Lange danach gesucht - auf Ibiza 2012 endlich gefunden
Musiker gesucht

 

„Zwangs-Quartier

in Westerland“

 

 

(hochdeutsche Fassung)

 

 

Komödie in 3 Akten

 

von

 

Helmut Schmidt

 

 

Inhalt:

 

Die 87jährige, rüstige Anni Becker soll von ihrer Schwiegertochter in ein Pflegeheim abgeschoben werden, welches für sie selbst auf keinen Fall in Frage kommt. Heimlich fährt sie auf die Insel Sylt in ein Gästehaus in Westerland, um dort in Ruhe nachzudenken, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. Angekommen in der Pension „Haus Halligen“ muss sie feststellen, dass ihr Zimmer aufgrund eines Buchungsfehlers schon an den 28jährigen Peter Pollmann vermietet wurde, der auf der Insel die Trennung von seiner Freundin verarbeiten möchte, und absolut nicht einsieht, für die alte Dame wieder auszuziehen. Es ist Hochsaison auf Sylt, und alle Hotels und Gasthäuser dort sind ausgebucht. Anni Becker besteht jedoch auch auf ihr Zimmer. Somit wird ein Klappbett in den Raum gestellt, und Peter quartiert sie erstmal bei sich ein. Nur für eine Nacht, glaubt Peter. Bis sich eine Lösung gefunden hat. Doch dann kommt alles anders. Und dann sind da ja auch noch der Berliner Jonny und die etwas "zurückgebliebene" Püppi...

 

Jung und alt trifft hier aufeinander mit dem gleichen Problem: "Abschiebung"...

 

 

 

Spieler:  4m / 4w - 1 Bühnenbild

 

 

Anni Becker               -           Gast (87 Jahre)

 

Luise Becker              -           Schwiegertochter von Anni (50-60 Jahre)

 

Richard Hackmann    -           Lebensgefährte von Luise (ca. 60 J.)

 

Peter Pollmann           -          Gast (28 Jahre)

 

Bianca Rütgers           -           Freundin von Peter (ca. 25 Jahre)

 

Christian Welp           -           Hauseigentümer (30-50 Jahre)

 

Jonny Kolbe               -           Gast (30-40 Jahre)

 

Patricia Puder

(genannt "Püppi")       -           Nachbarin (ca. 30 Jahre)

 

 

 

Bühnenbild:

 

Das Zimmer eines Gästehauses in Westerland

auf der Insel Sylt. Im ersten Akt steht im Raum ein Bett, ein Kleiderschrank, kleiner Tisch mit 2 Stühlen, ein kleiner Schreibtisch mit Stuhl, evtl. ein Fenster (ist aber nicht notwendig für den Spielverlauf).

Auf einem kleinen Schrank ein Fernseher und ein CD-Rekorder. Nach hinten führt eine Tür zum Flur, nach rechts oder links eine zweite Tür zum Badezimmer (im Stück wird dafür jeweils „rechts“ angegeben). Alle weiteren Ausstattungen sind der Gruppe überlassen. Bühnenbildänderungen sind im Stück angegeben.

 

 

Spielzeit: Anfang bis Mitte Juli in der Gegenwart

 

Spielort: Westerland auf der Insel Sylt

 

Spieldauer: ohne Pausen ca. 100 Minuten

 

 

 

 

Erster Akt

 

                  (Wenn der Vorhang sich öffnet, ist Peter damit beschäftigt, seine Kleidung – die er einem Koffer entnimmt, welcher auf dem Bett liegt - in den Schrank zu hängen, bzw. zu legen. Aus dem CD-Rekorder erklingt, relativ laut, Hardrock-Musik*. Peter bewegt sich hin und wieder zur Musik. Es ist ein Sommertag im Juli in den Nachmittagsstunden.)

 

1.Szene

Christian:   (schließt dann vom Flur aus die Tür auf, zieht einen großen Koffer hinter sich her, ist sehr überrascht über das, was er sieht. Ihm folgt sodann Anni. Christian ist normal gekleidet mit Pullover oder Hemd, Hose; Anni – eine rüstige Witwe, in eleganter Kleidung, Handtasche, Mantel und Hut. Anni ist ebenso überrascht, als sie das Zimmer betritt. Sie geht aufgrund ihres Alters jedoch etwas langsam, bzw. benötigt einen Gehstock. Christian hat die Angewohnheit, dass er keinen längeren Satz komplett zuende spricht. Christian dann empört:) Hallo? Was ist denn hier...?

 

Peter:         (hat beide weder gesehen noch gehört, räumt weiter den Schrank ein, welcher links oder rechts im Raum steht)

 

Christian:   (geht erbost zum Recorder, stellt diesen abrupt aus)

 

Peter:         (dreht sich jetzt um, erschrocken) Aaah… (mit Christian zusammen:) Was machen Sie hier?

 

Christian:   Okay okay – ganz ruhig. Wir beantworten die gleiche Frage am besten... also erst einer, dann der... Und ich fang dann mal... Dieses Zimmer hier in meiner Pension Haus Halligen hat die Nummer 7 und ist ab heute für diese Dame hier... (deutet auf Anni). Ich selbst habe die Buchung von Frau Becker telefonisch entgegen genommen – zwar kurzfristig, aber dennoch hat sie doch... Und sie möchte nun dieses Zimmer hier verständlicherweise gerne... Da ist meine Frage, was Sie hier machen, wohl nicht ganz... Also ? Was haben Sie dazu zu... ? Na, nun reden Sie schon !

 

Peter:         (kontert leicht schnippisch und keineswegs eingeschüchtert) Meine Antwort auf Ihre Frage – was ich hier mache – lautet: Ich räume gerade den Schrank mit meinen Klamotten ein, weil ich in dieser Pension Haus Halligen schon vor 14 Tagen telefonisch gebucht habe. Ich bin vor einer knappen Stunde hier angekommen und habe dann unten am Empfang von einer jungen Frau mit dem Namen Silvia den Schlüssel von diesem Zimmer bekommen – von diesem Zimmer Nummer 7.

 

Christian:   (zunächst verwirrt) Silvia hat Ihnen…? (dann direkt) Nein nein nein – das ist völlig... das kann gar nicht... Meine Mitarbeiterin Silvia ist zwar noch nicht so lange... – aber so einen Buchungsfehler hat es in diesem Haus noch nie... ach, Du meine Güte - was machen wir denn jetzt ?

 

Anni:         Ach Herr Welp, regen Sie sich doch nicht unnötig auf. Geben Sie mir einfach ein anderes Zimmer. Auch wenn das dann etwas kleiner wäre. Auch mit einem Gemeinschafts-Bad auf dem Flur käme ich zurecht – das macht mir nichts aus.

 

Christian:   (lacht gestellt) Was glauben Sie wohl, wie gerne ich das... Aber nicht nur das Haus Halligen – sondern alle Gasthäuser auf der ganzen Insel sind komplett... Sie werden nirgendwo eine andere Bleibe... und Sie glauben gar nicht, was für ein Problem hier jetzt gerade auf mich... Ich weiß gar nicht, was ich noch denken...

 

Anni:         Ach, Du liebe Zeit. Hier sind alle Hotels und Gasthäuser belegt?! Daran habe ich gar nicht gedacht. Was machen wir denn nun?

 

Peter:         ICH habe dieses Zimmer hier gebucht und bin ja schon so gut wie eingezogen. Wenn hier etwas schief gelaufen ist, ist das nicht mein Problem. (räumt weiter ein)

 

Anni:         Nun, junger Mann; ICH habe aber auch hier gebucht. Und nur, weil ich etwas später als Sie angereist bin, heißt das ja noch lange nicht, dass Sie auch das Recht haben, dieses Zimmer zu beziehen. Telefonisch wurde mir jedenfalls ein Zimmer zugesagt.

 

Christian:   Um Himmels Willen – jetzt machen Sie hier mal keinen... - Blooooß keinen... das kann ich nun wirklich nicht...

 

Peter:         Na, holen Sie doch diese Silvia her und klären Sie das.

 

Christian:   Sie hat ja schon... ich meine, ihre Arbeitszeit ist für heute bereits... Aber keine Aufregung; das werden wir sofort... (holt sein Handy aus der Hosentasche) Ich werde das umgehend... also, wie es zu diesem Wirrwarr... Wenn Sie mich bitte eine Minute... ?! Ich bin sofort wieder... (geht schon ab zur Tür nach hinten, dreht sich dann nochmal um) Ich äh… darf Sie beide hier doch solange alleine... ? Ich meine – alleine zu zweit, während ich das Telefonat...?

 

Peter:         (und Anni gemeinsam) Wenn´s denn sein muss.

