Sie hatte ich jetzt ganz vergessen. (steht auf) Sonja – das ist Herr...

 

Dennis:      Mein Name ist Dennis. Für alle einfach Dennis. (reicht Sonja die Hand)

 

Anna:        Ja genau.  (stellt Dennis dann Sonja vor) Meine Nachbarin und Freundin Sonja Roth.

 

Sonja:        Sehr erfreut, Sie kennenzulernen. Sehr attraktiv – und so Textilfrei. (bewundert seinen nackten Oberkörper)

 

Dennis:      (geschmeichelt) Vielen Dank, Lady Sonja.

 

Anna:        Ach ja, Du mußt schon entschuldigen Sonja, dass Dennis hier so... weißt Du...

 

Sonja:        Nein nein, Du mußt mir doch nichts erklären, Anna-Schatz. Wer versteht Deine Situation denn wohl besser als ich ? – Aber Deine kleine Show-Einlage gerade war gut, das geb ich zu. Sogar die Tränen hab´ ich Dir abgekauft. Du solltest Theater spielen.

 

Anna:        Bitte ? Show ? Theater ? Was soll das ? Du glaubst doch nicht im ernst, dass ich mir diesen jungen Mann... also, Sonja !

 

Sonja:        (geht nah an Dennis ran) Ich muß leider wieder hinauf zu meinem Antonio, junger Mann – aber, wir sollten unsere Telefonnummern austauschen, meinen Sie nicht auch ? (legt ihre Hand auf seine nackte Brust, streichelt diesen erotisch; ihre Lippen berühren fast seine) 7-4-3 zweimal die 6... (spricht die „6“ mit leicht scharfem „s“ aus)

 

Dennis:      (etwas perplex, schaut verblüfft drein)

Anna:        (ebenso verblüfft)

 

Sonja:        Können Sie sich das merken ?

 

Dennis:      Ich... ich glaub´ schon.

 

Sonja:        Und der Preis spielt keine Rolle.

 

Dennis:      (schaut verblüfft ins Publikum; Blackout) Ach...

 

Vorhang

 

Ende des ersten Akts

 

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Zweiter Akt

 

                  (ca. 1 Stunde später. Der Tisch ist nun abgeräumt. Anna trägt nun einen etwas altmodischen Rock und einen Pullover oder Bluse. Die Lockenwickler hat sie aus dem Haar entfernt, sie ist aber noch nicht gekämmt und die Frisur sieht noch etwas „unfertig“ aus. Wenn der Vorhang sich öffnet, steht Anna am Telefon, den Hörer in der einen Hand, in der anderen hat sie eine Bürste, versucht damit sich zu kämmen; was ihr nicht gut gelingt, weil sie die zweite Hand nicht frei hat. Außerdem ist sie etwas aufgebracht, wegen der Gesprächspartnerin am Telefon. Auch der Fernseher „läuft“ nun; der Ton ist aber recht leise gestellt)

 

1. Szene

 

Anna:        Es ist nach acht, Fräulein. (schaut auf die Uhr) Ach, was red ich – fast halb neun. Vor über einer Stunde habe ich Ihren Blitz-Service bereits angerufen. Ja, wo bleiben Sie denn ? – Entschuldigen Sie bitte meine dreiste Ausdrucksweise – aber dann müssen Sie sich nicht „Blitz-Service“ nennen. Stellen Sie sich mal vor, es würde sich um einen Notfall handeln; Rohrbruch, oder was weiß ich; dann wäre ich doch schon längst ertrunken. Außerdem handelt es sich bei mir in gewisser

