Lange danach gesucht - auf Ibiza 2012 endlich gefunden
Musiker gesucht

 

 

„Laura´s dunkle Seite“

 

Krimi in 4 Akten

 

von

 

Helmut Schmidt

 

Inhalt:

 

Sechs Monate nach dem Tod seines Sohnes Patrick zieht der Bestsellerautor Matthias Bredau sich in eine Ferienwohnung in einem sehr verlassenen Ortsteil der Insel Borkum zurück um dort in Ruhe – nach einer Schreibblockade - sein neuestes Buch zuende zu schreiben. Er leidet seit dem tödlichen Unfall von Patrick an Depressionen. Seine Frau Laura, mit der er in Scheidung lebt, und sein bester Freund Norbert (der auch gleichzeitig sein Psychiater ist); aber auch Matthias selbst, denken, dass einige Wochen absolute Ruhe und Einsamkeit ihn genesen lassen und er seinen neuesten Romans zuende schreiben kann. Außerdem drängt sein Verlag. Aber Matthias sitzt auch noch nach Tagen alleine untätig an seinem Notebook und kann keinen klaren Gedanken fassen. Als ihn dann jedoch die nette Insulanerin Hanna besucht, findet er langsam wieder neue Lebenskraft und auch das Schreiben gelingt langsam wieder. Plötzlich geschehen auf der Insel aber merkwürdige Dinge. Hanna hält eine Verabredung nicht ein; ist tagelang nicht auffindbar – und das Ehepaar Baumann behauptet dann, dass Hanna schon seit Jahren tot ist. Dann erhält Matthias immer neue Nachrichten auf dem Handy von seinem verstorbenen Sohn Patrick; und auch in der Ferienwohnung passiert skurriles. Briefe tauchen auf, dessen Inhalt ihm mit Mord drohen, er findet Veränderungen in der Wohnung vor und hört Stimmen. Als Matthias dann eines Abends Patrick lebendig vor sich sieht, glaubt er, er dreht durch. Was geht hier vor ? Und wird das Buch „Laura´s dunkle Seite“ jemals zuende geschrieben ? Denn die Leser warten sehnsüchtig darauf. Aber nicht nur die !

Spieler: 4m/3w  -  5 Statisten  – 1 Bühnenbild

 

 

Matthias Bredau         -           ca. 40 Jahre

 

Laura                           -           (seine Frau) ca. 40 J.

 

Norbert                       -           Freund der beiden (ca. 40J.)

 

Hanna Jürgens            -           (30-40 J.)

 

Daniel Baumann         -           Nachbar (ca. 50 J.)

 

Marie                          -           (seine Frau ca. 50 J.)

 

sowie Patrick              -           „verstorbener“ Sohn von

                                               Matthias (17 Jahre)

 

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Statisten: (bzw. Rollen mit sehr wenig Text)

 

2 Polizisten                 -           männlich (Alter egal)

1 Arzt/Ärztin              -           m. oder w. (Alter egal)

2 Sanitäter                  -           männlich (Alter egal)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bühnenbild:

 

 

Das Bühnenbild zeigt den Wohnraum eines Ferienhauses weit weg vom Zentrum, auf der Nordseeinsel Borkum. Sie ist schick eingerichtet. Im Raum befindet sich entweder eine Sitzgruppe, ein Sofa, ein Tisch und einige Stühle oder Sessel, ein Schrank, evtl. Regal o. a. Irgendwo steht eine Stereoanlage, bzw. Radiorecorder. Im Vordergrund eine weiterer kleiner Tisch – besser wäre ein Schreibtisch mit Stuhl. Einige Bilder an den Wänden. Es werden zwei Türen benötigt. Nach hinten geht eine Tür zum Flur nach draußen; links oder rechts eine weitere zum Schlafzimmer, zur Küche und zum Bad. (im Stück wird dafür jeweils „rechts“ angegeben) Falls möglich, ein Fenster. Alle weiteren Ausstattungen sind der Gruppe überlassen.

 

 

 

 

 

Spielzeit: Frühling in der Gegenwart

 

 

 

Spielort: Ferienwohnung – sehr abgelegen – auf der Insel

               Borkum oder eine andere Insel Ihrer Wahl

 

 

 

Spieldauer: ohne Pausen ca. 100 Minuten

 

Erster Akt

 

                  (Wenn der Vorhang sich öffnet, steht Matthias mit dem Rücken zum Zuschauerraum im Zimmer und betrachtet starr ein Bild an der Wand. Er trägt noch Mantel bzw. Jacke. Die Tür nach hinten ist geöffnet. Im Raum stehen einige volle Koffer und Taschen, sowie eine Notebook-Tasche. Ein Wochentag, ca. 17 Uhr)

 

1. Szene

 

Laura:        (kommt mit einer zusammengelegten bunten Tischdecke von rechts herein, bleibt einen Moment stehen, schaut zu Matthias, seufzt, geht dann zu dem kleinen Tisch bzw. Schreibtisch und legt die Tischdecke darüber. Dann:) Und du glaubst wirklich, Du kommst alleine zurecht ?

 

Matthias:   (ohne sich umzudrehen) Ich denke schon.

  • Das Bild – es ist irgendwie – so negativ.

 

Laura:        Ach Matthias, dann häng´ es doch ab. - Ich hab´ dir... also – ich dachte mir... ein bisschen Farbe beim Schreiben könnte nicht schaden. Wenn sie Dir nicht gefällt, dann... (deutet auf die Decke)

 

Matthias:   (dreht sich zu ihr um, sieht was sie meint) Danke – dass ist lieb von dir, Laura.

 

Laura:        Und wenn du irgendetwas brauchst – ruf an ! Wenn du bis 12 Uhr mittags anrufst könnten Norbert oder ich noch mit der letzte Fähre am gleichen Tag hierher nach Borkum herüber-fahren.

 

Matthias:   Das ist wirklich nicht nötig. Ich hoffe, dass ich nur ein paar Wochen brauche. Wenn ich merke, dass es mit dem Schreiben wieder vorangeht, bin ich sicher spätestens im Juli wieder zuhause. Und Lebensmittel hast Du ja erst mal genug eingekauft für mich.

 

Laura:        Ja, Konserven. Du musst aber auch mal was frisches essen, Matthias. Salat – ein Stück Fleisch, Obst...

 

Matthias:   Ich werde ganz sicher mal einen Spaziergang in den Ort machen und auch hin und wieder in einem Restaurant essen gehen. Ich versprech´s.

 

Laura:        Und...

 

Matthias:   ...und frisches Obst und Gemüse werde ich hin und wieder auch einkaufen – ich versprech´s.

 

Laura:        Du hättest doch lieber das Auto mitnehmen sollen. Zu Fuß gehst Du fast zwei Stunden bis ins Zentrum von hier.

 

Matthias:   Und wenn schon ? Das macht den Kopf frei – gerade bei diesem schönen Frühlingswetter. Macht euch einfach keine Sorgen. Es ist vielleicht der beste Weg wieder ins (sagt das nächste Wort leicht ironisch) „normale“ Leben zurückzufinden, wenn ich mal eine Zeit lang ganz alleine bin.

 

Laura:        Aber wenn du dich mal nicht gut fühlst oder du dich wieder häufiger mit deinen depressiven Phasen quälst – bitte melde dich.

 

Matthias:   (Eher gelangweilt:) Ich melde mich.

 

Laura:        Hast du das Ladekabel vom Handy eingesteckt ?

 

Matthias:   (zieht es aus der Mantel – bzw. Jackentasche heraus – ebenso das Handy – legt es schweigend auf den Tisch)

 

Laura:        Okay. (kurzes Schweigen)

 

Matthias:   Ist es dir auch schon aufgefallen ?

 

Laura:        Was denn ?

 

Matthias:   Seit wir uns geeinigt haben, dass wir beide uns scheiden lassen werden, verstehen wir uns wirklich gut.

 

Laura:        (nach einer kleinen Pause) Immerhin hat uns ja auch mal was sehr positives miteinander verbunden; sonst hätten wir ja wohl nie geheiratet.

 

Matthias:   Wohl wahr. – Es tut mir übrigens leid, dass wir den Scheidungstermin verschieben müssen. Du weißt, was ich in den letzten Monaten durchgemacht hab´; und wenn ich nun erst mal für einige Wochen hier sein werde, kann es Herbst werden bis wir beide das beenden können.