 

Christian:   (seufzt, dann schnell ab nach hinten, während er eine Nummer in das Handy eingibt)

 

2. Szene

                  (zunächst Schweigen, beide stehen im Raum, schauen sich hin und wieder an, verziehen jedoch keine Miene. Peter räumt zunächst noch ein paar Sachen ein, schließt dann den Schrank, stellt sich mit verschränkten Armen an die Wand, schaut recht böse nach vorne)

 

Anni:         (schaut Peter zunächst belustigt an, stellt ihren Koffer an eine Wand, damit er nicht mehr im Weg steht, stellt sich dann neben den Koffer, verschränkt ebenfalls die Arme, schaut auch grimmig nach vorne)

 

Peter:         (dann nach einer Weile recht barsch) Diese Situation ist großer Mist! Ich weiß, dass Sie sicher nichts dafür können - warum auch immer dieses Zimmer angeblich doppelt vergeben wurde. Aber ich kann das jetzt echt nicht gebrauchen.

 

Anni:         Glauben Sie, ich hab´ mir das so vorgestellt? Aber wieder abreisen - nur weil ich jetzt kein Zimmer bekomme; das wäre für mich wirklich zu viel.

 

Peter:         Na, fragen Sie MICH mal.

Anni:         Sie sind jung, es ist Sommer - Sie könnten es auch unter freiem Himmel oder auf einem Campingplatz gut aushalten.

 

Peter:         (schnippisch) Und gerade WEIL ich Camping hasse und auch noch nicht zu den Obdachlosen gehöre, hab´ ich mich für eine Unterkunft mit Dach und Bett auf dieser Insel entschieden und rechtzeitig gebucht. Und ich HABE ein Zimmer - nämlich dieses hier!

 

Anni:         Nehmen wir mal an, diese Silvia hat wirklich diesen Fehler gemacht und an uns beide vermietet. Dann könnten Sie doch ein Gentleman sein und mir dieses Zimmer überlassen - und SIE bestrafen diese junge Dame und ziehen solange bei ihr ein. Das müsste das Fräulein Silvia doch einsehen - als Wiedergutmachung sozusagen.

 

Peter:         Sehr witzig !

 

Anni:         Es war auch nicht ernst gemeint. Ich wollte Sie nur ein wenig aufheitern. (geht zu ihm) Nun schauen Sie doch nicht unentwegt so verbissen. Wir werden sicher eine Lösung finden. (reicht ihm die Hand) Anni Becker ist mein Name.

 

Peter:         (sieht langsam ein, dass er mit seiner miesen Stimmung auch nicht weiter kommt, reicht ihr dann auch die Hand, wird freundlicher während der nächsten Dialoge) Peter Pollmann.

 

Anni:         Na, sehen Sie. Ist doch gar nicht so schwer, ein bisschen freundlich zu sein, oder?!

 

Peter:         Was denken Sie, was dieser merkwürdige Herr uns jetzt vorschlägt?

 

Anni:         Ich bin genauso gespannt wie Sie. Das ist übrigens Herr Welp. Aber man darf ihn Christian nennen. Er ist der Hauseigentümer.

 

Peter:         Und er spricht keinen Satz zuende. Ist Ihnen das auch... ?

 

Anni:         Oh ja - das habe ich - genau wie Sie - sofort...

 

Beide:        (schauen sich kurz an, dann lachen beide los)

 

Peter:         Setzen Sie sich gerne, wenn Sie möchten. (deutet zum Tisch mit Stühlen, nimmt auch seinen Koffer vom Bett, legt diesen anderswo hin) Möchten Sie ein Glas Wasser trinken?

 

Anni:         Das wäre nach der langen Fahrt wunderbar. (geht etwas gebrechlich zum Tisch mit den Stühlen)

 

Peter:         (geht zum Schrank, holt 1 Glas hervor oder mehrere Plastikbecher, eine Flasche Mineralwasser, schenkt ein, reicht es ihr. Falls er mehrere Plastikbecher benutzt, stellt er die restlichen auf den Tisch ab) Hier!

 

Anni:         Oh Danke. (hat sich hingesetzt, trinkt) Hach, das tut gut. (reibt sich mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht das Knie)

 

Peter:         Geht es Ihnen gut?

 

 Anni:        Es geht schon. Es ist das Knie. Schon seit Jahren. Die Orthopäden kriegen das nicht mehr hin in meinem Alter. Aber ich sag mir immer: Es gibt Schlimmeres.

 

Peter:         Das ist eine gute Einstellung. Aber Sie sind doch höchstens... (überlegt) 75 ?

 

Anni:         Oh, Sie Schmeichler. Vielen Dank für die Blumen. Aber ich werde in 10 Tagen 88.

 

Peter:         (sehr überrascht, muss sich nun auch setzen. Setzt sich auf das Bett) Ist das wahr ?

 

Anni:         Ich glaube nicht, dass ich Ihnen meinen Personalausweis zeigen muss, oder ?

 

Peter:         Nein nein, natürlich nicht. Ich frage mich nur...

 

Anni:         ...was eine so alte Frau hier alleine in dieser Pension zu suchen hat ?

 

Peter:         Nun ja... das geht mich nichts an, aber...

 

Anni:         Was macht ein junger Mann wie Sie, der - nun ich schätze Sie auf Mitte bis Ende 20 - ebenfalls alleine hier auf dieser Insel ist, denn hier - obwohl er doch eigentlich nun mit seiner Freundin oder Frau zusammen am Strand liegen könnte?

 

Peter:         (schaut etwas betrübt nach unten) Tja... das frag ich mich auch.

 

Anni:         (beäugt ihn, dann vorsichtig:) Liebeskummer?

 

Peter:         (steht auf, etwas erbost) Ach, was geht Sie das an?! Wir kennen uns doch gar nicht.

 

                  (kurze Pause)

 

Anni:         Es tut weh - ich kenne das. Wenn es bei mir auch schon ein paar Jahre her ist. Sie müssen darüber nicht reden mit mir. Sie haben ja recht; wir kennen uns gar nicht.

 

Peter:         (beruhigt sich) Tut mir leid. Ich wollte Sie nicht beleidigen. (kleine Pause, geht einmal im Raum hin und her. Erzählt dann das Folgende in einer Mischung aus Wut und Enttäuschung) Vier ganze Jahre waren wir zusammen - Bianca und ich. Wir wollten heiraten in diesem Sommer. Ich habe sie wirklich geliebt. Es war ehrliche, wahre Liebe, die man sehr selten im Leben für einen anderen Menschen empfindet.

 

Anni:         Eigentlich nur 1 mal im Leben.

 

Peter:         Wir haben seit knapp 2 Jahren eine gemeinsame Wohnung und sind dann vor ein paar Wochen angefangen, die Hochzeit zu planen. Wir haben so viel Spaß gehabt dabei und waren uns auch zunächst in allen Dingen einig. Eben, dass es keine große Feier werden, sondern alles nur im kleinen Rahmen passieren soll und solche Dinge. Wir hatten auch die Trauringe schon ausgesucht.

 

Anni:         Hach, wie schön.

 

Peter:         Ja, das war es auch. - Aber dann... an einem Nachmittag, klopfte es plötzlich an unserer Wohnungstür und ER platzte herein.

 

3. Szene

Christian:   (..."platzt" spontan - ohne Anzuklopfen - in den Raum, lässt die Tür offen) Oh meine Güte, es ist eine... ich habe gar keine Worte für ein solches...

 

Anni:         (und Peter erschrocken) Herr Welp.

 

Christian:   Ich weiß gar nicht, wie ich es Ihnen sagen... Meine Angestellte Silvia hat wirklich dieses Zimmer an Sie, gnädige Frau, vermietet, obwohl es auch schon an Sie, Herr Pollmann... Ich bin völlig... Also ich bin untröstlich über diesen... und wenn ich doch nur wüsste, wie wir nun aus diesem Schlamassel...

 

Peter:         ("sauer", ironisch) Na toll, Herr Welp. Das ist wirklich eine ganz wunderbare Nachricht.

 

Anni:         Nun bleiben Sie mal ruhig - alle beide.

 

Peter:         Wie soll man denn da ruhig bleiben?

 

Christian:   Das frage ich mich jetzt allerdings... also, es ist wirklich eine...

 

Peter:         Ich brauche eine Auszeit und hab´ wirklich keine Lust, wieder abzuhauen hier. Wo soll ich denn hin, wenn alles ausgebucht ist? (kurze Pause) Aber andererseits könnte ich es niemals über´s Herz bringen, Sie (deutet auf Anni) hier einfach wieder zu verscheuchen.

 

Anni:         Das haben Sie nun aber ganz lieb gesagt, Herr Pollmann. (dann zu Christian) Und irgendein Notquartier gibt es hier nicht in diesem Haus?

