Lange danach gesucht - auf Ibiza 2012 endlich gefunden
Musiker gesucht

 

 

„Alte Pinsel malen besser“

 

(hochdeutsche Fassung)

 

 

Komödie in 3 Akten

 

von

 

Helmut Schmidt

 

 

 

Inhalt:

 

Die beiden, recht unterschiedlichen Geschwister Edith und Minna wurden nach fast 25 Jahren Ehe von ihren Männern verlassen. Ediths Gatte Karl-Otto hat auf einer Feier die junge  Italienerin Antonella kennengelernt. Minnas Mann Martin überkam plötzlich eine Selbstfindungsphase – und Stimmen aus dem Jenseits sagten ihm, dass die Ehe mit Minna nicht rein und gut sei. Er zog nach Indien, um dort als Guru ein neues Leben zu beginnen. Um nicht alleine zu sein und um die Situation zu bewältigen, aber vor allem aus finanziellen Gründen, sind die beiden Frauen gemeinsam in eine kleine Mietwohnung gezogen. Aus Scham erzählt jede der beiden den Nachbarn und Freunden, dass sie dieses Wohnverhältnis nur für ihre Schwester zulassen, weil diese sonst nicht klar kommt. Die Ersparnisse der beiden gehen jedoch zuende, Unterstützung von ihren Ehemännern erhalten sie nicht, und Sozialhilfe oder Arbeit ist zunächst kein Thema für die beiden selbstbewussten Frauen. Obwohl sie nach außen ihre Stärke als Single-Frauen zeigen, hofft jede der beiden insgeheim, dass ihre Männer zurückkehren. Doch auch nach mehreren Aussprachen und Versöhnungsversuchen scheint dies zu scheitern. Als Minna dann dem obdachlosen Künstler Herrn Schneeberger begegnet, und sich von diesem nackt malen lässt, und Edith ihren Sohn Bodo auf Antonella ansetzt, kommt es zu einer Wende. Denn die Kombination aus leicht verdientem Geld, Eifersucht, Macht, nackter Haut und alten Pinseln ist vielleicht der Schlüssel zum Erfolg der beiden Schwestern…

 

 

 

Spieler:  4m / 4w –   1 Bühnenbild

 

 

Minna Hagen-Bullendiek       -           (59 Jahre)

 

Edith Hagen-Lobesam           -           (Schwester von Minna - 62 Jahre)

 

Martin Bullendiek                  -           (Minnas Ex-Mann – ca. 60 Jahre)

 

Karl-Otto Lobesam                -           (Ediths Ex-Mann - ca. 60 Jahre)

.                     

Antonella Carducci                -           Lebensgefährtin von Karl-Otto (ca. 25 J.)

 

Bodo Bullendiek                    -           Sohn von Minna und Martin (ca.25 J.)

 

Herr Schneeberger                 -           Obdachloser Künstler (30-60 J.)

 

Maria Hoffmann                    -           Nachbarin von Minna und Edith (ca. 30 – 50 Jahre)                       

 

 

 

Bühnenbild:

 

 

Das Bühnenbild zeigt das Wohn-und Esszimmer der Mietwohnung von den Geschwistern Minna Hagen-Bullendiek und Edith Hagen-Lobesam. Die Einrichtung ist schlicht und eher karg. Tisch, Eckbank oder Stühle; falls Platz dafür ist zusätzlich Sofa mit 2 Sesseln oder Kombination 3,2,1, ein Schrank, ein Regal an der Wand mit einigen alten Büchern, falls ein Fenster im Bühnenbild integriert wird, ein paar Grünpflanzen auf der Fensterbank; Gardinen schlicht. Wenn es das Bb. zulässt, können Sie auch noch Teile einer einfachen Einbauküche zeigen: Spüle, Schränke o.a. Rechts im Raum das schnurlose Telefon. Irgendwo im Raum ein CD-Abspielgerät.

 

Es werden drei Türen benötigt. Nach hinten führt eine zum Flur nach draußen, nach rechts eine zur Küche und nach links eine dritte zu allen anderen Zimmern. (Bad, 2 Schlafräume u.a.)  

 

Alle weiteren Ausstattungen (z.B. Uhr an der Wand, Bilder, Fernseher u.a.) sind der Gruppe überlassen.

 

 

Spielzeit: Herbst in der Gegenwart

Spielort: größeres Dorf oder Kleinstadt irgendwo in Deutschland

Spieldauer: ohne Pausen ca. 100 Minuten

 

Hinweis: Das Stück verlangt eine "flotte" Spielweise

 

 

 

 

Erster Akt

 

                  (Wenn der Vorhang sich öffnet, sitzt Edith am Tisch und versucht mühselig und auch leicht wütend mit einem Messer – mit dem sie in den Schlitz eines Porzellan-Sparschweins herumfuchtelt – die Geldstücke heraus zu holen, welches ihr nicht gut gelingt. Vor ihr liegt schon ein kleiner Haufen mit Münzen; aber nur wenige. Irgendwo ein Handtuch o.a. zum Abdecken. Auf dem Tisch liegt auch ein Tür-Schlüssel an einem Anhänger. Es ist ein Wochentag in den Nachmittags-Stunden. Noch bevor, und während sich der Vorhang öffnet, dürfen Sie gerne die Musik von ABBA „Money, money, money“* einspielen, welche dann langsam ausgeblendet wird.) *(bei musikalischen Einspielungen GEMA-Gebühren beachten)

 

1.Szene

Edith:        (verärgert) Wenn du dummes Schwein mich noch länger nervst, dann hol ich gleich einen Hammer und schlag dich in Stücke.

 

                  (Das Telefon klingelt im Raum rechts)

 

Edith:        (steht auf, geht nach rechts, kommt mit dem Telefon zurück, nimmt barsch das Gespräch entgegen; frech:) Ja ? Was ist denn? – (dann gespielt freundlich) Oh, Herr Meierdierks – guten Tag. – Ja, das ist… ja, ich weiß, dass Sie uns schon ein paarmal erinnert haben. Auch schriftlich. Ja ja. Aber es gibt nun keinen Grund mehr für Ihre Ungeduld. Die Rechnung für Strom und Gas ist gestern direkt überwiesen worden. Von mir persönlich. – Bis die Bank das bucht und das bei Ihnen eingeht, vergehen ja immer ein paar Tage – das ist Ihnen doch sicher bekannt, nicht wahr?! – Äh – ja. Natürlich. Ein Tag? Höchstens zwei?! Ja. Wenn Sie das sagen. - Aber sicher doch. Und entschuldigen Sie bitte nochmal dieses kleine Maleur. Kann ja mal passieren, nicht?! Ja. Ja – auf Wiederhören, Herr Meyerdierks. (beendet das Gespräch wütend, drückt barsch einen Knopf auf dem Gerät, bringt es in den rechten Raum, kommt zurück) Mistkerl. (geht zurück zum Tisch, macht sich wieder an dem Sparschwein zu schaffen)

 

2. Szene

Minna:       (kommt mit drei bis vier mit Lebensmitteln prallgefüllten Plastiktüten von hinten herein. Ist leicht „geschafft“) So – da bin ich wieder.

                  (Sie sollte einen quergestreiften Pullover tragen)

 

Edith:        (leicht „ertappt“, versucht schnell, das Sparschwein zu verstecken, findet so schnell kein geeignetes Versteck, stellt es dann auf den Boden vor dem Tisch, die Münzen auf dem Tisch und das Messer bedeckt sie schnell mit dem Handtuch) Aaah… Minna. Das… das ging aber schnell. (steht dann auf, geht zu ihr)

 

Minna:       (stellt die Tüten ab) Das war vielleicht voll da im Supermarkt – als wenn morgen Weihnachten wär´.

 

Edith:        (sehr überrascht über die Menge, die Minna eingekauft hat) Sag mal – was hast Du denn da alles eingekauft?

 

Minna:       (zieht ihren Mantel bzw. Jacke aus, bringt diese zur Garderobe, die sich evtl. hinten befindet) Was ich alles eingekauft hab? (zunächst noch bestimmend) Na, das, was wir brauchen. Ich meine, all das, was Du aufgeschrieben hattest.

 

Edith:        (greift in eine der Taschen, holt ein Paket Marken-Kaffee heraus.) Jacobs-Krönung* ?! *(Sorte nach Ihrer Wahl benennen, Hauptsache Marken-Ware) Sag mal – geht´s noch?

 

Minna:       (ist zurück gekommen, ein bisschen eingeschüchtert) Ja, das ist…

 

Edith:        (hat mit der anderen Hand eine Flasche Likör aus eine Tasche geholt) Lady-Power* ?! Mir ist auch nicht bewusst, dass etwas von Likör auf dem Einkaufszettel stand, meine Liebe! *(auch hier dürfen Sie gerne eine andere Marke verwenden)

 

Minna:       Ich äh… (nimmt ihr die Flasche aus der Hand)

 

Edith:        (aufgebracht und laut) "Ich äh" - was? Das ist ja wohl der Gipfel der Frechheit. Wir wissen nicht mehr, wie wir die letzte Stromrechnung zahlen sollen; der Herr Meyerdierks von der EWE hat soeben zum 4ten mal angerufen – und meine liebe kleine Schwester hat nichts Besseres zu tun, als im Supermarkt den totalen Luxus einzukaufen, den nun wirklich niemand braucht. - Ich werde mir das jetzt alles ansehen, und dann gehst Du sofort hin und tauscht alles um, was überflüssig ist. (fängt dann an, in den Taschen herumzuwühlen) 

 

Minna:       (will sie daran hindern, es entsteht in den Einkaufstüten ein Handgemenge) Nein – lass das, Edith. Ich bring das nicht zurück – ganz sicher nicht! (nimmt nach und nach Lebensmittel* aus einer der Tüten, presst diese schützend an ihre Brust) *(bitte hierzu „leichte“ Produkte verwenden, die beim Fallen nicht zerbrechen. z.B. Kartoffelchips, Kekse, Brot o.a.)

 

Edith:        (entreißt ihr mit Gewalt eines der Teile, dann laut:) DU tust, was ICH Dir sage! – Ich bin immerhin Deine ältere Schwester!

