Lange danach gesucht - auf Ibiza 2012 endlich gefunden
Musiker gesucht

„De geköffte Ehemann“

 

 

Komödie in 4 Akten

 

von

 

Helmut Schmidt

 

 

 

 

 

 

Inhalt: Um ihre kleine Rente etwas aufzubessern, hat die Witwe Karin Roßkamp die Diele ihres Bauernhauses an Gustav Möhlenbrock vermietet. Dieser hat mit Aktien und bei Börsenspekulationen fast alles verloren, was er besaß. Im Dorf gehen natürlich Gerüchte um, dass Karin ein Verhältnis mit Gustav hat, welches ihr gar nicht passt. Als sich dann aber herausstellt, dass Gustav selbst (ohne Karins Wissen) noch einem jungen Mieter Unterkunft gewährt auf der Diele, wirft Karin die beiden wütend heraus. Doch kurz bevor die beiden betrübt das Haus verlassen wollen, erhält Karin einen Brief von ihrem Schwager Uwe aus Salzburg, den sie zuletzt vor über 15 Jahren gesehen hat. Dieser ist angeblich nicht einmal darüber informiert, dass sein Bruder (Karins verstorbener Mann) gar nicht mehr lebt. Karin riecht eine Erbschaft und überredet Gustav schließlich, sich für ein paar Tage als ihr Ehemann auszugeben. Der junge Untermieter Carsten wird ungewollt zum Schwiegersohn, da dieser sich schon in Karins Tochter Ingrid verknallt hat. Doch nach Uwes Ankunft entwickelt sich alles ganz anders als erwartet. Er merkt zwar nichts von der Komödie, die ihm vorgespielt wird und macht sich in Norddeutschland ein paar schöne Tage, und diese nicht zu billig. Taxi, Restaurant, Blumen und sogar ein Besuch im Bordell gehen auf Karins Kosten, da er angeblich seine Kreditkarten vergessen hat. Nach und nach glaubt Karin mehr, dass es sich bei dem „lieben“ Verwandten um einen Betrüger handelt. Die Schulden wachsen ihr langsam über den Kopf. Zu allem Übel gesellen sich auch noch der Türke Nezep Ölsegüt und zwei tratschende Nachbarinnen. Gibt es für die verzweifelte Karin doch noch ein Happy-End ?

 

 

 

 

 

 

 

Personen:       4m/4w         1 Bühnenbild

 

 

 

Gustav Möhlenbrock  -           ca. 50 Jahre

 

Carsten Bartels           -           20 - 30 Jahre

 

Karin Roßkamp          -           ca. 50 Jahre

 

Ingrid                         -           ihre Tochter (20 – 25 Jahre)

 

Uwe Schipper             -           Karins Verwandter (50 – 60 Jahre)

 

Amanda Gödicke       -           Nachbarin (30 - 50 Jahre)

 

Lilo Kieselhorst          -           Nachbarin (30 - 50 Jahre)

 

Nezep Ölsegütt           -          Arbeitskollege von Gustav (30 – 50 Jahre)

 

 

 

Bühnenbild:

 

Das Bühnenbild zeigt die Diele von Karin Roßkamps Bauernhaus, welche Gustav Möhlenbrock als Mietwohnung dient. Es ist schlicht eingerichtet mit dem Nötigsten. (Bett, Schrank, Tisch und Stühle, Radio u. a. ) Es kann hier und da Gerümpel herumstehen, sollte aber nicht zu sehr übertrieben werden. Es führt eine Tür zu den Privaträumen von Karin Roßkamp; eine zweite nach draußen und eine dritte zu einem weiteren kleinen Raum, der zur Diele gehört.

 

Alle weiteren Ausstattungen bleiben den Spielern überlassen.

 

 

Zeit:

 

Sommer in der Gegenwart

 

Spielort:

 

Dorf oder kleine Stadt in Norddeutschland

 

 

Spieldauer: ohne Pausen ca. 100 Minuten

 

 

 

 

 

 

Erster Akt

 

(Wenn der Vorhang sich öffnet, liegt Gustav im Bett und schläft fest. Er schnarcht zunächst laut. Im Raum sieht es chaotisch aus. Überall liegen Kleidungsstücke, leere Flaschen u. a. herum. Es ist ein Samstagmorgen, ca. 9.00 Uhr. Das Bett sollte etwas im Hintergrund stehen)

 

1. Szene

 

                  (aus dem Haus hört man Karin, Amanda und Lilo aufgebracht sprechen)

 

Karin:        Och, hört doch op to quedeln.

 

Amanda:   Wenn ik Di dat doch segg, Karin.

 

Lilo:           Jaja, kannst uns dat driest glöven; ok ik hebb dat hört. Ik komm just vun d´ Schlachter – ok daar hebbt se dat vertellt.

 

Alle:          (drei kommen jetzt aus Karins Wohnung auf die Bühne)

 

Karin:        (gelassen) Na? Wor is he denn nu?

 

Lilo:           (und Amanda schauen gierig um sich, sind über die Unordnung „erschüttert“)

Amanda, kiek Di dat an. Dat sücht hier ja ut, as bi Hempels ünner ´t Sofa.

 

Amanda:   (nimmt mit zwei Fingern ein Kleidungsstück, hebt es hoch, verzieht das Gesicht) Oah, dat is ja nich to faten. Un wo dat hier ruckt. Wenher is hier denn maal recht lüft warrn.

 

Lilo:           Dat wull ik ok just seggen. Karin, ik verstah nich, wo Du dat tolaten kannst.

 

Karin:        Wat Gustav Möhlenbrock hier op de Deel maakt, schall mi nich kümmern. He betahlt mi Hüür un geiht mi ´n beten to Hand. Un solang dat so blifft un wi uns verstahnt, kann dat hier vun mi ut driest dörchnanner ween. Dat sünd even Mannslüüd.

 

Amanda:   (knufft Lilo, dann leiser) „Solang wi uns verstahnt“, seggt se. Schull dat amenne doch mehr as ´n Ünnermieter ween?

 

Karin:        (hat das gehört, platzt dazwischen - verärgert) Nee! Is dat nich! Ik weet sülmst, dat de Lüüd sik dat Muul over mi fusselig snacken. Man dat dont se al over ´n Johr. Ik hebb de Deel hier verhüürt, wiel ik daar mien lütte Rent ´n beten mit upbeetern kann. So!

 

Amanda:   Jaja, keen Opregen, leeve Karin. Wi hebbt ja gor nix seggt.

 

Lilo:           Even. Sünnerbor is dat ja man blots, dat sik dat bi Dien Ünnermieter um ´n Keerl hannelt, de ok noch in Dien Oller is.

 

 

 

Karin:        Denkt doch, wat ji wüllt. Fein Navers sünd ji, dat mutt ik al seggen. – Wat will ji hier eenlik?

 

Lilo:           Na, dat hebb wi doch seggt. Elk un een vertellt sik, dat hier siet ´n poor Dagen nu ok noch ´n jungen Mann in un ut gahn schall.

 

Karin:        Ji hebbt woll toveel Krimis sehn. Mensch, dat weer mi doch woll toerst upfullen.

 

Amanda:   Jaja. Wat seggst Du, Lilo. – "Warum mit den Alten spielen, wenn´s doch auch die Jungen fühlen? Nich wohr?! (grinst schelmisch)

 

Lilo:           (ebenso)

 

Karin:        Also, ik will jo beiden maal wat seggen...

 

Gustav:      (schnarcht jetzt laut auf, dreht sich um, wird langsam wach)

 

Lilo:           (Amanda und auch Karin erschrocken) Hebb ik mi verjagd.

 

Amanda:   De liggt daar doch tatsächlik un slöppt noch – Saterdagmörgen üm negen Ühr. Sünd dat denn Maneeren?

 

Karin:        (nimmt beide an den Arm) Ik glöv, nu word dat aver Tied, dat ji hier verswinden. Gustav sien Hüürkamer hebb ji nu ja sehn, dann könnt ji dat nu bi d´ Patt lang brengen.

 

Lilo:           Och, un wat de Lüüd sik vertellen, vun wegen „jung Mann“ lett Di heelmaal kolt?

 

Karin:        Wenn hier jichenswat nich op Steh is, dann schall ik dat woll upkloren. Man jo Hülp bruuk ik daar würklich nich to.

 

2. Szene

 

Gustav:      (kommt jetzt hoch, gähnt, reibt sich die Augen. Er trägt ein Nachthemd, evtl. Nachtmütze)

 

Amanda:   (und Lilo, die sich nicht abwimmeln lassen, gemeinsam) Gooden Mörgen, Herr Möhlenbrock!

 

Gustav:      (steht auf, streckt sich) Gooden Mör... (sieht  jetzt erst die Anwesenden, erschrocken) Och, Du leeve Tied. Wat maken Se denn hier?

 

Karin:        Herr Möhlenbrock, Se möten veelmaals entschülligen, dat wi hier so rinplatzen, aver...

 

Amanda:   Aver dat hett ´n Grund!

 

Lilo:           Genau!

