Lange danach gesucht - auf Ibiza 2012 endlich gefunden
Musiker gesucht

    „Der Broadway liegt am

           Mittelmeer“

 

 

 

Komödie in 3 Akten

(5 Bilder)

 

von

 

Helmut Schmidt

 

 

 

Inhalt:

 

Karin Pieper und Theo Freymuth führen gemeinsam ein kleines Reisebüro. Seit einiger Zeit fühlt Karin sich jedoch privat sehr vernachlässigt, und auch überfordert, weil sie das Geschäft mehr und mehr alleine führen muss. Theo ist Hobbymusiker in einer Band, und wegen der Proben kaum noch zuhause. Zum Krach kommt es jedoch, als Theo wegen eines Auftritts nicht einmal den gemeinsam geplanten Urlaub nach Kroatien einhalten möchte. Karin fühlt sich verletzt; doch ihre Freundin Nina rät ihr, sie soll Theo einen Denkzettel verpassen und auf jeden Fall alleine in Urlaub fliegen. Dieses macht sie auch – zum Trotz heimlich mit dem sympathischen Kunden Matthias, der zufällig die selbe Reise gebucht hat, und im gleichen Hotel in Dubrovnik untergebracht ist. Sie schwindelt ihrem Theo jedoch vor, dass sie mit der Burgen-Air zu ihrer kranken Schwester nach New York fliegt... Kurz nach Karins Abflug geschieht jedoch das Unfassbare: Im Radio wird berichtet, dass die Maschine der Burgen-Air auf dem Flug von Frankfurt nach New York über dem Atlantik abgestürzt ist. Alle 164 Insassen sind ums Leben gekommen. Auch Karin, denkt Theo. Stammkunden, denen Karin ihren kostbaren Schmuck vererben möchte nach ihrem Tod, kommen schon mal vorbei um sich den Nachlass unter den Nagel zu reißen. Doch plötzlich kommt Karins Freundin Nina dahinter, dass Karin nie in New York war. Dennoch bleibt Karin unauffindbar für mehrere Wochen. Nach einiger Zeit der Trauer tröstet sich ihr Verlobter Theo schnell mit der Sängerin seiner Band. Doch dann steht Karin plötzlich nichtsahnend wieder mit Koffern vor der Tür...

 

 

 

Personen:   5w/4m -1 Statist  - 1 Bühnenbild-Reisebüro

 

 

 

Karin Pieper                           -           (ca. 25 - 30 Jahre)

 

Theo Freymuth                       -           Verlobter von Karin (25 - 35 Jahre)

 

Uwe Freymuth                       -           Theos Bruder (ca. 30 J.)

 

Matthias Putzer                      -           Kunde (25 - 35 Jahre)

 

Anneliese Biskupek                -           Kundin (50 - 60 Jahre)

 

Elisabeth Koppelkamp           -           Kundin (50 - 60 Jahre)

 

Nina Schäfer                          -           Freundin von Karin (20 - 30 Jahre)

 

Friedhelm Braun                    -           Reporter (25 - 50 Jahre)

 

Daniela Rüther                       -           Sängerin (20 - 30 Jahre)

 

 

 

 

Bühnenbild:

 

Das Bühnenbild zeigt das Reisebüro von Karin und Theo. Es geht eine Tür nach hinten zu den Privaträumen; links oder rechts dient eine zweite als Eingangstür. Falls möglich wäre eine Tür aus Glas sehr schön. Im Raum stehen links und rechts jeweils Schreibtische, darauf viele Büroutensilien wie Prospekte, Schreibzeug, Computer, Taschenrechner, Telefon, evtl. ein Faxgerät u. a. Vor den Schreibtischen stehen jeweils zwei Stühle. Weitere (ca. 3) Stühle etwas weiter vorne rechts oder links für wartende Kunden. An den Wänden links und rechts hängen viele Plakate, die auf Reiseziele bzw. Sonderangebote hinweisen. An den Wänden hinten entweder Kästen oder Regale für Reiseprospekte oder aber viele Plakate. Der Raum kann ansonsten hübsch ausgestattet werden mit großen Grünpflanzen und sonstigen Dekoartikeln (Globus, Strandmatte, Sonnenschirm u. a.) Dieses ist den Spielern überlassen. Es sollte einladend und freundlich wirken. An der Eingangstür evtl. eine Glocke die beim Öffnen und Schließen ertönt.

 

Spielort: Ein größeres Dorf auf dem Land in Norddeutschland

 

Spielzeit: Juni/Juli in der Gegenwart

 

Spieldauer: ohne Pausen ca. 100 Minuten

 

 

 

 

 

Erster Akt - 1. Bild

 

Ein Freitagnachmittag am 19. Juni, ca. 15.00 Uhr. Wenn der Vorhang sich öffnet, sitzt Karin am Schreibtisch, steckt einige Unterlagen in ein Kuvert. Ihr gegenüber sitzt Elisabeth Koppelkamp. Auf einem Stuhl etwas abseits sitzt Matthias Putzer wartend und blättert in einem Prospekt. Er macht eher einen etwas betrübten Eindruck. Karin schaut hin und wieder erfreut zu ihm hinüber. Hinweis: Karin sollte - gut sichtbar - eine Kette, sowie passende Ohrringe dazu tragen. Es sind Erbstücke ihrer Großmutter, dementsprechend "alt", aber auffallend hübsch. evtl. in Gold mit Steinen o.a.

 

1. Auftritt

Karin, Elisabeth, Matthias

 

Karin:So, dann hätten wir eigentlich alles, Frau Koppelkamp. reicht ihr das Kuvert Dann wünsche ich Ihnen einen wunderschönen Urlaub.

 

Elisabeth: Na, das will ich hoffen. Für den Preis kann man ja auch einiges verlangen, nicht wahr?! – Letztes Jahr auf Kreta, das war ja für mich wohl doch nicht das Wahre. Ruhe – ja, aber da war ja nun wohl GAR nichts los. steht auf, Karin auch Und dann fast 40 Grad den ganzen Tag – und das zwei Wochen lang. Wer soll das denn aushalten?

 

Karin: Davor hatte ich Sie vorher aber ausdrücklich gewarnt, Frau Koppelkamp. Wenn man keine Sonne verträgt, ist Kreta im August nicht besonders ratsam.

 

Elisabeth: Jaja, Sie haben ja recht. Aber das war erst unser zweiter Urlaub. Und fast jede von meinen Freundinnen und viele unserer Bekannten sind doch schon auf Kreta gewesen, dann mussten mein Rüdiger und ich doch auch endlich mal dahin.

 

Matthias: schaut hin und wieder auf, hört dem Gespräch zu

 

Karin: schaut ab und zu wieder zu ihm hinüber Ja.

 

Elisabeth: Unsere Nachbarn, die Lehmanns, wissen Sie – die fahren ja nur wegen der Leute in Urlaub. Es geht Gretchen Lehmann einzig und alleine darum, das alle sagen: äfft nach „Oh, Gretchen und Hinni Lehmann sind schon wieder in Urlaub. Drei Wochen Spanien, 14 Tage Maledieven, 10 Tage Kenia. Wie können die sich das nur leisten? Soviel verdient Hinni nun doch auch wieder nicht auf der Werft“. - Was gibt es doch für Leute, nicht?!

 

Karin: Jaja. man merkt ihr deutlich an, dass sie das Gespräch nun gerne beenden möchte

 

Elisabeth: Und wenn die wieder zurück sind . . . Ich sag Ihnen, Frau Pieper – zwei Wochen lang hat Gretchen nichts anderes zu tun, als mit ihren dämlichen Urlaubsbildern loszuziehen, die eh keiner sehen will. Grauenhaft ist das, meinen Sie nicht auch? – Aber in diesem Jahr drehen wie den Spieß mal um. schadenfroh Sie wird vor Neid platzen. prahlt Elisabeth Koppelkamp und ihr Mann fliegen in die Demokratische Republik.

 

Matthias: muss lachen

 

Karin: korrigiert Dominikanische Republik, Frau Koppelkamp.

 

Elisabeth: Jaja, das meine ich ja. Denn dort ist sie auch noch nicht gewesen! Und das freut mich am meisten daran.

 

Karin: Gut, Frau Koppelkamp. Ich hoffe, dass Sie und Ihr Mann dort eine schöne Zeit haben.

 

Elisabeth: Und wenn wir wieder zurück sind, dann werde ich ihr mal mit unseren Fotos auf die Nerven fallen. reibt sich erfreut die Hände Oohh... das wird ein Spaß. Wären wir doch bloß erst wieder zuhause.

 

Karin: weiß nicht mehr, was sie noch sagen soll Hhmm...

 

Elisabeth: Ja, nun sollten Sie aber mal ein Ende finden mit Ihrer Beratung. Ich muss nun auch los. Sie halten mich nur auf, Frau Pieper. Muss noch allerhand  einkaufen, wissen Sie?! Man braucht ja doch sehr viele Klamotten für so ´nen Urlaub. Und mein Rüdiger muss sowieso ganz nötig neue Unterwäsche haben. steht auf  Na, dann haben Sie nochmal vielen Dank, Frau Pieper, für Ihre freundliche Beratung.

 

Karin: Oh bitte. Dafür bin ich doch da.

 

Elisabeth: Und Ihnen und Ihrem Lebensgefährten wünsche ich erholsame Betriebsferien ab morgen.

 

Karin: Sehr freundlich von Ihnen.

 

Elisabeth: Hach, und Sie tragen auch wieder Ihren wunderbaren Schmuck. Ich beneide Sie immer wieder darum. Herrlich - einfach herrlich, Frau Pieper.

 

Karin: Danke. schmunzelt Und Sie wissen ja auch von unserem geheimen Abkommen, Frau Koppelkamp. Ich hab´ es nicht vergessen. Aber - pssssst. legt neckisch den Zeigefinder auf ihre Lippen

 

Elisabeth: lacht Hach, Sie sind ein Engelchen - Sie sind wirklich ein Engelchen. geht dann zur Tür

 

Karin: Wenn Sie das sagen... Und wenn Sie noch Fragen haben sollten; kommen Sie gerne nochmal vorbei. Bis 18 Uhr sind wir heute ja noch da.

 

Elisabeth: Mach ich. Na dann tschü . . . üssiii...

 

Karin: Tschüss, Frau Koppelkamp.

 

Elisabeth: ab nach draußen

 

Karin: schmunzelnd und kopfschüttelnd, schaut dann zu Matthias So, bitte sehr. bietet ihm den Stuhl vorm Schreibtisch an

 

Matthias: steht auf, geht zum Schreibtisch, setzt sich Danke.

 

Karin: Was kann ich für Sie tun?