 

Christian:   Leider gar nichts, gnädige Frau. Und dabei würde ich Ihnen so gerne...

 

Peter:         Zu dieser Situation kann man eigentlich nur ein einziges Wort sagen:

 

Alle:          (drei gemeinsam, nebeneinander stehend, ins Publikum schauend)

                  S C H E I S S E !!!

 

4. Szene

Jonny:        (ist plötzlich hereingekommen. Er ist Berliner, in seiner Art ein "cooler Spinner", trägt Lederhose, kariertes Flanellhemd oder Achselshirt, Stiefel, Halstuch, evtl. Tätowierungen) Hey Leute, wat is denn det hier für ´n Trouble am frühen Nachmittag, wa?! Ik wollt grad ´ne Siesta machen. Habt ihr ´n Problem, oder wat? (Tür bleibt offen)

 

Peter:         Wer ist das denn?

 

Christian:   Ach, Herr...

 

Jonny:        Jonny Kolbe. Aber ik bin für alle der Jonny. Peace Leute. (Zu Christian): Also Welpe - Haste hier irjendwat nicht im Griff? (setzt sich an den Tisch, holt Tabak hervor, beginnt, sich eine Zigarette zu drehen)

 

Alle:          (anderen schauen erstaunt)

 

Christian:   Welp. Mein Name ist immer noch Welp, Herr Kolbe. Christian Welp. Und ich bin ganz sicher kein Welpe.

 

Anni:         (eher belustigt) Das sehe ich auch so.

 

Christian:   Ich nenn Sie ja auch nicht Kolben!

 

Jonny:        Kannste ooch sagen. Obwohl mich sonst nur die Schnecken so rufen. (süffisant lächelnd): Frach mich aber nich, warum. (greift sich kurz in den Schritt) Hähähä...

 

Anni:         Hört sich so an, als wären Sie ein kleiner Don Giovanni.

 

Jonny:        Nee, mehr als zweetausend hatt ik nich, Omma. Aber sind schon ´ne ganze Menge zusammen gekommen.

 

Anni:         Oh, der Herr kennt die Oper von Mozart?

 

Jonny:        Ik liebe Amadeus, weeste?!

 

Peter:         Entschuldigen Sie mal, Herr - Jonny! Sie können doch nicht einfach dreist hier in mein Zimmer reinplatzen und sich breit machen.

 

Anni:         In MEIN Zimmer!

 

Peter:         Ich will nicht unhöflich sein, aber das ist noch gar nicht klar, Frau Becker.

 

Anni:         Eben eben - deswegen sag ich das ja.

 

Christian:   (für Anni und Peter): Äh... Herr Jonny Kolbe - ein weiterer Gast des... - seit vorgestern ist Herr Kolbe... er macht schon seit mehreren Jahren hier in meinem Haus... also...

 

Jonny:        So ist es, Welpe.

 

Christian:   Welp!

 

Jonny:        Holiday auf Sylt, wa. Jedet Jahr hier in dieser Kaschemme bei dem Welpen, wa.

 

Christian:   Also wirklich!

 

Peter:         (genervt) Ich hätt´ ganz gerne meine Ruhe hier. Ist das nicht möglich? Das ist auch mein Urlaub.

 

Christian:   Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich noch... Haben Sie denn keinen Vorschlag, ich meine...?

Peter:         Frau Becker, Sie sollten jetzt wirklich langsam einsehen, dass das so nicht geht.

 

Anni:         Genau meine Rede, Herr Pollmann.

 

Jonny:        Leute - locker bleiben. Immer janz cool durch de Hose atmen, wa?!

 

Peter:         (verärgert): Was wissen SIE denn schon - und was fällt Ihnen ein, sich hier einfach hinzulümmeln? Und Rauchen - das läuft hier schon mal gar nicht!

 

Jonny:        Hör mal, Du Spacken. Nu bleib ma schön  jeschmeidig. Ick hab´ det schon jepeilt, wat hier nich in Ordnung is. (legt ein Bein lässig über das andere) Wirtschaftskrisen, Klimawandel, Arbeitslosigkeit - dit sind Dinge, die auch Jonny nicht so schnell aus der Welt schaffen kann, weeste?! Aber dit hier - tsss... (zu Christian): Ik kombiniere mal, Welpe, Deine neue Schnecke hat diese Bude hier an zwee Jäste uff eenmal vermietet, wa?! und nu will keener kleenbei jeben und hier wieder raus - hab´ ik recht? (steckt sich die gedrehte Zigarette hinters Ohr)

 

Anni:         Sie sind ein schlaues Kerlchen, Jonny. Und wenn Sie nun in der Haut von Herrn Pollmann stecken würden - wie würden Sie das hier dann regeln?

 

Jonny:        Ik in der Haut von dem Spacken da?

 

Peter:         Passen Sie bloß auf, was Sie sagen!

 

Jonny:        (kann darüber nur lachen...) Na, also wenn icke mir hier duellieren müsst, wer dit Zimmer hier kriegt, weeste, dann würd ik...

                  (als...)

 

5. Szene

Patricia:     (...plötzlich hereinkommt. Patricia ist zwar nicht geistig behindert; in ihrer Art jedoch oft eher linkisch, unbeholfen, leicht zurückgeblieben, aber verbal auch dreist. Dementsprechend ist auch ihre optische Erscheinung. Bunte, außergewöhnliche Kleidung, das Haar wirr mit Spangen, Blumen o.a. Sie hat ein "Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel" unterm Arm) Hallo ! Hier seid ihr alle.

 

Jonny:        Hey Püppi - grüß Dich!

 

Christian:   Oh nein. Nicht auch DIE noch! Das ist ja...

 

Patricia:     (etwas verschämt): Hallo Jonny. Guten Tag, Onkel Welp.

 

Peter:         Sagt mal, ist hier irgendwo ein Nest? Warum laden wir nicht gleich alle Gäste vom ganzen Haus hier in dieses Zimmer ein?

 

Jonny:        Det is ´ne jeile Idee, Spacken.

 

Christian:   (überfordert, fasst sich mit den Fingern an die Stirn): Äh - Herr Pollmann - Frau Becker - darf ich vorstellen: Patricia Puder - eine Nachbarin und...

 

Jonny:        ...und immer meine beste Freundin, wenn ik hier Urlaub mache, is det nich so, Püppi? (gibt ihr einen Klapps auf den Hintern)

Patricia:     Huch... (schaut dann beschämt nach unten) Wenn Du das sagst, Jonny.

 

                  (Christians Handy klingelt)

 

Christian:   Hach, auch das noch. Sie entschuldigen mich?! (holt das Handy aus seiner Hosentasche, ab nach hinten, jetzt schließt er auch die Tür)

 

6. Szene

Peter:         Sagt mal, bin ich hier in einem Irrenhaus untergebracht? (geht zum Tisch, schenkt sich während des nächsten Dialogs das Glas oder einen Becher voll mit Mineralwasser)

 

Patricia:     Neue Gäste hier?

 

Anni:         (ist aufgestanden, geht zu den beiden): Ein wenig ungewöhnlich ist das hier alles schon, Peter. Da haben Sie wirklich recht. (reicht Jonny die Hand) Anni Becker.

 

Jonny:        Cool. Ik bin der Jonny,wa. Und ik bin auf Ihrer Seite, Omma.

 

Peter:         (mit leichtem Hass in den Augen) Vielen Dank. Sehr freundlich.

 

Anni:         (reicht dann Patricia die Hand) Hallo Frau Puder.

 

Patricia:     Hallo. Aber sag doch Püppi zu mir, das machen alle hier auf der Insel.

 

Anni:         Na, wenn wir uns dann noch öfter sehen sollten hier... (geht zurück zu ihrem Stuhl, auf dem sie saß)

 

Patricia:     Bestimmt.

 

Peter:         (hat jetzt das Glas angesetzt, trinkt)

 

Patricia:     (zu Jonny): Soll ich Dir einen blasen, Jonny?

 

Peter:         (prustet in hohem Bogen das Wasser aus seinem Mund heraus)

 

Anni:         (muss schmunzeln) Oh, mein Gott.

 

Jonny:        (zu Anni): Siehste Frau Anni, det Wohn-problem löst sik hier gleich von ganz alleene. Der Spacken is total geschockt.

 

Peter:         (empört) Ich hab´ dafür gar keine Worte, was ich bin. (wischt sich den Mund mit seinem Ärmel ab) Ich... ich...

 

Jonny:        Uff´m Teppich bleiben. Kiek Dir die Anni an, wie fluffig die bleibt.

 

Anni:         Na ja...

 

Jonny:        Püppi macht mir seit Jahren immer wieder dit Anjebot.

 

Patricia:     (stolz) Ja, das tu ich wohl!