 

Minna:       (lässt dann verzweifelt die Sachen einfach fallen, hält sich die Hände vor´s Gesicht, beginnt zu weinen, wendet sich ab)

 

Edith:        (hebt die Sachen auf, legt sie schweigend auf den Tisch, schaut hin und wieder zu Minna herüber, dann fasst sie sich ein Herz und geht beruhigend zu ihr, steht hinter Minna) Minna – Du kennst mich – ich bin so. Ich bin immer direkt und sag alles grad heraus. (kurze Pause)

 

Minna:       (keine Antwort)

 

Edith:        Und Du trägst schon wieder quer gestreift. Du weißt genau, wie dick das macht.

 

Minna:       (schluchzt erneut laut auf)

 

 Edith:       Entschuldige. Aber weißt Du - diese Situation, in der wir uns hier befinden, haben wir beide nicht gewollt. Wir leben nun mal hier in dieser Wohnung zusammen, weil wir dachten, zusammen ist es leichter damit klar zu kommen, dass unsere Ehemänner uns verlassen haben. Aber sie haben uns auch finanziell im Stich gelassen. Wir beide gehen nicht arbeiten und haben bisher auch keine Sozial-Leistungen beantragt. Das wäre ja auch wohl noch schöner. Das wenige Ersparte reicht aber doch jetzt schon vorne und hinten nicht. Keiner von uns weiß, wie lange wir noch überleben können – aber ein solch üppiger Einkauf ist nun mal nicht drin.

 

Minna:       (hat sich beruhigt, dreht sich nun wieder zu Edith um) Ich… ich dachte doch nur, weil…

 

Edith:        (schon wieder recht barsch) Ja was ?

 

Minna:       Ich hab…

 

Edith:        Ja, WAS hast Du?

 

Minna:       Ich hab in 10 Tagen Geburtstag. Ich werde 60.

 

Edith:        Ich weiß.

 

Minna:       Wenn jemand kommen sollte – zum Gratulieren – die ehemaligen Nachbarn zum Beispiel – oder vielleicht…

 

Edith:        Vielleicht wer ?

 

Minna:       …unser Vermieter oder… oder vielleicht Bodo ! Mein Sohn Bodo wird doch den 60sten seiner Mutter nicht vergessen. Niemals. – Na und dann könnte ja auch noch vielleicht…

 

Edith:        Vielleicht wer ?

 

Minna:       (druckst zunächst herum) Nun – könnte doch sein, dass… na ja… dass auch Martin an mich denkt und hier auftaucht. (schnell) Und dann… dann müssen wir doch was im Haus haben – zum Anbieten. Vor allem aber für Bodo. Ich meine – wie stehe ich denn da – an so einem Ehrentag?!

 

Edith:        Mein liebes Schwesterlein. Du kennst mich – ich bin so. Ich bin immer direkt und sag alles grad heraus. – Dein Ehemann Martin hat sich vor 8 Monaten von Dir verabschiedet, weil er plötzlich Stimmen hörte aus dem Jenseits und sich dann alleine auf einen Esoterik-Trip begeben hat. Der wird sich jetzt sicher in diesem Moment als Guru in Indien mit 12 Frauen auf einmal vergnügen.

 

Minna:       (getroffen und wieder weinerlich) Sag doch nicht sowas!

 

Edith:        Auf jedenfall wird er sich hier ganz sicher nicht zu Deinem Geburtstag einfinden – das kannst Du mir glauben. Hast Du in den letzten 32 Wochen denn irgendein Lebenszeichen gehört von ihm? Na?

 

Minna:       Nein.

 

Edith:        Na bitte.

Minna:       Es ist diese Hoffnung in mir, die nicht sterben will, dass er irgendwann doch zurück kommt zu mir.

 

Edith:        Wird er nicht – glaub mir. Der ist eben völlig durchgeknallt. Ich sehe es bildlich vor mir, was der jetzt alles so treibt. Ich hab´ da mal was gelesen. Diese Gurus sind doch absolut freizügig, besonders in der Abteilung „Intimitäten“.

 

Minna:       Intimitäten?

 

Edith:        Jaaaa... flotter Dreier uns so ´n Schweinkram.

 

Minna:       Hör auf !!! Es ist viel besser, dass ich es nicht sehe und erfahre. (kleine Pause, dann etwas schelmischer und bestimmter:) Glaubst Du, ich würde mich wohler fühlen, wenn ich wüsste, dass mein Gatte jetzt nackt mit einer 25jährigen Italienerin am Strand von Palma liegt - so wie Dein Karl-Otto es derzeit zu tun pflegt?!

 

Edith:        (geschockt) Boah – was kannst Du manchmal fies sein, Minna! Glaubst Du, ich hab gar kein Gefühl und Herz?

 

Minna:       Manchmal bezweifle ich das – ja.

 

Edith:        (hat das gar nicht gehört, zuerst wütend) Soll er sich doch mit seiner Antonella, diesem Früchtchen vergnügen – mir doch egal. Die will doch nur sein Geld. Irgendwann wird Karl-Otto schon dahinter kommen, was er an mir hatte. Jung und hübsch war ich auch mal. In 20 Jahren ist bei Madame Antonella auch der Lack ab – dieses Flittchen. (den letzten Satz spricht auch sie ein klein wenig weinerlich aus)

 

Minna:       Hört sich so an, als wäre in Deiner Wut auch eine Spur von Wehmut zu hören.

 

Edith:        Oh nein. Mit meinem Karl-Otto bin ich durch. Auf ewig. Der soll mir bloß nie wieder vor die Augen kommen.

 

Minna:       Na, dann ist es ja gut. – Aber da Du soeben behauptet hast, dass Du DOCH Gefühl und Herz hast… dann verstehst Du doch sicher nun auch, dass ich eben einen recht schweren Geburtstag vor mir habe – und auch noch einen Runden. Und weil ich mir den Traum von Gästen und netten Menschen um mich herum bewahren möchte, habe ich eben dafür eingekauft – und damit Du es nur weißt: Das ist alles von MEINEM Geld bezahlt worden. (etwas kleinlaut:) Ich hatte da noch eine kleine eiserne Reserve gebunkert.

 

Edith:        Was höre ich da? Eiserne Reserve gebunkert? Hatten wir nicht eindeutig abgesprochen, dass wir unser Geld zusammen in EINEN Topf werfen und nur davon leben?! Und woher hast Du die eigentlich – diese Reserve?

 

Minna:       (ist während des letzten Dialogs in die Nähe des Tisches gegangen) Das geht Dich nix an. Auch wenn Du meine ältere Schwester bist. Das hab ich eben und basta. - Was… was ist das denn? (sieht jetzt plötzlich ihr Sparschwein auf dem Fussboden stehen, hebt es auf) Was hat denn mein Sparschwein hier auf dem Fussboden verloren?

Edith:        (ertappt) Das… ach das… ja – ich hab es sauber gemacht. Ja. Diese Staubfänger hier überall, nicht wahr. (deutet auf das Handtuch, nimmt es unbedacht hoch, putzt schnell sehr intensiv über das Sparschwein)

 

Minna:       (sieht die Münzen und das Messer) Ich glaub´ das ja wohl nicht. Du hast versucht, mein Sparschwein zu schlachten.

 

Edith:        Aber nein. Sowas würde ich doch niemals tun. Du siehst doch - es ist völlig unversehrt.

 

Minna:       Ja, aber Du hast es ausgenommen. Was bist Du nur für eine Schwester?! (reißt ihr das Handtuch wütend aus der Hand, legt die Münzen dort schnell hinein)

 

Edith:        Minna, das tut mir leid. Ich hab´ mir keinen Rat mehr gewusst. Wir müssen den Strom zahlen und können es nicht. Die kneifen uns den Saft noch ab.

 

Minna:       (keine Antwort)

 

Edith:        Ich hätte das nicht tun dürfen. Du hast ja recht.

 

Minna:       (schweigend mit Schwein und Geld im Handtuch nach rechts ab)

 

Edith:        Minna, so rede doch mit mir.

 

Minna:       (kommt zurück, nimmt schweigend alle Einkaufstaschen, geht damit nach rechts, an der Tür dreht sie sich um) Mit Dir rede ich erst wieder ein Wort, wenn Du eine bessere Entschuldigung parat hast als "Es tut mir leid". Schämen solltest Du Dich, (ironisch) liebe Schwester. (ab, Tür zu, schließt ab)

 

Edith:        (hinterher, klopft ein paarmal an die Tür) Minna. Minna bitte. Wir sollten nicht streiten. Wir haben doch nur uns. Minna - komm, sei mir wieder gut.

 

Minna:       (öffnet die Tür jedoch nicht, antwortet auch nicht, dann klopft oder klingelt es an der Außentür)

 

Edith:        (geht genervt dorthin, schaut durch den Tür-Spion, öffnet, sodann kommt...)

 

3. Szene

Maria:        (...herein. Sie trägt schicke, wenn auch eher außergewöhnliche Kleidung. Ist in ihrer Art etwas überdreht; hat eine große Handtasche dabei, trägt edle Handschuhe) Guten Tag, Edith-Schätzchen. (ist schon im Raum, schaut sich um)

 

Edith:        Maria. Komm doch rein. (schließt die Tür)

 

Maria:        (geht bei folgendem Satz schon zum Tisch) Ich habe nicht viel Zeit; hab´ meine neue Angestellte alleine gelassen - aber ich muss doch eben kurz nach dem Rechten sehen bei meinen lieben Nachbarinnen. (setzt sich, zieht die Handschuhe aus)

 

Edith:        Schön von Dir. Setz´ Dich doch. (kommt dann auch zum Tisch) Darf ich Dir irgendetwas anbieten?

Maria:        Danke nein. Ihr sollt doch - von dem Wenigen, dass ihr zum Leben habt - nicht auch noch was abgeben.

 

Edith:        (setzt sich zu ihr) Hhmm...

 

Maria:        Ich hab´ gestern noch zu meinem Tobias gesagt: Tobias, sag ich - wie lange halten die beiden Armen das noch aus? Das ist doch kein Zustand hier.

 

Edith:        Ach, uns geht es doch gut. Und Du weißt ja auch, dass ich nur hier mit meiner Schwester zusammen wohne, damit sie nicht ganz allein ist. ICH könnte es mir auch leisten, mir eine eigene Wohnung zu mieten. Besser und größer als diese hier. Ich tu das nur für Minna.

