Lange danach gesucht - auf Ibiza 2012 endlich gefunden
Musiker gesucht

“Räucheraal und Kabeljau”

 

 

Komödie in 3 Akten

 

von

 

Helmut Schmidt

 

(hochdeutsche Fassung)

 

 

 

 

 

Inhalt: Die Brüder Ewald und Ansgar Meyer haben vor einem Jahr gemeinsam eine Aal-Räucherei gegründet. Ihre beiden Ehefrauen Brigitte und Frieda kümmern sich um den Verkauf; ein reines Familienunternehmen also. Brigitte ist völlig aus dem Häuschen, weil der bekannte Schlagerstar Werner Wellig ein Konzert auf dem Dorfplatz geben will mit anschließender Autogrammstunde in ihrer Gaststube. Was sie allerdings nicht weiß – ihr Mann und Schwager haben diese Aktion geplant um den Verkauf anzukurbeln. Stolze 10.000 Euro haben sich die beiden den Sänger kosten lassen. Nun muss renoviert werden, weil doch die Presse und hunderte von Gästen erwartet werden. In der Gaststube steht seit einigen Tagen eine neue Lampe, mit der Brigitte schon seit Jahren liebäugelte in einem Antiquitätengeschäft. Alle sind recht überrascht über den Kauf dieses Stücks, der sonst recht geizigen Brigitte. Immerhin hat der Leuchter 3700 Euro gekostet... Als am Abend dann alle zusammenkommen um das einjährige Bestehen des Ladens zu feiern, entdeckt Frieda dann in den Geschäftsunterlagen eine Sensation: Die Lampe wurde von Brigitte auf Geschäftskosten gekauft. Da ist Ärger vorprogrammiert, der sich noch mischt mit Silvia und Ulli (jeweilige Kinder beider Ehepaare). Die beiden sind schwer verliebt ineinander, jedoch Cousine und Cousin... Gibt es dafür eine Lösung? Und kann der Familienfrieden jemals wieder hergestellt werden?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Spieler:                 4m / 5w           1 Bühnenbild

 

 

 

Ewald Meyer              - (50-60 Jahre)

 

Brigitte                       - seine Frau (45-50 Jahre)

 

Silvia                          - beider Tochter (20-25 Jahre)

 

Ansgar Meyer            - Ewalds Bruder (50-60 Jahre)

 

Frieda                         - seine Frau (45-50 Jahre)

 

Ulli                             - beider Sohn (25-30 Jahre)

 

Timo Rossmann          - Freund von Ulli (25-30 Jahre)

 

Svenja Burdiek           - (20-30 Jahre)

 

Tini Jansen                  - Nachbarin (35-60 Jahre)

 

 

--------------

 

Zeit: Herbst in der Gegenwart

 

Spielort: Größeres Dorf in Norddeutschland.

 

Spieldauer: ohne Pausen etwa 100 Minuten

 

 

 

 

 

 

Bühnenbild:

 

Das Bühnenbild zeigt eine eher altmodisch eingerichtete Gaststube, so wie man sie aus den

70er Jahren kennt. Der Raum wird vorübergehend auch als Büro genutzt. Nach hinten führt

eine Tür zum Laden-bzw. Verkaufsraum, eine zweite dient als Eingangstür, und eine dritte

geht zum Flur zu den Privaträumen der Familie Ewald Meyer. Im Raum stehen einige Tische

mit Stühlen, evtl. eine Theke. Im Hintergrund ein Schreibtisch; darauf Ordner,

Schreibzeug u.a., sowie das Telefon. Irgendwo steht eine Tischlampe. Die Gaststätte

kann des Weiteren dekoriert werden mit Fischernetzen, Angelutensilien, Plakaten mit

Angeboten, Veranstaltungshinweisen u.a.

 

Hinweis: Sie benötigen für eine Aufführung dieses Stückes das Lied "Du liebst nur einmal" von

Howard Carpendale. Erhältlich auf diverse Tonträger, z. B. : "Die großen Erfolge von H. Carpendale".

– Gema-Gebühren beachten. Falls Sie Probleme haben, dieses Lied zu besorgen, stellt Ihnen der Autor

gerne zu Übungszwecken einen Tonträger zur Verfügung. email genügt an theaterschmidt@aol.com

 

 

 

Erster Akt

 

                  (Ein Wochentag, später Nachmittag. Wenn der Vorhang sich öffnet, steht Brigitte am Schreibtisch und telefoniert. Sie trägt eine schicke Schürze, ist erfreut. Im Raum hängen einige Girlanden, die zur Feier zum 1 jährigen Jubiläum aufgehängt wurden.)

 

1. Szene

 

Brigitte:     (ist völlig aus dem Häuschen) Ja, sicher bin ich noch dran. Ich... ich kann das einfach nicht glauben. (kurze Pause) Und das ist auch wirklich wahr? – Wie war nochmal Ihr Name? Lauritzen. – Ja ja. – Nicht böse sein, aber... kann ich das auch schriftlich haben? – Ja, weil – das ist einfach 'ne Sensation für uns. Wenn ich das nicht aufs Papier vorzeigen kann, das glaubt mir doch niemand. – Ja ? Ja, das ist schön. Ja – mach´ ich. Besten Dank auch, Herr Lakritzen. – Lauritzen – richtig. Entschuldigung. Wiederhören. (legt schnell auf, geht schnell zur Tür die zum Laden führt, dorthin rufend:) Silvia. Silvia?!

 

2. Szene

 

Silvia:        (kommt ihr mit gleicher Schürze schon entgegen, wischt sich gerade die Hände an einem Handtuch ab) Mutter?

 

Brigitte:     (vor Freude kaum zu halten) Silvia, weißt Du, wer hier gerade angerufen hat? Das Management – Büro von – na ? Ja: Werner Wellig !

 

Silvia:        (kann damit nicht viel anfangen) Aha.

 

Brigitte:     Kind, begreifst Du denn nicht? Werner Wellig. Er hat doch vor ein paar Wochen seine Herbst-Tournee angefangen. Und wegen des großen Erfolgs hat der Veranstalter da noch ein paar Termine angehangen. (schwärmt) Und jetzt kommt er! Hierher !

 

Silvia:        Werner Wellig ? Du meinst DEN Werner Wellig? Diesen Aal-glatten, schleimigen Schlager-Fuzzi mit seiner Schmalzlocke ?

 

Brigitte:     (schwärmt) Ja! (dann barsch) Und das was Du da gerade gesagt hast, hab´ ich NICHT gehört. (schwärmt dann wieder) Oh Gott, das wird der größte Triumpf. Hier bei uns im Dorf auf dem Marktplatz gibt er ein Draußen-Konzert, hat Herr Lauritzen gesagt.

 

Silvia:        Open Air heißt das heute, Mutter.

 

Brigitte:     Ja, das meine ich ja. Und hier in unserer Gaststube will er dann einen Räucher-Aal essen. Weißt Du eigentlich wie wir dadurch positiv ins Gerede kommen?! Die Presse ist doch live dabei. Und die müssen natürlich vorher auch ordentlich davon berichten. Das wird eine Goldgrube hier. – Kind, Du sagst ja gar nichts.

 

Silvia:        Hhmm... Robbie Williams* hätte mich mehr gereizt. *(oder einen anderen derzeit sehr erfolgreichen Popstar aus den USA)

 

Brigitte:     (abwertend) Robbie Williams. Was ist Robbie Williams denn gegen Werner Wellig?! Hach, wer hätte gedacht, dass ich das noch erleben darf? Ich hab´ jede CD

 

                  von ihm. (singt:) "Du liebst nur einmal – und nur einem bist Du treu. Du liebst nur einmal, alles and're geht vorbei." (interpretiert es unprofessionell romantisch)

 

Silvia:        (glaubt es kaum, verdreht die Augen) Ich muss wieder in den Laden, Mutter. Träum´  Du nur weiter. (ab)

 

Brigitte:     (allein, etwas erbost) Was denkt die sich eigentlich? Die haben doch kein bisschen Ahnung mehr von Romantik, dieses junge Gemüse. (geht zu den Tischen, legt Tischdecken darauf, die auf Stühlen bereitliegen, summt dabei vergnügt die Melodie; schwärmt dann erneut:) Werner Wellig... (drückt eine Tischdecke verträumt an ihre Brust)

 

Silvia:        (kommt erneut aus dem Laden) Mutter, darf ich Dich kurz aus Deiner Traum-Welt reißen? – Frau Kramer ist hier und möchte etwas ändern von ihrer Bestellung.