 

Laura:        Matthias – das ist doch jetzt kein Thema. Wir sind uns einig, und die Scheidung ziehen wir ganz vernünftig durch wenn du wieder ganz gesund bist; dein Buch fertig ist und du wieder zurück kommst. Und wenn das noch einige Monate dauert, kann ich auch gut damit leben.

 

Matthias:   Aber du hast doch sonst immer gesagt, dass es so schnell wie möglich abgewickelt werden soll.

 

Laura:        Als Patrick noch lebte, habe ich das gesagt.

 

Matthias:   (muß schlucken, kämpft mit den Tränen) Tja... als Patrick noch lebte...

 

Laura:        (umarmt ihn tröstend) Alles wird gut. (streichelt ihm liebevoll das Haar)

 

 

 

2. Szene

 

Norbert:     (kommt zügig herein, hat eine kleine Schachtel in der Hand) Matthias, ich hab´ gedacht, falls... (sieht nun die beiden) Oh, Entschuldigung – ich wollte nicht stören.

 

Laura:        (löst sich nun wieder von Matthias)

 

Matthias:   Du störst doch nicht, Norbert. – Was hast du denn da ?

 

Norbert:     Ich weiß, dass du sie nicht mehr nimmst – aber wenn es dir doch einmal richtig dreckig geht – was wir alle nicht hoffen wollen, dann... – für alle Fälle, ja ?! (legt die Tablettenschachtel auf den Tisch)

 

Matthias:   Ich brauch das Zeug nicht mehr. Ich bin damit durch. Das einzige was ich jetzt noch zu lernen habe, ist, dass ich mich mit der Situation abfinden muß – und ich meinen neuen Lebensabschnitt ohne meinen Sohn Patrick führen werde. – Und wenn ich das hier in der Einsamkeit am Meer nicht schaffe, dann werde ich es niemals schaffen.

 

Norbert:     Ich lass´ sie dir trotzdem da.

 

Matthias:   Danke. Gut zu wissen, dass mein bester Freund auch gleichzeitig mein Psychiater ist.

                  Ich hab´ bisher eigentlich nie ernsthaft darüber nachgedacht. Das ist sehr praktisch.

Laura:        (eher fröhlich, weil sie den Dialog etwas aufheitern möchte) Dadurch hast du schon sehr viel Geld gespart.

 

Matthias:   Wenn ich dir noch etwas schulde, Norbert, dann schick´ mir die Rechnung – ich werde allerdings erst in einigen Wochen meinen Briefkasten leeren zuhause. (obwohl dieser Satz komisch ist, sagt er diesen ohne jeglichen Humor in der Stimme)

 

Norbert:     Deinen Humor haste ja schon mal wieder – das ist doch ein gutes Zeichen.

 

Matthias:   Auch Humor kann manchmal ganz schön schmerzen.

 

                  (kurze Pause)

 

Laura:        (sieht Norbert einen Moment unsicher an; dann:) Gefällt es dir auch wirklich hier ? Glaubst du, dass dieser Raum zum Schreiben geeignet ist ? Und diese einsame Insel – dieses Haus – ist es bestimmt okay für Dich ?

 

Matthias:   Es ist ein sehr schönes Ferienhaus. Schlicht aber gemütlich. Vielleicht ist es ja auch der Ort der meine Schreibblockade aufheben kann. Wir werden es erleben. Wichtig ist mir nur die Ruhe und die Einsamkeit.

 

Norbert:     Und die hast du hier.

 

Matthias:   Ihr werdet euch um Patrick´s Grab kümmern, solange ich hier bin ?

 

Laura:        Jeden dritten Tag einen frischen Strauß mit gelben Gerbera – so wie du es möchtest.

 

Matthias:   Die hat er gerne gehabt. Ich weiß das, weil er sie seiner ersten Freundin zum Geburtstag geschenkt hat. Da war er 15. Ich hab´ ihn damals gefragt, ob das die Lieblingsblumen wären von... wie hieß sie noch gleich ? – Ines? – Richtig ! – Und er hat geantwortet, dass er das nicht wüsste – aber sie würden ihm so gut gefallen. Hatte ich euch das je erzählt ?

 

Norbert:     Mehr als 100 mal. Aber das ist in Ordnung.

 

Laura:        Er hat damals auch mit mir über diese Blumen gesprochen, Matthias. Immerhin war ich nicht nur seine Stiefmutter; sondern auch eine gute Freundin für Patrick; falls Du es vergessen haben solltest.

 

Matthias:   Ja – richtig. Tut mir leid. - Es ist mir nur wichtig, dass er weiß, dass man an ihn denkt. Und da bleiben mir ja nur Blumen.

 

Norbert:     In deinem Herzen wird Patrick immer einen ganz besonderen Platz haben.

 

                  (draußen donnert es)

 

Matthias:   Ja.

 

Laura:        (schaut auf ihre Armbanduhr) Matthias, wenn wir die letzte Fähre zurück um 17:40 Uhr erreichen wollen, dann müssen wir uns nun langsam auf den Weg machen. Außerdem sieht es aus, als wenn ein Gewitter aufzieht.

 

Matthias:   Ganz reizend von euch, dass ihr mich hergebracht habt. – Pass gut auf meine Frau auf, Norbert.

 

Laura:        Noch-Ehefrau bitte, ja ?!

 

Matthias:   (schmunzelt jetzt zum ersten mal)

 

Norbert:     Schreib´ den Menschen da draußen einen neuen Bestseller, Matthias. Sie warten alle darauf. Atme die Seeluft tief ein – glaub´ an dich und dein Talent – dann schaffst du es. Hau in die Tasten, mein Freund. (umarmt ihn herzlich zum Abschied)

 

Matthias:   Mach ich – bestimmt !

 

Laura:        Ich wünsche mir so sehr, dass du es wieder kannst.

 

Matthias:   Zu dreiviertel ist das neue Buch ja schon fertig. Es fehlt eigentlich nur das Ende.

 

Laura:        „Laura´s dunkle Seite“ wird er es nennen. Buuuhh.... gruselig, nicht wahr ?! Und kein Mensch weiß mal wieder um was es geht in dem Roman.

 

Norbert:     Du wirst aber doch nicht die Lebens-geschichte deiner eigenen Noch-Ehefrau in die Regale der Buchläden stellen wollen ?

 

Mattias:     Aber nein. Eine völlig frei erfundene Story. Das die Hauptperson Laura heißt, ist nur eine zufällige, nette Geste.

 

Laura:        Wehe, wenn diese Laura der Bösewicht in dem Buch ist – dann werde ich aber sauer. (lächelt)

 

Matthias:   Wer weiß, wer weiß ?

 

                  (erneutes kurzes Schweigen, es donnert wieder)

 

Laura:        Na dann...

 

Norbert:     (umarmt ihn nochmal) Du schaffst das, Matthias.

 

Matthias:   Aber ja.

 

Laura:        (geht schon zur Tür) Ruf bitte an – jederzeit. Wir müssen wissen, dass es dir gut geht.

 

Matthias:   Es geht mir gut – wirklich. – Kommt gut wieder zu Hause an.

 

Norbert:     (steht nun auch an der Tür, hebt den Arm schweigend zum Abschied)

 

Matthias:   (tut gleiches)

 

Laura:        (kämpft mit den Tränen, geht dann schnell ab)

 

Norbert:     Bis bald, mein Freund. (Laura hinterher)

 

3. Szene

 

Matthias:   (seufzt, schließt dann die Tür. Schaut sich noch einen Moment im Raum um, nimmt dann die Notebooktasche, öffnet sie, holt das Notebook heraus, stellt es auf den Tisch, klappt es auf, positioniert den Stuhl, setzt sich, betrachtet den Tisch;  es donnert laut, dann hört man es deutlich regnen von draußen. Falls Sie ein Fenster im Bühnenbild integriert haben, sollte es auch blitzen. Matthias steht dann auf, fängt dann nach einer weiteren kleinen Pause an in der Notebook-Tasche zu suchen) Verdammt – verdammt, verdammt. (nimmt dann das Handy, tippt eine Nummer ein, hält das Gerät an sein Ohr, wartet) Na komm schon, komm schon. (er bekommt keinen Anschluss) – Mann eh... (drückt erneut Tasten auf dem Handy; aber auch unter dieser gewählten Nummer erreicht er niemanden. Will dann eine SMS eingeben, als es laut an der Tür klopft. Matthias erschrocken, geht dann zum Flur nach hinten, öffnet die Außentür, dann hört man ihn von hinten:) Du meine Güte – bitte, kommen Sie herein.