 

Maria:        Achja? Da höre ich im Dorf aber ganz andere Geschichten. Eure Männer sind abgehauen, sie unterstützen Euch finanziell nicht - ihr arbeitet nicht, ihr habt mittlerweile kaum noch Rücklagen... (kramt in ihrer Handtasche herum)

 

Edith:        (etwas eingeschüchtert) Wer... wer sagt denn sowas? Die Leute sollen doch lieber mal vor ihrer eigenen Haustür fegen. Du kennst mich – ich bin so. Ich bin immer direkt und sag alles grad heraus. Aber uns geht es blendend. Wirklich, Maria.

 

Maria:        Ja, wenn das so ist...

 

Edith:        Ja, wenn das so ist - was?

 

Maria:        Wir kennen uns doch schon Jahre. Und mein Tobias und ich haben gedacht, dass wir Euch vielleicht ein wenig unterstützen könnten. (hat einen Umschlag hervorgeholt) Mein Kosmetik-Salon läuft super, und über das Gehalt meines Mannes müssen wir nicht reden. Nun ja - als Chefredakteur... Und da kam uns die Idee, Euch in dieser Situation mit ein paar Euro unter die Arme zu greifen. (steckt es dann wieder weg) Aber wenn Du sagst, es geht Euch blendend, dann ist das ja nicht nötig.

 

Edith:        (dreht sich kurz um, ärgert sich mimisch sehr, dass sie so reagiert hat) Nun ja, also weißt Du…

 

Maria:        Ist mir das jetzt peinlich. Was musst Du nur von mir denken?! Erzähl bloß keinem davon, dass ich hier mit Almosen ankommen wollte. Muss ja für Dich den Eindruck erwecken, als… als… könntet Ihr Eure Strom-und Gasrechnung nicht mehr zahlen. (lacht)

 

Edith:        (lacht gestellt mit) Jaaa… was für ein absurder Gedanke. Du kommst ja auf Ideen. Hähähä… (im Raum rechts klingelt das Telefon)

 

Maria:        Hoffst Du denn immer noch, dass Dein Karl-Otto eines Tages zu Dir zurückkehrt?

 

Edith:        Das äh… ich muss mal eben ans Telefon, Maria. (schon abgehend nach rechts)

 

Maria:        Ja ja, lass Dich nicht aufhalten.

 

 

4. Szene

Minna:       (kommt sodann mit dem Telefon in der Hand von rechts herein, barsch zu Edith): Für Dich.

 

Edith:        (nimmt Minna das Telefon aus der Hand, die sich dann – wütend schauend - abwendet, in den Raum hereinkommt, Edith geht ab nach rechts)

 

Maria:        Minna, meine Liebe. Alles gut? (geht zu ihr, umarmt sie liebevoll)

 

Minna:       Ach Maria, ja sicher – bei mir ist alles gut.

 

Maria:        Edith sagte das soeben auch schon. Und ich war so dumm, zu denken, dass ihr fast am Hungertuch nagt.

 

Minna:       Aber nein. Weißt Du, ich wohne doch nur hier mit meiner Schwester zusammen, damit sie nicht ganz allein ist. ICH könnte es mir auch leisten, mir eine eigene Wohnung zu mieten. Besser und größer als diese hier. Ich tu das nur für Edith.

 

Maria:        (erstaunt, weil sie das schon hörte) Ach was…

 

Minna:       Aber ja.

 

Maria:        Bald ist ja Dein Geburtstag - ja ja, ich habe das nicht vergessen. Hast Du denn einen besonderen Wunsch für diesen Tag? Und wie willst Du denn feiern? ´ne richtig große Party? Ich könnte Dir einen sehr guten Partyservice empfehlen. Fronck-Gero Gautier - ein wunderbarer Mann. Der regelt wirklich alles. Der bietet auch Zelte an - beheizt - denn hier in dieser kleinen Mansarde wirst Du Deine Gäste ja wohl kaum unterbringen können. Soll ich ihn mal informieren?

 

Minna:       Äh - nein nein, ich werde nur im kleinen Rahmen ein bißchen feiern. Ich bin ja nicht für diesen Rummel mit all den Leuten um mich herum.

 

Maria:        Schade. Nun ja, das kostet ja auch immer ´ne Stange Geld, nicht wahr?!

 

Minna:       Nun, DARAN soll es ja nun nicht hapern. Und ob ich einen Wunsch habe? (schaut dann betrübt nach unten) Ach nein... eigentlich nicht.

 

Maria:        (versteht) Ach Minna, ich sehe es Dir an - Du hoffst immer noch, dass Dein Martin zurückkommt, stimmt´s?

 

Minna:       (kleine Pause, dann bestimmt): Er kommt zurück. So, wie auch Karl-Otto bestimmt zu Edith zurückkehren wird. Glaub´ mir.

 

5. Szene

Edith:        (kommt zurück, weint laut)

 

Maria:        (geht schnell zu ihr) Edith, was ist passiert?

 

Edith:        (hat ein Taschentuch hervor geholt, schluchzt) Das war Karl-Otto, gerade am... am Telefon.

 

Minna:       (ein wenig erfreut) Siehst Du Maria, was hab´ ich gesagt?!

 

Edith:        (laut aufheulend): Er will sich scheiden laaaaa....ssen.

 

Maria:        (nimmt sie tröstend in den Arm, geht mit ihr zu Minna) Das ist eine harte Botschaft, Edith. Aber wer weiß; vielleicht ist es besser so.

 

Minna:       (etwas barsch): Tja, da kann man dann wohl nichts machen. Tut mir leid für Dich, Edith. C´est la vie - so ist das Leben. (zügig, mit erhobenem Kopf abgehend nach rechts)

 

Maria:        Minna! Ein bisschen mehr Feingefühl hätte ich von Dir jetzt schon erwartet. Siehst Du nicht, wie Edith gerade leidet?!

 

Minna:       (an der Tür): Feingefühl? Meine liebe Schwester kennt dieses Wort auch nicht. Sie ist so - man kennt sie. Sie ist immer direkt und sagt alles grad heraus. Warum sollte ich nicht auch mal so sein?! (ab)

 

6. Szene

Maria:        (schüttelt mit dem Kopf, dann zu Edith): Was hat er denn genau gesagt, Dein Karl-Otto?

 

Edith:        (beruhigt sich langsam, setzt sich) Er will für dieses... dieses... Flittchen Antonella frei sein. Und in ein paar Tagen will er hierher kommen und mit mir die Scheidung besprechen.

 

Maria:        Er wird doch aber nicht die Frechheit besitzen, dieses junge Ding hier dann auch noch mit her zu bringen, oder?

 

Edith:        Das weiß ich nicht, und das ist mir auch alles egal. Es ist aus, Maria. Meine letzte Hoffnung ist dahin. Ich bin am Ende...

 

Maria:        (direkt): Nun hörst Du aber auf der Stelle mit diesem Selbstmitleid auf - sofort! Wenn er Dich nicht mehr will, dann lass ihn doch laufen. Du bist im besten Alter; Du siehst gut aus; weshalb solltest Du Dich denn nicht auch wieder neu verlieben?

Edith:        (steht auf, geht ein paar Schritte nach hinten) Nein, ich werde Schluss machen jetzt. Ich bring mich um. Ich will nicht mehr.

 

Maria:        (ihr zügig hinterher, packt sie grob an den Oberarmen, schüttelt sie ein paarmal, sehr direkt): Du hörst auf der Stelle auf mit diesem Gejammer. Männer sind Schweine - die haben es nicht verdient, dass wir denen auch nur eine Träne hinterher heulen. Und für Dich gibt es jetzt nur 2 Möglichkeiten: Entweder Du akzeptierst endlich diese Trennung und zeigst ihm, dass es Dir egal ist, oder Du kämpfst um ihn. Etwas anderes gibt es nicht.

 

Edith:        (noch immer weinend) Neeeeii...n, das kann ich nicht. (setzt sich wieder)

 

Maria:        (genervt von dem Weinen) Oooh... das ist ja nicht auszuhalten. - Komm, Du musst auf andere Gedanken kommen. (Geht zügig nach hinten, holt von dort einen Mantel und Ediths Handtasche, öffnet dann die Tür nach rechts, ruft dorthin): Minna, ich nehm Edith mit; nur damit Du Bescheid weißt. (schließt die Tür wieder)

 

Minna:       (von dort, fast singend, weil sie erfreut ist): Ja gerne... viel Spaß Euch beiden.

 

Edith:        Was... was hast Du vor?

 

Maria:        (stellt sich neben Edith, öffnet den Mantel, so dass sie diesen anziehen kann) Du stehst jetzt auf und kommst mit in meinen Salon. Da mach ich Dir eine schöne neue Frisur, neue Fingernägel und eine Gesichtsmassage. Und etwas Farbe im Gesicht brauchst Du auch! Du wirst sehen - danach wirst Du ganz anders denken über Deinen Karl-Otto.

 

Edith:        Nein, das will ich nicht.

 

Maria:        Und ob Du das willst! (laut): Steh jetzt auf!

 

Edith:        (tut das, zieht den Mantel an)

 

Maria:        Ich bin eine Freundin - und ich weiß, was Du jetzt brauchst. Und jetzt komm! (nimmt sie an die Hand, drückt ihr die Handtasche in die Hand, zieht sie mit zum Ausgang)

 

Edith:        Ja aber, ich kann doch nicht... (wehrt sich noch ein wenig, greift sich noch schnell den Schlüssel, der auf dem Tisch liegt)

 

Maria:        Und ob Du kannst. Und nun halt den Mund!

 

Beide:        (ab, kurze Pause)

 

7. Szene

Minna:       (steckt den Kopf durch die Tür rechts, schaut, ob beide weg sind, lacht, kommt dann mit der vorher gekauften Likörflasche und einem Glas herein, setzt sich, schenkt sich ein) Prost Minna. Bleib gesund und gib DU die Hoffnung nicht auf, dass auch in ein paar Tagen nach Deinem 60sten, noch irgendetwas Schönes in Deinem Leben passieren kann. (trinkt, dann klingelt es an der Tür. Minna ein wenig erschrocken, bringt rasch Flasche und Glas wieder nach rechts, kommt zurück, öffnet die Tür) Ja bitte?

 

Schneeberger: Guten Tag. Entschuldigen Sie die Störung. Ich hab´ vor Ihrer Haustür etwas gefunden. Gehört das Ihnen?

 

Minna:       Ich weiß nicht; kommen Sie doch kurz herein.