 

Karin:        (sieht die beiden strafend an)

 

Gustav:      Fro Roßkamp – wi hebbt doch afmaakt, dat Se mi hier in Ruh laten. Un blots, wenn dat würklich wichtig is, wullen Se rinkomen – nadem Se erstmaal düchtig ankloppen, nich wohr?!

 

Amanda:   (zu Lilo) Per „Se“ sünd se noch. Entweder Taktik of Schauspeeleree.

 

Lilo:           Of de Wohrheit, Amanda. Hach, dat passt mi nu aver gor nich in Kram.

 

Amanda:   Nee, mi ok nich!

 

Karin:        Herr Möhlenbrock, ik hebb mi jümmers an uns Afkomen hollen. – Is doch so, oder?

 

Gustav:      Och, ik seh dat al – Amanda Gödicke un Lilo Kieselhorst. Ehr Mannslüüd sünd utwärts an arbeiden un se verbrengen de Tied in d´ Week dormit, de Minsken in ´t Dörp dat Leven swor to maken.

 

Amanda:   Lilo, hörst Du dat?

 

Lilo:           Uns Mannslüüd arbeiden tomindst. Daar schullen Se sik man maal ´n Biespiel an nehmen, Se... Se... – Kumm Amanda, dat is ünner uns Würde, mit so ´n Person in een Ruum to ween. (geht erhobenen Hauptes, gefolgt von Amanda zur Wohnungstür, doch...)

 

Karin:        (an der Dielentür, die nach draußen führt) Äh... ji könnt hier rut.

 

Lilo:           Wieso dat denn?

 

Karin:        Dann sünd ji flinker buten.

 

Amanda:   Dormit Du dat man weest, Karin Roßkamp – Du brengst dat Gesnack bi d´ Patt – wi nich. Schullst Dien Leven man erstmaal in ´n Griff kriegen - mehr kann ik dorto nich seggen.

 

Lilo:           Schamen schullst Du Di.

 

Karin:        (hält die Tür nach draußen auf bzw. zeigt dort hin, schweigt)

 

Beide:        (Frauen pikiert ab) Tsss...

 

3. Szene

 

Karin:        (schließt die Tür, seufzt auf)

 

Gustav:      (erfreut) Mann, de hebbt Se dat aver geven, Fro Roßkamp.

 

Karin:        Och, ik hebb doch so good as gor nix seggt. Deiht mi würklich leed, dat dat passeeren muss – man Se kennen de beiden ja. Ik kunn de eenfach nich opholen.

 

Gustav:      Dat weet ik doch. Un dat weer ja ok würklich dat erst Maal, dat Se hier stört hebbt. (sieht an sich herunter) Oh, deiht mi leed, wenn ik noch in Nachttüch...

Karin:        (belustigt) Dragen Se jümmers ´n Nachthemd, Herr Möhlenbrock?

 

Gustav:      Ja, worüm fragen Se?

 

Karin:        Och, blots so.

 

Gustav:      Ik treck mi fix an. Saterdags slap ik even gern wat langer, weten Se?! Un güstern Avend is dat woll wedder laat worden. (sucht schnell einige Kleidungsstücke zusammen, die im Raum verteilt herumliegen)

 

Karin:        In d´ Weertskupp?

 

Gustav:      Na ja, man günnt sik ja anners nix. (zieht schnell eine Hose über, stolpert fast dabei)

 

Karin:        (geht zur Wohnungstür) Laten Se sik Tied, Herr Möhlenbrock. Un wegen mi möten Se nich upstahn. Ehr Leeven geiht mi nix an.

 

Gustav:      Dat möten Se nu aver nich seggen, Fro Roßkamp. Se hebbt in de lesd Maanten sogor ´n grooden Deel in mien Leeven innohmen.

 

Karin:        (jetzt direkt) Oh nee, komen Se daar man blots nich op verkehrt Gedanken. Se hüren bi mi düsse Deel, wiel Se ´n büld Pech harren un Se in finanziell Sörgen raakt sünd. Un dat do ik blots, wiel ik dorvun mien lütte Rente ´n beten upbeetern kann. Dat is allns.

 

Gustav:      Fro Roßkamp, dat is allns? Wat is denn mit dat gemeensam Fröhstück siet ´n poor Weeken?

 

Karin:        Blots wiel Se mi jeede Week de Rasen meihen.

 

Gustav:      Un lesd Winter? Do weer dat Gress ja nich so lang.

 

Karin:        Do hebbt Se jeede Mörgen de Straat fegt un Solt streiht, ja.

 

Gustav:      Un worüm draff ik tomol jeede Avend bi Se in d´ Wohnköken Fernsehen kieken, un ok noch dat Programm utsöken?

 

Karin:        Blots, wiel... wiel Se mien Waschmaschine, Plettiesen un de Waterkran repareert hebbt.

 

Gustav:      Un wieso stellen Se mi hier nu al to ´n fievte Maal jeede Sönndagnamiddag een Stück Tort op ´n Disk?

 

Karin:        Wiel... (kurze Pause)

 

Gustav:      Na ?

 

Karin:        Na ja, dat weet ik ok nich. Bestimmt nich, dormit Se sik daar wat op inbilden könnt. Dat hett alleen de Grund, dat ik ´n beten oppassen mutt, wegen mien Figur. Un wegsmieten is ja to schaad. So, nu weeten Se, wieso Se ´n Stück Tort kriegen sönndags. Un nu hören Se gefälligst mit düsse Frageree op, anners gifft dat in Tokunft even keen Fröhstück, Fernsehen un Tort mehr - hebbt Se verstahn?

 

Gustav:      (steht „stramm“, grüßt wie beim Militär) Jawoll, Fro General!

 

Karin:        (muß lachen) Oh, Herr Möhlenbrock, Se sünd ´n ollen Komiker.

 

Gustav:      (spielt den Beleidigten) Dat ik keen jungen Komiker mehr bün, weet ik sülmst.

 

Karin:        (wieder ernster, kommt näher zu ihm) Och, wor wi just vun jung snacken...

 

Gustav:      Ja?

 

Karin:        Um nochmol op Amanda un Lilo to komen – de beiden hebbt seggt, dat sik elk un een in ´t Dörp vertellt, hier ward siet ´n poor Dagen ´n jung Mann sehn. Geiht hier op düsse Deel rin un rut – un dat ´n poormol an d´ Dag. Weten Se daar jichenswat vun?

 

Gustav:      (etwas eingeschüchtert) Ju... jung Mann? Hier op d´ Deel?

 

Karin:        Ja genau.

 

Gustav:      Wo komen de Lüüd denn dorto, sowat in d´ Welt to setten?

 

Karin:        Ja, wat weet ik. Amanda un Lilo hebbt ´n Klapp för dree. – Aver wenn daar wat an is, Herr Möhlenbrock, dann hebb ik ´n Recht dat gewohr to warrn.

 

Gustav:      Wat denn?

 

Karin:        Na, wenn Se hier noch jichenseen Ünnerkunft gewähren. Dat is mien Huus un mien Deel, ja?!

 

Gustav:      Ja seeker.

 

Karin:        Schöön, dat wi uns verstahnt. Denn dat weer ´n swor Vertrauensbrook, wenn Se mi achtergahn denen. – Un Se womööglich noch Hüür inkasseeren.

 

Gustav:      Fro Roßkamp! Wo könnt Se blots sowat vun mi denken? Hier op düsse Deel bün ik – un blots ik. Un wenn ik jichenswell vun mien Fründen hier insleusen wull, dann de ik dat doch nich, ohne Se vörher dorvun in Kenntnis to setten.

 

Karin:        Och, dat hebbt Se nu aver schöön seggt.

 

Gustav:      Nich wohr?! Se kriegen jeede Maant vun mi fievtig Euro Hüür, un bovendem maak ik för Se so ´n beten dit un dat. Wi komen best mitnanner ut un dat schall ok so blieven.

 

Karin:        Dat meen ik ok. (wieder zur Wohnungstür) Harr ik eenlik ok nich anners verwacht, Herr Möhlenbrock. Man Se kennen ja de beid Wieven; de möten jümmers wat to tratschen hebben.

 

Gustav:      So is dat woll.

 

Karin:        Fröhstück is klor. Ik laat dat so lang op ´n Disk stahn, bit Se komen, ja?! Koffje kook ik dann noch even wedder frisk.

 

Gustav:      Oh, dat is aver würklich to nett vun Ehr, Fro Roß...

 

4. Szene

 

Carsten:     (kommt aus dem Nebenzimmer der Diele, gähnt ebenfalls; trägt Pyjama oder Boxershorts mit nacktem Oberkörper) Hei Gustav. (geht zu einem kleinen Schrank, bzw. Tisch, dort steht eine Schüssel mit Wasser. Er beugt sich darüber „schlägt“ sich Wasser ins Gesicht)

 

Karin:        (zunächst überrascht, wird dann aber schnell wütend, verschränkt die Arme, schweigt aber erst mal)

 

Gustav:      (fühlt sich sehr ertappt)

 

Carsten:     (steht mit dem Rücken zu Karin, sieht sie deshalb nicht; dann zu Gustav) Hest Du nu endlich mit düsse Lady snackt? Kann ik nu ok endlich ´n vernünftig Fröhstück hebben? Un Fernsehen of Video weer ok nich slecht. So verklemmt kann se doch nich ween. – Gustav, hörst Du denn nich? (greift sich ein Handtuch, trocknet sich das Gesicht, schaut jetzt auf)

 

Karin:        (ist bereits vorgekommen, steht nun unmittelbar vor Carsten)

 

Carsten:     (verdutzt) Oh...