 

Matthias: Oh, ich denke doch, eine ganze Menge. Also, es ist so: er möchte berichten, wird

jedoch vom nächsten Auftritt dabei unterbrochen

 

2. Auftritt  

Karin, Matthias, Anneliese

 

Anneliese: kommt von draußen zügig herein. Sie ist sehr schick gekleidet, fast ein bisschen „übertrieben" für den Alltag, mit Hut, stark geschminkt, auffällige Kleidung Guten Tag.

 

Karin: sowie Matthias begrüßen sie Wenn Sie bitte noch einen Augenblick Platz nehmen möchten, Frau Biskpek.

 

Anneliese: Wie Sie meinen. geht erhobenen Hauptes zu den „Warte-Stühlen“, setzt sich; macht einen eher überheblichen Eindruck

 

Karin: drückt auf die Taste der Sprechanlage, spricht dort hinein Theo? Theo, kannst Du hier vorne bitte mal kurz mit bedienen? Ich schaff´ das nicht alleine. wartet kurz Theo? Theo bist Du da? zu Matthias Entschuldigung. wartet kurz

 

Matthias:  Oh bitte. Das macht doch nichts.

 

Karin: spricht erneut in die Anlage, diesmal etwas verärgerter Theo! Hörst Du mich denn nicht? wendet sich wieder an Anneliese Einen Moment noch, Frau Biskupek.

 

Anneliese: Jaja, schon gut. Einen Augenblick warte ich gerne. Sie sollten nur wissen, dass auch mein Terminkalender um 16.00 Uhr wieder etwas anderes von mir erwartet. Und ab morgen ist ja geschlossen hier. öffnet ihre Handtasche, holt Taschenspiegel und Puder oder Lippenstift hervor, schminkt sich

 

Karin: Sie werden sofort bedient. zu Matthias So, und nun zu Ihnen.

 

Matthias: Tja, ich würde gerne Urlaub machen.

 

Anneliese: hört dies Tss . . . na, dass er hier kein Pfund Gehacktes kaufen will, dachte ich mir gleich.

 

Karin: sowie Matthias haben diese Bemerkung zwar gehört, reagieren aber nicht darauf

Na prima. Dazu müsste ich erst mal wissen, an was Sie da so gedacht haben.

 

Matthias: Ich weiß gar nicht, ob Sie das überhaupt noch möglich machen können. Es soll nämlich schon so bald wie möglich los gehen. Eigentlich hatte ich in diesem Jahr ganz was anderes geplant, aber... nun ist das eben anders gekommen.

 

Karin: Wir werden sicher etwas für Sie finden. Wissen Sie, die meisten Kunden kommen erst spät, um die Last-Minute-Angebote zu nutzen. Wenn Sie eine bestimmte Vorstellung haben, wo es hingehen soll, kann ich Ihnen auf der Stelle sagen, ob Sie noch ´ne Chance haben.

 

Anneliese: Na, das kann ja dauern. steht auf, geht zu Karin Hören Sie, Frau Pieper – bei allem Verständnis – ich habe keine Lust den ganzen Tag in Ihrem Reisebüro die Zeit totzuschlagen. Um 16.00 Uhr wartet meine Kosmetikerin auf mich. Außerdem buchen wir nun schon seit fünf Jahren hier in Ihrem kleinen Unternehmen. Und es sind immer Ziele, die meinen Gatten und mich mehrere Tausend Euro kosten. Da ist es doch nicht mehr als recht, wenn man prompt bedient wird; oder sehe´  ich das falsch? Seien Sie froh, dass Ihr kleines Geschäft überhaupt noch existieren kann. Im Zeitalter des Internets suchen doch mehr und mehr Menschen diese Reisebüros gar nicht mehr auf.

 

Karin: bleibt freundlich Äh… Sie haben ja recht, Frau Biskupek. Aber wir existieren noch, wie Sie sehen. Außerdem ist es Sommer, und da ist nun mal Hochsaison; und jeder Kunde möchte bedient werden. Und dieser Herr war nun mal vor Ihnen da. Und so wie es in jedem Geschäft zu geht, heißt es auch hier – Einer nach dem Anderem.

 

Anneliese: reagiert gar nicht Dann sollten Sie sich noch einen Mitarbeiter zulegen. In den größeren Reisebüros in der Stadt muss man doch auch nicht warten.

 

Karin: Sicher. Ich habe Ihnen ja auch schon gesagt, dass Sie sich einen Moment gedulden möchten. Mein Kollege wird sich gleich um Sie kümmern.

 

Anneliese: Einen Moment, ja. Das sagten Sie mir aber schon vor einer Minute. Und ich habe gewartet. Also?

 

Karin: ein wenig genervt, und nur noch gestellt freundlich – Sie werden gleich bedient. Bestimmt!

 

Anneliese: Ja, aber doch nicht etwa wieder von diesem Herrn...  Freymuth? Nein, danke, Frau Pieper. Mit dem Herrn wähle ich meine Reiseziele nicht mehr aus.

 

Karin: Ja, aber…

 

3. Aufritt  

Karin, Matthias, Anneliese, Theo

 

Theokommt von hinten herein; macht einen etwas gestressten Eindruck Hallo !

 

Anneliese: leiser, für sich Oh nein – wenn man vom Teufel spricht…

 

Karin: Na endlich. Wo bleibst Du denn? – Sehen Sie, Frau Biskupek. Nun hat das Warten ein Ende.

 

Theo: setzt sich an den zweiten Schreibtisch So, wem kann ich denn etwas Schönes antun?

 

Anneliese: geht zügig zu Karin, schaut Theo beim Vorbeigehen abwertend an  Ich hab´s mir gerade anders überlegt.

 

Theo: Bitte? Wieso das denn?

 

Anneliese: Tja, Herr Freymuth, ich denke doch, dass ich deutlich genug war, oder?!

 

Karin: Aber Frau Biskupek...

 

Anneliese: Sie haben mich schon ganz richtig verstanden. Die letzte Beratung von Ihrem Mitarbeiter war eine Katastrophe – so, wie das Urlaubsziel selbst. Ihr Herr Freymuth denkt doch nur an seinen Vorteil; und darauf verzichte ich liebend gern. schaut Theo wieder abwertend an Ich komme später wieder, wenn SIE Zeit für mich haben, Frau Pieper. Oder ist es ratsam, dass ich mir hier einen Termin hole, wie beim Arzt? Na ja... Es gibt ansonsten ja auch noch andere Reisebüros – nicht zu vergessen das World wide web. Aber ich will Ihnen eine Chance geben. Ich bin in 10 Minuten wieder hier, Frau Pieper. Und dann möchte ich bedient werden. Von IHNEN! Sollte das dann nicht klappen, tja, dann tut es mir leid. erhobenen Hauptes ab nach draußen

 

Karin: Ja aber...

 

4. Auftritt  

Theo, Karin, Matthias

 

Theo: Was sollte das denn nun?

 

Karin: ist die Situation ein bisschen peinlich vor Matthias, steht auf Tja...

 

Theo: Ich denke, ich soll hier mit bedienen, weil es hier so stressig ist. Wo sind sie denn alle, die Anderen? Nur wegen dieser Fregatte rufst Du mich?

 

Karin: Theo…

 

Theosteht auf  Ja, glaubst Du denn, ich lass mich verarschen? Das war doch wohl deutlich genug, das dieses aufgetakelte Weib mit mir nichts zu tun haben will, oder? ist wütend

 

Karin: Dafür kann ich doch nichts. Und es gibt auch keinen Grund, mich hier so anzufahren. Außerdem wird es schon einen Grund haben, wenn Frau Biskupek von Dir nicht bedient werden möchte. Sie ist eine unserer besten Kunden – wenn sie auch etwas schwierig ist. – Und, können wir uns bitte später darüber unterhalten?! sieht ihn strafend an Du siehst doch selbst, das ich noch Kundschaft hab´, oder?

 

Theo: eingeschnappt, ironisch Natürlich, Liebling. Dann gibt es ja für mich wohl nichts mehr zu tun hier. wütend ab nach hinten

 

5. Auftritt  

Karin, Matthias

 

Karin: Ich muss mich schon wieder bei Ihnen entschuldigen, Herr...

 

Matthias: Putzer. Matthias Putzer.

 

Karin: setzt sich wieder Hier geht heute alles ein bisschen drunter und drüber. Vergessen Sie einfach den kleinen Zwischenfall. Also weiter. An welches Reise-Ziel hatten Sie denn so gedacht?

 

Matthias: Tja, ich weiß auch nicht so recht. Was können Sie mir denn empfehlen?

 

Karin: Dazu müsste ich erst mal was von Ihren Interessen wissen. Ob Sie lieber in die Sonne möchten, ob es eher ländlich sein soll; lieber etwas ruhiger oder ein wenig abenteuerlich – das hängt ganz von Ihrem Geschmack ab.

 

Matthias: Einen weißen Strand, das Meer und viel Sonne könnte ich mir schon vorstellen.

 

Karin: Na bitte. Dann wissen wir doch schon was. Waren Sie schon auf Ibiza?

 

Matthias: Ja, letztes Jahr mit meiner… na ja, da möchte ich nicht unbedingt nochmal wieder hin. Zumindest nicht in diesem Jahr. Ist mir auch etwas zu laut und zu teuer.

 

Karin: Verstehe. Und Griechenland? Das Festland, oder vielleicht die Inseln dort?

 

Matthias: Griechenland? Ich weiß nicht.

 

Karin: Sagen Sie lieber nichts. Griechenland liegt nach der Euro-Krise bei den meisten leider immer noch an letzter Stelle. - Hhmmm... Ich finde Kroatien ja herrlich. Zum Beispiel Dubrovnik. Es muss ja nicht immer eine Insel sein. In Kroatien waren mein Verlobter und ich im letzten Jahr schon; und dieses Mal fliegen wir wieder dorthin. Und dabei haben wir noch niemals zwei Jahre hintereinander das gleiche Ziel angesteuert. Sie haben gerade zu dieser Jahreszeit jeden Tag mehr als 10 Sonnenstunden garantiert in Dubrovnik.

 

Matthias: Kroatien. Das klingt gut. Und wenn Sie schon zum zweiten Mal dorthin fliegen, dann muss das ja wirklich ein Traum sein.

 

Karin: Oh ja, es ist wirklich schön. Sie sollten dann unbedingt mal in den Norden fahren. Dieses Land bietet wirklich eine große Fülle an Sehenswürdigkeiten. Und wenn Sie nur relaxen möchten, ist das auch genau richtig. Hach, es gibt doch nichts Schöneres, als an einem schneeweißen Strand zu liegen, sich die Sonne auf die Haut scheinen zu lassen, ein kühles Getränk in der Hand; und neben einem der Mensch, den man gern hat. Geht es Ihnen nicht auch so? schwärmt

 

Matthias: Ja, das ist wohl wahr, aber… ich äh… werde alleine fliegen.