 

Schneeberger: (kommt dann in den Raum. Er ist gekleidet in einer Mischung aus Obdachloser und Künstler. Hut, offener Mantel, trägt einen alten Koffer und eine Tasche in der einen, in der anderen Hand oder unterm Arm eine Staffelei. Stellt dann die Sachen ab, holt einen Schlüssel aus seiner Manteltasche hervor) Dieser Schlüssel lag vor Ihrer Tür. Ich weiß ja nicht, wer den verloren hat, aber ich dachte mir...

 

Minna:       (nimmt diesen aus seiner Hand, betrachtet diesen) Typisch. Das ist Ediths Schlüssel. Ich erkenne ihn an dem Anhänger. Na, die würde sogar ihren Hintern irgendwann verlieren, wenn der nicht fest dran wäre.

 

Schneeberger: (versteht nicht) Ahja?

 

Minna:       Entschuldigung. Edith, meine Schwester. Sie ist vor ein paar Minuten raus. Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, dass Sie hier klingeln. Manch einer hätte den Schlüssel eingesteckt und uns vielleicht mal in der Nacht besucht und ausgeraubt.

 

Schneeberger: Gerade deshalb hab´ ich gleich reagiert.

 

Minna:       Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet - obwohl - eigentlich ja eher meine vergessliche Schwester - aber die ist ja nicht da im Moment.

 

Schneeberger: Ich habe nur meine Pflicht getan. (nimmt seine Sachen schon wieder in die Hand, geht schon zur Tür) Einen lieben Gruß an Ihre Schwester.

 

Minna:       Na, den werd´ ich ausrichten - und wie! - Aber wie könnte ich Ihnen denn danken? Gibt es denn nichts, womit ich Ihnen eine Freude machen kann? Und - äh - also, nicht dass ich neugierig bin, aber... sind Sie auf der Durchreise?

 

Schneeberger: Auf der Durchreise? Ja, so kann man es nennen. Auf der Reise durch das Leben. (stellt seine Sachen an der Tür wieder ab, zieht nun seinen Hut) Mein Name ist Schneeberger. Sehr erfreut, gnädige Frau.

 

Minna:       Gnädige Frau - ich bitte Sie! (reicht ihm die Hand) Minna Hagen-Bullendiek.

 

Schneeberger: (küsst Minnas Hand, setzt dann den Hut wieder auf)

 

Minna:       (leicht beschämt) Herr Schneeberger, ich bin keine Königin.

 

Schneeberger: Ach, das weiß doch keiner so genau. Die ganze Welt ist nur eine Bühne, und jeder Mensch spielt eine Rolle in dem Stück, welches Leben heißt. Manchmal sind wir König, dann wieder Bettler, Verbrecher, und dann wieder ein Kind - die Rollen ändern sich - immer wieder.

 

Minna:       Ja, wenn man das so von der poetischen Seite sieht, haben Sie sicher nicht ganz unrecht. Und in welcher Rolle befinden Sie sich zur Zeit - außer in der des freundlichen Schlüsselüberbringers?

 

Schneeberger: Das Leben selbst bestimmt meine Rolle. Gestern war ich ein Star, heute bin ich ein Niemand. Aber ein Maler bin ich immer.

 

Minna:       Ein Maler?! Ach, deshalb auch dieses... (deutet auf die Staffelei) Gestell?

 

Schneeberger: Ganz recht, Frau Hagen-Bullendiek. Wir Künstler nennen es jedoch Staffelei. Es hört sich etwas farbiger, sanfter und weicher an. So, wie der Pinsel über die Leinwand streicheln sollte. Finden Sie nicht auch?

 

Minna:       Sicher. Ich bin ein Dummchen. Das finde ich sehr interessant, Herr Schneeberger. Was malen Sie denn so? Landschaften? Blumen? Häuser?

 

Schneeberger: Eher weniger. Ich bevorzuge Körper. Lebendige, weibliche Körper.

 

Minna:       Ach was?! Wollen Sie mir nicht ein bisschen mehr davon erzählen? Eine Tasse Kaffee darf ich Ihnen doch sicher anbieten zum Dank – oder vielleicht ein Likörchen? Und dabei kann man sich doch wunderbar unterhalten. Wissen Sie - meine Schwester und ich bekommen nicht sehr oft Besuch - außer von einer Freundin und diversen Gläubigern. (schnell) Oh - ich meinte - anders-Glaubende oder so... hähä... Und ich bin ganz alleine jetzt. Leisten Sie mir doch bitte ein paar Minuten Gesellschaft.

 

Schneeberger: Wenn die Dame es wünscht, würde ich es nicht wagen, "nein" zu sagen.

 

Minna:       Kommen Sie mit in die Küche. Hier entlang bitte. (deutet nach rechts)

 

Schneeberger: (nach dorthin ab mit seinen Sachen) Gerne. Sehr gerne sogar. Nach Ihnen, gnädige Frau.

 

Minna:       Nach IHNEN! Sie sind der Gast. (ihm erfreut hinterher abgehend nach rechts, nimmt Likörflasche und Glas mit, kurze Pause)

 

8. Szene

                  (von außen wird die Tür aufgeschlossen, dann kommt...)

 

Bodo:        (...etwas unsicher herein. Er hat eine große, schwere Sporttasche über die Schulter hängen, oder aber einen Koffer dabei. Spricht zum Flur:) Moment. Warte bitte einen Augenblick. (Stellt Tasche oder Koffer ab, schaut sich kurz um, zieht seine Jacke aus, geht dann wieder zur hinteren Tür) Es scheint niemand da zu sein; komm rein. (kommt wieder in die Mitte des Raumes)

 

9. Szene

Martin:      (kommt herein, bleibt aber zunächst an der Tür stehen. Auch er hat eine große Tasche dabei oder Koffer. Er trägt ein weißes, langes Gewand - welches man aus einem Bettlaken sehr gut herstellen kann - auf dem Kopf eine Art Turban in einer anderen Farbe, sowie Sandalen. Wenn Ihre Maske es sehr gut hinbekommt, wären für Martin lange Haare und auch ein langer Bart sehr schön) Und Du bist auch sicher, dass Deine Mutter jetzt hier in dieser Wohnung zuhause ist?

 

Bodo:        Vater, sie hat mir vor Wochen schon einen Schlüssel zugeschickt mit dieser Adresse. Und in ihrem Brief stand, dass ich jederzeit willkommen bin.   

 

Martin:      Und Du hast weder Dich noch mich angemeldet bei ihr?

 

Bodo:        ICH wollte sie überraschen. Und dass DU Dich je wieder blicken lässt... diesen Glauben hat Mutter sicher schon längst aufgegeben.

 

Martin:      Nun ja, ich hab´ das recht spontan entschieden. Ein Flug von Indien will gut überlegt und geplant sein. Mein Meister war gar nicht begeistert von dieser Reise. Deine Mutter und ich... nun ja - diese Ehe, das ist alles nicht rein, weißt Du?! - Aber ihren Geburtstag vergesse ich doch nicht. Deshalb bin ich Dir auch sehr dankbar, dass Du mir diese email geschickt hast, dass Du auch heute herkommst und wir hier jetzt gemeinsam auftauchen. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Ich musste auch hierher, weil ich geschäftlich etwas zu erledigen habe.

 

Bodo:        Geschäftlich? - Vater, sei nicht böse. Aber ich kann gar nicht glauben, dass ich nach meinem Ankommen auf dem Bahnhof doch tatsächlich noch mit der Straßenbahn zum Flughafen gefahren bin, um Dich abzuholen.

 

Martin:      Das war sehr freundlich von Dir, mein Junge.

 

Bodo:        Du solltest mir völlig egal sein. Du hast Mutter verlassen. Ich sollte Dich hassen. Und wie Du herumläufst, unfassbar. Was bist Du? Ein Guru? Sprechen die Leute Dich eigentlich nicht an? Was hast Du nur gemacht mit Deinem Leben? Und ob Mutter Dich so sehen will, da bin ich auch nicht sicher. Was willst Du überhaupt hier? Sie noch mehr verletzen? Was ist das für ein krankes Leben, dass Du jetzt führst?

 

Martin:      Bodo, das Leben ist so ungeheuerlich, dass es keinen Sinn hat. Hätte es einen Sinn... sobald man ihn fände, wäre es vorbei. Aber so kann man das Leben nicht abtun. Trotz Millionen von Büchern erweitert es sich ständig. Es gibt also keinen Sinn im Leben. Du kannst das Leben nicht erklären, weil es Dich enthält. Und deshalb ist es so schön. DU bist das Leben. ICH bin das Leben. Und darum ist es so wunderbar.

 

Bodo:        Vater - bitte. Was ist nur mit Dir passiert? Was redest Du für einen Blech daher?

 

Martin:      Das Leben geht weit über den eigentlichen Sinn hinaus, Bodo. Darüber solltest Du mal nachdenken.

 

Bodo:        Vater!

 

Martin:      Das Leben liegt jenseits des Sinns. Und gerade DAS macht es aus.

 

Bodo:        Ooooh... verschone mich bitte mit diesem Esoterik-Mist. Ich will das nicht hören. Wo ist mein alter Vater nur hin? Wo ist der Buchhalter, der zwar einen langweiligen Beruf hatte, aber seiner Frau immer ein guter Ehemann und mir ein guter Vater war?

 

Martin:      Bodo - weshalb redest Du so negativ? Dein Energietor muss verrutscht sein.

 

Bodo:        Sicher. Und ich glaub´, bei Dir ist noch ganz was anderes verrutscht.

 

Martin:      (stellt sich dicht vor Bodo, schaut ihn an)

 

Bodo:        Was ist denn?

 

Martin:      Jetzt sehe ich es - ja, ich sehe es ganz deutlich in Deinen Augen.

 

Bodo:        Was siehst Du?

 

Martin:      Dein Wurzel-Chakra hat das Gleichgewicht verloren.

 

Bodo:        (wütend) Mein Verstand verliert gleich das Gleichgewicht, Vater. - Pass auf. Mutter hat geschrieben, dass sie hier mit Tante Edith zusammen wohnt. Aber so wie es aussieht, ist derzeit hier keiner zuhause. Wir warten hier am Besten. Aber wir dürfen Mutter - und auch Tante Edith nicht überfallen mit unserem Besuch. Wir beide auf einmal - das ist sicher zu viel.

 

Martin:      Ja aber...