 

4. Szene

 

Hanna:       (kommt in nasser Kleidung herein, streift das Wasser etwas angewidert von ihrem Körper)

                  Oah... so ein Mist.

 

Matthias:   (ist auch wieder im Raum, schließt die Tür)

 

Hanna:       Entschuldigen Sie bitte vielmals; aber der Regen hat mich völlig überrascht. Und hier finde ich weit und breit nirgendwo einen Platz wo ich mich unterstellen könnte.

 

Matthias:   Es schüttet ja auch wie aus Eimern.

 

Hanna:       Oh ja... (trocknet ihre Hand an ihrer Hose, reicht sie ihm dann) Hanna Jürgens.

 

Matthias:   Matthias Bredau. – Warten Sie – ich hol´ Ihnen ein Handtuch. (will nach rechts ab, bleibt dann aber stehen, weil seine Koffer noch nicht ausgepackt wurden. Nimmt dann einen, öffnet diesen, findet nach einigem Suchen ein Handtuch, reicht es ihr)

 

Hanna:       Vielen Dank. (trocknet ihr nasses Haar damit) Sieht so aus, als wären Sie erst vor ein paar Minuten eingezogen.

 

Matthias:   Ganz genauso ist es. Und noch nicht mal ausgepackt.

 

Hanna:       Und trotzdem haben Sie so schnell ein Handtuch aus dem Gepäck gefunden. – Respekt ! – Ich meine – als Mann...

 

Matthias:   Ich hab´ die Koffer selbst gepackt – dann ist es kein Kunststück.

 

Hanna:       Tut mir leid – ich wollte Ihnen nicht zu Nahe treten. - Ich bin Ornithologin hier auf der Insel. Urlauber hatten beim Spazierengehen zwei tote Möwen entdeckt. Das hat mich auch hier ans andere Ende der Insel verschlagen heute. Und dann plötzlich das Gewitter – mitten im April. (ist mit dem Abtrocknen fertig, reicht ihm das nasse Handtuch) Vielen Dank.

 

Matthias:   Auch ich will nicht indiskret sein, aber ich bin nicht sicher ob das reicht. (deutet auf ihre komplett durchnässte Kleidung) Ihre Kleidung ist völlig durchnässt. Ich hab´ die Heizkörper noch gar nicht angestellt – ich denke nur – Sie werden sich den Tod holen, wenn Sie noch länger diese nassen Sachen tragen.

 

Hanna:       Meine eigene Schuld. Ich hätte Regen-bekleidung anziehen sollen. – (schaut aus dem Fenster; falls vorhanden) Das Gewitter zieht schon weiter.

 

Matthias:   Und dann wollen Sie mit den nassen Sachen am Leib wieder zurück ? Zu Fuss ganz bis in den Ort ? Dazu kommt der starke Ostwind. Da werden Sie sich eine Lungenentzündung holen.

 

Hanna:       Das wird mich schon nicht umbringen. Bestimmt nicht. (sie zittert)

 

Matthias:   Wie Sie wollen. Aber wenn Sie vernünftig wären, würden Sie jetzt nach nebenan gehen; ein heißes Bad nehmen – wir werden ihre Kleidung trocknen und Sie trinken dann einen Tee und gehen erst zurück in den Ort, bis das Gewitter ganz vorübergezogen ist.

 

Hanna:       Hört sich wirklich nicht schlecht an. Aber ich kann doch nicht einfach... wissen Sie – ich platze hier einfach herein – wir kennen uns kaum. Nein, das kann ich nicht annehmen.

 

Matthias:   Ich würde mich wohler fühlen, wenn Sie mein Angebot nicht abschlagen würden.

 

Hanna:       (lächelt) Und... was ziehe ich an, solange meine Klamotten noch nicht trocken sind ?

 

Matthias:   (öffnet einen anderen Koffer, sucht eine zeitlang, holt einen Bademantel hervor) Was halten Sie davon ? In Damenbekleidung bin ich leider nicht sehr sortiert derzeit.

 

Hanna:       (nimmt diesen) Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen. (zeigt zur Tür nach rechts) Da ?

Matthias:   Richtig. Und dann gleich die erste Tür wieder links. Rechts ist die Küche.

 

Hanna:       Äußerst großzügig von Ihnen. Und - ich freu mich riesig auf den Tee. (will schon lächelnd abgehend)

 

Matthias:   Warten Sie. (holt aus einem Koffer 2 weitere Handtücher hervor, reicht sie ihr) Alles weitere was man so braucht müsste im Bad zu finden sein; wenn meine (überlegt kurz) „Noch-Ehefrau“ alles ordnungsgemäß eingeräumt hat.

 

Hanna:       Ihre Noch-Ehefrau ?! Aha.

 

Matthias:   Legen Sie ihre Kleidung einfach vor die Tür. Ich werde sie aufhängen. Lassen Sie sich Zeit; ich bereite schon mal den Tee vor.

 

Hanna:       Sehr freundlich. Vielen vielen Dank. (mit den Handtüchern ab nach rechts, Matthias folgt ihr, die Tür bleibt geöffnet)

 

5. Szene

 

Matthias:   (kommt zurück, schließt die Tür, seufzt kurz; öffnet dann wieder seine Notebook-Tasche, holt einen Bilderrahmen mit einem Foto von Patrick heraus, betrachtet es eine zeitlang, sucht dann einen Platz an der Wand, nimmt ein bereits hängendes Bild ab, hängt das Bild seines Sohnes an die Wand; setzt sich dann, positioniert seine Hände etwas erhöht und sichtbar fürs Publikum zum Tippen auf die Tastatur, legt sie aber gleich darauf ab. Nimmt sich dann das Handy – drückt wieder eine Nummer; bekommt dann auch Anschluß) Laura ? Ach, schön dass ich Dich erreiche. Ich hab´ das Netzteil vom Notebook vergessen. Das Akku wird nur knapp 2 Stunden seinen Dienst tun. Ich kann versuchen mir hier im Ort ein neues zu besorgen – aber es wäre trotzdem sicherer, wenn Du es mir zusendest. - Ja, dank Dir. Und – grüß Norbert. Ja, okay – ja, mach ich. Bis dann. (drückt erneut eine Taste auf dem Handy, schaut wieder auf den Bildschirm, steht dann auf, schaut auf dem Fenster – falls vorhanden – ansonsten läuft er im Raum einmal überlegend hin und her, geht dann wieder ab nach rechts; kommt mit einem Tablett zurück, darauf 2 Teetassen, Kandis, Milch, Löffel, stellt es auf den Tisch ab, setzt sich dann wieder an den Schreibtisch, starrt einen Moment wieder auf den Bildschirm, beginnt dann zu weinen, legt den Kopf auf das Notebook ab – nach einer kurzen Pause klingelt es erneut an der Tür. Matthias erschrocken, trocknet schnell die Tränen, geht dann zum Flur nach hinten, öffnet. Man hört von dort ein Begrüßungsgespräch, dann treten...)

6. Szene

 

Marie:        (und Daniel zunächst etwas unsicher ein, gefolgt von Matthias, der dann die Tür zum Flur wieder schließt. Marie wirkt sehr erstaunt und „aufgedreht“; Daniel weniger. Marie hat ein Buch in der Hand) Ich hab´ zu meinem Mann gesagt „Das muß ein Irrtum sein – das kann absolut nicht sein, dass Matthias Bredau hier bei uns auf der Insel ist. Und dann auch noch direkt in unserer Nachbarschaft.“ Aber wie ich sehe – Sie sind es tatsächlich.

 

Daniel:       Marie – nun lass doch. – Herr Bredau, entschuldigen Sie bitte, dass wir hier einfach so... Aber meine Frau war einfach nicht aufzuhalten. Ich hab´ alles versucht.

 

Matthias:   Nun ja...

 

Marie:        Wir wären schon eher hier gewesen – aber dann kam das Gewitter so plötzlich. - Ich hab´ all ihre Bücher gelesen. Und meine Briefe – können Sie sich denn nicht mehr an meine Briefe erinnern, die ich Ihnen geschrieben habe ? Erst vor sechs Wochen ungefähr hab ich Ihnen wieder geschrieben. Man hat so lange gar nichts gehört von Ihnen; und auch die Illustrierten berichten nichts darüber ob bald ein neues Buch herauskommt – ebenso wenig Ihre Internet-Seite. Die sollten Sie aber schnellstmöglich aktualisieren; wenn ich das mal so offen sagen darf. Das hab´ ich Ihnen übrigens auch schon ins Gästebuch geschrieben.