 

Brigitte:     Oh ja. Ich komme schon. (summend und vergnügt mit Silvia abgehend in den Ladenraum)

 

3. Szene

 

Ewald:       (sowie Ansgar kommen aus der Wohnung. Beide tragen "Fischerei-Arbeitsbekleidung", dazu Gummistiefel o.a., machen einen vergnügten Gesichtsausdruck. Ewald schaut zunächst, ob noch kein Gast anwesend ist) Ja, komm nur rein, Ansgar – ist noch keiner hier. (geht hinter die Theke, holt Kornflasche und Gläser hervor, schenkt ein) Auf einen so guten Fang müssen wir ja wohl erstmal einen nehmen, alter Bruder, nicht wahr?!

 

Ansgar:      (sieht die Dekoration) Oh, schau mal Ewald - die Frauen haben hier schon dekoriert.

 

Ewald:       Das ist das Wenigste ja auch wohl, was sie machen können. Ein Jahr zusammen Meyers Aalräucherei. Das muss doch gefeiert werden. (hebt das Glas) Prost Ansgar. (trinkt)

 

Ansgar:      (trinkt auch) Prost Ewald.

 

Ewald:       Tja, wer hätte das in jungen Jahren gedacht, das wir Brüder gemeinsam eine Firma leiten, nicht wahr?

 

Ansgar:      Oft passiert sowas nicht. Man muss sich gut verstehen, sich einig sein, und vor allem – man muss sich vertrauen können; das ist ganz wichtig. Sonst würde das nicht funktionieren.

 

Ewald:       Und damit gehen wir ja als gutes Beispiel für das ganze Dorf voran, nicht wahr?! (schenkt nochmal ein)

 

Ansgar:      Du sagst es. – ZWEI Aal-Firmen hier im Gebiet wären ja auch sicher nicht tragbar, denk´  ich. Aal und Kabeljau ist und bleibt nun mal eine Spezialität.

 

Ewald:       (zeigt mit den Fingern "Geld") Eine Spezialität, die dazu noch ordentlich was abwirft. Prost. (beide trinken wieder) Und wenn unsere neue Gaststube erstmal fertig ist – was glaubst Du wohl, was hier dann erst los ist...

 

 

4. Szene

 

Brigitte:     (kommt zügig aus dem Laden, gefolgt von Frieda) Oh, ihr seid schon wieder zurück. Ewald - Ansgar; ihr ratet nicht, was ich für 'ne Überraschung für euch hab´. (Frieda trägt ebenfalls eine gleiche Schürze)

 

Ewald:       (tut, als ob er scharf überlegt) Du... Du hast vier richtige im Lotto.

 

Frieda:       Quatsch. Das wäre doch keine Sensation. Schaut euch Brigitte doch an.

 

Ansgar:      Fünf richtige im Lotto.

 

Brigitte:     Hört auf. Ich will es euch sagen: – Wir präsentieren hier – bei uns auf dem Marktplatz, live und wahrhaftig – na? - Den absoluten Superstar Werner Wellig !

 

Frieda:       Und hinterher gibt er 'ne Autogramm-Stunde und isst 'nen Aal - und das hier bei uns in unserem Betrieb - jaaaaaaa!

 

Brigitte:     Genau ! Dieser Manager hat sich am Telefon direkt aufgedrängelt. Könnt ihr euch vorstellen, was mir das bedeutet?

 

Ewald:       Ja, das Geschäft wird mal richtig angekurbelt.

 

Brigitte:     (abwinkend) Ja, das natürlich auch. – Aber viel wichtiger ist doch: Er kommt! Mein Werner Wellig ! (wieder verträumt) Wisst ihr – das ich alle CDs von ihm hab´? Und mindestens sieben Autogramme.

 

Ewald:       (eher gelangweilt) Ja, das wissen wir. Seine Musik läuft ja den ganzen Tag im Laden.

 

Brigitte:     Hab´ ich Dir die Autogramme eigentlich schon mal gezeigt, Frieda? Auf eins hat er sogar 'ne Widmung geschrieben: "Für meinen größten Fan Brigitte, Werner Wellig".

 

Ewald:       Brigitte, das ist doch mindestens 20 Jahre her.

 

Brigitte:     Na und ? Meinst Du, er kennt mich nicht mehr, oder was?

 

Ewald:       (ironisch) Sicher. Wie konnte ich daran nur zweifeln?

 

Brigitte:     Werner Wellig macht ja gerade eine Tournee. Und weil da noch ein Termin frei ist, hat der Manager gemeint, dass dieser Abend noch ausgefüllt werden könnte. Das hätte jedes Dorf auf der Welt treffen können - aber nein... er hat HIER angerufen - hier bei mir. (nimmt Frieda am Arm) Komm Frieda, wir fragen Silvia, ob sie einen Moment ohne uns im Laden zurecht kommt - und dann zeig´ ich Dir meine Autogramm-Sammlung. (abgehend zum Laden) Männer haben eben keine musische Ader und keinen Sinn für Romantik.

 

Frieda:       Du sagst es, Brigitte. (beide ab)

 

5. Szene

 

Ansgar:      (und Ewald müssen lachen) Oh nein, Deine Frau.

 

Ewald:       Na, Deine ist auch nicht viel besser. – Aber sie freuen sich. Beide. Und mehr wollten wir ja gar nicht. Das Du aber dicht hältst, Ansgar!

 

Ansgar:      Sicher. – Lassen wir unseren Frauen in dem Glauben, Mister Wellig hat sich hier bei uns selbst angeboten.

 

Ewald:       Na, wenn das durchs Dorf geht, das wir uns mit dem Konzert-Veranstalter in Verbindung gesetzt haben...

 

Ansgar:      ... ganz zu schweigen von den 5000 Euro, die uns dieser Schlager-Heini kostet; nur, damit er hier ein paar von seinen grauenvollen Liedern trällert und anschließend bei uns einen Aal isst.

 

Ewald:       Das darf aber nie jemand erfahren, Ansgar. Vor allem Frieda und Brigitte nicht. - 5.000 Euro. Unerhört, was diese Stars heutzutage verlangen, nicht?!

 

Ansgar:      Kriegen wir doch doppelt und dreifach wieder rein. Und wenn alles nach unserem Plan läuft, wird der Anbau mit der neuen Gaststube auch noch fertig bis dahin.

 

Ewald:       Na hoffentlich. Hier in dieser alten Kammer können wir Herrn Wellig ja auch nicht präsentieren. Weil doch sicher Zeitungsreporter von weit her Bilder davon machen. Wir brauchen Reklame, das soll diese Sache doch nur bezwecken - sonst nichts.

 

Ansgar:      Ich kann nur hoffen, dass sich diese Investition auch lohnt.

 

Ewald:       Wie meinst Du das?

 

Ansgar:      Na, erstmal der Anbau für ´nen Haufen Geld, und jetzt auch noch die 5 Riesen für diesen Schlagerfuzzi Mr. Werner Wellig.

 

Ewald:       Na, der Laden läuft seit einem Jahr doch ganz gut.

 

Ansgar:      Aber hier in der Gaststube ist so gut wie nichts los. Auch wenn es hier altmodisch aussieht, könnte sich doch mal einer blicken lassen. Vielleicht ist es die Lage. 200 Meter von der Hauptstraße weg sind eben nicht besonders praktisch für die Gäste. Wer fährt hier schon gerne ganz her? Und wenn es nach dem Umbau dann ebenso ist?

 

Ewald:       Das wird nach der Neueröffnung ganz anders - glaub´ mir.

 

Ansgar:      Hoffentlich. (sieht jetzt die Lampe auf einem Tisch stehen) Hey, was ist das? (staunt nicht schlecht)

 

Ewald:       Hast Du die noch gar nicht gesehen? Auf diese Lampe hatte Brigitte schon seit Jahren ein Auge geworfen. Hing doch immer in dem Antik-Laden an der Hermann-Löns-Straße. Gestern hat sie sich dieses Prachtexemplar nun endlich zugelegt. – Der soll bei uns im Wohnzimmer seinen Platz finden; aber weil sie damit gerne ein bisschen angeben will, hat sie die erstmal hierhin gestellt. Ist die nicht schön?!

 

Ansgar:      Ich hab´ nicht viel Ahnung von alten Sachen. Was hat Brigitte denn dafür bezahlt, wenn ich mal fragen darf?

 

Ewald:       Die Lampe soll von 1890 sein - aus dem Geburtsjahr von Charles de Gaulle. Und eben auf DEN seinen Schreibtisch soll die Lampe jahrelang gestanden haben.

 

Ansgar:      (tut erst gelehrt) Charles de Gaulle. Ach, bei DEM ! - (dann) Wer war das nochmal, Ewald?