 

Bodo:        Ich schau mal, was es hier für Zimmer gibt. (geht nach links, geht dort hinein, lässt die Tür offen, kommt sodann zurück, Tür bleibt offen) Da sind hinten zwei Zimmer und vorne ist ein kleines Bad. Wir bringen unser Gepäck da rein, danach wartest DU in einem der Zimmer und ich schau mich erstmal alleine hier um. Und Du wartest, bis ich Dich heraus hole. Sobald Mutter da ist, werde ich sie langsam einweihen, dass auch Du da bist.

 

Martin:      Aber das ist doch...

 

Bodo:        DAS ist das Beste. Du willst doch nicht, dass auch noch Mutters Chakra ein paar Kratzer bekommt, oder?

 

Martin:      Natürlich nicht! Aber Minna muss doch keine Angst haben vor unserer Begegnung. Gut - wir haben uns 8 Monate nicht gesehen, aber sie ist immer noch meine Frau. Angst bezieht sich auf etwas, dass nicht existiert. Die Menschen haben nur Angst, weil sie nicht mit der Wirklichkeit verwurzelt sind. 

 

Bodo:        (leicht genervt) Tu einfach, was ich Dir sage. Und zieh Dir bitte etwas anderes an. Mutter kriegt ´nen Schlag, wenn sie Dich so sieht. Du hast doch andere Klamotten dabei, oder? (nimmt seine Tasche, "wirft" diese in den Raum links, holt dann seine/n eigene Tasche/Koffer)

 

Martin:      Oh ja.

 

Bodo:        Na, Gott sei Dank. (schiebt ihn in den Raum nach links)  

 

Martin:      (abgehend nach links, gefolgt von Bodo legt er die flachen Hände aufeinander, hält sie leicht hoch, dann eher singend abgehend) Bramanista, bramma - karamista karam. Trigunna atti...

 

Bodo:        Das macht doch nichts, Vater. (verdreht die Augen, ihm folgend ab, Tür zu, kurze Pause)

 

10. Szene

Minna:       (kommt wieder in den Raum, ist vergnügt, ihr folgt Schneeberger mit seinen Sachen)

 

Schneeberger: Vielen Dank für Ihre Gastfreundschaft, Frau Hagen-Bullendiek. Sowas erlebt man in unserer heutigen Zeit nur noch selten. Nun aber möchte ich Ihre kostbare Zeit nicht länger in Anspruch nehmen.

 

Minna:       Ich bitte Sie. Eine Tasse Kaffee und ein Likörchen ist doch wohl das Mindeste, was ich Ihnen anbieten kann. Und das ist viel zu wenig. Ich würde Ihnen zu gerne noch einen weiteren Wunsch erfüllen. Und äh... was machen Sie jetzt? Ich meine - wie sieht der Rest Ihres Tages noch aus?

 

Schneeberger: (seufzt) Ich werde wohl in die Stadt gehen. In die Fußgängerzone. Hin und wieder gibt es Menschen, die noch wahre Kunst verstehen und sich malen lassen möchten. Ein Portrait mit Kohle gezeichnet kostet ja auch nur 20 Euro bei mir. Obwohl ich natürlich viel lieber mit Öl male. Farbiger heißt lebendiger. Aber Ölgemälde verrichte ich natürlich nicht auf der Straße.

 

Minna:       Verstehe. Dazu bitten Sie diese Menschen dann zu sich nach Hause, ja?!

 

Schneeberger: Äh... ich ziehe es vor, mich in die Wohnungen meiner Kunden zu begeben.

 

Minna:       Ah ja. Warum auch nicht?! Sie wohnen aber hier im Dorf?

 

Schneeberger: Derzeit ja. Mein Zuhause ist der Platz unter der Jan-Berghaus-Brücke* - Autobahn-Abfahrt A29*

                  *(nennen Sie gerne eine Brücke und eine AB-Ausfahrt in Ihrer Nähe)

 

Minna:       (erschrocken) Sie haben keinen festen Wohnsitz? Oh, wie schrecklich.

 

Schneeberger: Ich weiß, was Sie nun denken: Obdachlos, Penner, ein Asozialer. Das sind Menschen, um die die meisten lieber einen großen Bogen machen. Weil das nur Verbrecher und Betrüger sein können.

 

Minna:       Was reden Sie denn da? Wenn Sie plötzlich das Pech geküsst hat und finanziell Probleme haben, dass es nicht mal für eine Wohnung reicht, dann kann ICH das sogar sehr gut verstehen, Herr Schneeberger.

 

Schneeberger: Wirklich? Da sind Sie eine der Wenigen.

                  Ich hab´ eben viel Pech gehabt in letzter Zeit. Nun ja - die Jahreszeiten machen mir ein paar Probleme. Jetzt im Herbst ist es draußen noch ganz gut auszuhalten. Aber wer weiß, wie der nächste Winter in Deutschland wird.

 

Minna:       Das tut mir sehr leid. Aber ein Gauner sind Sie ganz bestimmt nicht. Hätten Sie sonst den Haus-Schlüssel abgegeben?

 

Schneeberger: Danke, Frau Hagen-Bullendiek.

 

Minna:       Minna. Bitte nennen Sie mich Minna.

 

Schneeberger: Lieb von Ihnen. Aber wir werden uns sicher so schnell nicht wiedersehen, denke ich.

 

Minna:       Und das ist es, worüber ich gerade nachdenke.

 

Schneeberger: Was meinen Sie?

 

Minna:       Wie heißt es so schön in der Bibel: "Bittet, so wird euch gegeben, klopft an, so wird euch aufgemacht".

 

Schneeberger: Die wenigsten Menschen leben heutzutage noch nach dem Inhalt der heiligen Schrift.

 

Minna:       Und das ist eine Schande. Denn würden sie es tun, würde es besser aussehen auf dieser Erde.

 

Schneeberger: Ein wahres Wort. Aber wie wollen Sie das ändern, Minna?

 

Minna:       Indem ich selbst damit beginne. Und zwar heute, jetzt und hier.

 

Schneeberger: Sie machen mich neugierig, Minna.

 

Minna:       Meine Schwester Edith und ich haben zwar je ein kleines Schlafzimmer hier, aber es gibt leider kein weiteres Gästezimmer. Es gibt aber den großen Dachboden von diesem Mietshaus. Einige Mieter benutzen den, um ihre Wäsche dort zu trocknen. Es gibt jedoch nur wenige, die keinen Trockner haben. Und es steht ein bisschen Gerümpel dort herum. Unter anderem auch ein recht gut erhaltenes, altes Bett. Und Licht gibt es dort auch.

 

Schneeberger: Und Sie meinen ich soll... ich darf... das... das kann ich nicht annehmen, Minna. Was sagt denn der Vermieter dazu? Und wie wird Ihre Schwester reagieren - und vor allem - damit muss ja auch Ihr Ehemann einverstanden sein.

 

Minna:       Machen Sie sich über meinen Gatten nur keine Gedanken - der ist weit weg - in Indien. Den werde ich sicher so schnell nicht wiedersehen. Und meine Schwester hat mir gar nichts zu sagen. Sie dürfen sich morgens gerne in unserem kleinen Bad frisch machen - und auch ein Frühstück bekommen Sie, bevor Sie in die Stadt gehen, um zu malen.

 

Schneeberger: Minna, warum tun Sie das?

 

Minna:       Herr Schneeberger, ich habe in den letzten Monaten verlernt, Freude zu empfinden. Und auch die Hoffnung, dass alles wieder so wird, wie es einmal war, stirbt in mir mehr und mehr. Auch wenn ich mir das Gegenteil einrede. Ich möchte wieder ein wenig glücklich sein und etwas Gutes tun.

 

Schneeberger: Sie sind eine so gutherzige Frau.

 

Minna:       Danke.

 

Schneeberger: Und tragen einen so schicken Pulli.

 

Minna:       Herr Schneeberger, der Pullover ist quer-gestreift. Das macht mich nur dick.

 

Schneeberger: (neigt Kopf und Oberkörper 90°, um die Querstreifen längs zu betrachten) Ach, reden Sie doch keinen Unsinn. Ihre Figur ist perfekt - ob längs oder quer.

 

 Minna:      Sie kleiner Charmeur, Sie. - Umsonst ist das für Sie natürlich nicht, wenn ich Sie hier auf dem Dachboden schlafen lasse. Damit wir uns da gleich richtig verstehen.

 

Schneeberger: (etwas enttäuscht) Verstehe. Ich bin aber nicht sicher, ob ich Ihnen die Kammer da oben zahlen kann. Wissen Sie, es gibt schlechte Tage, da bleibt kaum etwas übrig für mich. Das ist ja auch gerade der Grund, weshalb ich mir keine eigene Wohnung leisten kann. - Wie viel wollen Sie denn haben für die Dachkammer?

 

Minna:       Herr Schneeberger. Ich werde von Ihnen doch kein Geld nehmen für den Dachboden. Das darf ich doch auch gar nicht. Es muss ja auch niemand wissen, dass Sie dort schlafen.

 

Schneeberger: Ja aber, wie kann ich mich denn sonst bei Ihnen dafür bedanken?

 

Minna:       (etwas beschämend nach einer kleinen Pause) Vielleicht malen Sie mich. - In Öl.

 

Schneeberger: Ich soll Sie... ? Aber gerne doch.

 

Minna:       Wissen Sie, niemand hat mich je gemalt. Und wenn ich an diese Szene aus dem Film "Titanic" denke, wenn Jack Dawson seine Rose malt - hach - herrlich.

 

 Schneeberger: Dafür müssten Sie mir aber Modell stehen. Mindestens eine Stunde am Tag.

 

Minna:       Das hab´ ich zwar noch nie gemacht - aber das ist sicher kein Problem für mich.

 

Schneeberger: Und ich soll Sie dann genau wie Rose DeWitt Bucater* malen? Ich meine, genauso wie in dem Film - ich sag mal: recht textilfrei? Wie wunderbar. Das ist genau mein Stil. *(sprechen Sie: Roos Dewitt Bjukeeter)

 

Minna:       Um Himmels Willen - nein. Ich denke, in einem schicken Pullover mit Längsstreifen oder mit einer Bluse ist das für mein Alter wohl angebrachter.