 

Karin: Oh, das hab´ ich nicht gewusst. Tut mir leid. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. blättert dann eifrig in einem Prospekt Da finden wir bestimmt noch was anderes für Sie. Augenblick mal eben.

 

Matthias: Nein, nein, nur weil ich alleine den Urlaub antrete, bedeutet ja nicht, das ich deshalb in die Berge muss, oder eine Clubreise mit Singles brauche. – Dubrovnik klingt sehr gut. Wäre es denn möglich, da noch was zu kriegen, jetzt, so auf den letzten Drücker?

 

Karin: Tja, wenn das so ist... Moment mal. Ich schau grad nach. tippt in den Computer etwas ein, wartet Also, wann könnten Sie denn fliegen?

 

Matthias: Von mir aus sofort. Ich bin bereit und hab´ Zeit. Vier Wochen lang.

 

Karin: nach einigem Suchen und tippen Na, so ein Zufall. Mit einer Maschine schon morgen, dem 20sten wäre noch ein Platz frei. Flug ab Bremen. Vierzehn Tage wären das dann. - Das heißt: Zwölf Tage Aufenthalt in Dubrovnik. 3-Sterne-Hotel, die Zimmer teilweise mit Meeresblick, Dusche, WC, Fernseher, Telefon und Halbpension im Hadrians Palace. Nur wenige Minuten Fußweg bis zum Strand. Sie fliegen mit AirBerlin. Das Hotel kenne ich, und kann ich Ihnen sehr empfehlen. Käme das in Frage?

 

Matthias: Das hört sich fast perfekt an.

 

Karin: Zum Last-Minute-Preis von … ach, Moment – bei Ihnen käme dann ja leider der Einzelzimmerzuschlag dazu. rechnet Hhmm, . . . das wären dann 1.379 Euro.

 

Matthias: überrascht Ooh…

 

Karin: Tja, das ist aber schon der Sparpreis. Aber wie Sie selber bemerkt haben, hat die Euro-Krise die Preise allgemein recht stark ansteigen lassen. Möchten Sie nicht so viel ausgeben? Dann suchen wir eben etwas anderes aus. Wir werden schon was finden. Ich könnte die Halbpension entfernen, aber dann käme für Sie das Geld für die eigene Verpflegung dazu. Es gibt aber vielleicht auch noch ein paar Hotels, die etwas weiter weg vom Strand liegen; da können Sie aber auch sparen.

 

Matthias: Strandnahe Lage ist ja aber auch schön. Und Halbpension ist wunderbar. Es gibt für mich nichts Schöneres im Urlaub, wenn jemand das Frühstück für mich vorbereitet hat und ich nur noch wählen muss. Suchen Sie doch bitte nicht länger. Wenn man einmal im Jahr richtig Urlaub machen will, dann ist das wohl eben so teuer und man sollte sich das auch gönnen.

 

Karin: Und Sie sparen ja dennoch bei dieser Reise. Sehen Sie, normalerweise wäre das fast 400 Euro teurer, wenn Sie vor 6-8 Wochen gebucht hätten. Und dieses Land wird Sie nicht enttäuschen; das kann ich Ihnen versprechen.

 

Matthias: Wenn Sie das sagen. Gut, dann sollten wir es festmachen.

 

Karin: Bestimmt? Ich kann Ihnen gerne noch etwas anderes anbieten.

 

Matthias: Nein, ich bleib´ jetzt dabei.

 

Karin: Wie Sie möchten. muss lachen, holt dann ein Prospekt hervor, blättert darin, zeigt ihm einige Bilder darin Das ist Dubrovnik. Und das ist das Hotel Hadrians Palace.

 

Matthias: Sieht alles sehr schön aus.

 

Karin: muss sich weiterhin ein Lachen verkneifen

 

Matthias: schaut sie etwas verwirrt an

 

Karin: Entschuldigen Sie bitte, das ich lachen muss. Ich hab´ nur gerade daran gedacht, das wir morgen dann im selben Flugzeug sitzen und auch dasselbe Ziel ansteuern.

 

Matthias: Ach, Sie fliegen auch morgen nach Dubrovnik?

 

Karin: Ja.

 

Matthias: Na, das ist ja prima. Dann können Sie mir vielleicht noch was zeigen oder mir mal einen guten Tipp geben – wenn Sie doch schon mal dort waren. Dann schnell Ich meine… falls wir uns da mal über den Weg laufen sollten – zufällig. Sie – und Ihr Mann oder Partner.

 

Karin: Wir werden uns sicher sehen dort. Weil – na ja – mein Verlobter und ich sind sogar im selben Hotel untergebracht wie Sie.

 

Matthias: Ihr Verlobter, ahja. – Vielleicht können wir drei irgendwann mal was trinken zusammen. Das heißt - wenn Ihr Verlobter auch einverstanden ist.

 

Karin: Das machen wir bestimmt mal. Okay, dann lassen Sie uns die Formalitäten erledigen. holt einige Vordrucke aus dem Schreibtisch

 

Matthias: plötzlich  Hhm, ich denke gerade, ich hab gar nicht so viel Geld dabei. Ich hatte nicht daran geglaubt, dass mich eine so freundliche Frau so schnell überzeugen kann und dass ich überhaupt so kurzfristig noch etwas bekomme.

 

Karin: Das ist doch nicht so schlimm, Herr Putzer. Zahlen können Sie auch mit Ihrer EC-Karte. Wir machen soweit erst mal alles fertig. setzt sich an den Computer So – Putzer, Matthias. Die Straße?

 

Matthias: Lerchengang 11.

 

Karin: tippt Hier im Ort, ja!?

 

Matthias: nickt zustimmend Hhmm.

 

Karin: Telefon?

 

Matthias: 80119. schaut auf die Uhr Ich glaube, ich geh aber doch lieber erst mal schnell zur Bank. Ich möchte das bitte bar zahlen - ist so ´ne Macke von mir. Das macht mich ganz verrückt, das ich hier meinen Urlaub buche und kann das nicht gleich bar zahlen.

 

Karin: Macken habe ich auch - oh ja. Herr Putzer - ganz wie Sie möchten.

 

Matthias: Ich bin nun mal so. steht auf Ich geh schnell zur Bank - bin in zehn Minuten wieder zurück, - das heißt - wenn Sie dann schon mit der Beratung von der freundlichen Dame von vorhin fertig sind. Bis dahin können Sie ja schon alles eingeben, ja?!

 

Karin: freundlich schmunzelnd Mach ich. Lassen Sie sich Zeit.

 

Matthias: Ja. - Und erst mal vielen Dank.

 

Karin: Oh bitte, das ist doch mein Beruf.

 

Matthias: Bis gleich dann, Frau Pieper.

 

Karin: Tschüss, Herr Putzer. Bis gleich.

 

Matthias: schon an der Tür, dann glücklich nochmal zu Karin schauend ab nach draußen

 

Karin: seufzt, sobald er fort ist, tippt dann eifrig auf der Tastatur des Computers herum

 

6. Auftritt

Karin, Anneliese

 

Anneliese: kommt wieder herein  Na bitte, geht doch. hat sofort auf dem Stuhl am

Schreibtisch vor Karin Platz genommen

 

Karin: gestellt freundlich Ach, Frau Biskupek. Schön, dass Sie so schnell zurück sind.

 

Anneliese: Ja, danken Sie mir. Andere Kunden wären sicher nicht zurückgekommen.

 

Karin: ironisch Worte können kaum ausdrücken, wie unangenehm mir die Situation vorhin

war. Stellen Sie sich vor: Dieser junge Mann war das erste Mal hier und erwartet dann auch

gleich eine intensive Beratung. Das ist doch unglaublich, nicht wahr?! Und ich möchte

mich - auch im Namen meines Verlobten Herrn Freymuth - dafür entschuldigen. steht auf,

geht zur Tür Ich schließe besser mal ab, damit Sie nun auch endlich ungestört Ihr Anliegen

vorbringen können. Ich hoffe, das ist Ihnen recht, Frau Biskupek. schließt die Tür ab

 

Anneliese: merkt nicht, dass Karin es nicht ernst meint, sehr erfreut über ihr Verhalten SO

gefallen Sie mir, Frau Pieper. Das mag ich hören.

 

Karin: setzt sich dann wieder an den Schreibtisch Möchten Sie eine Tasse Kaffee?

 

Anneliese: Nein danke. Aber schon alleine, dass Sie es mir anbieten - das hat Etikette, meine

Liebe. fühlt sich sehr wohl und ernst genommen jetzt

 

Karin: Na, das ist doch wohl das Mindeste, was ich Ihnen anbieten kann. Sie sind doch mit

Abstand die treueste und beste Kundin.

 

Anneliese: Und Sie sind eben doch ein Herzchen. Passen Sie auf: Mein Karl-Gustav und ich

werden ja in wenigen Wochen diese Irland-Rund-Reise antreten, die Sie uns empfohlen

haben.

 

Karin: Eine ganz großartige Wahl von Ihnen!

 

Anneliese: Ja, das denke ich auch. In den Reiseunterlagen habe ich jedoch vergeblich nach

den Tickets für das Schiff gesucht.

 

Karin: Tut mir furchtbar leid, dass ich vergessen habe, Ihnen mitzuteilen, dass diese immer

separat versendet werden vom Veranstalter. Und die werden auch hierher gesandt. Ins

Reisebüro. tippt am Computer Aber warten Sie bitte kurz. sucht auf dem Bildschirm Ah, da

haben wir Sie schon. Sind bereits auf dem Postweg. Müssten Morgen, spätestens Übermorgen

hier eintreffen, Frau Biskupek.

 

Anneliese: Sehr schön. Das beruhigt mich sehr. Und das war es auch schon. Mehr wollte ich

gar nicht. Ich darf die Tickets dann hier abholen? steht auf

 

Karin: steht auch auf Sollten Sie nach unseren Betriebsferien nicht nochmal den Weg hierher

finden, sende ich Ihnen die Karten per Post zu an Ihre Adresse oder werfe diese persönlich in

Ihren Briefkasten. Versprochen. Unsere Ferien enden am 14. Juli - und Sie fahren am 22sten

erst. Da haben wir noch ein paar Tage Spielraum. Es wird alles zu Ihrer Zufriedenheit

abgewickelt.

 

Anneliese: Wunderbar. Vielen Dank, Frau Pieper. Und was Sie wieder für ein

geschmackvolles Geschmeide tragen... deutet auf Karins Kette Ein ganz wunderbares Stück.

 

Karin: Das habe ich von meiner Großmutter geerbt. Sie war eine so großartige Frau. Und ich

habe ihr viel zu verdanken. Ich trage den Schmuck eigentlich ungern, weil er sehr wertvoll ist.

Aber... mit dieser Kette und den Ohrringen ist sie dann eben irgendwie... bei mir, wenn Sie

verstehen? Mir nahe.