 

Ewald:       Ansgar: DU und Deine Geschichts-Kenntnisse. Charles André de Gaulle war ein französischer General im zweiten Weltkrieg.

 

Ansgar:      Und was haben wir davon gehabt?

 

Ewald:       Ja, das weiß ich so genau auch nicht mehr. Frag´ meine Frau. Die Lampe ist auf jeden Fall sehr alt und wertvoll.

 

Ansgar:      Na gut. Und was hat die nun gekostet?

 

Ewald:       3700 Euro hat Brigitte dafür hingeblättert.

 

Ansgar:      (äußerst erstaunt über den Preis) Donnerwetter ! Da hätte sie bei Ikea aber ´ne billigere bekommen.

 

Ewald:       Ach, Du hast ja gar keine Ahnung. - Ich weiß; das wäre nicht nötig gewesen. Aber diese Lampe war immer Brigittes Traum. Das ist immerhin ein Stück Geschichte. Und sie hat das Geld dafür Euro für Euro zusammen gespart; hat sie gesagt.

 

Ansgar:      Sie muss ja selber wissen, was sie sich kauft. Ist ja ihr Geld. Aber für so viele Kröten hätte man ja einen Gebrauchtwagen kriegen können.

 

Ewald:       Brigitte hat doch keinen Führerschein.

 

Ansgar:      Das war ja auch nur ein Beispiel. Hhmmm..., da wir gerade alleine sind; ich hab´ da noch ein Anliegen.

 

Ewald:       Wenn es nicht zu lange dauert; Du weißt ja – wir müssen auch endlich den Papierkram mal fertig machen.

 

Ansgar:      Das machen die Frauen sicher. – Also, es ist wegen nächste Woche; die Sache mit Dänemark.

 

Ewald:       (braust schon auf) Nach Dänemark fährst Du dieses mal! Davon haben wir lange genug gesprochen.

 

Ansgar:      Ja ja, reg´ Dich ab. Ich fahr´ ja. Darum geht es ja gar nicht. Es ist nur so - ich bin dann sicher drei Tage weg von hier. Die wollen immerhin eine Aal-Maschine von uns kaufen.

 

Ewald:       (bestimmend) Die ich konstruiert hab´, und wo ich Patent drauf angemeldet hab´. Und über den Preis weisst Du ja bescheid.

 

Ansgar:      Ja sicher. Es ist nur – also, das ist wegen meiner Frieda.

 

Ewald:       Frieda ? Was ist mit ihr?

 

 

Ansgar:      Wenn ich das nur wüsste. Sie ist in letzter Zeit so – ich weiß gar nicht, wie ich das sagen soll. – Irgendwie kommt es mir vor, als wenn da noch ein anderer Mann eine Roll spielt.

 

Ewald:       (überrascht und leicht erschrocken) Ansgar! Du denkst; Frieda hat – 'nen anderen?

 

Ansgar:      (legt seinen Finger auf die Lippen) Psst. Sicher bin ich nicht. Aber könnte doch sein. Ich hab´ das so im Gefühl.

 

Ewald:       Ja aber, Frieda und ein anderer... also, das will mir nicht in den Kopf. Wie kommst Du da denn eigentlich drauf?

 

Ansgar:      Erstmal singt sie die ganzen Tage. Das hat sie sonst nie getan. Und sie kauft sich neue Kleider; drei Stück alleine schon im letzten Monat - dabei ist sie doch sonst immer so geizig.

 

Ewald:       (muss lachen) Ja, allerdings. Das musst Du mir nicht erzählen. Die Heizung kommt bei euch erst an, wenn es draußen unter 0 Grad ist. Und mit dem Badewasser, wo sie dringesessen hat, wird hinterher noch die Küche gewischt.

 

Ansgar:      Eben.

 

Ewald:       Und Ulli hat mir erzählt, das ihr seit ein paar Wochen nur noch die Nord-West-Zeitung* nehmt; nachdem ihr ein Geschäft verrichtet habt auf dem Klo. Stimmt das? (*evtl. andere Tageszeitung nennen)

 

Ansgar:      Frieda meint, Toilettenpapier ist zu teuer.

 

Ewald:       (muss wieder lachen) Die ganzen Anzeigen für ´n Arsch.

 

Ansgar:      Ja, lach Du nur. Ich kann ihr diese Ticks doch auch nicht abgewöhnen.

 

Ewald:       Nein nein; ich meine ja nur. Ist ein bisschen Paradox, nicht wahr?! Erst in die Badewanne, damit man sauber und frisch wird; und dann wieder auf dem Klo die ganze Druckerschwärze für das Hinterteil.

 

Ansgar:      (muss jetzt auch darüber lachen, wird dann wieder ernster) Sie spart eben, wo es nur geht. Und auf einmal riecht sie nach Parfüm; das gibt mir auch zu denken.

 

Ewald:       Aha.

 

Ansgar:      (hakt schnell nach) Nach Parfüm, dass ich ihr nicht gekauft hab´, und die ja auch nicht billig ist. Was soll ich davon denn noch halten?

 

Ewald:       Das bildest Du Dir sicher alles nur ein. Frauen spielen ab und zu mal ein wenig verrückt. Siehst Du doch an meine Brigitte und dieser Lampe. ICH hätte die niemals gekauft.

 

Ansgar:      Ich weiß nicht recht. – Kannst Du nicht mal 'n Auge danach offen halten, solange ich in Dänemark bin?

 

Ewald:       Du meinst, ich soll Deine Frau beschatten?

 

 

Ansgar:      Tagsüber ist sie ja hier im Laden. Aber wenn Du mal Zeit hast, geh´ doch abends bei uns vorbei und schau, ob ein fremdes Auto vor dem Haus steht, oder so. Sind ja nur 300 Meter. Machst Du das für mich?

 

Ewald:       Ich soll meine eigene Schwägerin beschatten  - ist ja ´n Ding.

 

Ansgar:      Vielleicht gibt es ja wirklich keinen Grund dazu. Aber nur so kann ich wieder ruhig schlafen.

 

Ewald:       Na gut, ich mach´ das.

 

Ansgar:      Danke Ewald. Und kein Wort zu Brigitte, hörst Du?!

 

Ewald:       Du kannst Dich hundertprozentig auf mich verlassen. Ehrenwort. (hält seine Hand hin)

 

Ansgar:      (schlägt ein) Bist doch der Beste, Bruder.

 

6. Szene

 

Silvia:        (kommt aus dem Laden, mit Notizbuch und Bleistift) Vater – Onkel Ansgar; Frau Grüßing fragt, wie viel Rabatt sie bekommt bei 25 Kilo Räucheraal.

 

Ewald:       Wann braucht sie die denn?

 

Silvia:        Zum  2. Advent erst; für ´ne große Feier; aber sie will das jetzt wissen und dann vorbestellen, oder auch nicht, hat sie gesagt. Ihr kennt ja ihre Art.

 

Ewald:       (fragend zu Ansgar) 10 Prozent ?

 

Ansgar:      25 Kilo sind ja schon was. Ja, sag´ ihr mal 10 Prozent, Silvia. Schreib´ aber genau auf, was sie haben will. Mit Frau Grüßing haben wir nämlich schon eine Menge Spaß gehabt.

 

Silvia:        Allerdings ! – Äh... da muss nun aber langsam mal jemand mithelfen. Das ist richtig voll im Laden. (wieder ab in den Laden)

 

Ansgar:      Ja ja. - Nach Ostern wollte Frau Grüßing 50 Euro zurück haben, weil die Aale ihrer Meinung nach nicht richtig geräuchert waren; weist Du das noch?

 

Ewald:       Oh ja.

(aus der Wohnung hört man jetzt das Lied von CD "Du liebst nur einmal")

 

Ewald:       Oh nein, nicht schon wieder. – Und immer nur dieses eine Lied. Hör´ Dir doch mal diesen dummen Text an. „... nur einem bist Du treu.“

 

Ansgar:      Na ja, da ist doch was dran, oder?!

 

Ewald:       Ja ja, wenn schon...

 

 

 

 

7. Szene

 

Brigitte:     (kommt von Frieda gefolgt aus der Wohnung. Sie hat einige Autogrammkarten dabei, geht damit zu Ansgar) Hier Ansgar; das war 1974. "Für Brigitte, Werner Wellig": Ja, das hat er da drauf geschrieben.

 

Ansgar:      '74 ? Solange singt dieser Kerl schon?

 

Ewald:       Noch viel länger, Ansgar.