 

Karin:        De Lady, jung Mann, de Lady, de flippt hier glieks ut.

 

Carsten:     Scheiße!

 

Karin:        Roßkamp.

 

Carsten:     (kleinlaut zu Gustav) Is se dat?

 

Gustav:      Is se! – Nu... nu regen Se sik man blots nich op, Fro Roßkamp. Se möten verstahn, ik bün doch ok blots ´n lütte, arm Keerl, de sik sien poor Euro in een Buddel-Sorteerfabrik verdeent. Carsten jobbt daar ok un...

 

Karin:        Aha, un nebenbi nimmt he amenne noch Drogen, holt sik in kriminell Kreise op un fiert hier op mien Deel bold wild Partys, wa?

 

Gustav:      Aver nee.

 

Carsten:     Man de Idee mit de Partys op d´ Deel is gor nich so verkehrt.

 

Gustav:      Carsten, nu hol Dien Snuut!

 

Karin:        Se hebbt mi swor enttäuscht, Herr Möhlenbrock. Dat hebb ik nu würklich nicht verdeent. - Dat kummt dorbi herut, wenn man to goodmoodig is.

 

Carsten:     Hey, nu maken Se doch nich so´n Wind. (reicht ihr die Hand) Carsten Bartels! Ik find dat toll, dat Se so ´n good Hart hebben.

 

Karin:        Ja, good Hart. Daar kann ik mi ok wat för kopen. (gibt ihm nicht die Hand)

 

Carsten:     Na, denn even nich! Ik hebb doch, Gustav harr allns mit Ehr klort, Fro Roßkamp.

 

Karin:        Aha.

 

Carsten:     Weten Se wat – ik treck mi fix an un dann snack wi maal in Ruh´ mitnanner. Ik vertell Ehr, wor ik herkomm un wat ik vör hebb. Un dorto beeden Se uns ´n lecker Tass Koffje an, ja?! Ik bün forts wedder daar. (abgehend zum Nebenzimmer, dann noch zu Gustav) Un Du treck Di ok endlich an. (ab)

 

Gustav:      Ja doch.

 

5. Szene

 

Karin:        (holt tief Luft, will gerade loslegen)

 

Gustav:      Nu regen Se sik man blots nich unnödig op, Fro Roßkamp. Ja, ik harr Ehr wat seggen musst. Aver ik kann dat doch wedder goodmaken, oder? Kieken Se maal – Carsten is würklich ´n leeven Jung. Un wat glöven Se woll, wat de allns kann, worto ik twee linke Handen hebb?! Dordör hebbt Se doch ok wedder Vördeelen. Is dat nich so?

 

Karin:        Sünd Se fardig?

 

Gustav:      (kleinlaut) Erstmol woll.

 

Karin:        Ik gah nu in mien Köken un lees in Ruh de Zeitung. Dorto bruuk ik ungefähr een Stünn. Un na düsse Stünn komm ik hier wedder rin.

 

Gustav:      Och, dat is ja schöön...

 

Karin:        Un dann, Herr Möhlenbrock, will ik hier ´n schoonen, schieren Deel vörfinden. – So, as he vör good ´n Johr utsach. Un vun Se will ik hier dann nix mehr sehn un düssen unverschamten Flegel al lang nich. Hebbt wi uns verstahn?

 

Gustav:      Ja, aver...

 

Karin:        (strenger) Hebbt wi uns verstahn?

 

Gustav:      Ja! Aver Se könnt mi doch nich eenfach rutsmieten.

 

Karin:        Oh doch. Un of ik dat kann. Wi hebbt keen Verdrag mitnanner maakt.

 

Gustav:      Se schullen aver bedenken, dat ik dat blots dohn hebb, wiel Carsten mi leed dohn hett. Un ik hebb Ehr domols doch ok leed dohn, as Se mi opnohmen hebbt.

 

Karin:        (immer noch sehr aufgebracht) Ja, aver worüm dürt ik denn vun de neije Ünnermieter nix weten? Wiel Se de Hüür kasseeren, is dat nich so?

 

Gustav:      (zaghaft) Och ja...

 

Karin:        Woveel Miete verlangen Se denn vun em in d´ Maant?

 

Gustav:      Och, dat is de Snack nich wert.

 

Karin:        Woveel, Herr Möhlenbrock?

 

Gustav:      Fievuntwintig Euro.

 

Karin:        (glaubt es nicht) Fievuntwintig Euro? Se kriegen fievuntwintig Euro vun em för mien Deel? Dat word ja jümmers beeter. Ik weet, dat is nich de Welt, aver SE kasseeren dat - DORÜM geiht dat. - Siet wenher wohnt de hier?

 

Gustav:      Erst siet lesd Freedag.

 

6. Szene

 

Ingrid:       (kommt aus dem Haus, hat einige Briefe in der Hand; sagt beim Hereinkommen) Mama, Po...ost. Oh. Hallo Gustav! Na, wo geiht Di dat? (gibt ihrer Mutter die Briefe)

 

Gustav:      (betrübt) Nich so good, Ingrid.

 

Ingrid:       Büst doch nich krank? Laat de Kopp man nich hangen, dat ward al wedder.

 

Karin:        Och, ji duzen jo?

 

Ingrid:       Ja, worüm denn nich? Gustav wohnt al over ´n Johr bi uns. Worüm schull wi denn noch „Se“ toanner seggen?

 

Karin:        Wiel mit düsse Person ab sofort overhaupt nich mehr snackt ward – dorüm.

 

Ingrid:       Mama. Wat is denn los?

 

Karin:        Vertell ik Di glieks, mien Deern. Kumm. (will schon ab)

 

7. Szene

 

Carsten:     (kommt in sommerlicher Kleidung aus dem Nebenzimmer) So, Fro Roßkamp, vun mi ut kann dat Fröhstück... (sieht jetzt Ingrid; angenehm überrascht) Oh - Hallo!

 

Ingrid:       (ebenso erfreut) Hallo!

 

Carsten:     Mit well hebb ik denn daar dat Vergnögen? (kommt näher)

Ingrid:       (will ihn begrüßen, jedoch...)

 

Karin:        (... „reißt“ sie grob zurück) Mit nüms, junger Mann. - Ingrid, Du geihst in uns Wohnkamer.

 

Carsten:     (schwärmt) Ingrid...

 

Ingrid:       Mama, ik bün keen Kind mehr. Un wat schall dat hier?

 

8. Szene

 

Nezep:       (ein Türke, möglichst mit dunklem Haar, evtl. im Gesicht etwas dunkler geschminkt, spricht gebrochenes deutsch; kommt von draußen herein, geht auf Gustav zu, umarmt ihn herzlich) Oh Gustav, guter Freund. (wundert sich jetzt) Du bist noch gar nicht gezogen an.

 

Gustav:      Nezep. Na, so ´n Overraschung. (kleinlaut zu Karin) Dat äh... is ok ´n Arbeidskolleg ut de Buddel-Sorteerfabrik, Fro Roßkamp.

 

Karin:        Ik glöv, ik roop woll beeter de Schandarms an. Dat is ja Huusfriedensbrök, wat hier vör sik geiht. (an der Tür) Worüm word düsse schitterg Fabrik eenlik nich hierher verleggt? Is doch veel praktischer.

 

Ingrid:       Mama, wat seggst Du denn daar?

 

Gustav:      (geht ihr schnell nach) Keen Polizei. Dont Se dat bitte nich, Fro Roßkamp. Wi gahnt ok freewillig - bestimmt. In een Stünd sehnt Se uns nie nich wedder. Afmaakt.

 

Karin:        (nach einer kurzen Pause) Na good. Un dat Se hier oprühmen, ja?!

 

Gustav:      Seeker. Maak wi – heel seeker.

 

Nezep:       (will Karin begrüßen) Oh, Sie müssen sein Frau Roßlamm. Gustav hat viel erzählt über Ihnen. – Oh, und eine schöne junge Tochter dazu. Guten Morgen!

 

Ingrid:       (nett) Hallo!

 

Karin:        (abgehend in ihre Wohnung, schiebt ihre Tochter, die unwissend dreinschaut vor sich her) Kumm.

 

Ingrid:       Mama. (beide ab)

 

9. Szene

 

Gustav:      (betrübt, setzt sich an den Tisch)

 

Nezep:       Was seien nur los? Ich denke, dass Du bist sehr zufrieden hier, Gustav.

 

Gustav:      Ween, Nezep. Ween. – Verdammte Schiet aver ok. (verärgert zu Carsten) Un allns blots wegen Di!