                  Weise ja um einen Notfall. (kurze Pause, dann lauter und direkt:) Liebes Fräulein, wenn Sie 15 Kilo Übergewicht hätten, Ihre Ehe einschläft, sie alles dafür tun würden, damit Sie ein paar Pfunde verlieren, um 10 Uhr zur Gymnastik-Gruppe müssen, und ihr Jogging-Anzug in einer Waschmaschine eingesperrt ist, bei dem sich die beschissene Tür nicht mehr öffnen läßt, und Sie nebenbei einen noch spät-pubertierenden halbnackten Möchte-gern-Künstler – den Sie kaum kennen – bei sich in der Wohnung hätten, bei dem Sie nicht wissen, was der noch so vor hat mit Ihnen, und Ihre beste Freundin glaubt, dass dieses ein Call-Boy ist, den sie sich bestellt haben, dann handelt es sich doch sehr wohl um einen Notfall oder ?! Ja, Sie mich auch. („knallt“ den Hörer wütend auf, holt tief Luft) Blöde Kuh ! (äfft nach) „Wir sind nicht der Flying Pizza Service, meine Liebe. Etwas Geduld müssen Sie schon aufbringen“. – Unverschämtheit. (bürstet sich das Haar, geht nach hinten zum Flur, dort hängt ein Spiegel an der Wand; ist immer noch „geladen“, dementsprechend bürstet sie auch ihr Haar)

2. Szene

 

Dennis:      (kommt von rechts, ist nun angezogen. Er trägt ein Sweatshirt, Lederhose, hat einen Rucksack über die Schultern gehängt, raucht eine Zigarette, hat eine angebrochene Packung Zigaretten und Feuerzeug in der anderen Hand) Mutter Thalmann ?

 

Anna:        (etwas erschrocken, kommt dann zurück ins Zimmer, schließt die Tür zum Flur) Ja? - Ach, Sie sind es.

 

Dennis:      Ich mach´ dann mal die Flatter, ja ?! Muß noch ´n bißchen Kohle scheffeln.

 

Anna:        Oh, Sie haben ja sogar... ich meine, Sie sind ja angezogen.

 

Dennis:      Klaro. Denken Sie, ich bin nackt hierher gekommen ?

 

Anna:        Nein nein, natürlich nicht.

 

Dennis:      Sie sehen übrigens auch ganz verändert aus – und besser als vor einer Stunde, wenn ich das mal tacheles so sagen darf.

 

Anna:        Ja ?

 

Dennis:      Die Lockenwickler – die waren echt krass. Ich dachte erst, das sollte ein Gag sein, bis Corinna mir erzählte, dass sie doch irgendeinen Zweck erfüllen sollen.

 

Anna:        Aha.

 

Dennis:      Tut mir übrigens leid, dass ich Ihnen nicht helfen kann – ich meine – das Problem mit der Wash-Box. (sucht einen Ascher, findet, drückt die Zigarette aus)

 

Anna:        Ist kein Problem. Ich hab´ schon einen Klempner bestellt. Und so wie es aussieht, habe ich gute Chancen, dass der in diesem Jahr noch hier auftaucht. – Aber Ihnen trotzdem vielen Dank. – Und äh... mir tut es leid.

 

Dennis:      Was denn ?

 

Anna:        Diese peinliche Situation mit unserer Nachbarin Sonja vorhin. Das war unmöglich von ihr, dass die dachte, Sie sind ein – na ja – einer, den man sich nach Hause bestellt.

 

Dennis:      Kein Ding, eh.

 

Anna:        Nun ja, mir war es schon peinlich, dass sie dachte Sie und ich hätten... (man merkt jedoch, dass sie diese Vorstellung nicht ganz von der Hand weisen möchte)

 

Dennis:      War doch witzig. Solche Frauen kenn ich.

 

Anna:        Hat aber trotzdem ganz schön lange gedauert, bis Sonja endlich verstanden hat, dass Sie der Freund unserer Corinna sind, nicht wahr?

 

Dennis:      Locker bleiben. Ist doch schön zu wissen, dass es sowas wie diese Sonja gibt. Na ja, wenn man grad nix festes an der Hand hat. - Ich hab´ die Nummer mal gespeichert. Für alle Fälle. Und wenn sie auch noch dafür zahlen will...

 

Anna:        Wie ?

 

Dennis:      Die Telefonnummer ! Von dieser prallen Sonja.

 

Anna:        (erbost) Das ist doch nicht Ihr ernst ?