 

Daniel:       Marie – nun lass doch.

 

Matthias:   Frau äh... ?

 

Marie:        Baumann ! Marie Baumann. Und das ist mein Mann Daniel.

 

Matthias:   Freut mich. – Wissen Sie, Frau Baumann; ich habe in all der Zeit, in der ich Romane schreibe immer wert darauf gelegt, dass mein Privatleben nicht nach außen dringt.

 

Marie:        Aber ohne Ihre Leser wären Sie doch ein Nichts !

 

Daniel:       Marie !!!

 

Marie:        Entschuldigung. Ich meine; wir sind es doch, die Ihre Bücher kaufen und lesen. Ihre Fans ! Sie sind ein deutscher Bestseller-Autor. Der berühmteste und bekannteste. Und ich bin Ihr allergrößter Fan. - Gott, ich kann gar nicht glauben dass Sie wahrhaftig vor mir stehen.

 

Matthias:   Sehr freundlich. - Ich bin dankbar – ja, sehr dankbar über jeden einzelnen Menschen der meine Romane kauft und sie mag. Aber so wie Sie und ihr Mann auch sicher ein paar Stunden am Tag ihre Ruhe brauchen und nichts sehen wollen vom Alltag – so ist es bei mir auch – eben nur noch sehr viel problematischer als „Bestseller-Autor“, wie Sie es so schön formuliert haben. Ich denke, Sie verstehen das. Und so wie Sie, Frau Baumann, schicken mir fast jeden Tag Fans Briefe. Es ist unmöglich, diese alle intensiv zu lesen und sie persönlich zu beantworten.

 

Daniel:       Siehste, was hab´ ich Dir gesagt, Marie ?! – Genauso hab´ ich es meiner Frau zu erklären versucht, Herr Bredau.

 

Marie:        Ja ja, das hab´ ich schon selbst gewusst – ich bin ja nicht blöd.

 

Matthias:   Ich möchte Sie um einen Gefallen bitten.

 

Marie:        (spontan und sehr begeistert) Alles was Sie verlangen !

 

Matthias:   Ich bin aus gutem Grund hierher gekommen – hier an diesem einsamen Ort auf dieser Insel. Ich weiß nicht, wie Sie herausbekommen haben, dass ich hier bin – vor allem, weil ich noch nicht einmal eine Stunde hier bin. Aber... nun ja – es geht mir nicht besonders gut – und ich brauche hier vor allem Ruhe. Ruhe, damit ich wieder... (stockt, überlegt schnell, wie er es dieser Frau am Besten beibringen kann) Frau Baumann – ich hab´ eine sehr schwere Zeit hinter mir – und wenn Sie – als mein größter Fan – gerne einen neuen Roman von mir lesen möchten, dann ist das mit einer Bedingung verbunden.

 

Marie:        Ja ?

 

Matthias:   Ich möchte versuchen, hier meinen neuesten Roman zu beenden. Sie dürfen als Erste eine Kostprobe davon lesen, wenn es soweit ist – versprochen ! Und ich habe auch sicher nichts dagegen, wenn Sie mich ab und zu besuchen kommen.

 

Marie:        Hörst Du das, Daniel ?! Ich glaub´ ich kipp gleich um. – Aber was fehlt Ihnen denn ? Können wir Ihnen helfen ?

 

Matthias:   Nein nein. - Aber schreiben kann ich nur, wenn ich nicht gestört werde. Deshalb die Bedingung: Erzählen Sie bitte sonst niemanden hier auf der Insel, dass ich hier bin! – Wen Sie´s doch tun, dann...

 

Marie:        Um Himmels Willen – ich werde doch nicht dieses wunderbare Angebot auf´s Spiel setzen. Meine Lippen sind verschlossen – verlassen Sie sich drauf. Daniel – hörst Du das ? Er schreibt hier ein Buch – hier bei uns auf der Insel. (völlig aus dem Häusschen)

 

Daniel:       Ja, das ist wahrhaftig eine Ehre. Wir wohnen gleich hier nebenan. Ist nur ein knapper Kilometer Fussweg von hier. Wenn Sie mal was brauchen oder doch mal reden wollen – jederzeit, hören Sie ?!

 

Matthias:   Vielleicht schreiben Sie mir Ihre Telefonnummer auf – dann melde ich mich wann Sie mal zum Tee oder Kaffee kommen können. (hat aus seiner Notebook-Tasche mittlerweile einen Stift und Papier hervor-geholt) Ist ja gut möglich, dass mir die Einsamkeit hier doch irgendwann einmal zuviel wird.

 

Marie:        Aber ja – natürlich. (schreibt)

 

Matthias:   Und nun möchte ich nicht unhöflich sein – aber ich muß erst mal meine Sachen auspacken – und außerdem... (zeigt nach nebenan)

 

Daniel:       Wir wollten auch bestimmt nicht länger stören.

 

Marie:        Bestimmt nicht; aber ich gehe nicht eher, bevor Sie mir Ihren letzten Roman

signiert haben. Das wäre eine ganz besondere Ehre für mich. (reicht ihm galant den Stift, legt ihm das Buch aufgeschlagen auf den Schreibtisch) Ich hab´s fünf mal gelesen.

 

Matthias:   (lächelt sie an, schreibt dann)

 

Marie:        (schaut ihm neugierig dabei über die Schulter)

 

Daniel:       (deutet ihr gestisch, dass sie nicht so neugierig sein soll)

 

Matthias:   (reicht ihr das Buch dann)

 

Marie:        (liest) „Für meinen treuesten und größten Fan – Marie – alles Liebe und Gute – Matthias Bredau“ – Oh wie schön – vielen vielen Dank.

 

Matthias:   Gern gescheh´n.  Aber Sie denken an unser Abkommen, Frau Baumann ?!

 

Marie:        Sie dürfen mich teeren und federn falls ich irgend jemandem auch nur ein Sterbens-wörtchen sagen werde.

 

Daniel:       (mehr zu sich selbst) Hoffen wir´s.

 

Matthias:   Soweit wollen wir dann doch wohl nicht gehen, Frau Baumann. Aber schön, dass wir uns verstehen.

 

Daniel:       (reicht ihm die Hand) Alles Gute Ihnen. Und – na ja – hoffentlich geht es Ihnen bald besser.

 

Matthias:   Das hoffe ich auch.

 

Marie:        (schüttelt ihm lange die Hand, kann es nicht lassen und umarmt ihn dann auch noch)  Schreiben Sie ! Schreiben Sie und Sie machen mich glücklich. Bis bald. Hoffentlich bis sehr bald, Herr Bredau.

 

Daniel:       Auf wiedersehen. Und entschuldigen Sie bitte nochmals die Störung. – Komm jetzt, Marie !

 

Marie:        (drückt sich das Buch glücklich an die Brust, seufzt, dann Daniel folgend ab nach hinten)

Matthias:   Auf wiedersehen.

 

7. Szene

 

Matthias:   (schließt die Tür, schüttelt mit dem Kopf, seufzt, setzt sich wieder, dann klopft es von rechts kurz)

 

Hanna:       Darf ich wieder hereinkommen ?

 

Matthias:   (steht sofort wieder auf) Ja sicher doch.

 

Hanna:       (kommt herein, noch mit feuchten Haaren; sie trägt Matthias´ Bademantel) Das Bad hat sehr gut getan.

 

Matthias:   So sollte es sein. – Ach, ich wollte doch Ihre Kleidung...

 

Hanna:       Ich hab´ sie schon auf den Heizkörper gelegt. Sie sind sicher schnell wieder trocken.

 

Matthias:   Ja, dann nehmen Sie doch bitte Platz.

 

Hanna:       (tut dies, lächelt ihm zu)

 

Matthias:   Der Tee... (will schon ab nach rechts)

 

Hanna:       Jetzt lassen Sie erst mal den Tee und setzen Sie sich zu mir, Matthias. - Ich darf doch Matthias zu Ihnen sagen ?

 

Matthias:   (etwas überrascht, setzt sich dann aber auch) Ja sicher.

 

Hanna:       Möchten Sie reden, Matthias ? – Ein bisschen Zeit hab´ ich schon noch.