Jonny:        Und ik hab´ immer abjelehnt bisher. Wobei ik det Wort "bisher" betonen möcht´.

 

Peter:         (ironisch): Wie schön. Vielleicht sollten Sie Ihre sexuellen Absprachen und Ausführungen aber doch lieber woanders regeln. Das hier ist MEIN Zimmer und ich wohne hier! Alleine!

 

Anni:         Noch sind wir zu zweit.

 

Jonny:        (muss lachen) Is det jeil hier. - Püppi, ik dank Dir für Deine Frage - aber heute nich, wa?!

 

Patricia:     (ein bisschen enttäuscht) Okay. - Und was ist mit "Mensch-ärgere-Dich-nicht"?

 

Peter:         Na, DAS ist ja mal ´ne Alternative!

 

Jonny:        Spielen wir später, Püppi, wa?! - Darf ik? (deutet auf das Wasser)

 

Peter:         Aber bitte. Fühlen Sie sich hier ganz wie zuhause.

 

Jonny:        (schenkt sich Wasser ein, während der nächsten Dialoge)

 

Patricia:     (geht dann zu Peter, reicht ihm die Hand) Ich bin Püppi. Hallo.

 

Peter:         (mit leichtem Widerwillen) Hallo.

 

Patricia:     Du machst Urlaub hier in Westerland, ja?! Schön. Ich wohne hier direkt gegenüber und Onkel Welp hat nichts dagegen, wenn ich ab und zu mal rüber komm.

 

Peter:         Super. Toll. Ganz großartig.

 

Patricia:     Nicht wahr?! - Ich mag Dich. Du bist nett.

 

Peter:         Vielen Dank.

 

Patricia:     Soll ich Dir einen blasen?

 

Jonny:        (hatte soeben getrunken, prustet das Wasser jetzt aus seinem Mund heraus, wie Peter vorhin)

 

Peter:         (aufgebracht): Raus hier! Alle beide! - Frau Becker, wenn auch noch nicht klar ist, wer dieses Zimmer hier letztenendes bekommt - DIESE beiden gehören definitiv nicht hierher.

 

Anni:         (ruhiger): Herr Jonny - Fräulein Püppi - da hat Peter wohl recht. Seien Sie doch bitte vernünftig und lassen Sie uns diese Sorge unter vier Augen aus der Welt schaffen.

 

Patricia:     Ist gut. Ich wollte ja auch gar nicht stören. (geht schon zur Tür, bleibt dort aber noch stehen)

 

Jonny:        Für Dich mach ik det jern, Omma Anni. Aber wenn ihr mich fragt... (zu Peter): Mach doch nich so ´n Stress hier - Im Keller steht een Klapp-Bett, weeste!? Stell det hier in diesem Zimmer mit uff - det wird schon easy für ´n paar Tage mit Euch beede zusammen. Ik hol det jerne für Euch ruff und stell det hier in den Flur vor der Tür. Könnt ja drüber nachdenken, wa?!

 

Peter:         Ja, soweit kommt das noch. Vielen lieben Dank für diesen tollen Einfall.

 

Jonny:        Aber jerne - aber immer doch! (verbeugt sich vor Anni, nimmt ihre Hand, gibt ihr einen Kuss darauf) Muttchen, det war mir eine Ehre Ihre Bekanntschaft machen zu dürfen, wa ?!

 

Anni:         (lächelnd): Ganz meinerseits, Herr Kolbe.

 

Peter:         Ich kotz gleich.

 

Jonny:        (dann auch an der Tür): Spacken - halt die Ohren steif! Ik kiek ma wieder rin, wer die Schlacht um die Bude jewonnen hat, wa?!

 

Peter:         Ja - Du mich auch, wa?!

 

Patricia:     (lustig winkend): Tschüsssiii...

 

Beide:        (ab)

 

7. Szene

Peter:         (schaut Anni eine Zeitlang schweigend mit finsterem Gesichtsausdruck an)

 

Anni:         Nun schauen Sie nicht so grimmig, Herr Pollmann. Ich kann nichts dafür - und außerdem sind das auch nur Menschen.

 

Peter:         Oh ja - und was für welche! Supermann aus Berlin und eine völlig durchgeknallte Nymphomanin, die anscheinend gar nicht weiß, was sie sagt. - Sagen Sie, das nervt Sie alles gar nicht?

 

Anni:         Ach Peter. Sehen Sie doch nicht alles so verbissen. Dieser Herr Kolbe wollte doch eigentlich nur helfen. Und Berliner haben nun mal ´ne freche Schnute. Die muss man so nehmen wie sie sind. Und das Fräulein Püppi tut mir leid. Sie ist ganz offensichtlich ein wenig behindert. Schön zu wissen, dass Jonny sie nicht schamlos ausnutzt. Aber wenn das arme Ding erst an den Falschen gerät...

 

Peter:         Muss ICH mir darüber Gedanken machen? Ich kenne diese Leute doch gar nicht. Und Elend auf dieser Welt gibt es immer. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Da kann ich eh nix ändern. Und Sie auch nicht. Ich hab´ andere Sorgen. Ich hab´ kein Zimmer.

 

Anni:         Haben Sie nicht? So plötzlich? Das heißt, Sie überlassen mir nun doch...?

 

Peter:         (schnell): Nein nein. So hab´ ich das nicht gemeint.

 

                  (kurze Pause)

Anni:         Was halten Sie denn von Jonnys Vorschlag. Ich meine, dieses Klappbett hier mit hinein zu stellen?

 

Peter:         (barsch): Das fragen Sie noch? Das kommt überhaupt nicht in Frage. Das war die dümmste Idee, die ich je gehört hab´. - Ich schnarche, ich rede im Schlaf; ich möchte jeden Tag solange schlafen, wie es mir gefällt, nicht jeden Morgen 30 Minuten an eine verschlossene Badezimmertür klopfen müssen, will meine Musik hören - Hardrock, verstehen Sie. Und zwar zu den Tageszeiten, die ich bestimme -  und auch so laut, wie ich es für richtig halte.

 

Anni:         Sehr selbstbewusst, dieser Peter Pollmann.

 

Peter:         Das darf ich im Urlaub auch sein. (kurze Pause) Frau Becker - wir werden hier keine Lösung finden. Aber ich möchte auch fair bleiben. Was halten Sie denn davon, wenn wir losen um das Zimmer? (geht zum Schrank, sucht Streichhölzer, findet, holt 2 heraus)

 

Anni:         Ich hab´ in meinem ganzen Leben noch nie um eine Unterkunft gelost. Aber ich denke Peter, es wird wohl wirklich keine andere Möglichkeit geben für uns zwei. - Und wenn Sie den Kürzeren ziehen?

 

Peter:         Dann hau ich wieder ab. Ist dann eben so. Ich werd´ nicht sauer sein - versprochen. - Aber was ist, wenn Sie nicht das längere Hölzchen ziehen?

 

Anni:         Dann reagiere ich ebenso wie Sie es tun würden.

 

Peter:         Und das wäre wirklich in Ordnung?

 

Anni:         Es ist ein Spiel. Und dabei gibt es nun mal Gewinner und Verlierer.

 

Peter:         Okay. Es ist furchtbar, was wir hier machen, aber mir scheint, es ist der einzige Weg. (zeigt ihr die Hölzchen, eines ist kürzer) Hier, Frau Becker. Ein Kurzes - ein Langes. Sie dürfen ziehen. (hält dann beide Hände hinter seinen Rücken, "mischt") Achtung - gleich geht´s los

 

8. Szene

Christian:   (hat kurz angeklopft, kommt dann ohne Aufforderung herein) Entschuldigen Sie bitte ein paarmal. Es ist grundsätzlich eine Schande, was ich Ihnen hier jetzt... aber ich könnte Ihnen vorschlagen, dass...

 

Peter:         (genervt) Mann eh - was ist denn schon wieder? Wir losen gerade um diese Unterkunft. Ganz schön traurig, was Sie hier mit uns machen.

 

Christian:   Ich weiß - ich weiß. Sie haben ja so... Es ist nicht zu entschuldigen, und deshalb hab´ ich... Ich würde von Ihnen beiden für die Dauer Ihres Aufenthalts nur den halben Preis berechnen, als kleine... nun ja...

 

Anni:         Entschädigung?

 

Christian:   Die gnädige Frau spricht aus, was ich gerade...

 

Peter:         (ironisch) Halber Preis - na super. Aber ein zweites Zimmer haben Sie nicht gerade im Angebot?

 

Christian:   Wie Sie bereits wissen - das war ja schon soweit... Aber der Herr Kolbe - also Jonny, der war gerade so freundlich, und hat das transportable Gästebett von unten... es steht schon hier vor der... also... ich dachte - wenn niemand von Ihnen freiwillig verzichten... dann wäre das - zwar eine sehr unglückliche - und sicher keine gute... aber...