 

Anneliese: Aber ja. Wer könnte das nicht verstehen?!

 

Karin: Ich habe solche Angst, dass ich es mal verlieren könnte. Aber dieses Andenken muss

immer irgendwie in meiner Nähe sein. Ist so ´ne Art Halt für mich. Halten Sie mich nicht für

verrückt, aber wenn ich es nicht trage... liegt es in einer Schatulle immer hier im Schreibtisch.

holt eine Schatulle aus der Schreibtisch-Schublade hervor, zeigt diese kurz

 

Anneliese: Eine herrliche Eigenschaft. Ich kenne mich ein wenig aus mit altem Schmuck.

betrachtet Kette und Ohrringe etwas genauer Entschuldigung. Aber - es sind wirklich sehr

schöne Stücke.

 

Karin: Frau Biskupek - ich sag Ihnen was: In meinem Testament soll geschrieben stehen,

dass ich meiner besten Kundin Anneliese Biskupek diesen Schmuck hinterlasse.

 

Anneliese: ganz aus dem Häuschen Frau Pieper, das kann ich doch nicht annehmen. Und

hören Sie bitte auf, sowas zu sagen. Ich werde doch viel eher als Sie sterben.

 

Karin: Das ist zwar möglich, aber auch nicht vorbestimmt. Aber ich meine es ernst: Wenn

ich einmal gestorben bin, gehört dieser Schmuck Ihnen.

 

Anneliese: Kommen Sie her - ich möchte Sie dafür kurz drücken. umarmt sie, ihr kommen

fast die Tränen Ihnen einen erholsamen Urlaub, Frau Pieper. Hach, ich bin noch ganz

ergriffen von Ihren Worten. Wir sehen uns dann nach Ihrem Urlaub. Erholen Sie sich gut.

an der Tür

 

Karin: Danke. Und Ihnen noch einen guten Tag, Frau Biskupek - und liebe Grüße an Ihren

Mann.

 

Anneliese: legt eine Hand auf ihre Brust, noch ganz bewegt Richte ich aus. Hach...

schließt die Tür auf, dann ab

 

Karin: wartet, bis Anneliese hinaus ist, steckt dann den Zeigefinger tief in den offenen Mund

Himmel, was muss man alles tun, um die Kunden zu halten?! setzt sich wieder an den

Schreibtisch, arbeitet  

 

7. Auftritt

Karin, Theo

 

Theo: kommt zügig von hinten wieder herein, hat einen CD-Recorder in der Hand, bzw. nur eine CD o.a. Datenträger, wenn der Rekorder schon irgendwo im Raum steht Karin, schau doch nur - Kalle war soeben hier und hat den Mitschnitt gebracht von unserer neuesten Aufnahme. Die musst Du Dir unbedingt anhören. Du flippst total aus, sag ich Dir. sucht entweder eine Steckdose für den Rekorder, bzw. legt die CD ein

 

Karin: nicht sehr begeistert, ruhiger: Theo, können wir mal miteinander sprechen ?!

 

Theo:  Aber sicher, Schatz. Doch zuerst musst Du Deine Meinung sagen. – Achtung, bist Du soweit ? will den Rekorder anstellen

 

Karin: steht auf, geht zu ihm, reißt das Kabel des Rekorders aus der Dose, energischer: Theo, wir müssen uns unterhalten, und das jetzt sofort. Deine Musik kann warten.

 

Theo: Aber Schatz...  was ist denn?

 

Karin: Theo, ich finde das langsam nicht mehr witzig, so wie Du Dich verhältst.

 

Theo: Wovon sprichst Du? Was meinst Du?

 

Karin: Was ich meine? – Wir beide haben vor knapp sechs Jahren zusammen dieses Reisebüro eröffnet. Zusammen haben wir uns damals in die Vorbereitungen gestürzt, wir haben die Verbindlichkeiten gemeinsam übernommen und...

 

Theo:  Aber ja, das weiß ich doch.

 

Karin: Gemeinsam wollten wir dieses Reisebüro auch führen, mein lieber Theo.

 

Theo: Ja, aber tun wir das denn nicht?

 

Karin: Nein! – Das heißt... ja gut, zuerst war soweit alles in Ordnung und es funktionierte ganz gut. Aber seit ein paar Monaten sehe ich Dich hier nicht mehr allzu oft, Theo. Seit Du in dieser blöden Band eingestiegen bist, sehen wir uns sowieso kaum noch. Alles dreht sich nur noch um Deine Musik. Das Reisebüro kümmert Dich gar nicht mehr. Und wenn Du Dich doch mal bemühst, sind die Kunden mit Deiner Beratung nicht zufrieden. Frau Biskupek ist nicht die Einzige, die lieber von mir bedient werden möchte.

 

Theo: Aber Mucki...

 

Karin: Nenn mich nicht Mucki! Ich bin kein Kaninchen.

 

Theo: Karin, ich weiß ja, das die Band eine Menge Zeit in Anspruch nimmt. Wenn wir die Zuhörer überzeugen wollen, dann müssen wir eben üben. Das hast Du doch immer gewusst. Außerdem bringen uns die Auftritte gute zusätzliche Einnahmen.

 

Karin: Die 300 Euro im Monat machen den Kohl auch nicht fett. - Deine Musik braucht Dich zwölf Stunden am Tag. Seit Wochen bist Du jeden Abend bei Kalle und probst. Und bist Du dann tief in der Nacht endlich zuhause, sitzt Du am Schreibtisch und komponierst neue Songs. Und hier laufen uns mittlerweile die Kunden weg. So geht das nicht, Theo. Wenn ich mir denn auch plötzlich ein Hobby suchen würde - dann stünden die Kunden vor verschlossener Tür. Und Frau Biskupek hat es vorhin doch deutlich auf den Punkt gebracht, was sie denkt.

 

Theo: Wenn Du dieses Pastür auch noch in Schutz nimmst. Den Mensch möchte ich sehen, der es Lady Biskupek recht machen kann.

 

Karin: Es geht hier nicht alleine um Frau Biskupek. Diese Frau ist schwierig und unmöglich. Und meine Freundlichkeit ihr gegenüber ist nur eine Show. Aber so muss man nun mal sein, wenn man ein Geschäft führt. Und Du weißt ganz genau, was hier jetzt im Sommer los ist. Die ersten buchen schon ihren Skiurlaub. Ich schaff das einfach nicht alleine. Und ganz abgesehen von Deiner Abwesenheit hier hast Du auch keine Zeit mehr für mich privat.

 

Theo: Na hör mal...

 

Karin: Wann haben wir miteinander zuletzt denn etwas unternommen, hä? Nach unserer Verlobungsfeier haben wir noch keine Gäste wieder hier gehabt. Und zu jeder Geburtstagsfeier, zu jeder Party muss ich ohne Dich gehen. – Und bloß wegen Deiner Scheiß-Musik.

 

Theo: wütend  Sag das nicht so, Karin!

 

Karin: Ja, hab´ ich denn nicht recht? Was ist denn nur aus unserer Beziehung geworden? – Liebst Du mich eigentlich noch ?

 

Theo: nimmt sie in den Arm  Aber Mucki, was für eine Frage. Kuss  Ich geb Dir mein Ehrenwort, das sich bald etwas ändert. Schau mal; zum Herbst sind unsere Open-Air-Konzerte sowieso vorbei. Dann proben wir auch höchstens noch dreimal in der Woche. Und wenn ich in Zukunft nach Hause komme, wird ab sofort nicht mehr komponiert; das heißt: Höchstens einmal in der Woche. Und an den anderen Tagen gibt es nur noch uns beide. Ist das ein Wort?

 

Karin: wieder etwas beruhigt: Und darauf gibst Du mir auch Dein Ehrenwort?

 

Theo: Ich verspreche es!

 

Karin: Ach Du...  schlägt ihm neckisch ihre Faust gegen seine Brust

 

Theo: Alles wieder gut?

 

Karin: Nur, wenn ich Dir glauben kann, dass sich auch wirklich etwas ändert. Weißt Du, es tut mir weh wenn ich sehe, wie fremd wir uns werden. Und ich denke dann: Wie wird es sein, wenn wir erst mal verheiratet sind, Theo?

 

Theo: Besser. Viel besser, Mucki. Oh, ich meine natürlich Karin.

 

Karin: Kannst gerne Mucki zu mir sagen. Ich war gerade nur sauer. Na, Gott sei Dank bleiben uns ja zumindest die drei Wochen in Kroatien an morgen. Vielleicht haben wir ja dort die Gelegenheit ein bisschen mehr über unsere Beziehung und das Leben nachzudenken. Kein Reisebüro, keine Frau Biskupek und keine Rockband. Hast Du eigentlich schon Deinen Koffer gepackt oder wollen wir das nach Feierabend zusammen machen?

 

Theowendet sich leicht ab  Kroatien...  ach ja, unser Urlaub.

 

Karin: Ja. Wieso? Freust Du Dich denn gar nicht mehr darauf?

 

Theo: Klar. Sicher freu ich mich. Es ist nur...

 

Karin: ahnt Schlimmes  Oh Theo, sag es nicht! Sag es bitte nicht – oder ich flipp total aus.

 

Theo: Weißt Du, Karin – ausgerechnet nächste Woche, am 24. Juni haben die Soundriders die Chance ihres Lebens. Ich hab´ mir diesen Termin auch nicht ausgesucht. Hab´ das soeben erst von Kalle erfahren. Und wenn wir morgen fahren wollen...

 

Karin : Theo, ich glaub´ das einfach nicht.

 

Theo:  Schau mal... Kalle hat gesagt, dass wir die besten Aussichten auf ´nen Plattenvertrag haben, wenn der Gig ein Erfolg wird. Ein Auftritt vor einem Platten-Boss. Weißt Du, was das bedeutet? Wie viel Kohle da dann reinkommt? Das wird der ganz große Durchbruch für uns.

 

Karin: wendet sich fassungslos ab, zunächst noch ruhig Theo, sei still.

 

Theo:  Wenn wir diesen Vertrag erst mal in der Tasche haben... Karin, Du, das wird der Beginn einer großen Karriere. Unsere Musik ist genau die, auf die man gewartet hat.

 

Karin: etwas strenger und lauter  Theo, hör auf!

 

Theo: Dann rollt der Rubel, Karin – Du wirst schon sehen. Du verstehst doch sicher, das so ´ne Chance einmalig für uns ist, und das ich da auf gar keinen Fall zu Kalle sagen konnte, dass...

 

Karin: jetzt sehr laut, indem sie sich vor ihn stellt  Halt den Mund!

 

Theo: sehr überrascht: Karin!