 

Dennis:      Mensch, Mutter Thalmann - Ich bin treu, keine Angst. Ich liebe Corinna, ehrlich. Und nur sie. – Eh Mann, das war nur ´n Gag, Frau Thalmann. Nehmen Sie doch nicht alles so ernst. Vor allem nicht das Leben. Mach ich schon seit Jahren nicht mehr.

 

Anna:        Beruhigend.

 

Dennis:      (geht zur Arbeitsplatte der Einbauküche; dort steht noch der Brötchenkorb mit den restlichen Brötchen, er nimmt sich zwei) Ist es okay, wenn ich mir zwei von diesen Teilen einstecke ?

 

Anna:        Ja sicher. Ich kann Ihnen auch noch welche schmieren, wenn Sie möchten.

 

Dennis:      Nee danke, das geht schon so. (nimmt seinen Rucksack vom Rücken, öffnet diesen, legt seine Zigarettenpackung und das Feuerzeug derweil auf die Arbeitsplatte, verstaut die Brötchen, schließt den Rucksack) Und vielen Dank für das Frühstück. Hab´ lange nicht mehr so gut gespachtelt.

 

Anna:        Gespachtelt... Oh bitte, gerne. - Tja... dann viel Glück beim Malen – oder wie sagt man ? Und – besuchen Sie uns doch mal wieder.

 

Dennis:      Mach ich glatt. (an der Tür nach hinten) Schönen Tag noch, Mutter Thalmann. (er vergisst seine Zigaretten) Und – straight on.

 

Anna:        Ebenso --- Dennis. (zu sich selbst:) Was auch immer das bedeuten mag.

 

Dennis:      Ich glaub, Sie sind doch gar nicht so verklemmt, wie ich zunächst dachte. Mutter Thalmann - Tschauiii... (ab)

 

3. Szene

 

Anna:        (allein) Mutter Thalmann... Tssss... (schüttelt mit dem Kopf, seufzt, geht dann zu dem Käfig mit dem Wellensittich) Straight on, Flori – hast Du gehört ? Und da wären wir beide wieder allein. Und was nützt es mir nun, wenn ich stundenlang alleine hier in der Wohnung sitze und dabei straight on bin ? Und Du ? Bist Du auch straight on jetzt ? - Ha, diese jungen Leute... – Aber irgendwie ist er doch ganz nett, dieser Dennis, meinst Du nicht auch ? – Okay, er ist etwas verrückt und er redet in einer direkten und etwas ungewöhnlichen Sprache – aber wenn man ihn erstmal etwas näher kennt... zumindest hat er versucht, sich um meine Waschmaschine zu kümmern. Ja ja, Flori, ich gebe zu, er hat es nicht geschafft, die Tür zu öffnen, aber er hat auch keine Gewalt angewandt, das ist doch ein gutes Zeichen, oder ? Na, aufbrechen kann ich das Ding selber. – Ja, Du mußt mich gar nicht so vorwurfsvoll anschauen – Dennis bringt doch zumindest etwas neuen Schwung in unser Haus – in mein Leben – (dann melancholischer:) Okay okay, in das Leben meiner Tochter Corinna, meine ich. (träumt dann einige Sekunden vor sich her, dann fängt sie sich schnell) Okay Flori – es gibt nur ein paar Möglichkeiten. Was soll ich machen ? (geht im Raum hin und her) Heute nicht zur Gymnastik gehen ? Noch schnell einen neuen Jogging-Anzug kaufen ? Die Übungen hier zuhause machen ? Was rätst Du mir ? Hä ? Wie ? – Neuer Anzug ist zu teuer ? Ja, Du