 

Schneeberger: Aber liebste Minna - sagen Sie doch nicht sowas. Ihre Haut ist doch auch in Ihrem Alter noch makellos. (streichelt ihr über den Arm) Und wenn auf dem Bild Ihre ganze Anmut und Schönheit mit einer Prise Erotik herüberkommen soll, dann sollten Sie besser nochmal über den Strickpulli nachdenken.

 

Minna:       Das haben Sie sehr nett gesagt, aber - ich denke, darüber muss ich nicht mehr nachdenken. Was denken denn die Leute, wenn ich mich malen lasse - barfuß bis zum Hals? - In meinem Alter. Und vor allem - meine Schwester - die wird ja in der Klappsmühle anrufen. (ist zu einem Schrank o.a. gegangen, hat einen Schlüssel hervor geholt)

 

Schneeberger: Wie Sie meinen.

 

Minna:       Hier. Das ist der Schlüssel zum Dachboden. Wenn Sie mögen, schauen Sie sich den Raum in Ruhe an. Er muss Ihnen ja auch gefallen. Einfach die Treppe hinauf, bis ganz nach oben. Und - seien Sie leise, ja?!

 

Schneeberger: (nimmt den Schlüssel entgegen) Vielen Dank.

Minna:       Und wenn Sie sich ein bisschen eingerichtet haben, dann kommen Sie doch noch wieder hierher - bevor Sie arbeiten gehen. Ich schmiere Ihnen dann ein paar Brote zum Mitnehmen.

 

Schneeberger: Heute muss mein Glückstag sein. (abgehend) Minna - ich bin glücklich.

 

Minna:       (seufzt) Ja, Herr Schneeberger - das bin ich auch ein bisschen.

 

Schneeberger: (an der Tür) Ach äh...

 

Minna:       Ja?

Schneeberger: Ich möchte nicht unverschämt und taktlos erscheinen, aber...

 

Minna:       SIE doch nicht. Was haben Sie auf dem Herzen?

 

Schneeberger: Nun, Sie sagten vorhin, dass Sie mir zum Dank sehr gerne noch einen weiteren Wunsch erfüllen würden...

 

Minna:       Ja gerne.

 

Schneeberger: Sie können sich sicher vorstellen, dass es unter der Brücke manchmal etwas schwierig ist, also, was meine Körperpflege betrifft. Also, wenn es nicht zuviel verlangt ist, dann würde ich jetzt erstmal gerne Ihren Waschplatz - also, ich meine - das Bad aufsuchen. (schnell) Natürlich nur, wenn Sie es erlauben.

 

Minna:       Aber selbstverständlich doch. Hier vorne gleich die erste Tür. (bittet ihn zur Tür nach links) Nehmen Sie sich alles, was Sie brauchen.

 

Schneeberger: Oh, vielen Dank, Minna. Das ist reizend von Ihnen. (lässt seine Sachen irgendwo stehen, dann abgehend nach links, sich dort umdrehend) Bis gleich dann. Du-i Du-i. (winkt ihr neckisch zu, ab, Tür zu)

 

Minna:       Du-i Du-i, Herr Schneeberger. (seufzt, dann wieder ab nach rechts, kleine Pause, dann hört man draußen Edith, danach Maria sprechen und fluchen, weil sie den Schlüssel wohl suchen, dann klingelt es)

 

11. Szene

Minna:       (kommt etwas genervt wieder herein, öffnet die Tür) Hat die Dame keinen Schlüssel vom Haus?

 

Edith:        (kommt gefolgt von Maria herein. Sie trägt jetzt eine völlig veränderte Frisur, die eher auffällig aussieht, ist stark geschminkt) Nein, also - ich weiß auch nicht... (sucht in ihrer Handtasche schon beim Hereinkommen) Du lieber Himmel - wo ist der denn nur?

 

Maria:        Du lieber Himmel - der muss doch irgendwo sein.

 

Minna:       (sieht dann Ediths neues Outfit) Du lieber Himmel - wie siehst DU denn aus?!

 

Maria:        Na hör mal - ich hab´ wirklich ALLES gegeben, um Deiner Schwester endlich ein neues Outfit zu verpassen. Sie trägt mindestens 60 Euro im Gesicht. Von den Kosten ihrer neuen Frisur möchte ich lieber schweigen. Nur so wird sie das Glück wieder küssen; und mit dem Aussehen werden auch die Männer wieder anbeißen.

 

Edith:        Genau! (sucht weiter in ihrer Tasche)

 

Minna:       Na, da bleib´ ich lieber ungebissen.

 

Edith:        Du hattest ja noch nie viel Sinn für Mode und Make up.

 

Minna:       Möglich. Aber dafür bin ich im Gehirn besser gestylt als Du, Edith. Hier! (zeigt ihr den Schlüssel) Falls Du diesen suchst, der lag vor unserer Haustür, Fräulein Demenz.

 

Edith:        Tsss... mein Gott - das kann ja mal passieren.

                  (reißt ihr den Schlüssel aus der Hand)

 

Minna:       Ach Maria, hat Edith Dir denn schon erzählt, dass sie mein Sparschwein schlachten wollte?

 

Maria:        Was?

 

Edith:        Alte Petze!

 

Maria:        Es geht mich doch gar nichts an, was ihr beide für Konflikte ausbaden müsst. Edith, wir beide werfen jetzt erstmal einen Blick in Deinen Kleiderschrank. Ich denke, dass es auch nötig Zeit wird, dass Du Dir neue Garderobe zulegst.

 

Minna:       Fragt sich nur, wer das bezahlen soll.

 

Edith:        Ich werde wieder glücklich, Minna! Wenn Du ewig alleine bleiben willst - bitte. ICH nicht. Maria hat mir die Augen geöffnet. Und genauso, wie mein Karl-Otto unsere Ehe aufgibt, wirst auch Du weder Deinen Martin, noch Deinen Sohn Bodo je wiedersehen. Und ein Neuanfang ist nur mit einem neuen Style möglich. Aber wenn Du mit Deinem quer-gestreiften Pullover versauern willst - meinetwegen. - Komm Maria, lass uns schauen, was ich noch anziehen kann, und was in den Altkleidersack gehört. (will mit ihr ab nach links, als...)

 

12. Szene

Bodo:        (...von links vorsichtig hereinkommt) Kuckuck. Nicht erschrecken.

 

Minna:       (dreht sich um, kann es kaum glauben) BODO! (hält die Hände vor den Mund, kann auch ihre Tränen kaum verbergen, geht schnell auf ihn zu, umarmt ihn stürmisch, jedoch auch liebevoll) Oh Bodo!

 

Bodo:        (ringt nach Luft) Mamaaa... - Du zerquetscht mich.

 

Minna:       (lässt von ihm ab, hält ihn aber an den Oberarmen fest, schaut ihn an) Kind, ich kann gar nicht glauben, dass Du hier bist.

 

Edith:        (sehr erstaunt) Bodo!

 

Maria:        Ach, der Bodo ist gekommen. Wie schön für Dich, Minna.

 

Bodo:        Hallo, Tante Edith. Tag Frau Hoffmann.

 

Minna:       (etwas streng) Soweit zu neuem Glück nur mit  buntem Outfit, liebe Schwester.

 

Edith:        Ist ja gut - reg Dich ab.

 

Maria:        Wir - äh - lassen Euch besser erstmal alleine, nicht wahr, Edith?

 

Edith:        Natürlich. Bis später, Bodo. (mit Maria ab nach links)

 

13. Szene

Minna:       Mensch Bodo. Ist das schön, Dich endlich hier zu haben. - Du bleibst doch, bis zu meinem Geburtstag?

 

Bodo:        Natürlich, Mama.

 

Minna:       Ich bin ja so glücklich, dass Du hier bist. – Tja, das hier ist also die Wohnung von Deiner Tante Edith und mir – vorübergehend natürlich.

 

Bodo:        (etwas ironisch) Natürlich.

 

Minna:       Klein aber fein, nicht wahr?! Wir haben leider kein Gästezimmer, Bodo. Aber ich denke doch, dass es Dir nichts ausmacht, bei mir im Zimmer zu schlafen – auf einer Gartenliege?

 

Bodo:        Mama, ich bin erwachsen, wann verstehst Du das endlich? – Du hast mir doch in Deinem letzten Brief geschrieben, dass dieses Mietshaus einen großen Dachboden hat, und dass ich bei meinem Besuch den benutzen darf.

 

Minna:       (leicht unsicher) Der Dachboden – achja… wir – äh – finden da eine Lösung – da bin ich ganz sicher, mein Junge. Aber nun erzähl doch. Wie geht es Dir? Wie war Deine Fahrt? Was macht das Studium? Isst Du auch genug? Du hast abgenommen, stimmt´s?

 

Bodo:        Mama, es ist alles in Ordnung. Wäre nur schön, wenn ich die Tage hier pennen könnte, weil – ein Hotel kann ich mir wohl nicht leisten. Das Bafög reicht gerade mal so für mich zum Leben in der WG, ohne jeden Luxus.

 

Minna:       Schickt Dein Vater Dir denn kein Geld? Hast Du denn überhaupt Kontakt zu Martin?

 

Bodo:        Wir telefonieren oder mailen manchmal. Aber finanzielle Unterstützung bekomme ich von ihm nicht. Er lebt in Indien fast völlig ohne Geld, soweit ich weiß.

 

Minna:       (muss weinen) Oh Gott, was hat er uns nur angetan?! Ihm alleine kann ich es verdanken, dass ich hier mit meiner zickigen Schwester hausen muss in diesem kleinen Loch.

 

Bodo:        Unser Haus hat mir auch besser gefallen, das geb´ ich zu. Und das ist jetzt verkauft?

 

Minna:       Das musste ich doch tun, Bodo. Es war zwei Jahre alt – der Kaufpreis hat gerade mal unsere Schulden abgedeckt. Nicht ein Euro ist übrig geblieben. Ich hab´ in unserer Ehe ein bisschen was gespart – aber das ist so gut wie verbraucht – und wenn ich nicht bald eine Arbeit finde oder ein Wunder passiert, dann…

 

Bodo:        (nimmt sie liebevoll in den Arm) Mama, das wird schon alles wieder. Würdest Du… also, ich meine… wenn Du Papa nach all den Monaten mal wieder sprechen oder sogar sehen könntest… wäre das ein Wunsch von Dir?

 

Minna:       Ach Bodo, ich bin da immer hin und hergerissen. Ich vermisse ihn manchmal so sehr, ich liebe ihn ja auch noch. (dann wütender) Aber dann verfluche ich ihn und stelle mir vor, was er in Indien so treibt, dieser alte Bock.