 

Karin: weinerlich und wütend: Merkst Du denn gar nichts? Was spielen wir uns hier eigentlich vor, hä? Die perfekte Beziehung? Lieber Gott, wir schaffen es nicht mal für drei Wochen zusammen in Urlaub zu fahren. Theo, das kannst Du mir doch nicht antun. Ein paar Stunden vor unserer Abreise knallst Du mir an den Kopf, dass wir gar nicht fliegen werden. Du musst verrückt sein. Und stornieren können wir diese Reise auch nicht mehr. Und wenn ich das gleich doch noch mache, dann mit einem Riesen-Verlust. Wir verlieren fast 1500 Euro. holt ein Taschentuch hervor, trocknet sich die Tränen, kleine Pause

 

Theo:  Na ja, immerhin... steht hilflos da  Karin...

 

Karin: Theo, geh jetzt. Hier können jeden Moment Kunden hereinkommen.

 

Theo:  Karin, ich hab´ nicht gewusst, dass Dir so viel daran liegt, dass wir beide... Wir haben doch immer gesagt, das wir eine ganz lockere und offene Partnerschaft führen wollen und jeder seine Interessen nachgehen kann. Weißt Du, auch Daniela hatte mit ihrer Freundin eigentlich schon etwas abgesprochen für nächste Woche. Camping an der Küste. Aber auch sie gibt unserer Band den Vortritt. Als einzige Sängerin hat Daniela ja auch gar keine andere Wahl, nicht wahr?!

 

Karin: Daniela...Daniela... – diesen Namen höre ich in letzter Zeit nur noch. Wer ist das eigentlich, diese einmalige Daniela?

 

Theo:  Daniela hat die beste Stimme, die man sich nur denken kann. Sie ist für unsere Band die totale Bereicherung. Mann eh, ich hab´ nichts mit ihr. Wie oft soll ich Dir das noch sagen? Sie singt super und hat ´ne tolle Ausstrahlung, das ist alles. Du und Deine Eifersucht.

 

Karin: Oh Theo. – Lass uns das Gespräch nun bitte beenden. Ich halte das einfach nicht länger aus.

 

Theo:  Wie Du meinst. steht noch einen kleinen Moment etwas schuldig da, geht dann aber doch langsam nach hinten ab, wendet sich dann nochmals zu ihr um, reicht ihr die CD Vielleicht hast Du ja später doch noch Lust da mal rein zuhören, ich meine...

 

Karin: wendet sich ab, kann es kaum glauben  Oh...

 

Theolangsam ab nach hinten

 

Karin: schaut zur Tür, als sie geschlossen ist, lässt sich dann auf einen Stuhl „fallen“, wirft die CD wütend in eine Ecke

 

8. Auftritt

Nina, Karin

 

Nina:   kommt von draußen herein, ist gut gelaunt  Hallo Karin. - Schön, dass Du grad mal alleine bist. Stell Dir vor, Jens hat mich gefragt, ob...  geht während sie spricht zu ihr, sieht ihr Gesicht, erschrocken und besorgt  Karin, was ist denn?

 

Karin: weinerlich:  Hallo Nina.

 

Nina:   Hast Du geweint?  legt den Arm um ihre Schulter

 

Karin: Ach Nina, ich bin unglücklich, ja.

 

Nina: Unglücklich? Oh, so ein Mist aber auch. Ich wollte Dir gerade erzählen, das Jens mir gestern Abend einen Heiratsantrag gemacht hat. Ist das nicht riesig? Oh, Du glaubst gar nicht, wie romantisch das war. Aber, ich glaube, das ist wohl nicht der richtige Zeitpunkt Dir sowas mitzuteilen. Du bist aber doch nicht unglücklich in der Liebe, oder?

 

Karin: Wenn Deine Ehe mit Jens so läuft wie meine mit Theo irgendwann vielleicht mal wird, na dann: Herzlichen Glückwunsch, Nina.

 

Nina: Shit. Ich bin so ein Ochse, Dir dann jetzt mit meinen Liebesbotschaften zu kommen. Hey, nun mal raus mit der Sprache. setzt sich zu ihr Du hast Zoff mit Theo ?

 

Karin: beruhigt sich: Du kennst ihn ja. Er und seine Band. Seit Monaten nimmt sein Hobby mehr und mehr Zeit in Anspruch. Und soeben vor fünf Minuten erklärt er mir, das sogar unser gemeinsamer Urlaub ins Wasser fällt, bloß wegen so ´nem dämlichen Auftritt. Dabei freu ich mich seit Oktober letzten Jahres darauf. Morgen wollten wir fliegen. Und nun?

 

Nina: Das kann doch nicht sein ernst sein.

 

Karin: Das ist sein ernst, glaub´ mir. Er war deutlich genug. Seine Musik bedeutet ihm anscheinend mehr als ich.

 

Nina: Das darfst Du nicht zulassen, Karin. Du selbst hast doch kaum Hobbys. Und im Zeitalter der weiblichen Emanzipation solltest Du von Deinem Freund nicht abhängig sein.

 

Karin:            versteht nicht recht  Was willst Du damit sagen?

 

Nina: Er zieht seinen Auftritt vor, ihr habt das Geschäft geschlossen wegen Betriebsferien, seit Oktober freust Du Dich auf Sonne und Strand - und jetzt willst Du in dieser Zeit ab morgen hier alleine in diesem Dorf schmollen und die Stunden sinnlos totschlagen? Das könnte Theo so passen. Na, wenn er nicht will, dann fliegst Du eben alleine nach Kroatien. So einfach ist das.

 

Karin: Oh nein, das könnte ich nicht.

 

Nina: Und warum nicht?

 

Karin: Ich würde mich nur langweilen ohne Theo. Irgend einen Menschen brauche ich schon. Du kennst mich, ich kann im Urlaub nicht alleine sein. Mit Dir, das könnte ich mir schon eher vorstellen; oder mit irgendeiner  Clique – aber alleine, nie im Leben. Man braucht in zwei langen Wochen jemandem zum Reden, jemand der mit mir Spazieren und schwimmen und sonnenbaden geht - nein Nina - nicht alleine.

 

Nina: Tja, mit mir darfst Du nicht rechnen. Jens und ich sind bloß noch mit dem Hausbau beschäftigt. Da muss ein teurer Urlaub dieses Jahr leider ausfallen. Das können wir uns wirklich nicht mehr leisten. Aber nächstes Jahr; dann gibt es sicher die schönsten Flitterwochen die ein Paar in diesem Dorf jemals gemacht hat; das weiß ich jetzt schon.

 

Karin: Da kann man ja direkt neidisch werden. Klingt ja richtig ekelig, so glücklich wie Du mit Deinem Jens bist.

 

Nina: Ja, das bin ich auch. – Aber Du lässt den Kopf auch nicht hängen. Sonst rede ich mal ein Wort mit Theo.

 

Karin: Das hat ja doch keinen Sinn.

 

Nina: Was willst Du denn den Kunden erzählen, nach dem Ende Eurer Betriebsferien? Jeder erwartet doch, dass Du von Deinem Urlaub berichtest. Du selbst bist doch die beste Reklame für Euer Reisebüro.

 

Karin: Weiß ich.

 

Nina: Na, dann pack Deine Koffer und flieg. Theo wird wohl schnell dahinter kommen,  wie öde es ohne Dich ist. Du musst ja nicht nach Kroatien. Kannst doch auch hier in Deutschland bleiben. Fahr ins Sauerland oder nach Bayern oder auf Sylt. Hauptsache raus hier.

 

Karin: Nina - wenn er mich auch verletzt hat - alleine in Urlaub fahren - das kann ich Theo nicht antun.

 

Nina: Das ist doch gerade der Punkt. Damit kannst Du ihn mal so richtig quälen. Wenn Du dann zurück kommst, wird er schon sehen, wie sehr er Dich vermisst hat, und dann ändert sich auch was. Seine Auftritte dauern ja immerhin nicht 2 Wochen lang 24 Stunden am Tag, oder?

 

Karin:            Ach Nina, das ist doch bloß ´ne fixe Idee. Alleine zu verreisen macht mir auch etwas Angst. Auch wenn ich in Deutschland bleiben würde. Es müsste auf jeden Fall eine Person geben, an die ich mich wenden kann, wenn es mal Probleme gibt. Eine Freundin zumindest.

 

Nina: Angst? Du, als Reise-Profi. Dass ich nicht lache. Du findest doch auf der Stelle Kontakt zu anderen. Bist doch kein Trauerkloß. Oder besuch doch irgendwelche Verwandte. Gibt´s denn da keine? Du hast doch einen Bruder in Koblenz und eine Schwester in New York, nicht wahr? Oder wie wär´s mit einem Besuch bei Deinen Eltern in Spahnharenstätte im Emsland?

 

Karin: Ich besuch meine Eltern - haha... Und mein Bruder? Nein - der hätte eh keine Zeit für mich. Meine Schwester in New York? Ja okay. Die ist in Ordnung. Aber die ist seit einigen Wochen von ihrem Mann getrennt und hat zwei kleine Kinder. Wenn sie anruft, ist das schon immer anstrengend genug. Ich glaub´ nicht, dass ich sowas live brauche. Außerdem wohnt sie direkt am Broadway. Kannst Du Dir vorstellen, wie laut es da ist?

 

Nina: Okay, das war dann wohl keine gute Idee.

 

Karin: Obwohl... je mehr ich darüber nachdenke... - ich würde das vielleicht doch machen, nur um Theo wirklich mal zu zeigen, dass ich ihn nicht brauche. Der glaubt doch niemals, dass ich alleine Urlaub machen würde. Und New York kann ja auch ganz reizvoll sein. Da gibt´s zumindest teure Schuhe für mich.

 

Nina: Na, was hält Dich denn noch?

 

9. Auftritt

Karin, Nina, Matthias

 

Matthias: kommt von draußen wieder herein  So, ich bin wieder da.  sieht Nina  Guten Tag.

 

Nina: Guten Tag.

 

Karin: „blüht“ plötzlich direkt auf bei Matthias´ Erscheinen  Oh, Herr Putzer. – Das ist Herr Putzer, Nina - ist der Name nicht putzig?! lacht Und soll ich Dir was sagen, Nina: Du hast recht! Ich mache ohne Theo Urlaub dieses Jahr. Ich glaub´- äh - ich fliege doch zu meiner Schwester nach New York, oder so.

 

Nina: wundert sich über Karins plötzliches Verhalten Obwohl der Broadway so laut ist? Und das entscheidest Du jetzt doch so plötzlich?

 

Karin: Ja genau. So plötzlich! - Jetzt muss ich mich aber um die Kundschaft kümmern. Herr Putzer möchte seine Reise nach Kroatien bezahlen. Du entschuldigst mich?! öffnet ihr schon die Tür Und liebe Grüße an Jens.