Carsten:     (kommt zu ihm, setzt sich auch) Hey, nu geev mi de Schuld.

 

Nezep:       Sprechen doch endlich, Gustav. Du immer sagen, dass hier sehr glücklich. Aber Du machen Eindruck von großer Trauerkloß.

 

Gustav:      Vör ´n half Stünn weer noch allns best op Stee hier. (steht auf, geht zum Bett, zieht dort sein Nachthemd aus, sich dann ein Oberhemd über, geht mit den Handflächen durchs Haar) Aver de schööne Tied hett nu woll ´n End.

 

Nezep:       Ich verstehe nicht. Reden wir von anderes. (setzt sich jetzt auch an den Tisch) Äh...  Carsten – Gustav haben immer diese norddeutsche Teufel im Bauch.

 

Carsten:     Wat hett he?

 

Nezep:       Na, immer wenn ich besuche Gustav, er hat für mich ein oder zwei, oder vielleicht drei norddeutsche Teufel im Bauch.

 

Carsten:     Hä? Ik kapeer gor nix.

 

Gustav:      Ik woll. (aus dem Hintergrund) De Buddel steiht daar ünner d´ Schapp, Carsten.

 

Carsten:     (muß lachen) Ah, nu verstah ik. (geht zum Schrank, holt die Flasche hervor, sowie drei Gläser, kommt zurück) Meenst Du dit hier, Nezep?

 

Nezep:       (erfreut) Oh ja. Schmecken sehr gut. Vielen Dank.

 

Carsten:     (schenkt ein, hebt das Glas) Prost Nezep!

 

Nezep:       Sehr zum Wohle, Carsten.

 

Gustav:      (kommt zurück) Moment! Ohne mi ward vun dat Tüch nix drunken, hör ji?! (nimmt sich auch ein Glas)

 

Carsten:     Ja, reg Di af.

 

Nezep:       Worauf wir wollen trinken, Gustav?

 

Gustav:      Dorup, dat düssen Duddlapp hier endlich Verstand kriggt.

 

Carsten:     (jetzt auch direkt) Du hest mi seggt, hier bestunn overhopt keen Gefohr. Fro Roßkamp keem hier nich rin, ohn vörher een poormol antokloppen, un ohn dat Du se rinletst. – Hest Du dat seggt, of nich?

 

Gustav:      Ja, dat hebb ik. Man immerhen is dat ehr Huus; un ok ehr Deel. Dat kann jümmers maal passeeren, dat se hier updukt. Kann ehr doch nüms verbeeden.

 

Nezep:       (nutzt das Gespräch der beiden, indem er sein Glas leert und erneut voll schenkt)

 

Carsten:     Liekers kannst Du mi nich de Schuld in d´ Schoh schuven. Du wullst güstern doch al mit ehr snacken wegen mi. Hest Du dat denn dohn – nee! Wiel Du ´n Bangbüx büst.

Gustav:      Ik harr mi gor nich erst op Di inlaten schullt. Wat wullt Du jung Spund hier eenlik?

 

Nezep:       (schenkt wiederholt sein Glas voll, trinkt)

 

Carsten:     Dat weest Du heel genau. Ik bün hier, wiel ik mit mien Ollern nich klor komm. (ironisch) Schall ja vörkomen. – Un wiel ik op ´n Studienplatz töv un ik de Hüür för ´n eegen Wohnung nich betahlen kann – dorüm bün ik hier, Herr Gustav Möhlenbrock. Du sülmst hest mi düsse Deel doch anboden. Un Hüür kriggst ok vun mi. Un mi dann ok noch anquarken.

 

Gustav:      Klag Du man noch. Du hest Dien heel Leven noch vör Di. Fangst jichenswenher an to studeeren un maakst Karriere. Hest in ´n poor Johren Fro un Kinner. Un ik? Ik bün to old um nochmol neij antofangen. Mien Gerda is dood. Kinner harr wi nich; aver mi gung dat johrenlang good. Un nu?  - Alleen mien Broder kann ik verdanken, dat ik för fievtig Euro op ´n Deel wohnen mutt. Un dat is nu ok noch vörbi.

 

Nezep:       Äh... Broder? Was ist das? Broder?

 

Gustav:      Bruder, Nezep. Ein weiteres Kind meiner Eltern. Nach Gerdas Tod hat er sich eine Zeit lang um mich gekümmert. Und von ihm kam dann auch die Idee, dass man mit Aktien und an der Börse das große Geld machen kann. Zunächst war es nur eine Idee. Aber dann – mein Bruder hatte mich schnell voll in der Hand. Ich hab getan, was er sagte, weil er mir ein sorgenfreies Leben versprochen hat. Ich selbst hatte so gut wie keine Ahnung von diesen Dingen. Und – er auch nicht wie sich später herausstellte.

 

Nezep:       Oh ja, ich habe gehört von Borse und Aktien. Müssen nur machen richtig – sonst nix gut mit viel Geld.

 

Gustav:      Ha, well seggst Du dat?! Allns hebb ik verloren. Mien lesd Hemd muss ik bold verkopen.

 

Carsten:     Na, sowiet is dat ja nu woll doch nich komen.

 

Gustav:      Man veel hett d´r nich an fehlt. Un do leet mien Broder mi natürlik fallen as ´n heeten Kartuffel. Kennt mi hüüt gor nich mehr, düssen Schmachtlaap. (verärgert und traurig)

 

Carsten:     Na, nu vertwiefel man nich. Du hest Fründen; Du hest wedder neije Arbeit funnen...

 

Gustav:      Ja, för ´n Ei un Appel in de oll Buddelfabrik. Wo schall ik mi dorvan denn woll ´n Wohnung leisten? Kannst Du mi dat maal vertellen?

 

Nezep:       Ich nicht genau wissen, worüm es hier handelt, aber ich sagen: Prost! Auf gutes, langes Leben.

 

Gustav:      Prost Nezep! (trinkt)

 

Carsten:     (ebenso)

 

Nezep:       Ah, was ich wollte sagen: Ich, Nezep Ölsegütt, seien guter Türke.

 

Carsten:     Dat hett bitlang doch ok nüms bestreeden.

 

Nezep:       Müssen Euch bitten. Ich werde machen wieder gut – bestimmt. Nezep will Freund sein.

 

Gustav:      Keerl, wat wullt Du denn?

 

Nezep:       Äh... zuerst noch mal einschenken Teufel für Bauch.

 

Gustav:      (tut dies)

 

Nezep:       (und die anderen beiden trinken wieder) Gustav, Carsten – Nezeps Frau haben Geburtstag. – Möchte kaufen Geschenk. Habe sehr lieb meine Nesrin. Aber auch Kinder – mehr als eine volle Hand. Miete, Strom, Heizung, Kleider – alles sehr teuer. Aber ich will machen meine Nesrin Freude.

 

Carsten:     (sowie Gustav verstehen jetzt) Wat schall ´t denn ween, Nezep?

 

Nezep:       Oh, Nezep denkt an schöne neue Uhr für Gelenk am Arm. Seien nicht sehr teuer. Nur einhundert Euro. Ich werde zahlen zurück in drei Raten. Nezep versprechen.

 

Carsten:     Oh, dat vergeet man heel fix wedder. Mit mien Hülp musst Du daar nich reken.

 

Gustav:      Un mit mien al lang nich. Deiht mi leed, Kollege Ölsegütt, aver daar musst Du Di ditmol an annerswell wenden.

 

Nezep:       Wie sagen?

 

Gustav:      Du musst Dich wenden. Wenden an andere. Nicht an uns. Wir selbst pleite – verstehen? Keine Kohle. Nix Moneta.

 

Nezep:       (verzweifelt) Ooh... bitte nicht enttäuschen Nezep. Ich immer gut zu Euch. Machen irgendwann Fest für alle, mit Freunden, Familie, viel türkische Musik, Kebap – alles was machen Spaß.

 

Gustav:      Oh Nezep, bitte verschon uns nu. Versteihst Du overhopt, wat hier just in uns vörgeiht? Wi möten uns Plünnen tosamenpacken. So ´n Stünn is erde üm as wi denken könnt. (steht wie Carsten auf, räumen ihre Kleidungsstücke zusammen. Gustav holt einen alten, abgenutzten Koffer hervor, der unter dem Bett liegt, fängt betübt an einzuräumen)

 

Nezep:       Oh, Ihr seht Nezep traurig. Ich denke, Ihr gute Freunde für Nezep.

 

Carsten:     Dat sünd wi doch ok. Man wi hebbt im Moment veel grooter Sörgen as Du. Wi weeten nichmol wor wi hüüt nacht slapen söllnt. Daar is de Gebursdag vun Dien Nesrin eenfach lächerlich.