                  hast recht. Da sind bei meiner Größe wieder sofort 100 Euro weg. Aber bis der Klempner kommt, ist es eh Weihnachten. Was soll ich also machen ? (läuft zur Küchenzeile, geht dann zu dem Bild von der Kaiserin Elisabeth) Sisi, ja, Du hast gewußt, wann es Zeit wird etwas zu ändern. Aber Dein Leben war viel schlimmer als meins. Deine Schwiegermutter nahm dir die Kinder; Dein Sohn hat sich das Leben genommen; und deine kleine Tochter ist an einer tückischen Krankheit gestorben. Aber als Du dem Kaiser entglitten bist, da hast Du deine Schönheit eingesetzt und nicht aufgegeben. – (wenden sich dann ab von dem Foto) In Milch hat sie immer gebadet... hat ihre Schönheit unterstützt. Vielleicht sollte Mutter Thalmann das auch mal machen. Was hälst Du davon in Milch zu baden, Flori ? Nichts ? Hhmmm... (etwas traurig und weinerlich:) Keiner liebt mich, Flori. (sie geht zum Recorder, legt evtl. eine andere CD ein, es erklingt dann von Roy Black „Irgendjemand liebt auch Dich“. Sie singt den Text teilweise mit, tänzelt evtl. vertäumt dazu. Nach einiger Zeit schaut sie zum Fernseher, dann interessierter, dreht diesen dann lauter, nachdem sie den CD-Recorder schnell abgestellt hat) HINWEIS: (hier spielen Sie bitte den Werbespot* ab, so dass sie auch von den Zuschauern gut zu hören ist, und der Eindruck entsteht, der Ton würde aus dem TV-Gerät kommen. *Diesen Spot erhalten Sie, wenn Sie sich definitiv für dieses Stück entschieden haben vom Plausus-Verlag) (Anna hört und sieht gespannt zum Fernseher; am Schluss des Spots holt sie schnell Schreibzeug hervor und notiert sich die Telefonnummer, stellt dann den Fernseher ab, bzw. leiser und wählt die Nummer; bekommt dann nach einer angemessenen Pause Anschluss, ist ganz aufgeregt irgendwie) Ja Hallo ? Mutter Thalmann hier. (besinnt sich sogleich) Ach, entschuldigen Sie. Thalmann. Anna Thalmann. Ich habe gerade ihren Werbespot gesehen. Ja, würde ich gerne bestellen. Ja, einmal. Hat sich dieses Produkt denn schon bewährt ? Ich meine, gibt es schon Kunden, die von Erfolgen berichtet haben ? (kurze Pause) Achwas, das klingt ja wunderbar. – Per Nachnahme liefern Sie ? Ja, das ist in Ordnung. Thalmann, Anna. Zeisigstrasse 17, 21244 Dibbersen. – (etwas enttäuscht) 2-3 Wochen dauert die Lieferzeit ? Naja, schade. Ja sicher – wegen der großen Nachfrage. Natürlich. Ja prima. Danke und auf wiederhören. (legt auf) Hast Du gehört, Flori? Bis zu 5 Kilo Gewichtsverlust pro Woche sind drin. Das ist sogar bewiesen. Na ja, zumindest gibt es eine Person, die das behauptet. – Aber was mach ich solange, bis die Ware eintrifft ? Von „straight on sein“ wird mein Körper auch nicht fitter. Hhhm... (geht zur Arbeitsplatte, sieht dort die angebrochene Schachtel Zigaretten, die Dennis vergessen hat, betrachtet diese) Oh, jetzt hat Dennis seine Zigaretten liegenlassen. Na ja...  Bezwecken tun diese stinkenden Stengel eh nichts. (legt sie wieder zurück, überlegt kurz, nimmt die Packung dann erneut in die Hand) Obwohl, Gisela Poppen schwört ja, dass die auch die Pfunde verdrängen. Hhmm... ob ich mal... ? Was denkst Du, Flori? – Aber Du verrätst mich nicht, hörtst Du ?! (nimmt eine Zigarette aus der Packung, heraus, steckt sich diese zwischen die Lippen, zündet sie dann mit dem Feuerzeug an, stellt sich leicht ungeschickt dabei an, zieht daran, bläst den Rauch aus, hustet dann – aber nicht zu sehr übertreiben) Na ja, gewöhnungsbedürftig. Wieviele muß ich denn davon qualmen und wieviel nimmt man denn letztenendes davon ab ? Was ? Weißt Du auch nicht, Flori ? Es stinkt ? Ja, Du hast recht. Was sagst Du ? Du denkst, dass der Gewichtsverlust hierbei nicht unbedingt bei dem Rauchen selbst entsteht, sondern eher beim Besorgen der Zigaretten ? Vom Laufen ? Achso – ja ja, ich versteh Dich, Flori. „Ich gehe Meilenweit für eine Camel“. (zieht nochmal daran, dann klingelt es an der Tür)