 

Nina: Ja sicher. Richte ich aus. Ich schau heute Abend nochmal wieder rein. etwas verwirrt ab nach draußen

 

10. Auftritt

Karin, Matthias

 

Karin: kommt zurück an den Schreibtisch, holt die Unterlagen für Matthias´ Reise hervor, macht sich am Computer zu schaffen, tippt etwas ein  So, dann kommen wir zu Ihrer Reise nach Dubrovnik, Herr Putzer. Ich habe den Computer mit Ihren Daten gefüttert. Und diesen Vordruck müsste ich dann jetzt ausdrucken.

 

Matthias: leicht verwirrt Äh - ja, das ist ja so üblich, denke ich. holt sein Portemonnaie hervor, will schon die Scheine herausholen Das Geld dafür hab´ ich jetzt. Nur Bares ist Wahres.

 

Karin: steht auf Sagen Sie mal, Herr Putzer - kennen Sie dieses Gefühl: Man wird verletzt, und man sucht nach Genugtuung, einen Ausgleich - so eine Art Rache, um sich danach besser zu fühlen?

 

Matthias: Oh ja, das hab´ ich auch schon erlebt.

 

Karin: Und wenn man dann diese Lösung gefunden hat - diesen Plan der Befriedigung, dann kann einem das Gefühl der totalen Glückseligkeit überkommen, weil man einem anderen damit sogar noch eine große Freude macht.

 

Matthias: Äh - ja, mag sein. Ich verstehe jetzt nicht so ganz den Zusammenhang und auch nicht genau, was Sie meinen, aber möglich ist das sicher. hält mehrere 50 und 100 Euro-Scheine in der Hand

 

Karin: hält das Formular zum Ausdrucken hoch Das ist Ihr Reisevordruck, welches ich eigentlich jetzt bedrucken und rüber faxen müsste zum Reiseveranstalter, nachdem Sie es unterschrieben haben.

 

Matthias: Ja. Und das am besten so schnell wie möglich. Von wegen Last-Minute, denk ich doch; wenn es morgen schon los geht...

 

Karin: zerreißt diesen fröhlich vor seinen Augen

 

Matthias: völlig erstaunt Was machen Sie denn da?

 

Karin: Herr Putzer, stecken Sie Ihr Geld wieder weg. Ihre Reise ab morgen nach Dubrovnik ist bereits gebucht und auch bezahlt.

 

Matthias: Wie bitte?

 

Karin: Ja, Sie haben richtig gehört. Ich wünsche Ihnen viel Spaß in Kroatien.

 

 

Blackout

 

Ende vom ersten Bild

 

 

 

 

Hier Einspielung einer Übergangsmusik, z.B.: "Morning has broken" - ca. 30-45 Sekunden lang

 

 

Erster Akt - 2. Bild

 

24 Stunden später. Kein Spieler auf der Bühne. Falls die Eingangstür aus Glas ist, hängt dort nun ein Schild "Trauerhalber geschlossen". Es ist der 20. Juni, nachmittags.

 

1. Auftritt

Nina, Theo, Uwe

 

Nina: kommt gefolgt von Uwe von hinten herein. Nina trocknet sich mit einem Taschentuch die Tränen, beide sind betrübt, Nina trägt evtl. andere Kleidung als vorhin

 

Uwe: tröstet sie Es ist schrecklich. Man ist so ohnmächtig, nicht wahr?!

 

Nina: Ich hab´ ihr sogar noch zugeredet gestern. Karin wollte zuerst gar nicht verreisen. Sie hat gesagt, dass sie alleine nicht klar kommt und Angst hat. Und jetzt... setzt sich

 

Uwe: Mach Dir keine Vorwürfe. Du hast ganz sicher keine Schuld.

 

Nina: Uwe... was... was sollen wir denn jetzt nur machen?

 

Uwe: Wir brauchen Klarheit. Details. Vielleicht gibt es ja doch Überlebende.

 

Theo: ist jetzt auch von hinten langsam in den Raum gekommen, er wirkt wie versteinert

164 Tote.

 

Uwe: geht zu ihm Was sagst Du?

 

Theo: 164 Passagiere waren an Bord der Burgen Air. Und niemand hat überlebt. So wurde soeben im Radio berichtet.

 

Nina: schluchzt wieder auf  Oh Gott - warum?

 

Uwe: Theo, ich bin Dein Bruder. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um Genaues zu erfahren.

 

Theo: ein wenig wie in Trance  Ja.

 

Uwe: Wir müssen beim Auswärtigen Amt anrufen. Vielleicht ist es sogar besser zum Flughafen fahren. Nach Frankfurt. Und Karins Eltern - eventuell sollten die dann mitfahren.

Aber erst mal rufe ich da gleich an.

 

Theo: Abgestürzt im Atlantik.

 

Nina: Auf dem Weg nach New York zu ihrer Schwester. So, wie ich es ihr geraten hab. weint

 

Theo: jetzt etwas "lebendiger" Wie konntest Du nur, Nina?

 

Uwe: Theo, jetzt mach aber mal ´nen Punkt.

 

Theo: zu Uwe: Du hörst doch, was sie sagt. SIE hat Karin überredet, zu ihrer Schwester nach New York zu fliegen.

Uwe: Und wenn schon. Wer kann denn ahnen, dass das Flugzeug abstürzt.

 

Theo: wieder ruhiger Nina ist schuld.

 

Nina: steht auf, geht erbost zu ihm Wenn DU mit Karin den gemeinsamen Kroatien-Urlaub gemacht hättest, würde sie jetzt am Strand liegen und noch leben. DU bist es doch gewesen, weshalb sie nach New York geflogen ist! Nur weil Dir Deine Karriere als Musiker wichtiger ist. Ich... ich hasse Dich! weint wieder lauter

 

Uwe: Hey hey... hört jetzt auf. Komm, ich mach Dir ´nen Tee. mit Nina abgehend nach hinten

 

Theo: Lasst mich mal ´nen Augenblick allein. steht im Raum, schaut starr an eine Wand

 

an der Eingangstür klopft es

 

2. Auftritt

Theo, Anneliese

 

Anneliese: kommt herein. Sie trägt schwarze Kleidung, zeigt sich sehr betroffen Herr Freymuth, ich konnte gar nicht glauben, was ich vorhin im Fernsehen gesehen habe. (nimmt seine Hand, „spielt“ die Mittrauernde) Mein allerherzlichstes Beileid, Herr Freymuth.

 

Theo: Weshalb ist die Tür denn nicht abgeschlossen?

 

Anneliese: Ich kann Ihnen ja zu gut nachfühlen, was Sie jetzt durchmachen.

 

Theo: Ach ja? Haben Sie auch schon einen Partner verloren?

 

Anneliese: Das wohl nicht, aber man hat doch eine gewisse Vorstellungskraft, nicht wahr? – Hach, einfach grausam, dieses Schicksal. So zerrissen zu werden in der Luft, auf großer Höhe auf dem Meer aufzuschlagen. - Ach, wären Sie doch nur mitgeflogen.

 

Theo: Bitte?

 

Anneliese: Ach, ich meine natürlich: Wäre Ihre Verlobte doch nur hier geblieben.

 

Theo: Ich würde jetzt gerne alleine sein, Frau Biskupek.

 

Anneliese: Und genau DAS ist völlig falsch, Herr Freymuth. Nun, ich bin ja ehrlich - von Ihnen und Ihrer Beratung hier war ich nie ein Fan. Ich mag Sie nicht - das ist eben so. Aber umso mehr haben Sie jetzt mein Mitgefühl für die gute Frau Pieper. Sie war so ein Herzchen. - Äh, hat man sie denn schon gefunden?

 

Theo: Gefunden? Ich habe erst vor einer knappen Stunden von dem Unglück erfahren.

 

Anneliese: Wird man vermutlich auch gar nicht. ...sie finden, meine ich. Der Atlantik ist ja weit und tief – und dann die vielen Haie. Oh Gott, wie schrecklich.

 

Theo: Haie gibt’s kaum im Atlantik  – aber vielen Dank für Ihre Vermutungen. dann etwas lauter und schon fast verzweifelt Aber würden Sie jetzt BITTE gehen?!

 

Anneliese: Ja ja - ist ja gut. Entschuldigen Sie vielmals mein Eindringen. Meine Beileidsbekundungen sind aber nur ein Teil meines Besuches hier. Und da Sie in Ihrem Reisebüro ja kein anderes Personal beschäftigen... Also, es geht um die Zusatztickets für die Überfahrt nach Irland. Die Tickets sollten heute hier eintreffen. Aber als ich jetzt von dem Unglück gehört habe... Ich hab´ mich hier erst gar nicht her getraut. Tut mir auch schrecklich leid, aber mein Karl-Gustav und ich brauchen diese Karten nun mal. Wenn es bei uns auch erst in ein paar Wochen los geht. Aber bevor das noch vergessen wird... Wenn Sie dann bitte einmal nachschauen möchten. - Ja, nun regen Sie sich mal nicht gleich wieder auf. Ich weiß auch, dass Sie Betriebsferien haben. Aber Frau Pieper sagte, sie würde mir diese zusenden. Aber nachdem sie nun tot ist... kann sie das ja nicht mehr.

 

Theo: Sie sind... reißt sich dann zusammen Ich... ich schau mal, Frau Biskupek. muss sich sehr zusammennehmen, sucht dann im Schreibtisch nach Unterlagen

 

Anneliese: Sehr freundlich. Sagen Sie: Gibt es überhaupt Überlebende? Aus den Nachrichten wird man ja wieder einmal nicht schlau. Ich hab´ vorhin noch zu meinem Karl-Gustav gesagt: „Karl-Gustav, hab ich gesagt - wir zahlen über 150 Euro im Jahr an Gebühren für die GEZ. Dafür könnte man doch eigentlich ein bisschen mehr an Informationen erwarten, nicht wahr?!" Sagen Sie mal - warum ist denn Ihre Verlobte eigentlich nach New York geflogen? Also, ich könnte schwören, dass Frau Pieper mir noch vor wenigen Wochen erzählt hat, dass sie wieder nach Kroatien wollte - zusammen mit Ihnen.

 

Theo: hat die Unterlagen gefunden, blättert darin, schweigt

 

Anneliese: Wissen Sie - Sie müssen einfach neu anfangen, Herr Freymuth. Trauer nutzt ja auch niemandem etwas, nicht?! Die Zeit wird Ihre Wunden schon heilen. Vor allen Dingen dürfen Sie nicht unentwegt an diesen Unglücksfall denken. Kommen Sie auf andere Gedanken. Suchen Sie sich ein neues nettes Hobby, oder laden Sie Freunde ein. Geben Sie Partys – Sie werden sehen, das ist die beste Medizin. Das Leben geht doch weiter.

 

Theo: Frau Biskupek... Bitte.