 

Matthias:   (schaut sie nur etwas verdutzt an)

 

Hanna:       Meine beste Freundin wurde mehrere Jahre von ihrem Mann misshandelt. Sie hat nie mit irgendjemanden darüber gesprochen. Auch mir hat sie sich nicht anvertrauen können; weil sie sich selbst die Schuld daran gegeben hat. Aber ihre Augen haben sie verraten. Ich habe in vielen Wochen gesehen, wie sich ihr Blick veränderte. Eine Art Schleier; bestehend aus Schuld, Angst und Trauer. Richtig helfen konnte ich ihr zunächst auch nicht; aber es war für sie eine Erleichterung, endlich mit jemandem darüber reden zu können.

 

Matthias:   Das tut mir sehr leid für Ihre Freundin, Hanna.

 

Hanna:       Sicher werden Sie sich nun fragen, warum ich Ihnen das erzähle.

 

Matthias:   Nun ja...

 

Hanna:       Weil die Augen meiner Freundin Ihren sehr ähnlich sind.

 

                  (kurze Pause)

 

Matthias:   (dann:) Okay – Sie haben gewonnen. – Es ist für mich immer wieder schwer darüber zu sprechen; und diese Einsamkeit hier soll mich aufbauen – um die Vergangenheit zu bewältigen.

 

Hanna:       Was ist passiert ?

 

Matthias:   Ich bin nicht sicher, ob ich Ihnen das wirklich erzählen sollte.

 

Hanna:       (steht wieder auf) Es tut mir leid, das war unhöflich von mir. Ich sollte wieder gehen.

 

Matthias:   (hält sie jedoch zurück) Nein nein, bleiben Sie. Wissen Sie... wir Betroffene möchten Schicksalsschläge mit einer Art Methode des Schweigens vergessen – und wir verstehen die Psychologen manchmal nicht – weil es weh tut immer wieder darüber zu reden. Aber... bitte setzen Sie sich wieder.

 

Hanna:       Matthias, Sie müssen mir nichts erzählen, wenn Sie nicht möchten.

 

Matthias:   Sie sind mir sympathisch, Hanna. Und ich bin... ja, ich bin eigentlich sehr froh, dass Sie hier sind. Und ich möchte reden. Reden mit Ihnen, ja.

 

Hanna:       (setzt sich wieder)

 

Matthias:   Meine erste Ehe wurde vor vielen Jahren geschieden. Iris und ich – das ging einfach nicht mehr. Aber wir haben – (schluckt) wir hatten einen prächtigen Sohn – Patrick.

 

Hanna:       (deutet auf das Bild an der Wand) Ist er das ?

 

Matthias:   Ja. - Iris ist dann irgendwann mit einem neuen Lover nach Kanada gezogen, und Patrick ist hier bei mir geblieben. Es war sein Wunsch; und das hat mich sehr glücklich gemacht. Er wollte nach dem Abitur eine Schauspielschule besuchen. Das war sein großer Traum. - Auch mit meiner zweiten Frau Laura hat er sich sehr gut verstanden. Irgendwann hat er sogar einmal „Mutter“ zu ihr gesagt – ich erinnere mich noch genau.

 

Hanna:       Sie müssen ihn sehr geliebt haben.

 

Matthias:   Ja. – Es war eigentlich alles perfekt. Ich verdiene mein Geld als Autor; und jeden Wunsch konnte ich ihm erfüllen. Kurz nach seinem siebzehnten Geburtstag konnte er es nicht mehr abwarten, den Führerschein zu machen. Er war ein sehr hübscher Junge, und die Mädchen liefen ihm nach. Aber da musste er ja nun mal noch ein Jahr warten. Aber ich habe ihm nach und nach das Autofahren bei-gebracht.

 

Hanna:       Und Patrick ist gefahren ?

 

Matthias:   Ja, aber immer auf großen leeren Parkplätzen oder an der Drebber-Kiesgrube am Stadtrand.

Hanna:       (leicht erschrocken) Ach, du meine Güte. Ich habe davon gelesen – vor etwa...

 

Matthias:   ...vor etwa einem Jahr. (seufzt schwer) – Er war ein perfekter, sehr sicherer Autofahrer. Und ich war immer dabei wenn er gefahren ist; hab´ immer neben ihm gesessen. Aber eines Abends im Sommer war plötzlich mein Auto weg. Und meine Frau erzählte, er wäre alleine zur Drebber-Grube gefahren um zu üben; ich hätte es ihm angeblich erlaubt. Ich kann bis heute nicht glauben, warum er das getan hat.

 

Hanna:       Und dort... ?

 

Matthias:   (fällt es schwer die folgenden Sätze zu sagen) Keiner weiß genau, wie es passiert ist; er hat wohl zu spät gebremst. Unten in der Grube haben wir dann meinen Wagen ausgebrannt gefunden und Patrick saß ordnungsgemäß angeschnallt drin und... (hält sich die Hand vor´s Gesicht, kann die Tränen nicht mehr verbergen)

 

Hanna:       (stellt ihren Stuhl neben seinen, umarmt ihn tröstend) Oh Matthias – wie schrecklich.

 

Matthias:   (schaut schnell wieder auf, weil er nicht mehr weinen will) Genug ! – Ich – ich fühle mich natürlich schuldig an diesem Geschehen; das verstehen Sie sicher. Aber bitte jetzt keine klugen Ratschläge. Ich werde therapiert; und weil ich endlich meinen neuen Roman beenden und mit dem Vergangenen umzugehen versuchen will, deshalb bin ich hier. – (gefasst) So, jetzt kennen Sie meine Geschichte. (findet ihren tröstenden Arm plötzlich nicht mehr sehr angenehm, steht auf)

 

Hanna:       Sie sind so tapfer, Matthias. – Und tröstende Worte reichen da nicht aus. Und gute Tipps werde ich Ihnen auch bestimmt nicht geben.

 

Matthias:   Danke. (geht zum Fenster, schaut hinaus)

 

Hanna:       Wie geht seine Mutter damit um ?

 

Matthias:   Iris war nur ein paar Tage in Deutschland und ist gleich nach der Beerdigung wieder zurück nach Kanada. Und Laura – seine Stiefmutter – geht anders damit um als ich. Sie hat mir sehr beigestanden. Aber dennoch haben wir uns dazu entschlossen, dass auch wir uns scheiden lassen.

 

Hanna:       Das tut mir leid.

 

Matthias:   Das ist schon gut so. Wir wollten es beide, und haben uns nicht einmal gestritten. – So, und jetzt mach ich uns endlich den verdienten Tee. (ab nach rechts)

 

Hanna:       (nach dorthin sprechend:) Ich finde es sehr tapfer von Ihnen, dass Sie mir das alles erzählt haben.

 

Matthias:   (kommt zurück) Manchmal ist es besser zu schweigen – manchmal muß man reden. – Ich höre das Meer rauschen. Das Meer ist so – unendlich. Es hat so etwas beruhigendes; finden Sie nicht auch ?!

 

Hanna:       Ja. Ich hoffe sehr, dass Ihnen das hier gelingt – auf dieser Insel – das Geschehene zu verarbeiten und wieder zu schreiben können.

 

Matthias:   Deshalb bin ich hier. – Das Wasser kocht gleich.

 

Hanna:       Sie sind hier um alleine zu sein. Aber Sie dürfen mir nicht abschlagen, Sie für Ihre Gastfreundschaft zum Essen einzuladen. Irgendwann – und nur wenn Sie es auch wirklich möchten.

 

Matthias:   Irgendwann gerne. Aber lassen Sie mir bitte ein paar Tage Zeit mich hier zurecht zu finden.

 

Hanna:       Ich könnte Ihnen auch die Insel zeigen.

 

Matthias:   Und Sie könnten mir auch etwas von sich erzählen. (wieder ab nach rechts)

 

Hanna:       Natürlich. – Wir... wir könnten auch so was wie Freunde werden. Freunde sind wichtig.

 

                  (keine Antwort)

 

Hanna:       Wie sieht es mit meiner Kleidung aus ?

 

Matthias:   (von dort:) Na ja – so richtig trocken sind sie noch nicht. Aber es wird. – Ist schwarzer Tee in Ordnung für Sie ?

 

Hanna:       Ja gerne. – Ach, und bitte nehmen Sie es mir nicht krumm, wenn ich Ihre Romane nicht kenne und auch nicht gelesen hab´. Ich komme einfach nicht dazu mich mal um ein gutes Buch zu kümmern.

 

Matthias:   Das macht doch nichts. In Vogelkunde bin ich auch nicht sehr erfolgreich. (kommt zurück mit einer gefüllten Teekanne, will gerade einschenken, als von seinem Handy ein Signal

                  ertönt; stellt die Kanne ab, nimmt das Handy)

 

Hanna:       Eine SMS ?