 

Brigitte:     (zeigt Frieda jetzt ein weiteres Autogramm) Hier Frieda. 1983 – Bremer Stadthalle.  Das war die "Herz und Gefühl" – Tournee. Da trägt er sein Haar anders. Richtig schnittig, nicht wahr ?!

 

 

Frieda:       (nickt lächelnd zustimmend) Da bist Du überall gewesen? Hach, das wäre mir zu teuer. So 'ne Eintrittskarte kostet doch sicher ein Vermögen?

 

Ewald:       Achwas. Mit 40 bis 50 Euro bist Du dabei.

 

8. Szene

 

Silvia:        (kommt wieder herein, ist genervt) Hallo? Kann mir jetzt vielleicht endlich jemand helfen? Oder ist das hier mein Geschäft? Frau Grüßing raubt mir den letzten Nerv. Und fünf andere Kunden warten.

 

Brigitte:     Ja Kind, wir sind schon da. (verstaut die Autogramme, schnell hinter Silvia her in den Laden)

 

9. Szene

 

Ansgar:      (zu seiner Frau) Und bevor Du wieder in den Laden gehst, stellst Du diese Musik ab. Das ist ja nicht auszuhalten.

 

Frieda:       Nein mein Schatz, das tu ich nicht!

 

Ansgar:      (wartet zunächst, geht dann wütend ab in die Wohnung) Dann mach´ ich das eben selber! (ab)

 

10. Szene

 

Frieda:       (sowie Ewald warten, bis Ansgar die Tür zur Wohnung geschlossen hat, umarmen sich dann stürmisch, Kuss) Oh Ewald, warum ist das Gefühl für Dich nur so stark? Ich kann einfach nichts dagegen machen.

 

Ewald:       (wehrt sie nun jedoch vorsichtig ab, sieht sich um) Das geht mir doch genauso, Frieda. Aber wir müssen aufpassen. – Frieda, sei vernünftig. Mein Bruder hat schon Verdacht geschöpft. Gerade hat er mit mir darüber gesprochen. So kann es einfach nicht weitergehen.

 

Frieda:       (erschrocken) Er weiß von uns?

 

 

 

Ewald:       Nein nein. Aber er hat Dich in Verdacht, dass es da einen anderen geben könnte. Wir müssen das in den Griff bekommen.

 

Frieda:       (schmollt, wendet sich ab)

 

Ewald:       Seh´ es doch ein, Schatz. Ansgar und ich führen die Räucherei hier nun schon ein ganzes Jahr zusammen. Und das klappt mit Brigitte, Silvia und Dir im Laden prächtig miteinander. Und das muss auch so bleiben. Da können wir nicht unser gutes Arbeitsverhältnis zueinander wegen so 'ner kleinen Affäre zwischen uns aufs Spiel setzen. Stell Dir doch mal vor, wir bekommen hier Streit. Das wäre ja eine Katastrophe. (die Musik ist mittlerweile verstummt)

 

Frieda:       Kleine Affäre. Mehr bin ich also gar nicht für Dich! Wie oft hast Du in der letzen Zeit gesagt, dass ich so ganz anders bin als Brigitte?! Gestern Abend war ich noch Deine Zuckerschnute; Dein Goldkelchen, Dein Schatzi-Maus. – Und ganz plötzlich bin ich nur noch 'ne Affäre ? (wendet sich beleidigt ab)

 

Ewald:       Frieda; so versteh´ doch...

 

11. Szene

 

                  (Die Tür nach draußen wird abrupt polternd geöffnet. Es kommen...)

 

Ulli:           (... und Timo herein. Beide tragen Svenja. Ulli hält ihren Oberkörper, während Timo sie bei den Füßen trägt. Das junge Mädchen ist ohnmächtig, lässt den Kopf hängen, hat eine blutende Platzwunde an der Stirn) Los, macht Platz da.

 

Frieda:       Ach Du liebe Zeit.

 

Ewald:       Junge, was ist passiert?

 

Timo:         Na, wo soll sie nun denn hin?

 

Ulli:           Wir müssen erstmal erste Hilfe leisten. (legt das Mädchen auf den Boden) Ein paar Kissen, Vater.

 

Ewald:       Ja, natürlich. (holt schnell einige Kissen zusammen. Falls sie in der Gaststube auf den Stühlen liegen; ansonsten besorgt er diese schnell aus der Wohnung, kommt sodann zurück)

 

Timo:         Und Sie können schon mal 'nen Doktor anrufen, Frau Meyer.

 

Frieda:       Ja, sicher doch. (schnell ab in die Wohnung)

 

Ulli:           (und Timo legen Svenja die Kissen unter den Kopf)

 

Timo:         (schaut nach oben) "Errette mich durch Deine Gerechtigkeit und hilf mir heraus, neige Deine Ohren zu mir und hilf mir."

 

Ulli:           Ja doch, Timo. - Sie ist mir einfach so vors Auto gelaufen, Vater. Gerade als wir hier von der Hauptstraße in unsere Auffahrt eingebogen sind.

 

Ewald:       Sowas. – War sie denn zu Fuß ?

 

Ulli:           Ja. Aber sie ging nicht spazieren oder so. Ich hab´ sie doch ganz deutlich gesehen. Sie ist mir mit Absicht vors Auto gelaufen. Das war doch so; nicht wahr, Timo?

 

Hein:         Ja. Ich denke auch, sie hat das bewusst getan. – "Herr, sei mir gnädig, denn ich bin schwach – heile mich, Herr, denn meine Gebeine sind erschrocken."

 

Ewald:       Ihr meint, sie wollte sich das Leben nehmen?

 

Ulli:           Klingt verrückt. Aber was sollen wir sonst denken? (ist noch ganz verwirrt) Hach, ich zittre noch am ganzen Leib.

 

Ewald:       Hättet ihr sie denn aber nicht dort an der Unfallstelle liegen lassen; bis der Rettungswagen kommt - und auch DORT vor Ort erste Hilfe leisten müsst?

 

Timo:         Siehste, was hab´ ich gesagt?!

 

Ulli:           Ist nun doch egal. – Was machen wir denn nun? Ich bin echt kein Held, wenn es um erste Hilfe geht.

 

Ewald:       Geht mir ebenso, Junge. Man weiß ja auch nie, ob man vielleicht etwas falsch macht. - Aber Mund zu Mund-Beatmung – ich glaube, das ist immer gut. (geht schon auf die Knie, wischt sich mit dem Handrücken die Lippen ab)

 

Ulli:           Lass das lieber, Vater. Stell´ dir mal vor, sie schlägt die Augen gleich auf – die fällt ja tot um, wenn sie Dich sieht.

 

Ewald:       (beleidigt) Was soll das denn heißen? Vielen Dank auch!

 

Timo:         Warten wir lieber noch ein paar Minuten, Herr Meyer. – "Herr, wie lange willst Du mich so ganz vergessen? Wie lange verbirgst Du Dein Antlitz vor mir?"

 

Ulli:           Timo – bitte. Verschone uns mit Deinen Psalm-Sprüchen.

 

Ewald:       Aber hier auf dem Fußboden kann sie nicht liegen bleiben. Wer ist diese Frau denn eigentlich? Kommt sie hier aus unserem Dorf? (bzw. Stadt) (beugt sich runter zu ihr, schaut ihr ins Gesicht)

 

Ulli:           Keine Ahnung. Ich hab´ sie hier noch nicht gesehen vorher.

 

Timo:         Nein, ich auch nicht. – "Denn es haben mich umgeben Menschen ohne Zahl. Meine Sünden haben mich..."

 

Ewald:       Ja ja.

 

Ulli:           Sie atmet aber. Scheint ohnmächtig zu sein. Und was ihr ansonsten noch passiert ist... (zuckt die Schultern) Sie ist direkt auf die Motorhaube gefallen.

 

Ewald:       Hat sie Papiere dabei?

 

Ulli:           Eine Handtasche hatte sie nicht.

 

Ewald:       Vielleicht hat sie eine Innentasche. (will schon in ihre Jackentasche greifen)

 

 

Ulli:           Vater; das kannst Du doch nicht machen. Du kannst ihr doch nicht an die Brüste gehen. - Sie wird uns schon noch sagen, wer sie ist. - Oh Gott, hoffentlich überlebt sie das.

 

Timo:         "Ob ich schon wanderte im finsteren Tal..."

 

Ulli:           (barsch) "...fürchte ich gleich, das ich ausflippe."

 

Timo:         (kann Ulli nicht verstehen) Du und Dein Gottvertrauen.

 

Ulli:           (ruhiger) Hab´ ich ja, Timo. Aber doch nicht in einer Tour mit diesen Sprüchen. Das nervt!