                  Oh Sonja, was ist jetzt denn schon wieder ? (geht etwas genervt zur Tür nach hinten, öffnet dann die Aussentür)

 

Mustafa:    (von hinten zu hören) Guten morgen.

 

Anna:        Morgen.

 

Mustafa:    Blitz-Service Hollenstedt. Sie hatten angerufen, weil Sie ein Problem haben ?

 

Anna:        Ach Du meine Güte; ich glaub´s ja kaum. Ja sicher. Kommen Sie herein.

 

4. Szene

 

Mustafa:    (kommt nun herein. Er trägt einen blauen Arbeitskombi oder aber auch Arbeitshose - und Jacke, hat einen Metallkoffer dabei)

 

Anna:        (folgt ihm sogleich, schließt die Tür, ist sichtbar erfreut, dass der Mitarbeiter doch so schnell gekommen ist, legt die Zigarette in den Ascher, drückt diese aber nicht aus) Hach, ich bin ja so froh, dass Sie da sind.

 

Mustafa:    Eine Kollegin hat mir aus der Zentrale über Handy mitgeteilt, dass es sich hier um einen – wie sagt man ? - Notfall handelt. Und ich war gerade hier in der Nähe.

 

Anna:        (schämt sich jetzt ein bißchen) Na ja, Notfall... wenn Sie so wollen. (sieht ihn an)

 

Mustafa:    Nun, wo finde ich das Gerät ?

 

Anna:        Achso, ja – entschuldigung. Es ist die Waschmaschine. Hier nebenan. (geht nach rechts ab, läßt die Tür geöffnet)

 

Mustafa:    (folgt ihr)

 

Anna:        (von dort) Ich krieg die Tür einfach nicht auf. Hab´ die Maschine ganz normal gestartet. Buntwäsche, 40 Grad. Sogar das Energie-Sparprogramm. Auch nicht überladen oder so – alles ganz normal: Einige von Corinna´s T-Shirts, den Schlafanzug von  Erwin, und natürlich meinen Jogging-Anzug. Und darum geht es eigentlich ja auch nur bei dieser Katastrophe.

 

Mustafa:    Hhmm... tja, dann schauen wir mal.

Anna:        (kommt zurück, aber noch nach rechts schauend) Äh... darf ich Ihnen etwas anbieten? Eine Tasse Kaffee oder Tee, oder vielleicht ein Bier ?

 

Mustafa:    Bier am frühen Morgen wäre nicht so gut. Aber zu einer Tasse Kaffee sag ich nicht nein.

 

Anna:        (füllt die Kaffeemaschine mit Wasser, entnimmt den „alten“ Kaffeefilter, legt einen neuen ein, schüttet Kaffee hinein, startet die Maschine. Währenddessen etwas lauter nach rechts:) Finde ich wirklich nett, dass Sie so schnell gekommen sind. Und richten Sie Ihrer Kollegin von der Zentrale doch bitte aus, dass es mir leid tut, wenn ich am Telefon vorhin etwas barsch zu ihr war. (seufzt) Hach, jetzt wird alles gut und ich kann doch noch zur Gymnastik.

 

Mustafa:    Ich muß erstmal lösen das Problem, Frau Thalmann. Dann sehen wir weiter.

 

Anna:        Ja ja – sicher.

 

Mustafa:    Manchmal löst sich nur die Sicherheitssperre nicht; das hatten wir schon öfter.

 

Anna:        (stellt derweil Tassen auf den Tisch, Zucker u.a.) Das werden Sie als Fachmann  ja sicher schnell reparieren. Wissen Sie – um 11 Uhr beginnt nämlich meine Gymnastikstunde; und ich muß den Jogging-Anzug noch trocknen und bügeln.