 

Matthias:   Ja; sicher von meiner “Noch-Ehefrau”. Ich hatte etwas vergessen. (liest die Nachricht, dann geschockter Gesichtsausdruck; lässt das Handy fallen, steht wie in Trance da)

 

Hanna:       (geht schnell zu ihm) Matthias, was ist denn ?

 

Matthias:   (nach einer kleinen Pause) Die Nachricht... sie ist... sie ist von... ...von Patrick.

 

Hanna:       (hebt das Handy auf, liest) „Wann fahren wir wieder zusammen Auto, Papa ?“ (schaut genauso verwirrt und geschockt drein, darin fällt schnell der Vorhang)

 

Ende des ersten Akts

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zweiter Akt

 

(Am nächsten Tag. Wenn der Vorhang sich öffnet, liegt Matthias mit einem Waschlappen auf der Stirn auf dem Sofa oder sitzt mit zurückgelegtem Kopf in einem Sessel. Laura steht recht besorgt neben ihm. Norbert steht etwas abseits. Das Notebook steht aufgeklappt auf dem Tisch. Irgendwo auf einem Tisch oder Schrank steht eine Flasche Mineral-wasser)

 

1. Szene

 

Laura:        Du bist vielleicht gar nicht der richtige in dieser Situation, Norbert. Vielleicht sollten wir doch lieber einen Allgemein-Mediziner rufen. So was muss es hier doch geben auf der Insel. Ruf doch mal die Auskunft an.

 

Norbert:     Ach was. Physisch ist Matthias völlig gesund, Laura.

 

Laura:        Das kannst Du so genau beurteilen ?

 

Norbert:     Ich denke schon.

 

Laura:        Ja, wenn Du meinst.

 

Matthias:   (springt plötzlich auf, etwas hysterisch und verärgert) Ja, natürlich. Liegt doch auf der Hand, was ihr denkt. Schon nach einem einzigen Tag alleine auf dieser Insel falle ich zurück in meine Depressionen und bilde mir die unglaublichsten Dinge ein. (ironisch) Jaaaa.... ich höre Stimmen und empfange Schwingungen aus dem Universum. 

 

Laura:        Bitte Matthias. Hör auf mit dieser Ironie. Keiner macht sich lustig über Dich.

 

Matthias:   Ach nein ? Ihr beide nehmt mich doch gar nicht ernst. Oder habt ihr eine plausible Erklärung für diese Nachricht auf dem Handy?

 

Norbert:     Was genau hat man Dir noch mal geschrieben?

 

Matthias:   Verdammt – lest es doch selbst. (holt vom Schrank o.a. das Handy hervor, drückt es Norbert in die Hand, dann ruhiger und bedrückter:) Und es heißt nicht „Was hat man dir geschrieben“ sondern „Patrick“ ! - Ich habe die Nummer von Patrick´s Handy nie gelöscht; deshalb war ja auch sofort sein Name eingeblendet, als die SMS kam.

 

Laura:        Matthias – wir haben Patrick´s Handyvertrag nur ein paar Wochen nach seinem Tod gekündigt. Ich habe sogar selbst bei dem Anbieter angerufen damals, und aufgrund des Todesfalls wurde die Nummer auch sofort gelöscht. Das ist Monate her.

 

Matthias:   Mein Gott, ich weiß. Aber trotzdem ist sie von ihm.

 

Norbert:     (drückt einige Tasten des Handys) Also, ich finde hier keine Nachrichten. Nur die von Laura. (liest) „Ich schicke Dir das Netzteil gleich morgen zu. Lieben Gruß Laura“.

 

Matthias:   (entreißt ihm das Handy, sucht, findet aber keine weiteren Nachrichten) Es ist weg. Es ist verschwunden. Wie ist das möglich ?

 

Laura:        (sieht Norbert an, kurze Pause, dann zu Matthias:) Vielleicht war es doch zu früh für Dich, hier alleine herzukommen. Du... Du bist wohl einfach noch nicht soweit.

 

Matthias:   (läuft langsam fassungslos durch den Raum)

 

Laura:        Und... und vor allem solltest Du endlich anfangen, loszulassen. Wenn Du nicht loslässt, wirst Du niemals drüber wegkommen. (geht zur Wand, nimmt das Bild von Patrick herunter)

 

Matthias:   (sieht das, erbost) Du hängst sofort das Bild von Patrick wieder auf !

 

Laura:        (erschrocken, tut dies) Ja doch !

 

Norbert:     Matthias, sei vernünftig und nehm´ zumindest wieder die Tabletten, die ich Dir verordnet habe.

 

Matthias:   Ich bin verdammt noch mal nicht verrückt. – (besinnt sich kurz) Hanna ! Hanna war dabei als die Nachricht kam. Ja, sie hat sie mir sogar vorgelesen. Sie kann es bezeugen, dass ich keine Halluzinationen hab´. Fragt sie.

 

Norbert:     Wer ist Hanna ?

 

Laura:        Na, das würde mich aber auch mal interessieren.

 

Matthias:   Hanna... äh... Jürgens hat sie wohl gesagt. Sie war hier. Sie ist Vogelkundlerin auf der Insel und hat sich aufgewärmt hier. Und als die SMS kam, war sie direkt dabei.

 

Laura:        Sieh mal einer an. Ganz davon abgesehen, dass mein „Noch-Ehemann“ psychisch nicht klar kommt und aufgrund des Geschehens in den letzten Monaten; an der sogar unsere Ehe zerbrochen ist, hält ihn nichts davon ab, hier am ersten Tag auf dieser Insel gleich mit einer neuen Dame herumzuschwänzeln. Sooo schlecht kann es ihm also nicht gehen.

 

Norbert:     Laura, bitte.

 

Matthias:   (erbost) Meine liebe „Noch-Ehefrau“. Ich habe lediglich einer weiblichen Person meine Hilfe angeboten. Von „herumschwänzeln“ – wie Du Dich auszudrücken pflegst -  kann also keine Rede sein. Außerdem war sie nur eine knappe Stunde hier. Sie wäre sicher auch schon eher wieder gegangen wenn sie ihre Klamotten schneller wieder hätte anziehen können.

 

Laura:        Ach, sie hatte sich ausgezogen ? Interessant !

                  Du berichtest ihr kurz von Deinen Problemen und sie macht dann direkt eine Art Nackt-Therapie, oder wie soll ich das verstehen ?

 

Matthias:   (winkt ab) Noch ein Wort, Laura und ich...

 

Norbert:     Das wird jetzt langsam peinlich. – Ich schlage vor, wir einigen uns darauf, dass es keine Rolle spielt was diese Frau hier gewollt hat und was passiert ist. Du sagst, dass sie dabei war, als die Nachricht kam, Matthias ?!

 

Matthias:   Aber ja. – Ich hab´ Ihre Nummer gespeichert; sie ist im Handy. Schau im Telefonbuch – Hanna. Unter „H“. - Ruf sie an. Sie wird Euch sagen, dass ich recht hab´.

 

Norbert:     (macht das, mit einem etwas genervten Gesichtsausdruck, hält dann das Handy ans Ohr)

 

Laura:        (währenddessen) Matthias, ich will mich doch nicht mit Dir streiten. Und was ich gerade gesagt habe das tut mir leid. Du kennst meine Art. Aber Deine Geschichte klingt einfach ziemlich daneben. Und wenn man bedenkt, dass Du eigentlich hier für Wochen alleine sein wolltest; ist es doch kein Wunder wenn ich etwas aufbrause, nachdem ich erfahre, dass Du am ersten Tag schon Damenbesuch empfangen hast.

 

Matthias:   Ist ja schon gut.

 

Laura:        Du solltest das Buch zuende schreiben. Immer wenn Du geschrieben hast, warst Du ausgeglichen und voller Lebensmut. Schreib, Matthias – schreib das Buch ! Dann wirst Du vieles schnell vergessen.

 

Matthias:   Ich kann nicht ! Ich hab´s doch versucht !

 

Norbert:     Lass ihn, Laura. Matthias wird wissen, wann der Zeitpunkt dafür gekommen ist. Vielleicht schon morgen. – Merkwürdig.

 

Matthias:   Was denn ?

 

Norbert:     Es geht niemand ran – aber es ertönt auch kein Klingelzeichen.