 

Nezep:       Nix lächerlich. 42 Jahre. (schenkt sich sein Glas voll, trinkt, macht ein enttäuschtes Gesicht)

 

10. Szene

 

Karin:        (kommt etwas aufgebracht, ohne anzuklopfen aus dem Haus. Sie hat einen Brief in der Hand, stockt dann aber zunächst, fühlt sich ein bisschen unwohl in ihrer Haut, bleibt an der Tür stehen)

 

Alle:          (drei Männer schauen überrascht)

 

Carsten:     Hey, daar mutt aver jichenswat mit ehr Klock nich op Stee ween.

 

Gustav:      Dat harr ik nu ok nicht docht, Fro Roßkamp. Könnt Se uns denn nich in Ruh gahn laten? Of treckt hier üm negen al wedder ´n Neijen in? Hebbt Se denn al allns vergeten, wat ik för Se dohn hebb?

 

Nezep:       Oh, Fro Roßkamp. Schön, Sie noch mal zu sehen.

 

Karin:        (kommt langsam vor, macht ein freundliches Gesicht) Se hebbt ja recht, Herr Möhlenbrock. Un Se ok Herr...

 

Carsten:     Bartels. (streckt ihr die Hand hin) Geven Se mi nu de Hand?

 

Karin:        Aver ja, seeker doch. (tut dies)

 

Carsten:     (wundert sich, schaut Gustav verblüfft an)

 

Karin:        Ik... äh... och, dat is mi würklich ´n beten peinlich. Aver... ik weet gor nich, wo ik Se dat seggen schall.

 

Gustav:      Wat denn?

 

Karin:        Na ja, ik hebb ´n Problem.

 

Gustav:      Ja, dat hebb wi ok.

 

Nezep:       Oh ja. Nezep haben auch Problem. Frau hat Geburtstag und ich kein Geschenk.

 

Karin:        Ja. Weeten Se, ik hebb Post kregen. Un – daar is ´n Breef bi.

 

Carsten:     Dat is meestens so bi de Post.

 

Gustav:      Hol Di doch still, Carsten. Süchst Du denn nich, dat Fro Roßkamp wat op ´t Hart hett?

 

Karin:        Ja, just so is dat. Mien Swager hett mi schreeven. He wohnt in Salzburg. Is ´n Broder vun mien verstürven Rainer.

 

Gustav:      Aha.

 

Nezep:       Aaaah... ich jetzt weiss, was seien Broder: Eine weitere Kind von die Eltern.

 

Gustav:      Ja ja, Nezep. Is ja good.

 

Karin:        Se mögt mi dat viellicht nich glöven – aver ik hebb düssen Mann in mien heel Leven noch nie nich sehn. Rainer hett mi vertellt, dat he mit fievteihn al vun tohuus weggahn is na Österriek. Nichmol as mien Mann un ik heirad hebbt, is he hier ween. Do lag he in´t Krankenhuus – hett blots ´n Kort stürt. Rainer un Uwe sünd doch in ´n Heim groot warrn. Se sünd vun verscheeden Ehepooren adopteert worden.

 

Carsten:     Aha. Un... wat schall düsse Geschicht?

 

Karin:        He will mi besöken. Dat heet, he will uns besöken. – Uns, verstahnt Se? Rainer un mi.

 

Gustav:      Weet he denn gor nich, dat ehr Mann al vör over fiev Johren stürven is?

 

Karin:        Mutt woll nich. De Breef is an Rainer und Karin Roßkamp adresseert. He hett sik doch nie nich wedder meld. Dartig lang Johren nich. Un ok wi wüssen sien neije Adress nich. – Un wenn ik heel ehrlich bün – ik stah op de Standpunkt: Wenn een Minsk een to Levtieden nich achten deiht, dann mutt he ok nich an ´t Graff stahn.

 

Gustav:      Dat seh ik ok so.

 

Carsten:     Na toll. Ik denk, dat düsse tolle Swager hier op Deel sien Quatier finden schall. – Geven Su uns noch teihn Minüten, Fro Roßkamp, dann sünd wi verschwunden. (packt wieder etwas zusammen)

 

Karin:        Nee, nee, dat is dat nich. Ik wull gern...

 

Gustav:      Ja?

 

Karin:        Ik wull gern, dat Se hier blieven.

 

Carsten:     Bitte? Ik ok.

 

Karin:        Ja, vun mi ut ok Se. (wird während der nächsten Sätze immer eifriger und aufgeregter;  öffnet den Brief) Kieken Se doch blots, wat hier steiht: „...möchte ich Dich Rainer und Deine Frau nach all den langen Jahren, als meine letzten noch lebenden Verwandten endlich einmal besuchen“. Könnt Se sik denn nich denken, wat dat bedüden kann?

 

Nezep:       Fro Roßkamp seien sehr erfreut und erregt.

 

Karin:        Ja, dat bün ik ok. Rainer hett mi jümmers vertellt, dat sien Broder jümmers de Schlauere ween is, un dat he Doktor warrn wull. Verstahnt Se? – De Mann hett dat wohrschienlich to wat bröcht un will uns na over dartig Johren besöken – eenfach so. Is dat nich sünnerbor? – Un hier steiht dat doch swart op witt: „...meine einzigen noch lebenden Verwandten“.

 

Gustav:      Hhmm... so heel verstah ik dat nich. Wat hebbt wi dormit to dohn?

 

Karin:        Dat hört sik doch so an, as wenn he düchtig wat hierlaten will, oder? Gott, un ik hebb dat na Rainers Dood würklich nich rosig hat. Uns Burkeree smeet nie nix af, un alleen muss ik dat denn jichenswenher opgeven. Een Levensverseekern harr Rainer ok nich.

 

Gustav:      Un wo könnt wi dorbi nu helpen?         

 

Karin:        Tja, wo schall ik dat seggen. Ik meen, dat weer doch nu - na düssen Breef - veel beeter, wenn mien Mann gor nich... also ik meen... (nach einer kleinen Überwindungspause, geht zu Gustav, fasst ihn an den Armen) Speelen Se för ´n poor Dag mien Mann Rainer, Herr Möhlenbrock.

 

Gustav:      (sowie Carsten glauben sich verhört zu haben) Wat schall ik?

 

Karin:        Na, Uwe kummt doch eenlik blots wegen sien Broder. Un wenn he gewohr ward, dat de nich mehr levt, sücht dat gor nich good ut. Ik bün ja man blots inheirad in sien Verwandskupp - sotoseggen.

 

Gustav:      Ja, aver...

 

Karin:        Se schöllnt dat ok würklich nich umsünst dohn. Wenn dat so löppt, as ik mi dat denk, dann warrn Se düchtig bedocht. - Ehrenwoord!

 

Carsten:     Un wenn de Swager wedder weg is, dann dürt wi hier ok wedder verswinden, nich wohr?

 

Karin:        Bestimmt nich! Dat verspreek ik ehr beid. Tomindst söök wi dann na een good Lösung. – Oh bitte, Herr Möhlenbrock, laten Se mi nich in Stich.

 

Gustav:      (tut zunächst noch, als wenn er schwer überlegt) Hhmmm... dat brengt ja eenlik mien heel Pläne dörnanner. – Wenher kummt he denn?

 

Karin:        Mörgen Middag kummt de Zug an. Tegen een schall he dann woll hier ween.

 

Gustav:      Tja, dat is aver allns nich so eenfach, Fro Roßkamp. Ik overnehm dormit ja immerhen ´n grood Verantwortung.

 

Karin:        Wieso?

 

Gustav:      Na, as ehr Mann möten wi per „Du“ ween un sowieso, ik meen - as Ehepoor...

 

Karin:        Daar snackt wi noch over – in aller Ruh. – Also, seggen Se ja? (hält ihm die Hand zum „Einschlagen“ hin)

 

Gustav:      Un daar liggt ehr würklich sovöl an?

 

Karin:        Oh ja. Nix mehr as dat. Ik do ok allns, wat Se verlangen. Ik meen...bold allns.

 

Gustav:      Aha. Na, dann fang wi doch glieks mit mien erst Wunsch an.

Karin:        (etwas unsicher) Un de weer?

 

Gustav:      (zeigt auf Nezep) Nezeps Fro Nesrin hett Gebursdag – un de schall vun em een Geschenk hebben. Un dat is för uns dree hier ´n echt Problem, nich wohr?!

 

Nezep:       Oh jaaa...

 

Karin:        (schaut verwirrt drein, darin fällt der... )

 

 

 

Vorhang

 

oder Blackout

 

Ende des ersten Akts

 

 

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Zweiter Akt

 

(Am nächsten Tag, ca. 10.00 Uhr. Wenn der Vorhang sich öffnet, ist Karin damit beschäftigt eine Decke über den Tisch zu legen. Die Diele ist nicht besonders verändert worden; bis auf ein paar Bilder an den Wänden o.a.)

 

1. Szene

 

Karin:        (geht ein paar Schritte vom Tisch zurück, betrachtet die Decke skeptisch) Nee. (nimmt sie wieder herunter, legt dann eine etwas weniger moderne Decke darauf, schaut wieder) Ja, dat is beeter.

 

2. Szene

 

Ingrid:       (kommt mit einer Stehlampe aus dem Haus) Meenst Du düsse Lamp, Moder?

 

Karin:        Ja, genau de!