 

Anneliese: Wie soll es hier denn nun in Zukunft weitergehen, mit Ihrem kleinen Reisebüro? Werden Sie sich eine neue Angestellte suchen?

 

Theo: sieht sie nur erbost an, hält ihr 2 Karten hin

 

Anneliese: Ist vielleicht noch ein bisschen früh, das jetzt schon zu regeln, nicht?! Wichtig ist, dass Sie, Herr Freymuth, wieder neuen Lebensmut finden. - Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie solche Ratschläge jetzt nicht hören wollen, aber eines Tages werden Sie an meine Worte denken. Ich war übrigens beim Schönheitschirurgen. Das heißt: Eigentlich ist es ja eine Chirurgin. Frau Dr. Tanner in Bielefeld. Ich hatte die Adresse von einer Freundin.

 

Theo: Aha...

 

Anneliese: Ich habe dort in den vier Wochen all meine Sorgen vergessen – an nichts Böses gedacht.

 

Theo: Frau Biskupek, Ihre Geschichten und gutgemeinten Ratschläge in allen Ehren, aber...

 

Anneliese: Wissen Sie, meine Kinnpartie hat mir immer Sorgen gemacht. Ist es nicht unglaublich, was diese Frau da geleistet hat?  streckt ihr Kinn zu ihm vor

 

Theo: kann es kaum glauben

 

Anneliese: Mein Karl-Gustav war ja erst gegen diese Sache. Aber nun sagt auch er, dass er täglich völlig neue Seiten an mir entdeckt. Nun ja, und wer hört das nicht gerne, nicht wahr?! Was ich damit nur sagen will: Ein Ausbruch aus dem Alltagstrott ist nur zu empfehlen, wirklich. Und für Schönheitsfarmen ist man nie zu jung – also wenn Sie wollen... Da gibt es bei Ihnen doch auch ganz sicher etwas, dass man korrigieren könnte. Vorletzte Woche war ich wieder dort. Ich hab´ mir jetzt die Brüste machen lassen. Das heißt, die linke ist erst übermorgen dran. Hoffentlich verheilt das auch noch alles, bis mein Karl-Gustav und ich unseren Irland-Urlaub antreten werden.

 

Theowird es nun zu viel, steht auf, dann direkt Frau Biskupek. Hier sind Ihre Tickets. Ich wünsche Ihnen und Ihrem Mann einen schönen Urlaub! drückt ihr die Karten weniger galant in die Hand

 

Anneliese:  erschrocken Jaja, ist ja gut. Ich will doch nur Ihr Bestes.

 

Theo: zeigt zur Tür Einen schönen Tag noch. Und herzliche Grüße an Ihren - Karl-Gustav!

 

Anneliese: Na, das ist mir dann doch noch nicht passiert. Da hat man vollstes Mitgefühl, kommt hierher, zieht sich sogar schwarze Kleidung an - und was ist der Preis – Undank! zur Tür, dreht sich dort nochmals zu ihm um, pikiert  Ihre Art Beratung habe ich ja sowieso nie gemocht, wie Sie wissen. Machen Sie es gut. zügig ab

 

Theosetzt sich wieder verzweifelt an den Schreibtisch, vergräbt das Gesicht in beide Hände

 

kurze Pause

 

2. Auftritt

Theo, Uwe

 

Uwe: kommt von hinten wieder herein, wirkt verwirrt, dann vorsichtig Theo?

 

Theo: schaut zu ihm herüber Ja?

 

Uwe: Ich hab´ beim Auswärtigen Amt angerufen.

 

Theo: steht auf  Und?

 

Uwe: Zuerst war es gar nicht so einfach, da etwas Genaues zu erfahren. Vor allem musste ich erst mal beweisen, das ich mit Karin verwandt bin. Und ich bin ja nur der Bruder ihres Verlobten.

 

Theo: Was ist mit Karin? Ist sie wirklich...?

 

Uwe: Tja, das ist ´ne merkwürdige Geschichte. Als ich den Mann am Apparat davon überzeugt hatte, das Du nicht in der Verfassung wärst selbst anzurufen, haben sie mir dann endlich Auskunft gegeben.

 

Theo:  Und?

 

Uwe:   Theo...  zaghaft, weil er nicht weiß, ob er sich freuen oder traurig sein soll Karins Name stand gar nicht auf der Passagierliste.

 

Theo:  W A S?

 

Uwe: Du hast mich schon richtig verstanden. Karin stand nicht auf der Liste. Angeblich ist sie nie in das Flugzeug nach New York eingestiegen.

 

Theo: zunächst wie schockiert, besinnt sich dann, lächelt langsam, fängt an zu lachen, lacht dann immer lauter und lauter

 

Uwe: steht auf, geht zu ihm  Theo, alles in Ordnung?

 

Theo:  Aber ja. Uwe, sie steht nicht auf der Passagier-Liste. Weißt Du denn nicht, was das bedeutet? – Wenn sie nicht in das Flugzeug einstiegen ist, kann sie damit auch nicht abgestürzt sein. Verstehst Du das denn nicht?

 

Uwe: jetzt auch direkt  Nein, das verstehe ich ja eben nicht !

 

Theo:  Mensch, ich fass´ es einfach nicht. Ich sitze hier herum und... höre mir diesen Beileids-Mist von der Biskupek an und dabei ist Karin gar nicht an Bord gewesen.

 

Uwe: sachlich Theo?

 

Theo: Was ist?

 

Uwe: Theo, wo ist Karin denn?

 

Theo: Ja, was weiß ich. Vielleicht ist sie... besinnt sich, wird dann plötzlich ernster  Ja. Ja, wo ist sie denn eigentlich? Vielleicht hat sie eine Maschine eher oder später genommen nach New York.

 

Uwe: skeptisch schauend Sie hat nicht angerufen bei Dir, dass sie in New York gut angekommen ist?

 

Theo: Nein. Und auf dem AB ist auch keine Nachricht von ihr.

 

Uwe: Sie steht nicht auf dieser Liste für den gebuchten Flug von Frankfurt nach New York - und Du hast sie das letzte Mal gesehen, als sie hier vorgestern mit dem Auto weggefahren ist zum Flughafen, stimmt´s?

 

Theo:  Ja, das stimmt.  weiß jetzt auch nicht mehr, was er noch denken soll  Das ist ja... plötzlich  Da gibt es bloß eins – wir müssen bei ihrer Schwester in New York anrufen, ob Karin schon da ist.

 

Uwe: Die Schwester liegt doch im Krankenhaus, denke ich. Und das war doch auch der Grund, weshalb Karin dahin gefahren ist - weil sie sich um die Kinder kümmern soll solange.

 

Theo:  Ja, das hat Karin gesagt. Ich ruf da jetzt an. Wirst schon sehen - gleich hab ich Karin am Apparat und alle Sorgen waren umsonst. sucht schon in einem Telefonregister nach der Nummer Sag mal, hast Du denn nicht beim Flughafen in Frankfurt nachgefragt, ob Karin vielleicht ein anderes Flugzeug genommen hat? Kann doch sein.

 

Uwe: Hab´ ich. Hat sie nicht! Weder die Maschine um 13.06 Uhr, noch eine der beiden anderen, die am gleichen Tag geflogen sind. Eine Karin Pieper ist auf keine der Listen aufgeführt, die nach New York geflogen sind.

 

Theo: hat die Nummer gefunden  Wie bitte? - Hier. Das muss sie sein. Liane Caddick, New York, Broadway 342 wählt eine lange Nummer

 

Uwe: Irgendwie ist das alles sonderbar. Karin will das Flugzeug nach New York nehmen und steigt dort gar nicht erst ein. Anrufen tut sie aber auch nicht. – Sag mal, ist da vielleicht irgendwas vorgefallen zwischen Euch beiden?

 

Theowählt immer noch  Was soll denn gewesen sein?

 

Uwe: Was weiß ich? Ein Streit – eine kleine Beziehungskrise – Du weißt schon.

 

Theo: Ach was. Und wenn, dann war das harmlos. - Ja, sie hat sich beschwert, dass ich hier nicht genug mit anfasse im Geschäft, aber wir haben vernünftig darüber diskutiert. Und ich hab´ ihr versprochen, das ich mich bessern werde. wartet

 

Uwe: Und wann ist Karin losgefahren?

 

Theo: Wann?

 

Uwe: Na, wie spät gestern – zum Flughafen, meine ich?

 

Theo: überlegt kurz  So gegen sieben. Ja, kurz nach sieben ist sie losgefahren.

 

Uwe: kurze Pause Theo, da stimmt doch was nicht.

 

Theo: legt den Hörer auf, wählt erneut Shit. Wieso komm ich denn nicht durch? – Äh, was hast Du gesagt? Was soll nicht stimmen?

 

Uwe: geht zu ihm, nimmt ihm den Hörer aus der Hand, legt diesen auf  Theo, wenn Karin gestern das Flugzeug von Frankfurt nach New York nehmen wollte - den von ihr gebuchten Flug...

 

Theo: etwas verzweifelt ...dann hätte sie dort gestern Abend gegen zwanzig nach sechs ankommen müssen, das weiß ich langsam.

 

Uwe: Sicher. Theo will erneut wählen, Uwe hält ihn aber zurück Kannst Du mir denn aber auch erklären, wie sie in drei Stunden von... (ihren Spielort in Norddeutschland nennen) nach Frankfurt kommt? Oder hat ihr kleiner Opel plötzlich Turboantrieb mit Überschallgeschwindigkeit?

 

Theowird jetzt ebenso stutzig  Uwe, daran hab´ ich ja noch gar nicht gedacht.

 

Uwe: Du bist aber auch ´ne Schlafmütze. Scheinst Dir ja in letzter Zeit wirklich nicht allzu viele Gedanken um Karin und ihr Leben zu machen.

 

Theo: Ja, aber was hat das zu bedeuten?

 

Uwe: Das weiß ich auch nicht. Aber langsam komm ich auf die Idee, das Karin von vornherein geplant hat, dass sie dieses Flugzeug von Frankfurt gar nicht nehmen wollte. Denn wenn sie nicht auf der Passagierliste steht, ist sie wahrscheinlich gar nicht auf dem Frankfurter Flughafen gewesen.

 

Theo: muss sich fassungslos setzen  Das wird ja direkt unheimlich.

 

Uwe: Hhmm... als erstes rufen wir sämtliche Verwandte, Freunde und Bekannte an. Vielleicht hat sie ja doch irgendwo eine Nachricht hinterlassen. Und wenn wir gar nichts rauskriegen, tja, dann müssen wir wohl die Polizei benachrichtigen und eine Vermisstenanzeige aufgeben. Aber vorher versuchst Du das in New York bei ihrer Schwester. Und das solange, bis Du jemanden dran hast.

 

Theo:  Uwe.  – Was ist hier los?