 

Matthias:   (entreißt ihm das Handy) Geb her ! (hält es ans Ohr, drückt dann erneut einige Tasten an dem Gerät, hält es wieder ans Ohr)

 

Laura:        (und Norbert schauen sich derweil besorgt an)

 

Matthias:   („knallt“ das Handy nach einer Weile des Wartens wütend in eine Ecke, hält sich dann die Handflächen vors Gesicht)

 

Norbert:     Matthias – ich denke, es gibt jetzt nur zwei Möglichkeiten: Du fährst entweder sofort wieder mit uns zurück nach Hause oder Du erlaubst, dass wir jeden Tag nach Dir sehen.

                  Es war wohl wirklich noch zu früh für Deinen Alleingang.

 

Matthias:   (steht zunächst weiterhin mit „verdecktem“ Gesicht da, während des nächsten Dialogs rutschen seine Hände aber langsam wieder nach unten, er schaut ins Nichts)

 

Laura:        Aber das ist doch so gut wie unmöglich, Norbert. Die Fahrten hierher jeden Tag, hin und zurück – da ist doch der halbe Tag weg - wie willst Du das denn mit Deiner Praxis regeln ?

 

Norbert:     Okay, die Praxis wird natürlich darunter leiden. Das werd´ ich aber schon irgendwie hinbekommen. Es geht hier schließlich um Matthias.

 

Laura:        Aber vielleicht gibt es ja noch eine weitere Möglichkeit. Wir könnten doch auch...

 

Matthias:   (plötzlich:) Nein !

 

Laura:        Matthias ?

 

Matthias:   Es bleibt alles so, wie wir drei es besprochen haben. Ich werde hier bleiben – alleine – und ihr beide werdet mich auch bestimmt nicht jeden Tag besuchen – um nicht zu sagen: Kontrollieren. Ich weiß was ich gelesen hab auf dem Handy, und ich bin ganz sicher nicht verrückt. Wenn ihr mir nicht glaubt, muß ich das wohl akzeptieren. Aber ich krieg´ das schon hin. Habt nur keine Angst um mich.

                  Und jetzt möchte ich Euch bitten, mich alleine zu lassen.

 

Laura:        Ja aber...

 

Matthias:   (deutlicher:) Und jetzt lasst uns bitte nicht wieder Stunden darüber diskutieren. Das kann ich überhaupt nicht ertragen.

 

Norbert:     Aber Du...

 

Matthias:   Ich verspreche, dass ich mich melde, sobald ich Eure Hilfe benötige. Ich werde einen Arzt hier auf der Insel aufsuchen, wenn ich körperliche Beschwerden hab´ und werde auch ganz sicher die Tabletten nehmen, die Du mir verordnet hast, wenn es gar nicht mehr geht, Norbert. Ach ja – essen werde ich hin und wieder auch etwas, Laura.

 

Laura:        Tsss...

 

Norbert:     Er will es so, Laura. Wir sollten seinen Wunsch respektieren.

 

Laura:        Ob ich mich aber sehr wohl fühle bei diesem egoistischen Bestimmen, das scheint meinem Noch-Ehemann ja wohl kaum zu interessieren.

 

 Matthias:  Ich ertrage es zum einen nicht, wenn ich wüsste, dass mich jeden Tag jemand kontrolliert. Außerdem wäre das doch nie ein Weg für mich in ein neues Leben.

 

Norbert:     Da hat er recht, Laura.

 

Laura:        Na wenn das so ist und Du uns ja wohl gar nicht mehr brauchst, was soll ich dann noch sagen ? – Ich... ich wünsch Dir viel Kraft, Matthias. (etwas eingeschnappt ab nach hinten)

 

2. Szene

 

Matthias:   (hat sich nicht mal zu ihr umgedreht)

 

Norbert:     (geht zu ihm) Sie ist eben besorgt.

 

Matthias:   Ja.

 

Norbert:     Ich werde Dich auch nicht länger quälen, mein Freund. Du sollst nur noch wissen, dass ich Dich nicht für verrückt halte. Sicher gibt es einen Grund für diese merkwürdige SMS, wenn es sie denn überhaupt gegeben hat. Matthias – bis bald – und – wenn was ist... (zeigt mit der Hand am Ohr ein „Telefon“, drückt ihm noch mal jovial die Schulter, dann abgehend)

Matthias:   Tschüß Norbert.

 

3. Szene

 

Matthias:   (allein, atmet mit geschlossenen Augen einmal tief durch, geht dann in die Ecke, in der es das Handy geworfen hat, hebt es auf, legt es auf den Tisch, sodann klingelt das Handy. Matthias – leicht erschrocken – nimmt das Gespräch entgegen) Bredau. – Hanna, so eine Überraschung. – Ja, ich... ich würde mich sogar sehr freuen wenn Sie mich besuchen würden. – Ein Spaziergang ? Wunderbare Idee. Bestimmt bin ich dazu wieder in der Lage. Frische Luft tut mir sicher gut. – Nein, ist okay; Laura und Norbert sind soeben wieder weg. - In etwa 10 Minuten ? Ja, ich freu mich. Bis gleich dann. (drückt zum Beenden eine Taste auf dem Handy, schaut an sich herunter) Hhmmm, vielleicht sollte ich mal schauen, was der Kleiderschrank noch hergibt. (ab nach rechts, kurze Pause)

 

4. Szene

 

                  (nach einer kleinen Pause klopft es draußen einmal kurz an der Tür, daraufhin kommt sodann...)

 

Marie:        (...langsam und sich umsehend herein) Niemand hier, Daniel – komm rein.

 

Daniel:       (kommt dann auch herein, unsicher) Es hat niemand „Herein“ gesagt, Marie. Wie dreist bist Du eigentlich ?

 

Marie:        Ach, sei still. Ich spüre ganz deutlich, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Und ich, als der absolut größte Fan von Matthias Bredau bin dann doch wohl als Erste dazu berechtigt mir selber ein Bild davon zu machen.

 

Daniel:       Achja ?

 

Marie:        Warum ist denn gerade schon wieder dieses Päärchen hier gewesen wenn er doch unbedingt alleine sein will ? - Und dann der warnende Anruf gestern abend von seiner Frau. Oder glaubst Du, sie hat mich ohne Grund gebeten, hier mal nach dem Rechten zu sehen ? Die macht sich Sorgen, Daniel. – Tja, unser Schriftsteller hat wohl eine kleine Macke.

 

Daniel:       Ein bisschen merkwürdig ist das schon alles. Bei mir hat dieser Schriftsteller zumindest einen völlig normalen Eindruck hinterlassen gestern. Und wieso ruft diese Frau Dich an ? Wir kennen doch beide gar nicht.

 

Marie:        Ich danke Gott dafür, dass sie mich angerufen hat. Ich bin dazu berufen mich um Matthias Bredau zu kümmern – welchem Fan gebührt schon soviel Ehre ? Und was das „normale“ angeht, mein lieber Daniel: Ich sage Dir: Alle Autoren haben irgendwie ´ne Macke – ich schwör´s Dir !

 

Daniel:       Wie kommst Du denn bloß auf so was ?

 

Marie:        Na hör mal – wer soviel Phantasie besitzt, den Menschen solche Geschichten zu präsentieren, in dem muß es innen drin ganz ganz düster aussehen – das ist mit Sicherheit psychologisch erwiesen.

 

Daniel:       Du und Deine Theorien.

 

Marie:        Und was genau meinem Matthias fehlt, das krieg ich auch noch raus. – (geht zum Tisch, sieht, dass das Notebook angeschaltet ist, setzt sich gespannt davor auf dem Stuhl) Sieh doch nur, Daniel. Das ist es wohl !

 

Daniel:       Was denn ?

 

Marie:        Na, das neue Buch. – Wie geht denn das mit diesen modernen Kram ? Wie kann man denn da blättern ? Nun komm doch mal !

 

Daniel:       (kommt dazu) Na hier mit den Pfeiltasten. (tut das) Aber da dürfen wir nicht einfach so rangehen, Marie.

 

Marie:        Ach, sei still. (liest, während Daniel ihr dabei über die Schulter schaut, hin und wieder die Pfeiltasten bedient) „Ich ließ mich auf den Küchenstuhl plumpsen, die Flasche an die Brust gedrückt. Vielleicht waren es meine verschwitzten, schuldigen Finger, vielleicht die Erinnerung an diesen schrecklichen Tag, aber bevor ich mich versah, war mir die Flasche aus der Hand gerutscht und mit lautem Knall auf den Terracottafliesen zerschellt. Zu meinen Füßen ergoss sich schäumender Champagner, der sich überall ausbreitete. Ich saß ängstlich und wie gelähmt da und konnte nicht glauben, dass ich meinem Mann eine solch faustdicke Lüge aufgetischt hatte. Plötzlich knallte eine Tür.“

 

5. Szene

 

Matthias:   (der während des letzten Satzes aus der Tür von rechts gekommen ist, mit anderer Hose, sich gerade ein frisches Oberhemd anziehend, knallt genau in diesem Moment recht verärgert die Tür zu)

 

Marie:        (so erschrocken, dass sie vom Stuhl aufspringt) Huch...