 

Peter:         (barsch) Vergessen Sie es. Kommt nicht in Frage. Wir losen um das Zimmer und nun gehen Sie bitte.

 

Anni:         Ja, so haben wir es gerade abgesprochen, Herr Welp. Aber dennoch vielen Dank für Ihre Mühe.

 

Christian:   Worte können einfach nicht ausdrücken, wie sehr... und wie Sie ja auch wissen bin ich untröstlich für das, was Ihnen hier...

 

Peter:         R a u s !!!

 

Christian:   Ja. Ja sicher. (schnell ab)

 

9. Szene

Peter:         (schüttelt mit dem Kopf, hält Anni dann in einer Hand die beiden Hölzchen hin) So. Bittesehr, Frau Becker. Unser Schicksal liegt nun in den Streichhölzern.

 

Anni:         (seufzt) Ja. Ich ziehe ein Streichholz und entscheide gleichzeitig über das Glück und Leid eines Menschen. Ich kann mir nichts vorstellen, was schrecklicher ist.

 

Peter:         Denken Sie nicht weiter darüber nach und ziehen Sie einfach.

 

Anni:         (kneift die Augen zu, zieht dann ein Hölzchen, hält es in der Hand, öffnet die Augen, schaut darauf) Oh...

 

Peter:         (tut gleiches) Oh...

 

Anni:         Tja...

 

Peter:         Das tut mir leid - wirklich.

 

Anni:         Ist schon gut, Peter. Sie waren ja auch zuerst hier im Haus.

 

Peter:         Das spielt keine Rolle. Ich.. ich fühle mich jetzt plötzlich gar nicht gut.

 

Anni:         (steht auf) Aber warum denn nicht? Wir haben gelost und ich hab´ verloren. So einfach ist das. Herzlichen Glückwunsch. Das Zimmer gehört Ihnen.

 

Peter:         Das ist... das hab´ ich nicht gewollt. Und das tut mir wirklich aufrichtig leid für Sie.

 

 Anni:        Nun ist es aber gut. Wenn es Ihnen für mich so leid tut, dann hätten Sie ja freiwillig verzichten können. (geht schon zu ihrem Koffer, schließt ihren Mantel, bzw. zieht diesen an, falls sie ihn ausgezogen hatte, setzt den Hut wieder auf) Also machen Sie sich hier einen schönen Urlaub und lassen Sie sich nicht stören, während Sie schnarchen, zu jederzeit in Ihr freies Bad gehen und Ihre laute Hardrock-Musik hören.

 

Peter:         (schaut nach unten, fühlt sich in dieser Situation unwohl) Ja... - aber was machen Sie denn nun?

 

Anni:         Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. (reicht ihm die Hand) Lassen Sie sich darüber keine grauen Haare wachsen. Es war schön, Sie kennen zu lernen, Herr Pollmann.

 

Peter:         (reicht ihr auch die Hand, lässt diese gar nicht mehr los) Ja, das kann ich nur zurückgeben.

 

Beide:        (stehen eine Zeitlang da, schauen sich schweigend an, Peter lässt Annis Hand dann los)

 

Anni:         Was ich allerdings sehr schade finde...

 

Peter:         Ja?

 

Anni:         Ich konnte Ihre Geschichte nicht zuende hören. Ich hätte schon gerne gewusst, weshalb Ihre Hochzeit nicht stattgefunden hat und wer bei Ihnen plötzlich vor der Tür stand.

 

Peter:         Ja. Was soll ich sagen? Wenn Sie wollen und Sie noch ein wenig Zeit haben, dann erzähle ich Ihnen das noch.

 

Anni:         Sehr freundlich. Doch unter den momentanen Umständen ist es dann doch wohl besser, wenn wir uns nicht so sehr anfreunden. Aber ich wünsche Ihnen wirklich von Herzen alles alles Gute. (geht schon mit ihrem Koffer zur Tür, aber nicht öffnen)

 

Peter:         Warten Sie doch noch.

 

Anni:         Wozu? Was ist denn noch?

 

Peter:         Ich... ich würde Ihnen doch gerne noch erzählen, was passiert ist. Nehmen Sie doch bitte noch wieder Platz. 5 Minuten - bitte. Einfach so. Wissen Sie, Frau Becker, wenn wir uns auch vielleicht nie wieder sehen; eine angefangene Lebens-Geschichte sollte zuende erzählt werden.

 

Anni:         (schmunzelt, lässt sich dann überreden, seufzt) Na gut. Ich höre.

 

Peter:         (freut sich, dass Anni zuhört): Nun, wo war ich stehen geblieben? Die Hochzeitsfeier mit Bianca. Es sollte keine große Feier werden, alles nur im kleinen Rahmen passieren. Die Trauringe waren ausgesucht. - Und dann... an einem Nachmittag, klopfte es plötzlich an unserer Wohnungstür und ER platzte herein.

10. Szene

Luise:        ("platzt" sodann in den Raum, nachdem sie kurz angeklopft hat, empört, als sie Anni sieht): Schwiegermutter! (Luise ist in ihrer Art leicht arrogant, trägt Kostüm, Hut, evtl. Pelzmantel. Sie ist für einen Alltag und diesen Besuch zu sehr "overdresst")

 

Richard:    (folgt Luise sogleich, Tür zu. Richard auch eher nobel gekleidet, mit Anzug, Krawatte o.a.) Guten Tag.

 

Anni:         (und auch Peter sehr überrascht): Luise - Richard! Was macht Ihr denn hier?

 

Peter:         Guten... guten Tag. (ahnt, dass dieses Familienangehörige von Anni sein könnten, geht während der nächsten Dialoge schweigend etwas weg von den dreien)

 

Anni:         Wie habt Ihr mich gefunden? Und so schnell? Und warum seid ihr hier?

 

Luise:        (zu Richard): Nun hör Dir meine Schwieger-mutter an, Richard. Warum seid ihr hier, fragt sie.

 

Richard:    Wir haben uns Sorgen gemacht. Große Sorgen, Schwiegermutter.

 

Anni:         (barsch) Ich bin ganz sicher nicht Deine Schwiegermutter, Richard Hackmann. Wie oft soll ich Dir noch sagen, dass Du mich nicht so nennen sollst! (betrübter): Nur weil Du (zu Luise) Dir schon 6 Monate nach dem Tod meines Sohnes wieder einen neuen Liebhaber anlachst, bin ich mit Dir (deutet auf Richard) noch längst nicht verwandt. - Gott hab´ ihn selig, meinen lieben Heiner.

 

Luise:        (zu Richard): Frech und keck wie eh und je, unsere gute Anni.

 

Anni:         Was ist nur aus Dir geworden, Luise?! Ich hab´ Dich lange Zeit als meine eigene Tochter gesehen. Und kaum ist Heiner unter der Erde, legst Du Deine Maske ab. Wie kann man sich nur so schnell so verändern? Weinst Du Deinem Ehemann denn nicht eine einzige Träne hinterher?

 

Luise:        Verschone mich doch bitte mit diesen Sentimentalitäten.

 

Richard:    Sag uns lieber, was Du hier auf Sylt machst. Kein Brief, kein Hinweis von Dir - zum Glück hattest Du der Nachbarin Gerda Beening von Deinen Plänen erzählt. Und sie hat sich sogar an den Namen dieser Pension hier erinnert. Wir haben noch nie soviel Angst um Dich gehabt.

 

Anni:         Hach, Gerda Beening, diese alte Tratsche.

 

Luise:        Wir sind ihr zu tiefem Dank verpflichtet. Und dann dürfen wir den langen Weg hierher antreten um Dich in Westerland aufzuspüren. Unglaublich, sowas.

 

Richard:    Also, Anni - was um alles in der Welt hat Dich veranlasst, hierher zu fahren, ohne uns ein Sterbenswörtchen zu sagen? Und was ist das für eine Pension hier - was für ein Zimmer, und wer ist dieser junge Mann da?

 

Peter:         Also, ich bin...

Anni:         (lässt Peter nicht zu Wort kommen): Ihr fragt mich, was ich hier will? Ihr habt Angst um mich und Euch Sorgen gemacht? - Selten so gelacht. - Was denkt ihr denn bitte, was in mir vorgegangen ist vorgestern, als ich von Euch beim Abendbrot aus heiterem Himmel erfahre, dass ihr zum 1. August ein Zimmer im Pflegeheim für mich reserviert habt? Niemand muss mich pflegen. Ich kann noch gut für mich selbst sorgen. - Vertrieben von Euch aus meinem eigenen Haus. Schämen solltet Ihr Euch!

 

Luise:        Schwiegermutter - Du musst das verstehen. Wir brauchen den Platz.