 

12. Szene

 

Brigitte:     (kommt recht aufgeregt aus dem Laden) Lini Kramer erzählt mir soeben, hier ist ein Unfall... (sieht jetzt das junge Mädchen auf dem Boden liegen) Ach, Du liebe Zeit. (zu Ulli) Junge, warst Du das?

 

Ulli:           Ja, aber ich hab´ keine Schuld daran.

 

Brigitte:     Ist Dir denn auch nichts passiert?

 

Ulli:           Nein, mir fehlt nichts. Und das Auto hat auch nichts abbekommen.

 

Brigitte:     Wer ist denn das Fräulein?

 

Timo:         Das wissen wir doch auch nicht. Niemand von uns kennt sie. Leider.

 

Ulli:           Wieso leider? Hast Dich schon gleich wieder verschossen in das Mädchen, oder was?

 

Timo:         Na, DU hast sie doch auch an Stellen angefasst, wo es nicht nötig getan hätte.

 

Ulli:           Hab´ ich nicht !

 

Timo:         Hast Du doch !

 

Ulli:           Hab´ ich nicht!

 

Timo:         Wenn Du nicht mein bester Freund wärst, würd´ ich dir jetzt eine reinhauen.

 

Ulli:           Und wenn Du nicht MEIN bester Freund wärst, bekämest Du zwei zurück.

 

Brigitte:     Nun hört auf. Habt ihr denn zumindest schon einen Doktor angerufen ?

 

13. Szene

 

Frieda:       (ist während des letzten Satzes wieder aus der Wohnung gekommen) Ja, der Arzt  ist unterwegs.

 

Ewald:       Hier kann sie aber nicht liegen bleiben. Bis der Rettungswagen kommt legen wir sie im Wohnzimmer auf das Sofa, ja ?!

 

Timo:         Das ist gut.

 

Brigitte:     Die Stelle am Kopf können wir ja schon mal verarzten. Ich hol schnell den Erste-Hilfe-Koffer. (schnell ab in die Wohnung)

 

Ewald:       Soll ich dann mal anfassen? (will schon ihren Oberkörper hochnehmen)

 

Ulli:           Nein nein, wir machen das schon, Vater. (nimmt zusammen mit Timo das junge Mädchen wieder hoch, beide tragen sie dann in die Wohnung. Ewald dirigiert währenddessen)

 

Ewald:       Oh nee, oh nee, oh nee...

 

Frieda:       Lasst sie bloß nicht fallen. (geht voran, hält die Tür auf)

 

Ulli:           Ich kann wirklich nichts dafür, Vater. Ich schwöre.

 

Ewald:       Ist ja gut.

 

                  (alle ab in die Wohnung)

 

                  (kurze Pause)

 

14. Szene

 

Silvia:        (kommt dann wieder aus dem Laden; von dort hört man evtl. viele Kundinnen reden und schimpfen) Mutter ? – Tante Frieda ? (etwas verzweifelter:) Mutter... (geht dann zu einem Tisch, setzt sich, vergräbt ihr Gesicht in beide Handflächen, weint)

 

15. Szene

 

Tini:           (kommt zügig von draußen herein) Silvia – Kind. Was ist denn ?

 

Silvia:        Oh, Tini. Ich... ich weiß auch nicht.

 

Tini:           Du sitzt hier und weinst? Komm; raus mit der Sprache. Was ist passiert ?

 

Silvia:        Mir wird das alles zuviel. Ich fühle mich schon seit ein paar Tagen nicht gut. Und dann auch noch die Arbeit hier. Und heute nervt mich jeder Kunde und man läßt mich ganz alleine mit allem. Mutter und Tante Frieda auch. Und der Laden steht voll. Ich kann nicht mehr.

 

Tini:           Das kann ich gut verstehen. Das ist wirklich zuviel für einen alleine. (schaut auf die Uhr) Ach, das sind ja nur noch zehn Minuten bis der Laden schließt. Komm, gib mir Deine Schürze; ich mach das schon.

 

Silvia:        Aber Tini; das kannst Du doch nicht machen. Und ich weiß auch nicht, ob Mutter und Vater damit einverstanden sind.

 

Tini:           Nicht einverstanden? Dann sollen sie gefälligst selbst mit Hand anlegen. (nimmt Silvia die Schürze schon ab, die währenddessen aufsteht) Ich hab´ schon so viel Fisch und Aal bei euch gekauft; wer kennt sich denn wohl besser aus als ich, hä?!

 

Silvia:        Und wenn schon. Die Leute... was denken die denn, wenn Du da plötzlich hinter dem Tresen stehst, Tini ? Das wäre Vater sicher nicht recht.

 

Tini:           (bindet sich die Schürze nun um, geht schon zur Ladentür) Leg´ Du Dich mal aufs Ohr, mein Kind. Tini Jansen macht das schon. (abgehend in den Laden) So, wer ist denn wohl als nächstes dran ? (Tür zu)

 

Silvia:        Ja aber... (seufzt)

 

16. Szene

 

Brigitte:     (an der Wohnzimmertür, scheucht Ulli und Timo heraus) Nein, jetzt geht ihr mal wieder raus. So viele Menschen sind sicher gar nicht gut für das junge Fräulein.

 

Ulli:           Aber wir müssen doch wissen, was mit ihr los ist.

 

Timo:         Genau !

 

Brigitte:     Das erfahrt ihr dann, wenn der Doktor da gewesen ist. Und nun geht. (schließt die Tür)

 

17. Szene

 

Ulli:           Unerhört ist das. Wir retten ihr quasi das Leben; und nun übernehmen DIE das Regiment einfach.

 

Timo:         Na ja, was heißt – Leben retten ?

 

Ulli:           Wenn schon. Ich bin in dieser Geschichte ja wohl die Hauptperson, oder ?! (sieht jetzt Silvia) Hey, Silvia.

 

Silvia:        Hallo Ulli. – Moin Timo.

 

Timo:         Moin.

 

Ulli:           Was machst Du denn für 'n Gesicht, Cousinchen ?

 

Silvia:        Ach nichts. – Du sollst aber nicht Cousinchen zu mir sagen, Ulli.

 

Ulli:           Ich weiß. Aber Du bist nun mal mein Cousinchen. Das kann ich doch auch nicht ändern.

 

Silvia:        (seufzt wieder) Was ist hier denn los ?

 

Timo:         Ulli und ich waren in der Stadt und haben den Stoff ausgesucht für unsere neuen Stühle hier im Wirtshaus.

 

Ulli:           Und als wir zurück kamen und hier eingebogen sind...

 

Timo:         ... ist uns 'ne junge Frau vors Auto gelaufen.

 

Silvia:        Oh nein, das ist ja schrecklich.

 

 

Ulli:           Ich glaube, es sieht schlimmer aus, als es ist.

 

Timo:         Hoffentlich. (wird besinnlich, holt schon wieder tief Luft um einen neuen Psalm aufzusagen)

 

Ulli:           Noch ein Spruch, und ich vergesse mich.

 

Timo:         Ja doch.

 

Ulli:           (schaut auf die Uhr) Und was ist mit Dir? Warum bist Du nicht im Laden?

 

Silvia:        (will schon antworten)

 

Ulli:           Moment mal. Mutter und Tante Brigitte sind mit Vater und Onkel Ewald bei unserem Unfallopfer und Du sitzt hier herum und... sag´ mal, wer ist denn im Laden?

 

Silvia:        (steht auf) Ich geh´ ja schon. Mir war nur einen Augenblick nicht gut.

 

Ulli:           Aha.

 

Silvia:        (an der Tür zum Laden) Ulli, was ich Dir noch sagen wollte: Können wir uns vielleicht mal unterhalten? Ich meine – nur wir beide – ganz alleine - in Ruhe?

 

Ulli:           Gut, das Du das ansprichst. Dasselbe wollte ich Dir nämlich auch schon vorschlagen. Heute Abend irgendwann?

 

Silvia:        Glaubst Du, dass das möglich ist? Hier soll doch noch gefeiert werden. Das Einjährige! Und wenn Deine und meine Mutter ihre Werner Wellig-CDs abspielen, werden wir das wohl kaum ertragen. Ganz zu schweigen davon, dass man sich dann nicht ungestört unterhalten kann.

 

Ulli:           Dann ziehen wir uns eben dezent zurück.

 

Silvia:        (schaut ihn verliebt an) Hhmm... (dann wieder etwas vergnügter ab in den Laden)

 

18. Szene

 

Timo:         Tsss... Du und Dein Cousinchen. Sie schaut Dich an, wie... – wie soll ich sagen ?