 

Daniel:       (ebenso erschrocken)

 

Matthias:   (holt Luft, will etwas sagen, als...)

 

Marie:        (...das schon verhindert) Ich kann es nicht abstellen, Herr Bredau. Ich kann es einfach nicht abstellen. Ich liebe Sie. Ja, ich liebe meinen Lieblingsautor Matthias Bredau. Was soll ich machen ? Ich musste Sie sehen.

Matthias:   (will etwas sagen, schweigt aber und klappt etwas wütend den Monitor des Notebooks herunter. Geht dann auf die andere Seite des Raumes und zieht sein Hemd ordentlich an.)

 

Daniel:       (und Marie wundern sich zunächst über das Schweigen von Matthias) Können wir... können wir das wieder gut machen, Herr Bredau ? Wir sind einfach unaufgefordert hier herein und sind an Ihr Labtop gegangen.

 

Matthias:   Allerdings. Das sind Sie !

 

Marie:        (erfreut, sie schwärmt) Und ich ! Ich alleine habe von dem neuen Roman „Laura´s Schatten“ ein paar Sätze gelesen noch weit vor der Veröffentlichung. Oh mein Gott – das kann mir keiner mehr nehmen.

 

Matthias:   Stimmt. Und ich kann es leider nicht mehr rückgängig machen. Aber so was wird nie wieder vorkommen.

 

Daniel:       Ganz bestimmt nicht, Herr Bredau.

 

Marie:        Ach, sind Sie da auch sicher ?

 

Matthias:   Ganz sicher, Frau Baumann. Weil ich ab sofort jetzt immer die Tür abschließen werde. Ob ich nun draußen bin oder hier im Haus.

 

Marie:        (etwas enttäuscht) Achso...

 

Daniel:       Sie müssen uns schon für sehr dreist und aufdringlich halten, Herr Bredau. Ich versichere Ihnen – auch im Namen meiner Frau – dass so etwas nie wieder vor kommen wird. Sie haben mein Ehrenwort.

 

Matthias:   Aber um mir das zu sagen, sind Sie sicher nicht hergekommen, oder ?

 

Marie:        Natürlich nicht. Wir... wir möchten zunächst mal wissen, wie es Ihnen geht. Ob Sie auch gut klar kommen hier alleine und ob Sie irgendetwas brauchen.

 

Matthias:   Ich hatte Ihnen wohl gestern schon mitgeteilt, dass ich Ihre Fürsorge sehr zu schätzen weiß; und ich mich sicher bei Ihnen melden werde, sobald ich Ihre Hilfe benötige.

 

Daniel:       (schämt sich) Sicher. Ja sicher, das haben Sie. – Wir... wir sind auch schon wieder weg. – Komm, Marie !

 

Marie:        Aber Daniel – wir haben Herrn Bredau doch noch gar nicht gesagt, dass wir ihn einladen möchten. – (geht zu ihm) Herr Bredau; Sie müssen unbedingt meine Käsesuppe probieren. Ich bin auf der ganzen Insel bekannt für die beste Käsesuppe. Und heute bitten wir Sie deshalb, zu uns rüber zu kommen, damit ich Ihnen – meinem Lieb-lingsautor – diese Köstlichkeit anbieten darf. Immerhin sind wir so was wie Nachbarn für eine bestimmte Zeit. Und Sie haben ja keine Ahnung, was für eine Ehre das für mich wäre.

 

Daniel:       Marie, nun lass doch.

 

Matthias:   Äußerst freundlich von Ihnen; aber da muß ich Ihnen leider einen Korb geben; weil ich schon verabredet bin.

 

Marie:        (überrascht) Sie sind verabredet ? Hier auf der Insel ? Am zweiten Tag schon ? – Ach, das geht aber flink. Dürfen wir denn auch wissen, mit...

 

Daniel:       M a r i e !!!

 

Marie:        (schweigt abrupt)

 

Daniel:       (nimmt seine Frau in den Arm, „schiebt“ sie praktisch zur Tür nach hinten) Wir wünschen Ihnen einen schönen Tag, Herr Bredau. Genießen Sie die Zeit. Und – versprochen – nur wenn Sie den Kontakt zu uns möchten und sich bei uns melden, werden wir uns wiedersehen – versprochen. – Und meine Marie – nein, sie ist nicht zu entschuldigen. („schiebt“ sie hinaus)

 

Marie:        Daniel ! Was machst Du denn ?

 

Matthias:   (kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen) Alles klar, Herr Baumann.

 

Daniel:       (Marie folgend ab nach hinten) Alles Gute, Herr Bredau. (ab)

 

Matthias:   Für Sie beide auch.

 

6. Szene

 

Matthias:   (seufzt, steht wieder vor dem Bild, welches er zu Beginn des ersten Aktes schon nicht mochte, betrachtet es einen Moment, dann:) Nein – nichts negatives ! (nimmt es von der Wand, stellt es auf dem Boden ab, an dem Nagel an der Wand hängt ein weißes Blatt Papier. Matthias wundert sich zunächst, dann nimmt er es ab, schaut darauf, dann kommt vom Band oder live – mit leichtem Hall – die Stimme von Patrick, während sich die Bühne leicht verdunkelt)

 

Patrick:      „Wann fahren wir wieder zusammen mit dem Auto, Papa ?“  

 

Matthias:   (verzweifelt, hält seine Fäuste vor´s Gesicht, starrt ins Nichts, zerknüllt dann das Blatt, wirft es wütend in eine Ecke, schaut dann nach oben) Gott, warum tust du das ? Bin ich nicht schon genug bestraft ? (nimmt sich schnell die Tablettenschachtel, holt „wild“ einige davon heraus, steckt sie in den Mund, greift sich die Mineralwasser-Flasche, trinkt unbeherrscht, so dass er sich mit dem Wasser das Hemd benässt) All das passiert gar nicht. Ich habe keine SMS auf´s Handy bekommen; es hing hinter dem Bild auch kein Zettel mit Patricks Handschrift – ich höre keine Stimmen. - Ich bin völlig... ich bin völlig...

                  (beginnt dann hysterisch zu lachen, welches immer unkontrollierter und lauter wird. Dann plötzlich hört man:)

 

Patrick:      (...wieder) Papa ? – Papa, warum antwortest Du nicht ?

 

Matthias:   (horcht gespannt auf, schaut in alle Richtungen) Patrick ? Patrick, bist Du es ?

 

Patrick:      Ja Papa.

 

Matthias:   („heult“ lautlos, kneift die Augen zusammen) Mein Junge – mein lieber Junge. Wo bist Du denn ?

 

Patrick:      Ich würde so gerne wieder mit Dir zusammen Auto fahren. Ich stehe vor der Tür, Papa. Bitte lass mich doch rein.

 

Matthias:   (dreht sich schnell um, es klopft, dann öffnet er schnell die Tür)

 

7. Szene

 

Hanna:       (steht davor, das Licht auf der Bühne wird wieder heller)

Matthias:   (fällt ihr schluchzend in die Arme, fällt auf seine Knie)

 

Hanna:       Matthias, was ist denn nur ? (hilft ihm besorgt wieder auf die Beine, nimmt ihn in den Arm, streichelt ihn tröstend) Ist ja gut – ist ja alles gut. Komm her, setz Dich. (hilft ihm zu einem Sessel oder Stuhl)

 

Matthias:   (kann sich kaum beruhigen) Hanna, sagen Sie mir bitte, dass ich nicht verrückt bin. Sagen Sie es bitte !

 

Hanna:       Matthias, wie kommen Sie denn nur auf so was ?

 

Matthias:   Er ist wieder da, Hanna. Er ist zurück gekommen.

 

Hanna:       Wer denn ?

 

Matthias:   Patrick ! Er findet keine Ruhe und möchte wieder mit mir zusammen fahren. – Er ist hier – ganz nah.

 

Hanna:       (etwas verwirrt) Ja, - vielleicht ist es besser, wir verschieben unseren Spaziergang und Sie legen sich erst mal ins Bett.

 

 

 

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