 

Ingrid:       (stellt die Lampe an einer Seite ab, „pustet“ kräftig auf den Lampenschirm – es staubt kräftig. = Anmerkung: Mit Mehl sehr schön zu zeigen. = ) Oah, de mööt wi woll erstmol düchtig putzen, Moder.

 

Karin:        Keen Wunner. De hett ja ok johrenlang op Dackböön stahn. – Hol man even ´n Emmer mit warm Water, Ingrid – un ´n Stofflappen ok.

 

Ingrid:       Maak ik. (will schon ab)

 

Karin:        Och, töv noch even. Wat holst Du vun de Diskdeeken?

 

Ingrid:       (schaut sich diese an) Hhmm... de anner hier sücht beeter un moderner ut.

 

Karin:        (erfreut) Ja? Na toll. Dann blifft düsse drup. Dat mutt hier so schofel utsehn, as dat man geiht. Mien Swager mööt marken, dat ik ´n heel armseelig Witwe bün; dann schall he sien Geldbüüs woll trecken.

 

Ingrid:       Overdriev dat man nich, Moder.

 

Karin:        Nee, nee, ik weet wor de Grenzen sünd.

 

Ingrid:       Ik hebb daar gor keen good Geföhl bi. Un jichenswie begriep ik Di ok nich heel. Du weest anners doch ok nich för sückse Saken. Leegen, schojen, bedreegen – daar hest Du doch jümmers de Handen vun afslan.

 

Karin:        Ja, hebb ik. Aver nu hebb ik een Chance mit düsse Besöök. Ik will endlich leven, mien Deern. Is ja ok blots för ´n Dag of twee, dann kehr ik wedder in de normol Alldag trüch. (freut sich) Aver seeker mit ´n Hopen Geld.

 

Ingrid:       Of mit ´n Hopen Enttäuschung.

 

Karin:        Denk doch nich jümmers so negativ. Düsse Aktion hett mi immerhen al 100 Euro an düssen Mister Ölgötz kost – of wo de heet. Well versprekt mi denn, dat ik de jemols trüch krieg? Nee, nee, nu maak ik Nagels mit Koppen. Wenn mien Swager erst hier is, dann ward allns good.

 

Ingrid:       Un Du glövst würklich, dat dat ok klappt? Gustav sücht Uwe doch seeker overhaupt nich ähnlich – dat markt de doch.

 

Karin:        Meenst Du, ik de mien Süster noch wedderkennen, wenn ik de over dartig Johr nich sehn harr?

 

Ingrid:       (zuckt die Schultern) Liekers. Hebbt ji daar denn an docht, dat ji jo nich verhaspeln dörven? Amenne fragt he Gustav wat vun fröher, un dann?

 

Karin:        Och, Herr Möhlenbrock is ja nich op ´n Mund fallen. Dat schall he woll maken. Un wat weet man denn noch grootartig ut sien Kinnertied?

 

Ingrid:       Mien Mudder de Optimistin. Aver dat „Herr Möhlenbrock“ wend Di man beeter glieks af. In dree Stünden is Gustav Dien Mann. He heet nich Herr Möhlenbrock, un ok nich Gustav.

 

Karin:        (etwas erschrocken) Oh Gott, ja. Wat segg ik denn blots to em?

 

Ingrid:       Na, Rainer natürlich. (schelmisch abgehend ins Haus) Of viellicht Tüti, of Schnucki oder wat holst Du vun Zuckerbärchen?

 

Karin:        Pass blots op Du. (wirft ihr die zweite Tischdecke hinterher; die Ingrid dann mit ins Haus nimmt. Seufzt dann, nachdem sie allein ist, auf) Och Rainer, wenn Du dat hier noch mit beleven kunnst. Aver ik denk, dat Du an mien Stee just so handelt harrst; Du warst ja jümmers för sowat to hebben.  (streicht über die Tischdecke) De hebb wi vun Dien Ollern to d´ Hochtied kregen. (Ihr kommen die Tränen, sie holt ein Taschentuch hervor, stellt dann die Stühle an den Tisch)

 

(nach einer kleinen Pause kommt...)

 

3. Szene

 

Gustav:      (...aus dem Haus. Er trägt jetzt einen Anzug, der ihm viel zu eng ist, sein Haar ist frisch gewaschen und sorgfältig gekämmt. Er sieht beim Hereinkommen an sich herunter, fühlt sich unwohl) So, Fro Roßkamp, ik... ik weet nich recht, aver ehr Mann mutt woll ´n bannig dünnen Hering west ween, oder?

 

Karin:        (hatte ihn noch gar nicht bemerkt, schaut sich jetzt um, ist sehr gerührt; muß erneut das Taschentuch nehmen) Ooh...

 

Gustav:      (besorgt, geht zu ihr) Fro Roßkamp, wat is denn?

 

Karin:        Och nix. Ik hebb düssen Anzug nich mehr antrucken sehn, siet mien Rainer un ik op Feldkamps Sülvernhochtied weern. Un dat is Johren her.

 

Gustav:      Ja, ik verstah ehr Geföhlen. Man Se sülmst hebbt doch seggt, ik schull dat antrecken.

 

Karin:        (fängt sich schnell wieder) Jaja, dat hebb ik seggt. Un ik riet mi nu ok tosamen. (sieht ihn jetzt genauer an) Och, Du leeve Tied. De Anzug is woll doch ´n beten lütt.

 

Gustav:      Hhmm... kann man woll seggen. Un äh... worüm schall ik eenlik een Anzug antrecken op ´n Warkdag?

 

Karin:        Wiel Lüüd mit minn Geld ok blots dat dragen, wat se hebbt. Un wenn Besöök kummt, maken se sik fein. Daar kummt een Anzug jümmers good. Wiel dat even heelmaal d´rtegen is.

 

Gustav:      Och so is dat.

 

Karin:        Tja, so geiht dat aver nich – dat seh ik in. Se schöllnt sik ja immerhen wohl föhlen.

 

Gustav:      Kann ik denn nich doch wat vun mien eegen Tüch...

 

Karin:        (schnell) Nee, nee, kummt gor nich in Frag. Uwe mutt sehn, dat wi eenfach un schlicht sünd. Minsken de nich veel hebbt – aver mit dat wat wi hebbt, gah wi good um. Verstahnt Se? Wi sünd allns anner as riek – man wi sünd keen Sluderpack. Un de Kleedaasch, de Se hebbt is veel to modern.

 

Gustav:      Aha. – Tja, un nu?

 

Karin:        Jeans un oll Pullover hebb ik vun Rainer gor nich mehr. Dann mutt wi woll noch los un wat Neijs kopen. In de Sonderpostenmarkt gifft dat jümmers unmodern Saken för minn Geld. (sieht auf die Uhr) Dat schaff wi noch, bit Uwe ankummt. Jichenswat schöllnt wi woll för Se finden, wat na wat lett un ´n beten wat hergifft - aver eenlik heelmol bekloppt utsücht.

 

Gustav:      Un dat wüllt Se dann betahlen?

Karin:        Erstmol woll, ja. Krieg ik aver doch allns wedder. Dübbelt un dreefach. – (sieht erneut auf die Uhr) Man bevör wi in ´t Dörp gahnt, nehm wi uns erst noch fiev Minüten. Wi möten allns nochmol dörchspeelen.

 

Gustav:      Nochmol? Wi hebbt doch tegen Middag al tosamen seeten. Ik weet nu langsom allns, Fro Roßkamp. Würklich – ik bün sowiet.

 

Karin:        Dat sünd Se even nich!

 

Gustav:      Bidde?

 

Karin:        Se hebbt al tweemol achternanner "Fro Roßkamp" an mi seggt.

 

Gustav:      Ja, sünd Se denn nich Fro Roßkamp?

 

Karin:        Seeker. Man solang mien Swager hier is, bün ik Karin. Wi düren nix verkehrt maken. Wi möten uns langsom doran wennen, dat wi Mann un Frau sünd.

 

Gustav:      Ja seeker. Ik schall mi ´t woll marken – Karin.

 

Karin:        Wi sünd ´n Ehepoor, dat kann doch nich so swor ween. Geven Se sik doch ´n beten Möh.

 

Gustav:      Na, dat musst Du just seggen.

 

Karin:        (überrascht) Hä?

 

Gustav:      Wi sünd ´n Ehepoor un per „Se“?

 

Karin:        Och, Du leeve Tied – daar harr ik nu bold gor nich an docht. Dat is ja ok wat Neijes för mi.

 

Gustav:      Na, för mi aver ok. – Ik schall Di woll nich enttäuschen, Karin.

 

Karin:        Na, dann is dat ja good. So, dann laat uns nochmol allns dörchgahn. (setzt sich, Gustav ebenso) Dat wat ik upschreeven harr, hest Du in d´ Kopp?

 

Gustav:      Hebb ik.

 

Karin:        Wenher hebb wi hierad?

 

Gustav:      An d´ 18. Juli.

 

Karin:        (genervt) Wat för ´n Johr, Gustav?