 

Ulli:           (seufzt auf) Du sagst es, Timo. Genau so sieht sie mich an.

 

19. Szene

 

Brigitte:     (kommt gefolgt von Ansgar aus der Wohnung)

 

Ulli:           (schnell) Und? Was ist denn nun?

 

Brigitte:     Der Notarzt ist noch nicht da. Sie ist noch nicht wieder zu sich gekommen - aber sie atmet ganz normal. Wir haben da aber was gefunden; in ihrer Tasche. Hier. (zeigt einen Briefumschlag)

 

Timo:         Ein Brief ?

 

 

Ansgar:      Ja.

 

Ulli:           Und den habt ihr gelesen ?

 

Brigitte:     Ja sicher. Also nicht, das man neugierig ist, aber sowas muss man doch auf den Grund gehen.

 

Ansgar:      (betrübt) Ist ein Abschiedsbrief.

 

Ulli:           Abschiedsbrief ?

 

Timo:         "Herr, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss..."

 

Ulli:           Na, nun zeig´ schon her. Immerhin ist sie MIR vors Auto gelaufen. (reißt Brigitte den Umschlag aus der Hand, holt den Brief heraus, liest vor:) "Verzeih mir bitte. Ich hab' keinen anderen Weg gewusst. Im Himmel sehen wir uns wieder. In Liebe Svenja". – Großer Gott, das ist ja 'n Ding.

 

Timo:         Sie wollte sich also ernsthaft das Leben nehmen – und machen das dann auf so eine Art und Weise?

 

Ulli:           Stimmt. Da wär´ mir auch sicher was Besseres eingefallen.

 

Brigitte:     Junge, sag´ doch nicht sowas.

 

Ulli:           Ausgerechnet mir muss sowas passieren.

 

Ansgar:      Was ist denn nur vorgefallen bei ihr? Sowas macht man ja nicht einfach so.

 

Brigitte:     Vor allem gehört da ja auch 'ne Menge Kraft dazu, sowas zu machen.

 

Ulli:           Wenn sie aufwacht... sollten wir auch einen Psychologen oder sowas anrufen?

 

Brigitte:     Wir warten erstmal, bis der Arzt da ist. Und von dem Brief sagen wir erstmal nichts.

 

Ansgar:      Wieso das denn nicht?

 

Ulli:           Tante Brigitte hat recht. Denk doch mal nach, Vater. Wenn der Notarzt von diesem Unfall erfährt, stecken die sie auf jedenfall ins Krankenhaus. Und wenn wir auch noch von dem Brief erzählen, dann kommt sie in die Klappse. Wenn sie dort dann erst aufwacht und spürt, das ihr Suizid-Plan nicht geklappt hat...

 

Timo:         ...ist es möglich, dass sie aufsteht und es gleich nochmal versucht.

 

Ulli:           Genau ! Und ein zweites Mal können wir ihr dann sicher nicht mehr helfen. Das könnte ich mir niemals verzeihen.

 

Ansgar:      Da habt ihr recht.

 

Brigitte:     Eben. Aber was sagen wir dem Doktor?

 

 

 

Ulli:           Wir erzählen, dass sie ein Gast ist. Sie ist gefallen, hier vor unserer Gaststube. Dann wird sie verarztet und kann hier bleiben. Und wenn sie wach wird, dann reden wir erstmal mit ihr. Und solange dürfen wir sie nicht aus den Augen lassen.

 

Brigitte:     Und wenn sie doch mehr abbekommen hat ? Ich meine, wenn sie innere Verletzungen hat? Dann muss sie DOCH ins Krankenhaus.

 

Ulli:           Hoffen wir mal, dass es nicht so schlimm ist. Und wenn doch, dann sollte einer von uns mitfahren.

 

Brigitte:     Hach, was für 'n Tag. Und das an unserem einjährigen Jubiläum. Wir wollen doch noch feiern heut´ Abend. Danach steht mir nun gar nicht mehr der Sinn.

 

Ansgar:      Nun lass´ den Kopf mal nicht gleich hängen, Brigitte. Das wird schon wieder. (geht ab in die Wohnung)

 

Brigitte:     Hoffentlich hast Du recht. (folgt ihm)

 

20. Szene

 

Ulli:           Ich kann es echt nicht fassen, wie eine junge Frau ihr Leben einfach wegwerfen kann. Es gibt doch immer eine Lösung für alles, oder?

 

Timo:         Tja... sie wird wieder gesund. Und dann werden wir ihr schon erzählen, dass es Gründe genug gibt für sie, weiter zu leben. (grinst schelmisch)

 

Ulli:           Ja, Du hast natürlich schon wieder schweinische Gedanken im Kopf. Geb´ das mal zu, Du alter Bock.

 

Timo:         Hab´ ich nicht !

 

Ulli:           Hast Du doch ! Ich hab´ doch gesehen, wie Du sie angesehen hast – richtig geil.

 

Timo:         Ooooh..., richtig geil? - Ich flipp hier gleich aus, Du Arsch.

 

Ulli:           Warte mal – das erinnert mich an meinen Konfirmations-Spruch: "Wachtet und betet, das ihr nicht in Anfechtung fallet. Der Geist ist willig aber das Fleisch ist schwach".

 

Timo:         Was soll das denn heißen?

 

Ulli:           Na, was wohl ? Genau das, was ich gesagt hab´.

 

Timo:         Du sollst nicht über Gottes Wort lästern.

 

Ulli:           Tu ich doch gar nicht. Ich sag´ doch nur die Wahrheit.

 

Timo:         Du, noch so 'ne Unverschämtheit und ich vergess´ mich.

 

Ulli:           Na los, komm doch her, Du Wurst. Mit Dir nehm´ ich das immer auf. DU und dieses Mädchen; das ist ja lachhaft. (krempelt seine Ärmel hoch)

 

 

 

Timo:         (tut dasselbe) Aber Du, ja?! Wenn sie Dich sieht, kriegt sie es ja mit der Angst zu tun.

 

Ulli:           Was willst Du damit sagen, hä? (greift Timo jetzt an. Es entsteht ein Handgemenge – eine "leichte" Prügelei.' Währenddessen beschimpfen sich die beiden weiter mit Schimpfwörtern und Gemeinheiten; fallen evtl. auch zu Boden; darin fällt dann auch der Vorhang)

 

 

 

Ende des ersten Akts

 

 

***************************************************************************

 

 

 

Zweiter Akt

 

                  (Einige Stunden später. Wenn der Vorhang sich öffnet, sitzt Ulli auf einem Stuhl, wartet darauf, dass Silvia endlich damit herausrückt, was sie bedrückt. Silvia steht unsicher irgendwo im Raum. Alle Spieler – bis auf Svenja – sind in diesem
Akt schick – für die Feier – gekleidet. Ulli hat evtl. ein "blaues Auge" oder ein Pflaster im Gesicht. Die Tische sind jetzt schon teilweise gedeckt mit Gläsern, Tellern u. a. Irgendwo steht ein CD-Recorder)

 

1. Szene

 

Ulli:           Silvia – bitte. Nun sag´ doch endlich, was Dich bedrückt. Die anderen müssen jeden Augenblick hier sein. Dann können wir nicht mehr reden.

 

Silvia:        Ich weiß. Ich hab´ mir ja auch fest vorgenommen, das ich heute offen und ehrlich mit Dir etwas klären will.

 

Ulli:           Na also.

 

Silvia:        Jetzt, da der Zeitpunkt da ist, fällt es mir aber gar nicht so leicht. – Und... ich weiß gar nicht, ob das überhaupt noch nötig ist, nachdem was hier passiert ist.

 

Ulli:           Was soll das nun denn heißen?

 

Silvia:        Na, Dein Gesicht ! Du kloppst Dich mit Timo. Und das doch sicher nur wegen dieser jungen Frau hier nebenan, die Du angefahren hast.

 

Ulli:           Und was hat das mit Deinem Problem zu tun?

 

Silvia:        Eine ganze Menge.

 

Ulli:           Silvia; warum machst Du es uns denn so schwer? Glaubst Du denn, ich weiß nicht, was Du auf dem Herzen hast? – Und mir geht es doch genauso. Aber so oft ich auch darüber nachdenke - es gibt keine Lösung – wir müssen einfach aufhören damit.

 

 

Silvia:        (tut so, als wüsste sie nicht, wovon Ulli spricht) Womit müssen wir aufhören, Ulli?

 

Ulli:           Lass´ uns doch endlich offen darüber reden. Wir sind doch keine Kinder mehr. Ich hab´ Dich gern – sehr gern sogar. Und Du magst mich auch. Ist es nicht so ?