 

Anni:         (voller Ironie): Ja sicher. - Hast Du Kinder mit meinem Sohn in die Welt gesetzt? Nein! - Nur weil Du plötzlich mit dem Malen angefangen hast, und Dir Dein neuer Lover in den Kopf setzt, dass Du einen eigenen Raum im Haus dafür brauchst, muss die Schwiegermutter abgeschoben werden ins Heim. Heiner würd´ sich im Grab umdrehen, wenn er das könnte.

 

Richard:    So darfst Du das nicht sehen.

 

Anni:         Ach nein? Wie muss ich das denn sehen, Richard Hackmann? (betrübt, leicht weinerlich) Mein Heiner hätte das niemals zugelassen. Niemals! - Nur der liebe Herrgott mag wissen, warum Ihr mir das antut. (dann wieder resoluter): Und deshalb bin ich geflüchtet. Ja. Weg von Euch. Hierher auf diese Insel um nachzudenken, ob ich es zulassen will, die letzten Jahre meines Lebens in einem Altersheim zu verbringen.

 

Peter:         Frau Becker - was sollten Sie denn in einem Altersheim?

 

Anni:         Tja...

 

Luise:        Mischen Sie sich da bitte nicht ein, junger Mann - wer auch immer Sie sein mögen.

 

Peter:         (barsch): Ich wohne hier. Das ist mein Zimmer. Noch Fragen?

 

Luise:        Ach, da schau an. Und Sie haben gerade Besuch von meiner Schwiegermutter, oder wie darf ich das verstehen?

 

Peter:         Tsss...

 

Richard:    Anni, niemand hat etwas dagegen, wenn Du Urlaub machen möchtest. Aber das hier sind doch auch nur ein paar Tage - und dann? Wohin willst Du dann?

 

Anni:         Ich... ich... (muss dann weinen) Ich weiß es nicht. Ihr wollt mich ja nicht mehr.

 

Peter:         (geht zu Anni, legt tröstend seinen Arm um sie, gibt ihr auch ein Taschentuch)

 

Luise:        Ach schau mal, Richard - wie süß.

 

Richard:    Ja, hier kannst Du doch auch nicht bleiben. Oder willst Du auf Dauer dieses Zimmer hier mieten? Das wird nicht funktionieren. Und was das alleine kosten mag?

Luise:        Eben.

 

Anni:         (weinerlich): Ich... ich hab´ ja nicht mal dieses Zimmer hier.

 

Luise:        Da schau an. Gab´s Schwierigkeiten bei Deiner kurzfristigen Buchung? Sowas aber auch... Na dann komm her und sei vernünftig. Du kommst jetzt mit nach Hause und in zwei Wochen ziehst Du dann um in das Reilstift. Es wird Dir schon gefallen. Stell Dich nicht so an.

 

Peter:         (bestimmend): Das kommt überhaupt nicht in Frage! Anni bleibt hier - hier bei mir in dieser Pension - in diesem Zimmer.

 

Luise:        Ach, und das entscheiden Sie, ja?! Und wo soll sie nächtigen, meine gute Schwieger-mutter? (belustigt): Oder wollen Sie zusammen in diesem schmalen Einzelbett schlafen? (deutet auf das Bett, dann zu Richard): Das reinste Liebesnest, Richard. In Westerland auf Sylt. Wie romantisch.

 

Peter:         (geht zur Tür, öffnet diese) Ihre Schwiegermutter wird alleine dieses Bett hier benutzen. (zieht das Klappbett herein): Ich schlafe auf diesem Bett hier.

 

Richard:    Paah... holt der ein Klappbett rein.

 

Peter:         Genau! Und so schnell wie ich dieses Klappbett hier reingeholt hab´, werden Sie hier jetzt verschwinden - auf der Stelle!

 

Luise:        Wie peinlich. (zu Anni): Du willst doch nicht ernsthaft hier bleiben?

 

Anni:         (weint, schaut nach unten)

 

Peter:         (an der Tür, laut:) DOCH! Das will sie!

 

Richard:    Nun werden Sie mal nicht laut, junger Mann.

 

Luise:        Wir gehen. Aber wir kommen wieder. Schneller als Du denkst, Schwiegermutter. (erhobenen Hauptes gefolgt von Richard ab)

 

Peter:         (knallt die Tür zu, geht dann zu Anni, kniet sich tröstend neben sie) Alles wird gut. Gemeinsam wird uns sicher eine Lösung einfallen. Nicht mehr weinen. Denn wissen Sie - ich habe ein ähnliches Problem wie Sie.

 

Anni:         (schaut überrascht hoch)

 

 

BLACKOUT

 

Vorhang

 

 

 

Ende des ersten Akts

 

Zweiter Akt

 

                  (9 Tage später. Irgendwo im Raum steht nun das Klappbett aufgebaut an einer Wand mit Bettzeug. An der hinteren Wand hängen 5-7 große Plakate, mit großer Aufschrift. Darauf: "Mittagsruhe von 13 - 14 Uhr"; "Ab 22 Uhr - Nachtruhe"; "Badbenutzung morgens: Anni: 8:00 - 8:30 Uhr - Peter: 8:30 - 9:00 Uhr"; "Musik hören nur nach Absprache"; "Diskretion"; "Rücksicht"; "Nicht im Zimmer rauchen". Es ist ca. 13:30 Uhr. Wenn der Vorhang sich öffnet, liegt Anni in dem Bett - welches schon im Zimmer stand - schläft. Auf dem Bett liegt Annis Rock und ihre Bluse. Neben dem Bett auf dem Fussboden steht ein Wecker. Dann klingelt der Wecker)

 

1. Szene

Anni:         (erwacht langsam, holt einen Arm unter der Bettdecke hervor, sucht "blind" nach dem Wecker, findet, stellt ihn ab. Nimmt den Wecker dann in die Hand, führt ihn zu ihren Augen, schaut darauf, leicht erschrocken, richtet sich dann auf) Du hast viel zu spät geklingelt, du dummes Ding. Auf kurz nach eins hatte ich dich eingestellt. Auf Nichts ist mehr Verlass heute. (steht auf, zieht den Rock und die Bluse an, geht dann ins Bad. Nach einer kurzen Pause klopft es an der Tür. Anni kommt aus dem Bad, ist noch dabei, ihr Haar zu kämmen oder zu bürsten, öffnet dann die Tür)

 

2. Szene

Jonny:        (kommt herein; er hat eine CD in einer Hülle in der Hand, sowie einen Tür-Schlüssel an einem Anhänger) So, da bin ik schon wieder, Omma.

 

Anni:         (überrascht) Herr Kolbe, so schnell sind Sie zurück?!

 

Jonny:        Na klar. Ik bin wie der Wirbelwind, weeste?!- Und Muttchen; alles Roger in Kambodscha?

 

Anni:         (belustigt): Ich denke schon. Obwohl ich recht lange nicht mehr in Asien war, Herr Kolbe.

 

Jonny:        Det is Humor, den ik mach, Omma. - Aber hör uff, mir Herr Kolbe zu nennen. Ik bin der Jonny. Det hab´ ik Dir vor 9 Tajen schon jesacht. Un det "SIE" will ik ooch nich mehr hör´n. (lässt sich auf einen Stuhl "fallen", streckt die Beine aus)

 

Anni:         Okay - Jonny und "Du"! Aber nur unter der Bedingung, dass Du mich nicht mehr Omma nennst. Dann fühl ich mich so alt. Ich bin doch erst 87.

 

Jonny:        Aber nich mehr lange, Omma. In... (schaut auf die Uhr) jut 10 Stunden biste zwee mal 44.

                 

Anni:         (belustigt) Ja. Und trotzdem heiße ich Anni. Aber "Muttchen" lass ich gerade noch durchgehen - wenn auch ungern.

 

Jonny:        Hast jewonnen, Omm... äh... Mutt... ik meen - Anni.

 

Anni:         Entschuldige bitte; ich bin noch gar nicht wieder richtig salonfähig - ich gönne mir immer einen kleinen Mittagsschlaf. (richtet das Haar noch mit den Handflächen, auch die Kleidung, geht dann zum Bad, bringt die Bürste - bzw. den Kamm - weg)

 

Jonny:        Du siehst doch immer jut aus. Aber jetzt sach mal - WAR det ne jute Idee von mir, das de mit dem Spacken Pollmann hier zusammen hausen sollst? War es det? Na, war es det?