 

Bodo:        M a m a!

 

Minna:       Ist doch wahr! Deine Tante hat mir davon erzählt, wie freizügig diese Gurus mit allem umgehen. Dein Vater soll mir bloß nicht vor die Augen kommen; denn dann weiß ich nicht, was ich tue.

 

Bodo:        (etwas erstaunt) Oh. Ja, wenn das so ist, liege ich mit meinem verfrühten Geburtstagsgeschenk wohl völlig daneben. (ist zur Tür nach links gegangen, geht hinein, um Martin aus dem Zimmer zu holen)

 

Minna:       Verfrühtes Geburtstagsgeschenk? Wovon sprichst Du, Bodo?

 

14. Szene

Martin:      (kommt mit erhobenen Armen herein. Er hat sich umgezogen, trägt aber das gleiche Gewand wie vorhin – aber in einer anderen Farbe, geht auf Minna zu) Minna - ich grüße Dich. (kniet vor ihr, verbeugt sich, die Handflächen aufeinander)

 

Minna:       Mein Gott!

 

Martin:      (erhebt nun den Kopf, bleibt aber noch zunächst vor ihr unten kniend) Aber Minna. Es reicht, wenn Du mich "Eure Heiligkeit" nennst.

 

Minna:       (verstört) Eure Heiligkeit?

 

Martin:      Du sprichst die Worte der Weisheit, Minna.

 

Bodo:        (ist sodann hinter Martin wieder mit hineingekommen) Papa, nun komm mal wieder runter - äh - ich meine rauf. Außerdem hast Du gesagt, Du wolltest Dich umziehen.

 

Martin:      Ja, das hab´ ich doch.

 

Minna:       (weicht einen Schritt zurück) Gütiger Himmel, was ist nur aus Dir geworden, Martin!?

Martin:      (kommt nun hoch) Nicht mehr Martin. Das war mein Name, in einer anderen, nicht reinen Welt. Ich bin jetzt Rashid.

 

Minna:       Ich glaub´, ich brauch´ meinen Stärkungstee.

 

Martin:      Oh ja - eine wunderbare Idee. Lass uns zur Begrüßung einen Tee miteinander trinken. Einen Masala Chai. Es liegt viel Stärke und auch Ruhe in diesen wunderbaren Milchtee mit Gewürzen. Den hast Du nicht im Haus? Kein Problem - ich habe jede Menge davon mitgebracht.

                 

Minna:       (hat sich "gefangen", geht zu Bodo) Bodo - wer ist das und was will dieser Kerl hier?

 

Bodo:        Ich wollte Dich überraschen mit Papa. Aber es war allein seine Idee, hier zu Deinem Geburtstag aufzutauchen. Ich konnte doch nicht ahnen, dass seine Veränderung so extrem aussieht. Ich hab´ ihn doch auch erst vor einer halben Stunde SO das erste Mal gesehen. (leiser) Glaubst Du, dass wir ihn noch wieder zurückholen können in diese normale Welt?

 

Minna:       Scheint mir recht aussichtslos. Der ist ja völlig gaga.

 

Martin:      Dein Geburtstag naht, Minna. Ich habe es nicht vergessen. Und wir wollen das feiern, mit Musik und Tanz und wollen dabei die Worte der Weisheit predigen. Und danach nehme ich Dich mit in meinen Ashram nach Indien. Auch Du Minna sollst vom Nirgendwo ins Jetzt geführt werden und ein reines Leben führen.

 

Minna:       (holt Luft, geht dann zu ihm) Reines Leben, ja?! Wenn DAS rein ist, was Du mir hier präsentierst, dann bin ich aber lieber ein dreckiges Ferkel. Das weiß ich ganz genau!

 

Martin:      (laut) Etwas zu wissen ist gut - etwas zu tun ist Gott!

 

15. Szene

Edith:        (kommt gefolgt von Maria wieder von links herein; sie trägt nur einen Unterrock, hat ein Kleid in der Hand) Was ist hier denn für ein Lä.... (sehr erstaunt)

                  M a r t i n!!!

 

Martin:      Edith - liebste Schwägerin. (die flachen Hände zusammen in Augenhöhe, sich verbeugend)

 

Edith:        Das glaub´ ich jetzt nicht.

 

Maria:        Unfassbar - was ist aus diesem Mann geworden? Und wo kommt der so plötzlich her?

 

Minna:       Tja Edith - wie Du siehst, kann man auch mit dickmachenden Querstreifen seine Familie wieder zurückholen. - Und zieh Dir was an - hier sind Männer.

 

Edith:        Ach, das ist doch jetzt völlig egal.

 

 

16. Szene

Schneeberger: (kommt nur im Slip oder mit Handtuch bekleidet von links herein, er trägt auch eine Badehaube) Ich kann das Shampoo nicht finden, Minna.

 

Alle:          (sehr erstaunt)

 

Bodo:        Mama - wer ist das?

 

Edith:        Hilfe - was macht dieser nackte Kerl in unserer Wohnung?

 

Maria:        "Minna" - er nennt sie "Minna". Ist das vielleicht...

 

Edith:        Ja sicher. Minna - Du Flittchen!

 

Bodo:        Tante Edith!

 

Edith:        Ihr kennt mich – ich bin so. Ich bin immer direkt und sag alles grad heraus.

Martin:      Was ist das? Du hast einen anderen Mann und lebst mit dem in Sünde?

 

Minna:       (fasst sich an den Kopf, dann laut) Seid still!

 

Alle:          (schweigen)

 

Schneeberger: Minna, was ist denn hier los? Und was sind das alles für Menschen hier?

 

Edith:        Na, uns steht wohl eher die Frage zu, wer SIE sind.

 

Minna:       (geht zu Schneeberger, ist jetzt ganz "locker", hakt sich bei ihm ein) Herr Schneeberger, das ist meine Schwester Edith, mein Sohn Bodo, unsere Freundin und Nachbarin Maria Hoffmann, und das da war wohl mal mein Ehemann. Liebe Leute - das ist Herr Schneeberger.

 

Maria:        Und was will der hier?

 

Minna:       (etwas überheblich) Herr Schneeberger wird mich malen - in Öl. Und wenn ich ihm Modell sitze , werde ich dabei nur eine Perle tragen. Eine Perle aus Schweiß.

 

Edith:        Oh Gott, jetzt dreht sie völlig durch.

 

Alle:          (anderen schauen erstaunt, darin fällt schnell der Vorhang)

 

 

 

Ende des ersten Akts

 

 

 

 

 

 

 

Zweiter Akt

 

                  (Vier Tage später, am Nachmittag. Wenn der Vorhang sich öffnet, sitzt Edith auf einem Stuhl mit Frisierumhang mit Blick zum Publikum. Maria steht hinter ihr und frisiert ihre Haare. Edith ist sehr schick gekleidet. Auf dem Tisch liegen zwei Handspiegel. Irgendwo im Hintergrund an der Wand steht unauffällig schon ein Paravent)

 

1. Szene

Maria:        Wir sind gleich fertig, meine Liebe. Nur noch ein bisschen hier und hier... Du willst Dich doch schließlich von Deiner Schokoladenseite zeigen.

 

Edith:        Wozu eigentlich? Du hast vor ein paar Tagen auch gesagt, dass mir das gut tut. Und? Ich komme wieder zurück hierher und was ist dabei raus gekommen: Ich bin immer noch alleine - und meine Schwester hat ihren Mann zu Besuch, der sogar eifersüchtig ist auf diesen Schneeberger.

 

Maria:        Nun ja - das war eben Zufall.

 

Edith:        Zufall? Minna kriegt zwei Kerle auf einmal hier ins Haus. Dabei riecht sie öfter nach Grüner Seife als nach Chanel. (wehrt Maria ab) Ach, hör lieber auf damit, Maria. Ist es nicht schon schlimm genug, dass ich mit Karl-Otto die Scheidung besprechen muss?! Was bringt denn da diese Verkleidung?

 

Maria:        Ich spüre doch deutlich, dass Du immer noch schwer darunter leidest, Edith. Und egal, wie auch immer dieses Gespräch endet - Du musst Deinem Noch-Ehemann zeigen, dass noch Feuer in Dir steckt. Feuer, welches noch brennt.

 

Edith:        (hat auf ihre Armbanduhr geschaut) Maria, es ist nach halb drei. Um viertel vor zwei ist das Flugzeug gelandet. Er kann jeden Moment hier sein.

 

Maria:        Ja ja, ich bin ja gleich soweit. Jetzt halt nochmal ´ne Minute still. Ich will doch alles aus Dir herausholen, was möglich ist. (drückt ihr einen Spiegel in die Hand, nimmt den anderen und hält diesen hinter ihren Kopf) Und? Was sagst Du?

 

Edith:        (eher gelangweilt) Ja, sieht gut aus.

 

Maria:        Sieht gut aus? - Das ist perfekt. (nimmt ihr den Umhang ab, legt diesen und die beiden Spiegel in eine Tasche, welche neben dem Stuhl auf dem Boden steht)

 

Edith:        (leicht depressiv) Ja, es ist perfekt für ein Scheidungsgespräch. (steht auf) Danke Maria. Du bist wirklich sehr freundlich. (umarmt sie)

 

Maria:        Egal, was auch kommt - sieh es als Neuanfang. Und bleib stark. Und lass Dich bloß nicht über´s Ohr hauen. Wenn es wirklich zur Scheidung kommt, dann saug ihn aus. Lass Karl-Otto bluten. Schlag jeden Cent heraus, den Du kriegen kannst. ER hat sich schließlich mit diesem Früchtchen eingelassen. Nimm, was Dir zusteht.

 

Edith:        Wäre das doch alles erst vorbei.

 

Maria:        Ihr trefft euch hier in Eurer Wohnung?

 

Edith:        In einem öffentlichen Cafe ist mir das zu peinlich, wenn ich erst mein Wasser nicht halten kann.

 

Maria:        Du hast Sorgen mit der Blase?

 

Edith:        Das Wasser in meinen Augen!

 

Maria:        Achso - entschuldige. Ja, verstehe. - Das nächste Mal bist Du zu mir aber bitte sofort ehrlich. Erzählst mir, dass alles hier in bester Ordnung ist, und dabei könnt ihr nicht mal die Miete zahlen.