 

Mustafa:    Und anziehen; hab ich recht ?

 

Anna:        Wie ? – (muß dann lachen) Achso, ja natürlich. – Denken Sie, dass ich noch ´ne Chance hab` ?

 

Mustafa:    Ich werde sehen, was sich machen läßt. – Also, das Waschprogramm ist komplett abgeschlossen, ja ?!

 

Anna:        (geht zur Tür) Ja, ich denke schon. Nur diese Tür läßt sich eben nicht öffnen.

 

                  (es klingelt an der Haustür)

 

Anna:        (geht zur Tür nach hinten, öffnet dann die Außentür)

 

5. Szene

 

Sonja:        (ist schon im Raum, etwas aufgebracht und durcheinander) Sei mir nicht böse, meine Liebe, aber ich brauche nochmal Deine Hilfe.

 

Anna:        (kommt wieder von hinten dazu, etwas genervt) Was darf es denn diesmal sein ? Brot, Eier, was zum Anziehen ?

 

Sonja:        Anna, meine Gute – was zum Anziehen... Tsss... ich glaube kaum, dass wir die gleiche Größe haben.

 

Anna:        (ironisch) Danke, dass Du mich immer wieder so taktvoll an meine „perfekte“ Figur erinnerst.

 

Sonja:        Entschuldige, Herzchen, aber Du kennst ja meine offene Art.

 

Anna:        Eben ! – Großer Gott, Du bist ja immer noch nicht angezogen.

 

Sonja:        Sollte ich ? Antonio hat noch etwas Zeit. Und da haben wir eben im Bett gefrühstückt. (sieht jetzt die noch qualmende Zigarette im Ascher, äußerst erstaunt) A N N A, Du rauchst ?

 

Anna:        Ich... was ? (geht zum Ascher, drückt die Zigarette aus) Das ist nur... ach, Dennis hat die hier liegenlassen.

 

Sonja:        Gott, wenn ich diesen Qualm rieche... ist das herrlich. – Entschuldige, aber ich brauch jetzt eine. (nimmt sich eine Zigarette aus der Packung, zündet sich diese an)

 

Anna:        Sonja, ich denke Du hast aufgehört.

 

Sonja:        Hab´ ich auch – schon vor einem halben Jahr. Aber wenn ich nervös bin... diese Dinger sind das allerbeste gegen nervöse Nerven. (inhaliert den Rauch gierig) Hach, ist das wunderbar.

 

Anna:        Und was ist mit Deiner Gesundheit ? Gerade darum hast Du doch aufgehört, oder ?

 

Sonja:        Ach, hör doch auf. Okay, Nikotin ist wahrscheinlich nicht das gesündeste; aber es gibt Beweise, dass diese kleinen Stengel auch viel positives bezwecken. – Erstmal wirken sie wie Balsam bei solchen Situationen, in der ich mich gerade befinde; andere behaupten, sie sollen sogar schlank machen; wieder andere sagen, dass...

 

Anna:        (hat sich bei dem letzten Satz von Sonja sofort auch erneut ein Zigarette genommen und sich diese angezündet) Siehste. Hat Gisela Poppen also doch recht!

 

Sonja:        (äußerst „baff“) Anna, ich fass´ es nicht. Du mit ´ner Fluppe im Mund – das ist wie, na, als wenn Inge Meysel bei den „No angels“ einsteigen würde.

                 

Anna:        Sonja, bitte. Ich will auch endlich mal etwas ändern –  und jetzt rate mal, was ich mir gerade bestellt hab`. Im Tele-Shopping haben die ein ganz neues Präperat angeboten, da verliert man doch tatsächlich in einer Woche mehr als...

 

Sonja:        Ja, schön. Aber das muß warten. – Anna, ich bin völlig überrumpelt worden von Antonio. Und Du als Ehefrau und Mutter bist die einzige, die mir jetzt helfen kann. (sitzt jetzt, sehr nervös) Zumindest hoffe ich das.