 

Anni:         Ach Jonny. Was niemand für möglich gehalten hätte und eigentlich aus einer Not heraus passiert ist, funktioniert hier seit über einer Woche wirklich sehr gut. Und ich genieße die Stunden mit Dir, dem Peter und auch mit Püppi wirklich sehr. (setzt sich zu ihm)

 

Jonny:        Siehste. Stell Dir vor, Du hättst ´ne Bude alleene jekriggt hier. Dann hättste uns sicher jar nich kennenjelernt; oder uns jrad mal beim Frühstück jesehn - und vielleicht mal jefragt, ob ik Dir den Korb mit de Schrippen reichen kann, wa?!

 

Anni:         Ihr tut mir alle sehr gut. Ohne Euch wäre ich sicher schon verzweifelt hier. Aber nun erzähl Du - hast Du was erreicht in Hamburg?

 

Jonny:        (hebt den Schlüssel hoch, reicht ihr den) Hier is der Schlüssel. Und det war mir eene Ehre, det ik wat tun konnt für Dich, Anni. Und ik muss sagen - det sieht allet jar nich schlecht aus.

 

Anni:         (nimmt den Schlüssel entgegen) Danke Jonny. Das hört sich doch schon mal gut an. (steht auf, geht zum Schrank, holt ihre Handtasche hervor, verstaut den Schlüssel darin, holt ihr Portemonnaie heraus)

 

Jonny:        Ik kann Dir aber morjen erst mehr sagen, weeste?! (steht auch auf, schaut sich die Schilder an der Wand an) Und det mitte Rejeln hier det klappt ooch?

 

Anni:         Zuerst fand ich´s recht albern - aber so gibt es kaum Schwierigkeiten mit dem Zwangs-quatier hier.

 

Jonny:        Ik sach ja - meene Ideen sind jut und jeil.

 

Anni:         Genau. Jut und jeil. (lacht)

 

Jonny:        Eh, Moment mal. Wat is ´n det hier? (deutet auf das Schild "Nicht im Zimmer rauchen") Det is neu. Det kenn ik noch nich. - (leicht erbost) Da macht der Spacken mich hier am erste Tach noch an, als ik mir hier eine jedreht hab´,  und nu musste ihn mit so ´ner Rejel noch in de Schranken weisen, wa?!

 

Anni:         (leicht beschämt) Ähm... nein, ganz so ist es nicht, Jonny. Das Schild hat Peter geschrieben - für mich. Ich rauch ab und zu ganz gerne mal eine.

 

Jonny:        Ik brech zusammen, wa?! Omma, Muttchen und Anni - ihr werdet mir immer sympathischer - ihr alle drei.

 

Beide:        (lachen)

 

Anni:         Die Schilder können aber wieder entfernt werden. Peter und ich kennen die Regeln jetzt. (holt dann zwei Hundert-Euro-Scheine aus ihrer Geldbörse, reicht ihm diese) Hier. Das ist für Dich. Damit Du zumindest das Fahrgeld wieder hast.

 

Jonny:        Kommt nich in Fraje, wa?! Det können wir rejeln, wenn allet unter Dach und Fach is. Vorher nehm ik keenen Cent von Dir.

 

Anni:         (zuckt mit dem Schultern, steckt das Geld wieder weg) Ja, wenn Du meinst.

 

Jonny:        Aber ik hab´ wat für Dir. Hab´ ik Dir jebrannt. Ik denke, dat Du det machst. Und der Spacken hat doch seinen Ghetto-Blaster hier. (gibt ihr die CD)

 

Anni:         (schaut darauf, erfreut): "Das Beste von Mozart". Oh Jonny - und selbstgebrannt. Das ist eines der schönsten Geschenke, das ich je bekommen hab´. Aber das hättest Du mir erst morgen schenken sollen.

 

Jonny:        Für Deinen Jeburtstag hab´ ik noch wat anderet, weeste?!

 

Anni:         (dreht die Hülle der CD um, liest) Das Adagio des Klarinetten-Konzerts ist mein Lieblings-Stück. Es rührt mich immer wieder zu Tränen.

 

Jonny:        Mir ooch. Besonders wenn die Jeijen einsetzen. Weeste, Anni, nur die Jeije kann jedet Jefühl ausdrücken. Det gibt keen Instrument, wat mehr Emotionen hat, wa?! Und man muss nich uff ihr druff schlajen oder se drücken oder hart rannehmen, damit se ihre Töne von sik jibt. Man muss se bloß streicheln, wa?!

 

Anni:         Das hast Du sehr schön ausgedrückt.

 

Jonny:        Und jerade Wolfjang Amadeus hatte det druff, die Jeijen perfekt einzusetzen in seine Kompositionen. Weeste, dat det Klarinetten-Konzert sein Letztet war? Er hat det 1791 komponiert.

 

Anni:         Du kennst Dich ja sehr gut aus. Wer hätte das gedacht? - Er war ein Genie, dieser Mozart. Vielen Dank für so ein schönes Geschenk.

 

Jonny:        (an der Tür) Keen Ding. Hauptsache, Du freust Dir. Ik loof jetzt zum Meer. Ik kiek mir so jern die leichtbekleideten Schnecken am Strand an, wa?! Sie sind manchmal fast wie Jeijen, meen ik. Diese Körper... (zeigt mit den Händen "wohlgeformtes feminines")... diese Anmut... diese jeschmeidije Haut...

 

Anni:         Viel Spaß. Aber nicht alle gleich streicheln, Jonny.

 

Jonny:        Ik doch nich. - Obwohl - wenn de Schnecken alle Männer als Trompeten sehn würden, könnt´ mir det schon jefallen, wa?! Hähähä... (greift sich in den Schritt)

 

Anni:         (runzelt zunächst die Stirn)

 

Jonny:        Mach Dir keene Jedanken, Muttchen. War nich janz sauber.

 

Anni:         (dann lachend) Oh Jonny... ich hab´ das schon verstanden - wenn ich auch alt bin.

 

 Jonny:       Wir sehn uns später, Anni. (will schon ab, als...)

 

Anni:         Jonny?!

 

Jonny:        Ja?

 

Anni:         (geht zu ihm, umarmt ihn plötzlich, gibt ihm einen Kuss auf die Wange) Vielen Dank erstmal für Deine Hilfe.

 

Jonny:        (angenehm überrascht) Hallo?! Wie jeil is ´n det?! Da küsst mir ´ne Jeije uff zwee Beenen von 87 Jahr´n. Ik gloob det nich.

 

Anni:         (amüsiert) Geige? Mit 87 bin ich für Dich wohl eher schon ein Cello. Bis später, Jonny.

 

Jonny:        Mach et jut, Anni. (ab)

 

Anni:         (allein, seufzt glücklich auf, nimmt die CD, geht zum Rekorder, legt die CD ein, spielt sie ab; relativ laut. Es erklingt von Mozart das Adagio des Klarinetten-Konzerts in A Dur - KV 622.* Anni hört eine Zeitlang zu, schließt verträumt die Augen dabei, macht musikalische Bewegungen zur Musik mit Armen und Händen, dann klopft es erneut an der Tür. Anni hört das nicht, ist nun auch angefangen, sich leicht tanzend mit verschlossenen Augen zu bewegen im Raum; erhebt die Arme evtl. zu einer Tanzhaltung. Ohne Aufforderung kommt dann...)

 

3. Szene

Bianca:      (...herein. Eine junge, flotte Frau, in schicker, aber legerer Kleidung. Sie trägt eine Handtasche über dem Arm, wundert sich sehr über Anni und das Geschehen) Hallo?

 

Anni:         (hört das nicht, tanzt und träumt weiter)

 

Bianca:      (holt aus ihrer Tasche eine Ansichtskarte, schaut darauf, dann geht sie nochmal kurz hinaus und schaut auf die Tür von außen nach der Zimmernummer, die Tür bleibt dabei aber geöffnet. Sie ist leicht verwirrt; dann etwas lauter) Entschuldigung?!     

 

Anni:         (hat sie nun gehört, etwas erschrocken, geht dann zum Recorder, stellt die Musik ab) Oh...

 

Bianca:      Tut mir leid. Ich wollte Sie nicht erschrecken. Sie haben mein Klopfen wohl nicht gehört wegen der lauten Musik.

 

Anni:         Ja, das ist wohl so.

 

Bianca:      Ich bin ein bisschen durcheinander. Vielleicht können Sie mir helfen. Ich bin doch hier in der Pension Haus Halligen?

 

Anni:         Ganz recht.

 

Bianca:      Ja, aber... (zeigt Anni die Karte) ...das ist doch eine "7", oder? Und hier soll eigentlich...

 

Anni:         ...Peter Pollmann wohnen?

 

Bianca:      Ach, Sie kennen ihn? Schön. In welchem Zimmer ist er denn untergebracht?

 

Anni:         Kommen Sie herein. - Frau Rütgers, nehm ich an? (schließt die Tür, bietet ihr einen Stuhl an)

 

Bianca:      Ja. Woher wissen Sie?