 

Edith:        Kannst Du Dir überhaupt vorstellen, wie peinlich sowas ist?

 

Maria:        Ich bin Eure Freundin. Und die 5000 Euro, die ich Euch geliehen habe, habe ich gerne gegeben. Hauptsache, ihr kommt erstmal zurecht.

 

Edith:        Ich hab´ keine Ahnung, ob wir Dir das jemals zurückzahlen können.

 

Maria:        Mach´ Dir doch darüber jetzt bloß keine Gedanken, Schätzchen. Jetzt steht erst das Treffen mit Karl-Otto an erster Stelle. Sag mal - bist Du denn mit ihm alleine hier? Wo sind denn die Anderen alle?

 

Edith:        Bodo hat seine Eltern zum Kaffeetrinken eingeladen. Er will versuchen, zu vermitteln. Aber das ist aussichtslos, denke ich. Du hast doch gesehen, wie durchgeknallt Martin Bullendiek ist. Und dieser Schneeberger? Keine Ahnung. Der hat hier eh nix verloren. Das ist doch ein Penner - das sieht doch jeder. Mit sowas will ich nichts zu tun haben.

 

Maria:        Minna will sich aber doch nicht ernsthaft splitternackt malen lassen von dem, oder?

 

Edith:        Meine Schwester hat ´ne Macke. Passt doch sehr gut zu ihrem Martin. Du kennst mich – ich bin so. Ich bin immer direkt und sag alles grad heraus. Aber solange ich keinen Ärger hab´ mit ihrem Leben, soll sie machen, was sie für richtig hält.

 

Maria:        Nun gut. So Schätzchen. ("Luftküsse" rechts und links bei Edith) Ich schau später wieder vorbei, wie es gelaufen ist mit Karl-Otto. (nimmt ihre Tasche, zur Tür) Und SEI stark. Es ist aus! Vorbei! Zeig ihm die kalte Schulter. Werd´ nicht schwach! Er ist es nicht wert, hörst Du?!

 

Edith:        Ja doch.

 

Maria:        Bis später dann. Du machst das schon. Tschüßßßiiiee... (ab)

 

Edith:        Tschüß, Maria. (schließt die Tür, seufzt, "schleppt" sich leicht verzweifelt zu einem Stuhl, setzt sich, nach einer Pause kommt...)

 

 

 

2. Szene

Schneeberger:(...von hinten hereingepoltert, ohne Anzuklopfen. Er hat die Staffelei dabei, einen Künstlerkasten mit Pinsel und Farbe, sowie eine unbenutzte, weiße Leinwand im Rahmen in einer Größe von ca. 50x70 cm - kann man in Sonderpostenmärkten günstig erwerben -)

 

Edith:        (erschrocken, steht spontan auf) Himmel, hab´ ich mich erschrocken.

 

Schneeberger: Oh, das tut mir sehr leid, Frau... wie war noch gleich Ihr Name?

 

Edith:        (leicht empört) Was machen Sie hier schon wieder?

 

Schneeberger: Ich möchte gerne alles vorbereiten. Frau... also Minna und ich, wir... nun, ich möchte sie doch malen.

 

Edith:        Dann war das also nicht nur eine fixe Idee?

 

Schneeberger: Aber nein - heute soll es losgehen.

 

Edith:        Hier? Bei uns in dieser Wohnung?

 

Schneeberger: Ich kann Ihre... äh...

 

Edith:        SCHWESTER! Minna ist meine Schwester.

 

Schneeberger: Natürlich. Es war der Wunsch Ihrer Schwester, dass sie mir hier Modell sitzt. Sie kann das ja auch schlecht mitten in der Fußgängerzone tun, nicht wahr?! Hähähä...

 

Edith:        Sehr komisch, Herr Schneeberger. Tun Sie mir bitte einen Gefallen, stellen Sie Ihre Sachen da irgendwo ab, und gehen Sie erstmal wieder. Ich erwarte Besuch. Und ich möchte ungestört sein bei diesem Gespräch. Minna ist derzeit eh nicht im Haus. Und ob ich es überhaupt gutheiße, dass SIE sich hier in unserer Wohnung aufhalten... nun ja, das kläre ich wohl besser mit Minna selbst.

 

Schneeberger: Sicher - wie die Dame es wünscht. Ich komme dann später wieder, wenn es recht ist. Und entschuldigen Sie bitte ein paarmal mein taktloses Eindringen. (zieht den Hut, rückwärts abgehend nach hinten)

 

Edith:        Ja ja, ist ja gut. Gehen Sie einfach.

 

3. Szene

Karl-Otto: (stößt fast mit Schneeberger zusammen, als er hereinkommt. Karl-Otto ist schick, aber leger gekleidet)

 

Schneeberger: Oh - entschuldigen Sie bitte. Ich hab´ Sie nicht gesehen.

 

Karl-Otto: (nimmt es gelassen) Come on. Kann passieren. Hinten hab´ ich ja auch keine Augen. Aber kein Problem - ist ja keiner verletzt.

 

Schneeberger: Ja. Richtig. (ab, Tür bleibt offen)

 

Edith:        (nervös) Karl-Otto!

 

Karl-Otto: (eher kühl, umarmt sie flüchtig) Edith, grüß Dich.

 

Edith:        (alles andere als "kalt" und "hart") Oh Karl-Otto, wie schön, dass Du hier bist.

 

Karl-Otto: Nun ja, come on - wir müssen das Ganze ja endlich mal zu einem Ende bringen, nicht wahr?! Du hattest Herrenbesuch?

 

Edith:        Nein nein, was Du nur von mir denkst. Das war ein... ein Niemand - Minna kennt ihn.

 

Karl-Otto: Eigentlich schade. Ich würde mich freuen, wenn es auch in Deinem Leben wieder eine neue Beziehung gibt.

 

Edith:        (wird schon "weich") Aber Karl-Otto, was Du von mir denkst. Weißt Du, Du und ich, das ist doch... (will ihm schon liebevoll den Oberarm streicheln)

 

Karl-Otto: (fällt ihr ins Wort, weicht einen Schritt zurück) Ach, merk Dir doch bitte, was Du sagen wolltest, ja?! (ruft zuckersüß zur Tür) Hasenpfötchen, komm doch rein.

 

4. Szene

Antonella: (kommt herein, schließt dann die Tür. Sie trägt ein buntes, kurzes Kleid, Handtasche, ist eine flotte junge Frau, schick frisiert, üppig - aber dennoch gut geschminkt, Schuhe mit hohen Ansätzen, geht zu Karl-Otto, schmiegt sich an ihn, gut gelaunt) Amico intimo. Hier bin ich.

 

Edith:        (kann es kaum glauben, ist geschockt)

 

Karl-Otto: Darf ich die Damen vorstellen: Edith, meine Verlobte Antonella Carducci - Antonella - meine "Noch-Ehefrau" Edith.

 

Antonella: (reicht ihr freundlich die Hand) Buongiorno, che bello, dass wir uns lernen kennen endlich. Karlo hat schon so viel erzählt von Sie.

 

Karl-Otto: Von Ihnen, Butterblümchen. Es heißt "von Ihnen".

 

Antonella: Ach, dieses deutsche Sprache ist maledetto.

 

Edith:        (hat Antonella fast wie in Trance die Hand gereicht) Butterblümchen...

 

Karl-Otto: Was sagtest Du, Edith?

 

Edith:        Maledetto - ja. Nun, Hauptsache Sie brauchen für alles andere kein Deutsch, was Sie so mit meinem Mann anstellen, Fräulein Antonella.

 

Antonella: Oh si. Vieles was Karlo und ich machen, dafür wir brauchen keine Worte, cose da matti.

 

Edith:        Wie schön - hähähä... (reißt sich dann ein wenig zusammen) Ich...äh... hab´ ja gar nicht gewusst, dass Du Deine neue Beziehung hier mit herbringst, Karl-Otto.

 

Karl-Otto: Come on, ich dachte, das würdest Du erwarten. Jede Minute ohne Antonella ist eine verlorene Minute.

 

Antonella: Oh si... (küsst ihn erotisch)

 

Karl-Otto: Engelchen, bitte - nicht hier.

 

Edith:        Ach, das ist doch völlig in Ordnung.

 

Antonella: Che bello, Edith. Du bist eine nette signora. Vielleicht wir beide können werden gute - wie sagt man? Freundinnen?

 

Edith:        (bestimmend und ironisch) Aber natürlich, Antonella. Wir beide werden sicher die besten Freundinnen der Welt. Was sollte denn bitte dagegen sprechen?

 

Karl-Otto: (hat sich umgeschaut) Hier wohnst Du jetzt also mit Minna zusammen?

 

Edith:        Uns blieb nichts anderes übrig, mein Lieber. Das Haus konnte ich mir alleine nicht leisten. Du hattest ja plötzlich andere Pläne.

 

Karl-Otto: Come on; sieht doch ganz gemütlich aus. Antonella und ich haben für 3 Tage im Cityhotel eingecheckt. Ich denke, diese Zeit sollte reichen, bis wir beide alle Fakten geklärt haben.

 

Edith:        Drei Tage, um einen Lebensabschnitt zu beenden. Oh Karl-Otto.

 

Karl-Otto: Na, jetzt sieh es mal positiv. So wie jetzt kann es ja auch nicht weitergehen. Außerdem wollen mein Schwalbenschwänzchen und ich ja so schnell wie möglich zum Traualtar.

 

Edith:        (versteht zunächst nicht recht) Dein Schwalbenschwänzchen? (schaut ihm in den Schritt, dann) Achso, ja - jetzt verstehe ich. (dann "kalt") Natürlich, Karl-Otto. Ich werde Euch beiden da nicht im Weg stehen.

 

Karl-Otto: Come on. Die Scheidung wird sicher schnell erledigt sein. Vor allem, weil unsere Ehe ja kinderlos blieb.

 

Edith:        (wütend und laut) COME ON! - Ja, das blieb sie wohl.

 

Antonella: Ich aber möchte gerne viele bambinis von meine Karlo. Ich liebe Kinder.

 

Edith:        Achwas, Antonella. Tja, wenn das so ist... Dann hauen Sie Ihrem Karlo mal ordentlich Spiegeleier in die italienische Pfanne.

 

Karl-Otto: Edith - bitte!

 

Antonella: Was meinst Du, Edith?

 

 

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