 

Anna:        Aha. Du bist ja richtig durcheinander. Was ist denn passiert ? (setzt sich zu ihr an den Tisch; Anna hat den Ascher von der Arbeitsplatte geholt und auf den Tisch gestellt)

 

Sonja:        Ich weiß selber nicht, was mit Antonio los ist. Ich habe uns vor dem Frühstück einen „American Beauty“ gemixt. Ich wette, das der seine Sinne verwirrt hat. Ich hab´ einfach keine andere Erklärung dafür.

 

Anna:        (versteht nichts) American Beauty, aha.

Sonja:        Ja, Du kennst doch diesen wunderbaren Cocktail, oder ? Ein viertel Kognak, die gleiche Menge Granatapfelsirup, ein achtel Orangensaft, ein viertel trockener Wermut, ein achtel trockenen Rotwein und ein Spritzer Créme de menthe. Ein wunderbares Getränk. - Soviel ich gehört habe, hat man ihn auf der Titanic getrunken. Kann aber auch die Marie Celeste gewesen sein; da bin ich mir nicht ganz sicher.

 

Anna:        Titanic ? Was haben die Menschen heute nur alle mit der Titanic ? Du hast Dich beim Trinken wahrscheinlich gefühlt wie diese, diese... wie hieß sie nochmal ?

 

Sonja:        Rose Dewitt-Beaucater, genau.

 

Anna:        Antonio hat Dich doch aber nicht auch gemalt, mit diesem Coktail-Glas in der Hand und nur bekleidet mit dem Herzen des Ozeans?

 

Sonja:        Nein; wie kommst Du denn auf sowas ? Auf jedenfall haben wir zusammen diesen American Beauty getrunken und dann... - Anna – halte Dich fest.

 

Anna:        Ja ?

 

Sonja:        Er will mich heiraten.

 

Anna:        („platt“) Wer ?

 

Sonja:        Na Antonio – mich.

 

Anna:        Ach Du meine Güte.

 

Sonja:        Das waren auch meine Worte bei seinem Antrag. Okay okay, wir kennen uns jetzt fast 10 Stunden – das sollte doch eigentlich reichen; aber heiraten... ich weiß nicht. Und deshalb... Anna, was soll ich machen ?

 

Anna:        (überlegt, dann plötzlich etwas kurz) Bevor Deine beste Freundin Dir einen guten Rat gibt, erwarte ich von Dir noch eine Entschuldigung.

 

Sonja:        Wofür das denn ?

 

Anna:        Na, überleg mal !

 

Sonja:        (tut dies, dann:) Ja, ich weiß schon. Mann eh, es tut mir leid, dass ich Deinen zukünftigen Schwiegersohn angebaggert habe. Kommt nicht wieder vor. Aber wer konnte das denn ahnen ?

 

Anna:        Du reißt Dich in Zukunft bitte etwas zusammen, was meine Gäste betrifft, ja ?!

                  Ob das allerdings mein Schwiegersohn wird, dass steht noch in den Sternen. Dennis ist lediglich derzeit der Freund von Corinna.

 

Sonja:        Ja ja, ich will ihn ja gar nicht. Ist mir eh viel zu jung. (schaut Anna an, die immer noch etwas pikiert schaut, dann lauter und direkter) Es tut mir leid ! Reicht das jetzt ?

 

Anna:        Na gut. Entschuldigung angenommen.

 

Sonja:        Jetzt hör aber bitte auf mit Deinem Schmollen und die Probleme in Deiner Familie. Nun sag mir doch endlich, was ich machen soll. – Hach, ich bin völlig durcheinander.

 

Anna:        Du willst diesen Italiener doch nicht ernsthaft heiraten ? – Sonja, dazu bist Du viel zu oberflächlich.

 

Sonja:        (erbost) Also... was denkst Du Dir ?

 

Anna:        Hab´ ich denn nicht recht ? Du darfst mir immer alles offen und taktlos vor den Kopf hauen, ja ?! Und ich muß immer nur das sagen, was Du hören willst. Merkwürdige Aufteilung.