 

Silvia:        Oh ja.

 

Ulli:           Aber wir sind nun mal Cousine und Vetter. Unsere Väter sind Brüder. Das ist so und das bleibt so. Und wenn es auch nicht der Weltuntergang wäre, wenn wir zusammen wären; allein schon wegen dem Geschäft geht das nicht. Du kennst doch die Leute.

 

Silvia:        Stimmt. Ich weiß aber nicht, ob ich damit noch länger umgehen kann.

 

Ulli:           Das müssen wir, Silvia. Wir müssen das lernen. Du findest sicher einen anderen Mann. Aber ich finde es schon mal gut, dass wir endlich darüber gesprochen haben.

 

Silvia:        (seufzt) Ich auch. Ich glaub´ aber nicht, dass ich so stark bin. Ich kann meine Gefühle nicht einfach verstecken. Ich versuch´ immer wieder, auch mal Gefallen an andere Männer zu finden, aber...

 

Ulli:           (seufzt auch) Lass´ uns das nun nicht noch breittreten. Das bringt nichts. – Und was mein Gesicht angeht; das hat mit der jungen Frau direkt nichts zu tun. Timo musste einfach mal ein paar aufs Maul haben. Das war schon lange mal wieder fällig.

 

Silvia:        So wie es aussieht, hat er aber zurück geschlagen.

 

Ulli:           Ha, Du musst ihn erstmal sehen.

 

Silvia:        Was ist denn nun mit diesem Mädchen?

 

Ulli:           Der Arzt hat gesagt, wir sollen uns keine Sorgen machen. Wenn überhaupt, dann hat sie nur eine leichte Gehirnerschütterung. Sie muss sich einfach ausruhen. Sonst fehlt ihr nichts. Zumindest körperlich nicht. - Ich hoffe, dass sie bald aufwacht, damit wir endlich mit ihr reden können.

 

Silvia:        Und Du und diese junge Frau - und auch die Schlägerei mit Timo, also... ich meine... da ist wirklich nichts?

 

Ulli:           Silvia – ich kenne sie doch gar nicht. Ich hab´ noch kein einziges Wort mit ihr gesprochen. – Sie sieht gut aus, ja. Aber was bedeutet das schon?

 

2. Szene

 

Ewald:       (kommt von hinten ins Zimmer "gestürmt", ist völlig aufgebracht) Ich hab´ ihn gesehen. Ich hab´ ihn wahrhaftig gesehen.

 

Ulli:           (und Silvia leicht erschrocken) Hab´ ich mich erschrocken.

 

Silvia:        Wen hast Du gesehen, Vater?

 

 

Ewald:       (hat gar nicht richtig zugehört) Hannes Plenter hat immer daran geglaubt. Vor einem Jahr oder so kam er damit an; und kein Schwein hat ihm auch nur EIN Wort geglaubt. Ich auch nicht. Aber nun – oh Gott, ich muss auf der Stelle die Zeitungen anrufen. Und wie unser Geschäft dadurch erst angekurbelt wird.

 

Silvia:        (sowie Ulli verstehen nicht) Vater, wovon redest Du?

 

Ewald:       Das muss natürlich in fetten Buchstaben gedruckt werden, dass ich ihn gesehen hab´. ICH! – Nein, am besten, ich geb´ ein Interview; öffentlich – mit 100 Gästen, die vorher tüchtig was hierlassen. Achwas, Radio und Fernsehen werden auch gleich mit eingeladen. – Hach, und ausgerechnet dann hat man keinen Fotoapparat dabei. Ist das nicht immer so?! (abgehend in die Wohnung) Wem muss ich denn alles Bescheid geben: SAT1, RTL, Pro 7, Kabel 1, Vox...

 

Silvia:        (jetzt ein bisschen genervt, dann direkt:) V a t e r !

 

Ewald:       (dreht sich an der Tür nochmal um) Ja?

 

Silvia:        Wovon um Himmels Willen redest DU? Und WAS oder WEN hast Du gesehen?

 

Ewald:       Na, den Wels ! – Ja, ihr habt schon richtig verstanden. Den Wels ! (ab in die Wohnung)

 

3. Szene

 

Ulli:           (und Silvia etwas verdutzt dreinschauend) Den Wels? Er hat den Wels gesehen? Glaubst Du das ?

 

Silvia:        (zuckt mit den Schultern) Dieses Märchen hört ja wohl nie auf. Vielleicht handelt sich das hier ja um Nessie, der sich verirrt hat. (schaut Ulli an, der ein grübelndes Gesicht aufsetzt) Glaubst Du denn an diesen Spuk ?

 

Ulli:           Tja... also gesehen worden ist der Wels schon öfter. Zumindest behaupten das einige Leute. Das letzte Mal vor gut einem Jahr. – Aber vorstellen kann ich mir das nicht. Gerade hier bei uns im Meer – das ist doch lächerlich. Die Menschen wollen sich dadurch nur wichtig machen.

 

Silvia:        Oh, ich ahne da schon wieder was. Wenn Vater das mit dem Wels groß aufziehen will, dann schafft er das auch. – Na ja, lassen wir ihm seine Freude, solange er uns damit nicht noch mehr auf 'n Wecker fällt.

 

4. Szene

 

Tini:           (kommt im schicken Kleid oder festlicher Abendgarderobe zügig von draußen herein; hat ein kleines Päckchen dabei) Juhu.., da bin ich wieder. (wundert sich) Nanu, ist hier noch gar keine Stimmung in der Bude?

 

Silvia:        Ullis Mutter arbeitet noch. - Die Geschäfts-Papiere.

 

Tini:           Was ?

 

Ulli:           Und Silvias Mutter hat schon mal ausprobiert, wie es sich wohl alleine feiert.

 

 

Tini:           Was soll das denn heißen?

 

Silvia:        Na, ihr Superstar Werner Wellig kommt doch hierher. Und da hat sie eben einen drauf getrunken – zusammen mit Lini Kruse.

 

Ulli:           (belustigt) Einen hat sie getrunken - das ist gut.

 

Silvia:        Und mit meinem Vater dürfen wir heute Abend wohl GAR nicht mehr rechnen. Der hat nun andere Sorgen.

 

Tini:           Und das an eurem einjährigen Jubiläum?! Das ist ja allerhand. Und dabei hab´ ich noch bis halb sieben im Laden gestanden.

 

Silvia:        Was Mutter gar nicht gefallen hat. Du hast sie ja laut genug gehört, was sie davon gehalten hat. Mich hat sie angemacht, weil ich das zugelassen hab´ - und Dich, weil Du es gewagt hast, ohne sie zu fragen.

 

Tini:           Auch das ist allerhand. Wenn SIE es nicht nötig hat... Soll sie mir lieber dankbar sein. Sie vergnügt sich mit Lini Kruse, und ich steh´ mit Schweiß vor der Stirn in eurem Laden.

 

Ulli:           Das meine ich auch.

 

Tini:           (sieht jetzt Ullis Verletzung) Junge, wie siehst Du denn aus?

 

Ulli:           Das ist 'ne lange Geschichte. Aber unwichtig.

 

5. Szene

 

Ewald:       (kommt gefolgt von Ansgar herein) Und damit sollten wir auch gar nicht mehr lange warten, Ansgar. Am besten wäre es, wenn die Fernseh - und Radiofritzen heute Abend noch hierher kommen könnten.

 

Tini:           Na endlich. Ich dachte schon, hier wird gar nicht mehr gefeiert.

 

Ansgar:      Tini ? Du ? (leiser zu Ewald) Wer hat die denn eingeladen?

 

Ewald:       Ich nicht ! (macht sich am Tresen daran, Gläser auf ein Tablett zu stellen, schenkt diese voll) Auf jedenfall muss meine Geschichte so einschlagen, dass es hier ab nächste Woche nur noch so wimmelt von Gästen, verstehst Du?!

 

Ansgar:      Ja sicher. Ewald, aber mal ehrlich: Hast Du den Wels denn auch wirklich gesehen?

 

Ewald:       Also, nun schlägt es ja wohl 13, ja! Du zweifelst an Deinen eigenen Bruder? (zeigt eine Länge) So ein Oschi war das, was ich Dir sag´. Hach, kalte Schauern liefen mir den Buckel herunter. Er hat mir quasi direkt in die Augen geschaut.

 

Silvia:        (ironisch) Ja sicher. Hast Du Dich nicht auch mit ihm unterhalten, Vater ? Was hat er denn gesagt ? – "Mein Name ist Otto Wels, wie heißen Sie" ?

 

Ewald:       Du freches Luder; halte Deinen Vater noch zum Narren.