 

Gustav:      Oh, dat hebb ik vergeten. Hach, man kann ´t ok ja nich all in d´ Kopp hebben. – Aver töv; wi sünd anner Sömmer veeruntwintig Johr mitnanner verhierad.

 

Karin:        Richtig. Kennenlehrnt hebb wi uns op ´t Erntedankfest – Du hest mi to ´n Danzen holt, do hett dat funkt.

 

Gustav:      Ja?

 

Karin:        (melancholisch) Ja, dat hett Rainer dohn.

 

Gustav:      Ik hebb mien Fro domols bi d´ Gesangvereen truffen. Mann, wat kunn se schöön singen.

 

Karin:        (fängt sich schnell wieder) Okay. Wat Du vun Dien Kindheit weten musst, harr ik ok opschreeven. Ik kann Di ok blots dat vertellen, wat ik vun Rainer weet. He is adopteert worden vun ´n Ehepoor ut Oldenbörg. (evtl. Ändern; einen Ort nennen, der etwa 10 – 20 Kilometer vom Spielort dieses Stücks entfernt ist) Wi beid hebbt alltied Kontakt to de beiden hat. Siet Rainers Dood is dat aver aflaut.

 

Gustav:      Dat kann ik aver ja nich to Uwe seggen.

 

Karin:        Dat segg ik doch ok blots to Di.

 

Gustav:      Un mien... Adoptiv-Ollern wohnen jümmers noch in Oldenbörg ?

 

Karin:        (nickt) Ja. Daar mutt wi aver nich soveel vun snacken. Frag Du am besten alltied. Laat Uwe man veel vun sik vertellen - dat is dat Best.

 

Gustav:      Na good.

 

Karin:        Beruflich hest Du jümmers Pech hat. Dat mit Dien Job in de Buddelfabrik kann driest so blieven. Dann kannst Du Di ok nich verhaspeln. Ingrid is uns Dochter. Is tweeuntwintig Johr old. Un dat dat klor is, Gustav. Wi wohnen hier. Hier op düsse Deel. Dit hier is uns Wohnung.

 

Gustav:      Ja, aver wat vertell wi em denn vun dit Huus?

 

Karin:        Wi beid hüren hier mit uns Dochter düsse Deel. De Vermieter vun dit Huus sünd in Urlaub, segg wi. Uwe mutt sehn, dat uns dat bannig schovel geiht un dat wi heel armseelig Minsken sünd – dann steiht op de Scheck bestimmt ´n Null mehr. – Dit hier is uns Köken, Wohnzimmer, Bad - un Slapkamer in eens. Dat schall sien Hart woll düchtig week maken.

 

Gustav:      Ik weet nich, Karin. Wi leven ja nich mehr in d´ Kriegstied. Dat köfft he uns doch gor nich af. Wi tellen dat Johr 2014. (ändern auf wahres Spieljahr) Dat gifft Sozialämter un so.

 

Karin:        (bestimmend) Dat maak wi nu so un dormit basta. (steht auf) So, un nu laat uns nochmol so ´n Szene dörchspeelen.

 

Gustav:      Oh, nich nochmol. Dat hebb wi doch woll al teihn Mal üvt. (steht ebenfalls auf)

 

Karin:        Dat hebb wi. Un teihnmol is dat in de Büx gahn. Kumm, gah daar achtern hen. Wi speelen nu. Du kummst na Huus, mi geiht dat gesundheitlich nich so good. Un nu wies maal wat in Di sitt, Gustav.

 

Gustav:      (tut dies, geht beschwerlich, wegen der engen Kleidung)

Karin:        (macht irgendwas am Tisch, stellt Blumen darauf o. a., wartet) Na, nu kom al. Un denk doran – wi sünd ´n Ehepoor. Wi hebbt over twintig Johr jeede Dag mitnanner verbrocht. Behannel mi doch eenfach so as Dien Gerda, vun de Du jümmers vertellst.

 

Gustav:      Na good. Ik will dat versöken. (kommt jetzt zum Tisch, hat evtl. eine Tasche unterm Arm, geht zu Karin, küsst sie auf die Wange) Na, mien lütte Schieter – wo weer Dien Dag hüüt? Allns roger in Cambodscha? („schlägt“ ihr neckisch an die Wangen)

 

Karin:        (etwas überrumpelt, „spielt“ aber weiter) Och, mit geiht dat nich so good, Rainer. Du weest ja – mien Bandschieven.

 

4. Szene

 

Amanda:   (und Lilo öffnen die Dielentür von draußen, kommen herein; sehen das Geschehen; schnell wieder ab, lassen die Tür aber einen Spalt geöffnet, belauschen die Szene; können es nicht glauben. Gustav und Karin bemerken die beiden nicht)

 

Gustav:      Och, is dat denn jümmers noch nich beeter? Dat deiht mi ja... dat deiht mi mehr as leed, mien Tüti. (erneuter Kuss auf die Wange)

 

Karin:        (jetzt etwas verärgert) Dat schall woll wedder warrn. - Keen Bang. Un? Wo weer dat bi de Arbeit?

 

Gustav:      (setzt sich jetzt auch an den Tisch) Wo schall ´t al ween dor? Jümmers dat sülfge. (rückt seinen Stuhl dicht an ihren, umarmt sie) Weest Du wat, mien Zuckerschnuut: Ik hebb mi docht, dat wi hüüt avend maal wedder schöön mitnanner hengahnt to eeten. So richtig romantisch mit Kersenlücht un so. Wi sünd an d´ Dag doch veel to lang vananner weg, meenst Du nich ok?

 

Karin:        (streng) Ik weet nich, of wi uns dat leisten könnt.

 

Gustav:      Seeker könnt wi dat. Un wi hebbt uns doch leev – al sovöl Johren. Dann dörv wi doch ok maal wedder in de Opentlichkeit, nich wohr, mien Muus-Steert?

 

Karin:        Och Rainer, laat uns vun wat anners snacken, ja?! (räuspert sich, schaut ihn verärgert an)

 

Gustav:      Ja. – Wat... wat holst Du denn dorvan, wenn wi anner Johr an uns Ehrendag för ´n poor Dagen wegfohren? Ik meen – so ´n Week na Bayern, of leever na Spanien? Oder viellicht de Malediven?

 

Karin:        (steht jetzt auf) Dat geiht nich, mien Leeve. Un nu laat uns in ´t Dörp gahn, dormit Du neije Kleedasch kriggst. (ist wütend) Dit Gequedel hier is doch lächerlich.

 

Gustav:      Wat, nu? In ´t Dörp gahn? So Batz op de Stee? Aver ik kann doch nich so... (sieht an sich herunter)

 

Karin:        Oh doch, dat kannst Du. Wi dörven keen Tied mehr verlesen. (geht zügig nach hinten in die Wohnung, ruft von dort) Ingrid, wi gahnt noch eem kört in´t Dörp, ja?!

 

(keine Antwort)

 

Karin:        (kommt sodann mit ihrem Portemonaie in der Hand zurück, sowie einer Sommerjacke) Wor is de denn al wedder? – So, un nu komm, bevör ik mi dat noch wedder anners overlegg.

 

Gustav:      (ratlos) Ja, aver... hebb ik jichenswat verkehrt maakt, Karin? Du wullst dat doch so, dat ik hier mit Di...

 

Karin:        (nimmt ihn wütend am Arm) Stimmt. Ik wull dat so. Un Du weerst eensame Spitze, Schatz. (zieht ihn mit ab in die Wohnung; beide ab, Tür zu)

 

5. Szene

 

Amanda:   (und Lilo kommen jetzt zügig zum Tisch) Na, dat sünd mi ja schööne Sitten hier. Uns hier siet Maanten de Lögens vun wegen Unnermieter op ehr Deel vertellen, un wat is? Sünd ´n Liebespoor, de beiden. Wenn ik mi dat nich docht harr.

 

Lilo:           Hest Du dat hört, Amanda? Tüti, Zuckerschnuut, Muussteert, dat glövt uns doch nüms, wenn wi dat vertellen. Un dit hier is dann woll dat Liebesnest, wa? Op d´ Deel! Igitt igitt!

 

Amanda:   Slecht warrn kann een. Man de Gipfel is – se seggt Rainer an düssen Sozialfall. Hest Du dat hört, Lilo? RAINER! De Naam vun ehr verstüven Keerl.

 

Lilo:           Pervers is dat! - Man dat sünd de Slimmsten, Amanda. Op d´ Karkhoff bi d´ Beerdigung, dann springen se bold mit in ´t Graff – man in Würklichkeit söken se sik daar al ´n Neijen ut. Dat hört man jümmers wedder.

 

Amanda:   To ´t Eeten laad he ehr in. Un snackt vun Urlaub in ´n Süden. Kannst Du mi bidde maal verkloren, worvan?

 

Lilo:           Well weet, wat för ´n Gewerbe düssen Keerl nageiht? Mi schall gor nix mehr wunnern. Ammene is dat ´n Dichtholer.

 

Amanda:   Wat?

 

Lilo:           Na, ´n Dichtholer - een ZUHÄLTER, Amanda!