 

Sonja:        Ja... Du hast ja sogar irgendwie recht.

 

Anna:        Nicht irgendwie. Das ist die Wahrheit. Und ich habe auch das Recht Dir als meine beste Freundin die Meinung zu sagen; dazu sind Freunde schließlich da.

 

Sonja:        Ja sicher. Also, was rätst Du mir denn nun ?

 

Anna:        Sonja, Du kennst diesen Antonio seit gestern abend. Und es ist nur eine Frage der Zeit, dann legst Du auch dieses Abenteuer zu den Akten. Dann gibt es einen Gilbert, einen Jonny oder Hassan in Deinem Leben. Entschulige bitte, aber so bist Du nun mal. Ich hab´ doch noch vor ´ner guten Stunde gesehen, wie Du Dennis fast mit Deinen Blicken ausgezogen hast.

 

Sonja:        Ja, aber Antonio liebt mich.

 

Anna:        Liebe... - Ihr hattet einen schönen Abend, eine schöne Nacht – alles ist dann rosarot und 1000 Schönwetterwolken hängen voller wohlklingender Geigen – da spricht man schnell von Liebe. Aber heiraten... Sonja, das kann man doch so schnell nicht entscheiden. Ein Eheversprechen – das ist etwas – na, für immer ! Sicher hast Du mit Deiner charmanten Art diesen Antonio die Sterne vom Himmel geholt.

 

Sonja:        Nein, hab´ ich nicht. Ich war wie immer.

 

Anna:        Ein Mann macht einer Frau doch nicht nach einer Nacht einen Heiratsantrag. Ich möchte drum wetten, dass Du irgendwie den Anstoß dazu gegeben hast.

 

Sonja:        Kein Wort ! Ich schwöre.

 

Anna:        Nicht ?

 

Sonja:        Nein !

 

Anna:        Ja dann...

 

Sonja:        Ja ?

Anna:        Ich denke...

 

Sonja:        Nu sag doch endlich !

 

Anna:        Dann lag es wohl doch an diesem American Beauty.

 

Sonja:        Oooohh..., Du machst mich noch wahnsinnig. (steht auf, drückt die Zigarette aus)

 

Anna:        Tut mir leid, aber was soll ich Dir raten ? Ich bin seit 21 Jahren mit Erwin verheiratet; es hat vorher und auch während unserer Ehe nie einen anderen Mann in meinem Leben gegeben.

 

Sonja:        Wirklich nicht ?

 

Anna:        Nein, nie.

 

Sonja:        Nicht mal ein kleiner Flirt ?

 

Anna:        Nein; ich bin eben nicht so wie Du.

 

Sonja:        Danke; ob das allerdings ein so wahnsinnig tolles Leben ist, sei mal dahingestellt.

 

Anna:        Ich bin glücklich – (zaghaft) soweit.

 

Sonja:        (ironisch) Ja sicher.

 

Anna:        Ich hätte in all den Jahren mehr als tausend Gelegenheiten gehabt, Erwin zu betrügen, wenn er doch die ganze Woche auswärts arbeitet.

 

Sonja:        Und warum hast Du´s dann bisher nie getan ? Ist doch nichts dabei. Wenn es zwischen Erwin und Dir zumindest interessant wäre... Hast Du mir nicht noch vor einer Stunde geklagt, dass sie langsam einschläft; Deine – ach so tolle Ehe ?!

 

Anna:        Und wenn schon, daran arbeite ich. – Das hat aber nichts damit zutun, dass ich durch und durch treu bin. Denn das bin ich. Basta !

 

Mustafa:    (von rechts) Ich brauche mal einen Lappen, bitte. Ich hab´ hier einiges nass gemacht.

 

Sonja:        (fällt die Kinnlade herunter)

 

Anna:        (singt fast zurück) Jaaa...

 

Sonja:        (schaut Anna völlig verdutzt an, zeigt schweigend und immer noch „platt“ nach rechts) Er... er hat sich nass gemacht, Anna.

 

 

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