 

Tini:           Was sagst Du, Ewald ? Du hast wahrhaftig den Wels gesehen ?

 

Ulli:           Ja, das hat Onkel Ewald. Sechs lange Beine hatte er, einen Kopf, den man noch nicht mal in dem schlimmsten Horrorfilm gesehen hat und...

 

Ewald:       Noch ein Wort und Du fliegst raus. Alles das hab´ ich NICHT gesagt.

 

Ansgar:      Ulli, nun ist es aber gut.

 

Ulli:           Ja ja, ich bin ja schon still.

 

Tini:           Das Märchen von dem Wels - pah... Träumt ihr nur weiter. Ewald hatte schon immer eine blühende Phantasie. (überreicht jetzt ihr Präsent) Hier! Das ist von mir. Herzlichen Glückwunsch zu euerm einjährigen Jubiläum. Und noch viele Jahre dazu.

 

Ansgar:      Na, das wollen wir doch hoffen. - Danke Tini.

 

Ewald:       Worauf Du Deinen Hintern verwetten darfst, Tini Jansen. So gut wie wir uns verstehen – das lass uns mal erstmal einer nachmachen.

 

6. Szene

 

Frieda:       (kommt sodann mit einem "aufgeschlagenen" Ordner in den Händen aus der Wohnung) Also, das ist wirklich sonderbar. (geht zum Schreibtisch, sucht dort)

 

Ansgar:      Frieda, na endlich. Mensch, wo bleibst Du denn nur? Und wo ist Brigitte ?

 

Ewald:       (geht jetzt mit dem Tablett voller gefüllter Schnapsgläser an den Tisch)

 

Frieda:       Ich bin gleich soweit. Aber bevor ich die Papiere nicht fertig hab´, kann ich nicht feiern.

 

Tini:           Dann fangen wir schon mal ohne Dich an. So wie es aussieht, dauert das nämlich noch ein paar Wochen, bis Du soweit bist. (nimmt sich ein gefülltes Glas, trinkt)

 

Frieda:       (genervt) Wenn ich auch alles alleine machen muss...

 

Tini:           Gibt es hier eigentlich gar kein kaltes Buffet, oder so?

 

Frieda:       (räuspert sich) Ich wäre schon längst fertig mit den Unterlagen; aber irgendwas stimmt da nicht mit den Abrechnungen.

 

Ewald:       Na, nun hört euch das an. Unsere Unterlagen sollen nicht stimmen. Dabei gibt es ja wohl keinen hier, der pingeliger mit dem Papierkram ist, als Ansgar und ich.

 

Frieda:       (findet jetzt einen Hefter mit Belegen) Aha. Hier hab´ ich schon, was ich gesucht hab´. Ich mach´ das noch eben schnell fertig. In zehn Minuten bin ich bei euch. Ihr müsst das verstehen. Heute ist unser erstes Geschäftsjahr zuende. Und gerade heute muss eine Abrechnung gemacht werden. Wir müssen die Zahlen doch wissen. Und wenn alles gut ist, dann kann man auch in Ruhe feiern. Versteht ihr mich?! (abgehend in die Wohnung)

 

Ansgar:      Oh Frieda; muss das denn nun sein ? Das hätte man auch schon mal eher machen können. Oder kümmer´ Dich doch morgen darum.

 

Frieda:       (an der Tür) Ansgar - das ist doch gleich die größte Freude; wenn ich euch mitteilen kann, das nach unserem ersten gemeinsamen Jahr die Abrechnungen bis auf den letzten Cent stimmen, und wir auch mit unserem Umsatz zufrieden sind, oder?!

 

Ansgar:      Ja, da hast Du wohl recht.

 

Frieda:       (schaut dann nochmal zu Tini herüber, überlegt, geht dann zu ihr:) Nicht böse sein Tini; aber das soll hier eigentlich eine Feier im engsten Familienkreis sein. Verstehst Du?

 

Tini:           Ja, sicher doch. Das wäre auch ja noch schöner, wenn ihr jeden Hans und Franz hierherbestellt hättet. Nein nein, das hätt´ ich an Deiner Stelle genauso gemacht. Wir bleiben fein unter uns.

 

Frieda:       Aha. Tja... (schulterzuckend ab in die Wohnung) Bis gleich dann.

 

Ansgar:      Bis gleich? - Das kann ja dauern. Als wenn das an unserem Ehrentag nun unbedingt fertig gemacht werden muss. Das regt mich richtig auf!

 

Silvia:        Na ja, sie sagt ja – heute ist Stichtag. Und sie ist ein bisschen abergläubisch – ihr kennt ja Frieda.

 

Tini:           Abergläubisch und geizig ist sie.

 

Ewald:       Tini !!!

 

Tini:           Was wahr ist, darf man auch sagen. - Was ist hier nun denn los? Wird das hier 'ne Teetafel oder 'ne Jubiläums-Party ? Gibt es hier keine Musik und Tanz? Ich hab´ extra meine Lieblings-CD mitgebracht. – Und was ist mit Essen?

 

Ansgar:      Wir warten, bis die Frauen auch hier sind. Das ist ja immerhin UNSER Fest.

 

Tini:           (nimmt sich noch ein volles Glas, trinkt) Wie ihr meint. Na dann, Prost!

 

Ewald:       (reicht dann allen - außer Tini - ein volles Glas) Erstmal wird getrunken. Hat denn nun jeder was - (ironisch) der zu UNS gehört? (hebt das Glas) Auf unsere Familie und unsere gute Zusammenarbeit.

 

Silvia:        Genau ! Auf die Meyers !

 

Ewald:       Prost !

 

Alle:          (trinken, nachdem sie sich zugeprostet haben)

 

Ewald:       Das passt mir ja nun gar nicht, dass die Frauen nicht hier sind. (öffnet die Tür zur Wohnung, ruft laut dorthin:) Brigitte Meyer – könntest Du auch wohl bitte eben Deine Allerwertesten hierher bemühen ?

 

Ulli:           Nicht so laut, Onkel Ewald. Die junge Frau wacht noch auf.

 

Ewald:       Ja ja.

 

 

Ansgar:      Hat denn jemand eine Idee, worüber wir uns unterhalten, bis die Damen hier sind?

 

Ewald:       Aber sicher. Denn jetzt will ich euch erstmal in allen Einzelheiten von dem Wels erzählen. Ich lief da vorhin also ganz zufällig am Meer vorbei, plötzlich sah ich von weitem schon so einem merkwürdigen Schatten. Und dann ist er auf einmal aufgetaucht und ich hab´ dieses Aas direkt vor mir gesehen. Ihr glaubt ja gar nicht, wie ich mich erschrocken hab´.  

 

Silvia:         (ironisch) Boah, ist das spannend.

 

Ulli:            Nicht auszuhalten, diese Dramatik.

 

Tini:            Schön, wenn Menschen noch träumen können.

 

Ewald:        (beleidigt) Ach, denkt doch, was ihr wollt.

 

7. Szene

 

Svenja:      (kommt aus der Wohnung etwas unsicher herein. Ihr Haar ist noch wirr, sie sieht etwas verschlafen aus) Hallo ?

 

Ulli:           (geht sofort zu ihr) Hallo.

 

Ewald:       Na, da ist ja unser Unfallopfer.

 

Silvia:        Vater, bitte.

 

Alle:          (sind nun auf das folgende Gespräch gespannt)

 

Ulli:           Wie fühlen Sie sich ?

 

Svenja:      Wo – wo bin ich hier? (kommt jetzt weiter vor, schaut sich um) Ich hab´ Stimmen gehört und da hab´ ich mir gedacht...

 

Ulli:           (bietet ihr schnell einen Stuhl an) Setzen Sie sich doch. Ulli Meyer ist mein Name. Und das hier ist meine – Familie sozusagen. (stellt kurz vor) Das da ist mein Vater, Onkel Ewald, das ist Silvia – meine Cousine und Tini Jansen; eine Nachbarin.

 

Tini:           (betont) Und Mitarbeiterin seit heute.

 

Ansgar:      Ja ja.

 

Svenja:      (setzt sich nicht)

 

Ulli:           Das hier ist unser Wirtshaus. Dieses hier ist unsere alte Gaststube - wir bauen gerade ein Stück an. Sie sind mir hier an der Hauptstraße vors Auto gelaufen. Und dann hab´ ich Sie hierher gebracht.

 

Svenja:      Achja, nun weiß ich wieder. (will sich schon wieder abwenden) Na, vielen Dank auch für ihre Mühe.

 

Ulli:           (hält sie schnell zurück) Augenblick mal.

 

 

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