 

Uwe:   Das weiß ich nicht. Aber ich hoffe, das wir schnell dahinter kommen. (legt seinen Arm um seine Schulter)

 

 

Vorhang

 

Ende des ersten Akts - 2. Bild

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zweiter Akt - 3. Bild

 

(ca. 8 Tage später. Wenn der Vorhang sich öffnet, ist der Statist damit beschäftigt die letzten Einstellungen an der Videokamera vorzunehmen. Diese steht auf einem Stativ vorne etwas schräg in Richtung hintere Tür. Uwe steht etwas ratlos daneben. Die Tür nach hinten steht offen)

 

1. Auftritt

Statist, Friedhelm, Uwe

 

Friedhelm: etwas auffällig gekleidet mit Anzug und Seidenschal o. a., mit einer überschwinglichen Art, kommt zügig von hinten herein, spricht dorthin  Nein nein, Herr Freymuth, die direkte Anrede machen wir auf jeden Fall hier im Reisebüro selbst. Das gibt dem ganzen Spot viel mehr Ausdruck, verstehen Sie?!  zum Statist  Sind Sie endlich soweit?

 

Statist: nickt  Alles bereit, Herr Braun.

 

Friedhelm: Na, das wurde auch Zeit, mein Lieber.

 

Uwe:  zu Friedhelm  Herr Braun, meinen Sie nicht auch, dass...

 

Friedhelm: reagiert gar nicht darauf, ungeduldig, spricht erneut nach hinten  Herr Freymuth, jetzt kommen Sie bitte. Ich habe noch einen weiteren Termin. dann zu Uwe  Entschuldigen Sie bitte, aber wir müssen fertig werden. Bitte jetzt keine Unterbrechungen mehr.

 

2. Auftritt

Statist, Friedhelm, Uwe, Theo

 

Theo: kommt betrübt von hinten herein

 

Friedhelm: hat einen Stuhl vor die Kamera gestellt, schaut durch die Linse der Kamera, „stößt“ den Statisten dabei grob zur Seite  Prima. Nehmen Sie Platz, Herr Freymuth.

 

Theo: tut dies, er schaut Uwe dann unsicher an

 

Uwe: zuckt mit den Schultern

 

Friedhelm: schaut sich „das Bild“ von Theo erneut an  Nein, da müssen wir noch etwas ändern.  holt aus einer Ecke eine Grünpflanze oder einen anderen Dekorationsgegenstand hervor, stellt diesen hinter Theos Stuhl, schaut sich das Ganze dann erneut von vorne an  Ja, das ist es.

 

Uwe: Herr Braun, meinen Sie nicht auch, dass wir hier ein bisschen übertreiben? Wir drehen hier keinen Actionfilm fürs Kino.

 

Friedhelm: Guter Herr... äh... Meier, Müller, Lehmann? Wie auch immer. Seien Sie bitte so lieb und mischen Sie sich nicht in meine Arbeit ein, ja?! Prima! – So, Herr Freymuth. Der Spot ist fast beendet. Wir haben bereits alles auf  Film, was die Zuschauer wissen müssen. Wann ihre Lebensabschnittsgefährtin das letzte Mal gesehen wurde...

 

Theo:  Na, vor neun Tagen.

 

Friedhelm: Jaja. Wir wissen, dass sie zu ihrer Schwester fliegen wollte. Dort ist sie nie angekommen, weil diese Schwester...  liest Notizen von einem Block ab  sich angeblich nie etwas gebrochen hat und diese sich kerngesund mit ihrem neuen Lebensgefährten in New York am Broadway vergnügt.

 

Theo: muss weinen

 

Uwe: geht zu ihm, will ihn trösten

 

Friedhelm: Nicht ins Bild, bitte.

 

Uwe: Sie drehen doch noch gar nicht.

 

Friedhelm: Trotzdem. Ich komm´ sonst nicht klar. Äh – bei ihrer Schwester hat sich Frau Karin Pieper laut deren Aussage sowieso vor etwas mehr als sechs Wochen telefonisch das letzte Mal gemeldet.

 

Theo: schluchzt  Ich versteh´ die Welt nicht mehr. Warum tut sie mir das an? – Und wo ist sie um Himmels Willen?

 

Friedhelm: Nun fassen Sie sich mal wieder. Sie dürfen nicht weinen. Bei der Ausstrahlung sollen die Zuschauer schließlich jedes Wort von Ihnen deutlich hören. Betroffenheit ja! – Aber zu viele Emotionsausbrüche nein! Verstanden?

 

Uwe: Hören Sie doch auf!

 

Friedhelm: lässt sich davon nicht irritieren Weiter. Sie haben alle Verwandten, Bekannte und Freunde befragt; auch die Polizei wurde informiert. Bei mehreren anderen Flughäfen haben Sie Auskünfte eingeholt. Sie haben bei fast allen Hotels, die Ihnen bekannt sind angerufen – sogar in Kroatien, wo Sie mit Frau Pieper ursprünglich einen Urlaub in Dubrovnik geplant hatten. Doch auch dort war eine Frau Karin Pieper bitte betonen nicht registriert. Auch wird ein Fehler auf der Passagierliste der Burgen-Air ausgeschlossen. Im Übrigen erinnert sich niemand vom Personal in Frankfurt an sie, nachdem wir allen ein Foto gezeigt haben. – Gut, dann hätten wir alles. So, Herr Freymuth, Sie wissen ja sicher von unserer Sendung „Bitte komm heim“, dass wir unseren Gästen zum Schluss des Spots die Kamera für zwei Minuten überlassen.

 

Uwe: glaubt es nicht  Gäste, wie sich das anhört... Machen Sie eigentlich immer nur Ihre Arbeit; oder können Sie sich auch vorstellen, was in solchen Menschen wie Theo gerade vor geht?

 

Friedhelm: Unterbrechen Sie mich doch nicht andauernd, Sie Flegel. - Herr Freymuth - Sie haben jetzt die Möglichkeit Ihre Karin direkt anzusprechen. Sitzen Sie bitte aufrecht, schauen Sie direkt in die Linse der Kamera und sagen Sie Ihren Text, ja?!

 

Theo: hat sich etwas beruhigt, nickt

 

Uwe: ist kopfschüttelnd  zur Seite gegangen

 

Friedhelm: Sind Sie dann soweit? Dann proben wir das zunächst einmal ohne Aufnahme. Bitte, Herr Freymuth.

 

Theo: hustet noch mal, will dann beginnen  Karin, Du bist vor neun Tagen einfach...

 

Friedhelm: schnell  H a l t !!! - Ihre Frisur gefällt mir nicht so ganz.  ruft den Statisten  Herr Kuper, können Sie nicht mal eben...

 

Uwe: wird furchtbar wütend  Du meine Güte! -  Spinn ich denn? Seine Frisur gefällt Ihnen nicht? Kapieren Sie überhaupt, was hier los ist? Mein Bruder weiß seit über einer Woche nichts von seiner Freundin. Vielleicht ist sie verschleppt worden, sie kann einem Verbrecher in die Hände gefallen sein; was weiß ich. Vielleicht ist sie DOCH an Bord der Burgen Air gewesen und wirklich tot jetzt. Theo will sich an die Öffentlichkeit wenden, damit er Hilfe bekommt. Und Sie reden von seiner Frisur?

 

Friedhelm: sieht es nach einer kleinen Pause ein, etwas pikiert  Na gut. Wie Sie wollen.

 

Uwe: Na also.

 

Theo: Lass nur, Uwe.  geht sich mit den Fingern durchs Haar  Ist schon gut.

 

Friedhelm: Dann bitte noch einmal.  zum Statisten  Ach, machen Sie vielleicht doch schon mal eine Probeaufnahme.

 

Statist: geht an die Kamera Ok. kleine Pause U n d – Aufnahme!

 

Theo: holt tief Luft  Edith – Mucki, Du bist nun schon seit neun Tagen verschwunden. Nach New York bist Du angeblich nie geflogen. Aber stimmt das auch? Eigentlich müsste ich dann dankbar dafür sein, nach dem schrecklichen Unglück. Aber... wo bist Du? Wenn Du eine Zeitlang alleine sein möchtest, um über uns nachzudenken, dann ist das völlig okay. Aber wir machen uns große Sorgen. Deine Eltern, Geschwister, Verwandte, Uwe, ja sogar unsere Kunden sind völlig fertig. Bitte komm heim oder geb uns zumindest ein Lebenszeichen von Dir. – Ich liebe Dich. ist wieder den Tränen nahe

 

Friedhelm: zum Statisten  Und Schnitt ! --- Prima, Herr Freymuth. Wirklich sehr gut. Ich würde fast sagen, dass es so bleiben kann, oder?

 

Statist: nickt

 

Uwe: ist bereits wieder zu Theo gegangen, dann zu Friedhelm  Und wann wird das nun gesendet ?

 

Friedhelm: Nun, wenn wir den letzten Bericht heute auch noch in den Kasten bekommen und - der ist in Hannover... und wenn mit dem Schnitt alles klappt, dann könnten wir am nächsten Donnerstag bereits senden. Falls es aber doch Verzögerungen geben sollte, dann bringen wir den Spot auf jeden Fall in der übernächsten Sendung.  zum Statisten Sie können abbauen, wenn die Aufzeichnung für Sie okay ist.

 

Statist: nickt, tut dies

 

Friedhelm: geht dann zu Theo, „spielt“ den Mitfühlenden  Ach, Herr Freymuth, Kopf hoch – es wird schon wieder. Im übrigen hat unsere Sendung von allen gesendeten Hilferufen eine Trefferquote von 65 Prozent. Ist das nichts?!

 

Uwe: Trefferquote nennen Sie das? Sagen Sie mal, Herr Braun, haben Sie eigentlich schon mal einen Mensch vermisst, der Ihnen nahe steht?

 

Friedhelm: Da muss ich überlegen. – Äh, nein, nicht das ich wüsste. Warum fragen Sie?

 

Uwe: Sonst würden Sie sicher ein klein wenig anders reagieren bei so einer Fernsehauf-zeichnung.  mehr zu sich selbst  Nicht zu fassen.

 

Friedhelm: Tja... Nun, dann hätten wir alles was wir brauchen. Wissen Sie, Herr Freymuth, es hat bisher schon oft Fälle gegeben, da melden sich die Vermissten bereits während unserer Sendung. Warum sollte das denn bei Ihrer Karin nicht auch so passieren? Ich wünsche Ihnen auf alle Fälle viel Glück und Kraft. reicht ihm die Hand

 

Theo: ebenso Danke.

 

Friedhelm: reicht auch Uwe die Hand, ist ihm gegenüber aber etwas „kürzer“  Für Sie auch alles Gute. „Auf Wiedersehen“ ist hier wohl weniger angebracht, nicht wahr?! Also – adios meine Herren.

 

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