 

Amanda:   Ja, well weet? - Man so is Karin Roßkamp al jümmers ween. Speelt dat heel Dörp de trurige Witwe vör...

 

Lilo:           Haaa... lustige Witwe. Lustige Witwe, Amanda. - Lustiger geiht gor nich.

 

(kurze Pause)

 

Amanda:   Tja, wat maak wi denn nu?

Lilo:           Na wat woll? Dat mutt doch unner ´t Volk, wat wi hier belevt hebbt, oder?

 

Amanda:   Daar hest Du ok wedder recht. (will zügig mit Lilo ab, als...)

 

6. Szene

 

Nezep:       (...von draußen hereinkommt, fast mit den beiden zusammenstößt. Er hat eine Flasche Raki dabei, sowie einen selbstgebackenen Kuchen – auf einem Teller oder eingepackt) Oh, tut mir leid vielmals, dass ich mit Sie zusammengebumst.

 

Lilo:           Passen Se doch op!

 

Amanda:   Utlanners! – Typisch Utlanners!

 

Nezep:       Ich möchte nicht stören. Will nur „Danke“ sagen für große Gutmütigkeit von Frau im Haus. (zeigt die Flasche und den Kuchen)

 

Lilo:           Aha. Interessant. (schon netter) Un Se hebbt wat mitbrocht?

 

Amanda:   Wat hett denn de goodmödig Fro Roßkamp för Se dohn, wenn ik maal fragen dörv, dat Se sik hier mit Koken un ´n Buddel bedanken?

 

Nezep:       (geht zum Tisch, stellt Flasche und Kuchen ab, ist sehr glücklich) Ooohh... Sie hat so gutes Herz. – Nezep verdienen nicht viel. Haben Kinder – müssen drehen jeden Euro um dreimal. Sie verstehen Nezep?

 

Lilo:           Oh ja.

 

Amanda:   Un do hett Karin Roßkamp Ehr so ´n beten unner de Arms greepen?

 

Nezep:       Wie meinen?

 

Amanda:   Äh... unter die Arme gegriffen. So. (macht es bei Lilo vor) Das ist ein Ausdruck für Unterstützen. Hat Sie Ihnen geholfen – mit Geld? Money. Moneten. (zeigt mit den Fingern „Geld“)

 

Nezep:       (versteht jetzt) Oh ja. Genau das. Ich wollte machen Frau von Nezep kleine Überraschung zum Tag der Geburt.

 

Lilo:           (schaut Amanda unverständlich an)

 

Amanda:   Gebursdag, Lilo.

 

Lilo:           Oh.

 

Nezep:       Aber Nezep immer knapp am Ende von Monat.

 

Lilo:           Jaaa, wat is dat doch jümmers ´n Wark, dat an ´t End vun ´t Geld jümmers noch soveel Maant over is, nich wohr?!

 

Nezep:       Ich habe gefragt Gustav ob er mir kann helfen. Aber auch er nicht – wie sagt man? – Flüssig. Aber da hat geholfen aus gute Frau Roßlamm, und hat für Nezeps Geschenk ausgeliehen und ich kann zahlen zurück in Raten sehr klein. Sie hat gesagt, Sie macht für mich das und auch für Gustav.

 

Amanda:   Dat is ja interessant, wat man hier vun Karin Roßkamp tomol allns so gewohr ward.

 

Lilo:           Na, dat kannst Du luut seggen, Amanda.

 

Nezep:       Meine Nesrin sicher erfreut über schöne Uhr für Gelenk am Arm. Nezep Ölsegütt nie vergißt gute Tat. Und darum haben mitgebracht türkische Raki und Kuchen – als Dank vorweg. Sie verstehen Nezep?

 

Lilo:           (sitzt schon wie im Reflex) Dat is nu aver ja würklich nich nödig, Herr Ölgötze.

 

Nezep:       (berichtigt) Ölsegütt.

 

Lilo:           Jaja, dat meen ik ja. (reicht ihm die Hand) Ik bün Lilo. Lilo Kieselhorst. Un dat is mien Naberske Amanda Gödicke. – Nu hol doch even ´n poor Glasen, Manda.

 

Amanda:   Tja, wenn Du meenst. (sucht zunächst, findet dann drei Schnaps- bzw. Likörgläser) Ok ´n Mest, Lilo?

 

Lilo:           Ja seeker. – Nehmen Se doch Platz, Herr Öllgütz.

 

Nezep:       (etwas unsicher und verwirrt) Gerne. Aber eigentlich ich wollte Danke sagen zu Frau Roßlamm und Gustav und Carsten. Sie verstehen?

 

Amanda:   (kommt mit Gläser und Messer an den Tisch zurück) So. ( setzt sich dazu)

 

Lilo:           Nu schenken Se man driest in. Fro Rosskamp un Gustav sünd för ´n Oogenblick nich hier. Aver wi sünd hör best Fründen. Un allns wat Frau Roßkamp angeiht ward mit uns - mit ehr best Fründinnen - jümmers deelt.

 

Nezep:       (erleichtert und erfreut) Ja? Oh, wenn so ist – Frau Roßlamms Freunde sind auch Nezeps Freunde. (setzt sich, öffnet die Flasche, schenkt ein)

 

Amanda:   Schall ik denn al maal de Koken ansnieden?

 

Nezep:       Bitte – schneiden an.

 

Amanda:   (tut dies, legt jedem ein Stück hin, deutet auf die Flasche) Wat hebbt Se daar denn eenlik för ´n Tüch mitbröcht?

 

Nezep:       Seien original tirkisch Raki. Norddeutsche Teufel im Bauch von Gustav seien sehr gut. - Aber Nezeps Raki seien besser. Hähä...

 

Lilo:           (reibt sich die Hände) Hest Du de al maal drunken, Manda?

 

Amanda:   Raki? Noch nich. Man lang kann ´t nich mehr düren. – Wovöl Umdrehungen hett de denn? (schaut auf die Flasche) Fievunveertig, Lilo. Daar mutt wi woll ´n beten oppassen, wa?!

 

Nezep:       Ach, nix aufpassen. Nezep vertragen ganze Flasche und mehr – und immer noch nicht fallen um.

 

Lilo:           Ja, Se! (zu Amanda:) Oh, well harr dat docht, dat dat hier noch so gemütlich ward, wa?!

 

Amanda:   Dat segg man. – Ik heet Amanda, Herr Ölgrütz.

 

Lilo:           Un ik bün Lilo.

 

Nezep:       (hebt das Glas; die beiden Frauen ebenso) Ich heißen Nezep. Na dann: Scherefe Lilo! Scherefe Amanda!

 

Alle:          (trinken)

 

Amanda:   Igitt, wat lecker!

 

Lilo:           Oah, de hett dat aver in sik.

 

Amanda:   Na, dat kannst Du luut seggen. De geiht een ja dörch un dörch. Ha, ik mark recht, wo he na unnern henkrupt. – Smeckt aver verdammt lecker, Nezep.

 

Nezep:       Nicht wahr?! Ich haben doch gesagt. Und nun essen Kuchen. Seien Spezialität von meine Nesrin. Sie kann backen so gut. Sehr lecker.

 

Alle:          (essen; Nezep füllt die Gläser wieder auf)

 

Lilo:           Hhhmmm ... een Hochgenuß. Würklich.

 

Amanda:   Dat Rezept mutt ik unbedingt hebben.

 

Nezep:       (hebt das Glas erneut) Amanda, Lilo – ich sagen wieder: Scherefe.

 

Lilo:           Och, du leeve Tied. Al wedder? Un wat heet eenlik „Scherefe“?

 

Amanda:   (hat das Glas schon wieder angesetzt, trinkt)

 

Nezep:       Äh, wie sagt man hier bei Euch? Wir trinken zueinander.

 

Amanda:   “Prost” segg wi.

 

Nezep:       Richtig. Prost. - In Türkei wir sagen „Scherefe“. – Oh, Amanda haben leeres Glas. (schenkt ihr schnell wieder nach)

 

Amanda:   Na denn: Prost Sherif! (trinkt) Ik meen: Prost Sherif Nezep! Hähä...

 

Lilo:           (verwundert) Amanda, nu türs Di man ´n beten.

Amanda:   Och wat. Weg mit dat Wark. Wat hebb wi denn al groot op de Welt? Ik kann mi gor nich mehr besinnen, wenher ik mol op ´n Party weer, of so. Is doch so un so jümmers langwielig. Uns Mannlüüd de heel Week utwärts an ´t arbeiden – daar dürt wi doch woll eenmol ´n beten Spaß hebben, oder?

 

Nezep:       Spaß. – Genau!

 

Lilo:           Na, wenn ji meenen. (trinkt jetzt auch ihr Glas aus)

 

Nezep:       (schenkt sofort nach)

 

Amanda:   (schon leicht beschwippst) Vertellen Se doch mol ´n poor Saken op türkisch, Nezep. Ik find, dat is ´n witzigen Spraak. Meenst Du nich ok, Lilo?

 

Lilo:           (nickt)

 

 

 

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