 

Anni:         (reicht ihr dann die Hand) Anni Becker. Freut mich. (deutet erneut auf einen Stuhl) Bitte. Ich hab´ geahnt, dass Sie heute hierher kommen.

 

Bianca:      Nein, ich möchte mich nicht setzen. Was ist hier los? Wer sind Sie; und woher kennen Sie meinen Namen? Und warum bekomme ich eine Postkarte von Peter - hier von Westerland? Er möchte unbedingt mit mir reden und wohnt dann gar nicht in diesem Zimmer Nr. 7 - obwohl es deutlich auf der Karte steht?

 

Anni:         Bitte beruhigen Sie sich. Ich möchte gar nicht lange um den heißen Brei reden. Peter macht Urlaub hier auf Sylt - hier in dieser Pension. Ich weiß, dass er Ihnen nichts erzählt hat davon. Er und ich müssen uns dieses Zimmer seit über einer Woche teilen; bei der Buchung ist etwas schiefgelaufen. Er hat mir von Ihnen erzählt und... wissen Sie - er leidet sehr unter der momentanen Situation. - Und die Ansichtskarte - die hab´ ICH Ihnen geschickt.

 

Bianca:      Sie? - Augenblick mal. Sie wollen damit sagen, dass Peter hier mit Ihnen gemeinsam in diesem kleinen Zimmer...? Und das schon seit über einer Woche? - Nein, das glaube ich Ihnen nicht.

 

Anni:         Glauben Sie mir bitte, Frau Rütgers. (geht zum Schrank, in dem Peters Kleidung hängt, bzw. liegt) Ich bin eine alte Frau. Weshalb sollte ich Ihnen Lügen erzählen? (öffnet die Schranktür, holt evtl. ein Hemd oder eine Hose heraus) Glauben Sie mir jetzt? Sind das die Sachen von Peter Pollmann?

 

Bianca:      (geht zum Schrank, sieht die Kleidung, fasst sie an, kann es kaum glauben) Aber das ist doch...

 

Anni:         Es gab kein einziges anderes Zimmer hier auf der ganzen Insel. Und weder er noch ich wollten wieder abreisen. So ist es dann zu diesem Zwangsquartier gekommen.

 

Bianca:      (dann überzeugt, holt ein Taschentuch aus ihrer Handtasche heraus, muss sich die Tränen trocknen): Ja. - Was macht er nur hier - allein - hier auf dieser Insel?

 

Anni:         Er ist hierher gekommen, weil er nachdenken möchte, wie es weitergehen soll. Und weil ich mit der gleichen Sorge hier bin, ergänzen wir uns recht gut. Und mit einigen Regeln (deutet auf die Schilder an der Wand) klappt auch das Wohnen miteinander gut.

 

Bianca:      (schaut auf die Schilder, muss dann - obwohl noch weinerlich - darüber kurz schmunzeln)

 

Anni:         Schön, dass Sie gekommen sind.

 

Bianca:      Das heißt, Peter weiß gar nicht, dass ich hier bin und möchte das vielleicht auch gar nicht? Und wo ist er denn jetzt überhaupt?

 

Anni:         Er hat keine Ahnung. Aber ich bin sicher, dass er erleichtert sein wird. Für ihn ist ein klärendes Gespräch doch genauso wichtig wie für Sie. Denn so kann es ja nicht weitergehen. - Während ich meinen Mittagsschlaf halte, macht er immer einen Spaziergang am Meer. Er müsste aber bald zurück sein.

 

Bianca:      (hat sich jetzt gesetzt und auch beruhigt) Es tut mir alles so leid. Ich habe solche Angst gehabt um Peter. 9 Tage lang kein Zeichen von ihm. Nur ein Zettel lag auf dem Tisch, dass er erstmal wegfährt und ich ihn in Ruhe lassen soll. Ich... ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mir geschrieben haben.

 

Anni:         Frau Rütgers...

 

Bianca:      Bianca - nennen Sie mich bitte Bianca.

 

Anni:         Schön. Mein Name ist Anni. - Bianca; das ist aber auch wirklich eine verzwickte Geschichte mit Ihnen und Peter.

 

Bianca:      Ja. Peter hat eigentlich allen Grund dazu davon zu laufen.

 

Anni:         Sie wollten Peter heiraten und haben ihm nie von ihrem Sohn erzählt?

 

Bianca:      (seufzt) Wie ich höre, hat Peter Ihnen bereits einiges erzählt. - Ich war Austauschschülerin in Italien. Genauer gesagt in Verona. 8 Jahre ist das her. Ich war sehr jung und hab´ mich dort schnell in Giovanni verliebt. Nun - was man als 17jährige so unter Liebe versteht. Ich war eben blind und recht schnell wurde ich dann schwanger von ihm. Eine Abtreibung kam für mich nicht in Frage. Giovanni und ich wollten zunächst zusammen ziehen. Auch ans Heiraten hatten wir gedacht, dazu kam es aber nicht. Na ja - und dann kam Marco zur Welt.    

 

4. Szene

Peter:         (hat sodann kurz angeklopft und betritt ohne Aufforderung das Zimmer. Er macht beim Eintreten einen ganz fröhlichen Eindruck) So, da bin ich wieder. (sieht dann Bianca, und sein Gesichtsausdruck wird ernster) Bianca?!

 

Bianca:      (unsicher): Hallo Peter.

 

Peter:         Was machst Du hier - und woher weißt Du überhaupt...?

 

Anni:         (geht zu ihm) Bianca ist hier, Peter - und das ist gut so. (holt von einem Kleiderständer oder aber aus dem Schrank einen Sommermantel, sowie Hut und Handtasche, zieht den Mantel an, nimmt ihren Gehstock)

 

Peter:         (versteht langsam, dann zu Anni): Dann hast Du...? Oh Anni, wie konntest Du nur?

 

Bianca:      (steht auf) Peter, wenn ich wieder gehen soll...

 

Anni:         Das kommt überhaupt nicht in Frage. Oma Anni macht jetzt ihren Spaziergang. Und diese Zeit nutzt ihr beide um Euch endlich auszusprechen. Ich denke, ihr seid erwachsen genug, dass ihr das alleine könnt. (an der Tür)

 

5. Szene

                  (es klopft an der Tür)

 

Anni:         (leicht erschrocken, öffnet) Huch...

 

Patricia:     (kommt herein, sie hat ein "Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel" dabei) Hallo Tante Anni.

 

Anni:         Patricia, willst Du mich besuchen?

 

Patricia:     Ja, ich hab´ mir gedacht, Du hast vielleicht Lust mit mir "Mensch-ärger-Dich" zu spielen.

 

Anni:         (liebenswürdig korrigierend): "Mensch-ärgere-Dich-NICHT" heißt das.

 

Patricia:     Ja, das mein ich ja.

 

Anni:         Das würde ich sehr gerne tun, Patricia. Aber hier geht das jetzt gerade gar nicht. Weißt Du, Peter hat Besuch und wir sollten die beiden jetzt einen Augenblick alleine lassen.

 

Patricia:     (schaut zu Bianca): Ja, ich seh´ das wohl. Hallo.

 

Bianca:      Hallo. (fragt Peter dann gestisch, wer das ist)

 

Peter:         (macht Andeutungen, dass Patricia leicht "daneben" ist)

 

Patricia:     (geht zu Bianca): Du besuchst Peter?

 

Bianca:      Äh - ja.

 

Patricia:     Ist Peter Dein Freund?

 

Bianca:      Äh - ja - kann man so sagen.

 

Patricia:     Toll. Ich hätte ja auch gerne einen Freund, und Jonny sagt ja auch immer, dass er mein Freund ist. Aber so richtig glaub´ ich ihm das nicht.

 

Bianca:      Äh... ja also...

 

Anni:         Patricia, ich möchte jetzt gerne einen kleinen Spaziergang machen. Was hältst Du davon, wenn Du mit mir kommst? Und um das Spiel kümmern wir uns dann später, ja?!

 

Patricia:     Ja, das machen wir so. Und wenn wir zurück sind, spielen wir "Mensch-ärger-Dich". (ab)

 

Anni:         Genau. (dreht sich an der Tür nochmal zu den beiden um): Und ihr beide dürft niemals vergessen, was im 1. Korinther 13, Vers 13 steht. Bis später, ihr zwei. (ab)

 

6. Szene

                  (kurzes Schweigen)

 

Peter:         (dann): Was steht denn da? Ich bin leider nicht so Bibelfest, wie Du weißt.

 

Bianca:      (schmunzelt) Ich schon. Ich erzähl´s Dir später.

 

Peter:         (barsch) Später? Vielleicht in 8 Jahren? Solange, wie Du mir Deinen Sohn verheimlicht hast?

 

 

 

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