Lange danach gesucht - auf Ibiza 2012 endlich gefunden
Musiker gesucht

 

 

„Verona macht die Männer wild“

 

 

Komödie in 3 Akten

 

von

 

                                                     Helmut Schmidt

 

 

Inhalt:

 

Nach 23 Jahren als Krabbenfischer muss Heinrich Hüsing seinen Kutter aus wirtschaftlichen Gründen verkaufen. Der Preis, den er für seine „Lotti“ erhält, deckt kaum die Verbindlichkeiten bei der Bank. Seine Frau, die ebenfalls Lotti heißt, weiß von diesen Schulden nichts und plant die bevorstehende Silberhochzeitsfeier umso üppiger. Um seiner Frau nicht die Freude auf das Fest zu verderben schweigt Heinrich. Doch woher soll er möglichst schnell 10.000 Euro herbekommen? Denn so viel wird die Hochzeit alles in allem kosten. Der Sohn Alexander hat an einem Schlagerwettbewerb teilgenommen und bekommt Besuch von dem Fotographen Justin McBride. Dieser macht Heinrich dann ein verlockendes Angebot. Ein in Deutschland offiziell noch nicht freigegebenes Medikament mit dem Namen Verona B. kann Heinrich zu einem erschwinglichen Preis erwerben und dann mit über 100% Gewinn weiterverkaufen. Hierbei handelt es sich um ein Potenzmittel – ähnlich Viagra. Zunächst scheint Heinrich diese Idee absurd, doch seine Neugierde siegt schließlich. Er kauft dem seriösen Herrn 100 Packungen ab, die er natürlich bar bezahlen muss – sich dafür sogar Geld von seinem Nachbarn leiht. Dann soll der Rubel rollen – und niemand darf etwas merken. Heinrich legt sich ein Handy zu und der Verkauf beginnt zunächst recht gut. Doch was gibt es für Nebenwirkungen? Was löst Verona B letzten Endes bei den Männern im Dorf aus? Und was hat es mit den Zeitschriften „Sexy Hexy“ und „Mann oh Mann“ auf sich?

 

 

 

Spieler:  5m/4w – 1 Bühnenbild: Außenkulisse mit zwei Haushälften

 

 

August Hüsing                       -           (50-60 Jahre)

 

Lotti                                       -           seine Frau (45-50 Jahre)

 

Alexander                               -           beider Sohn (25-30 Jahre)

 

Manfred Diekmann                -           Nachbar (50-60 Jahre)

 

Christine                                 -           Manfreds Frau (45-50 Jahre)

 

Justin McBride                       -           Filmproduzent (30-50 Jahre)

 

Tobias Radtke                                    -           Urlauber (45-50 Jahre)

 

Franziska                                -           seine Frau (40-50 Jahre)

 

Tina                                        -           beider Tochter (ca.20 Jahre)

 

 

 

 

Spielzeit:        Sommer in der Gegenwart

 

Spielort:         Dorf an der Küste

 

Spieldauer:    ohne Pausen ca. 110 Minuten

 

 

 

 

Bühnenbild:

 

Außenkulisse: Rechts auf der Bühne sieht man die Hinteransicht von Hüsings Haus; eine Tür, evtl. ein Fenster. Neben der Tür oder unterm Fenster eine Gartenbank und Tisch mit Stühlen. Auf der anderen Seite die Hinter-oder Seitenansicht des Hauses vom Ehepaar Diekmann; ebenfalls mit Tür. Die Hauswände können nach Geschmack der Bühnenbildner ausgestattet werden mit Zeitungsbox, Briefkasten, Lampe, Regenrinne. Man sieht keinen Wohlstand und keine Armut, sondern die Häuser von zwei ganz „normalen“ Durchschnittsfamilien. Die Haushälften sind, wegen des guten nachbarschaftlichen Verhältnisses, nicht getrennt durch Zaun o. a. Im Hintergrund sieht man jedoch evtl. Zaun oder Büsche und Sträucher. Der Blick nach hinten zeigt aufs Meer. Neben der Tür bei Diekmanns hängt ein Schild „Zimmer frei“.

 

 

 

              Erster Akt

 

                  (Ein Wochentag, nachmittags. Wenn der Vorhang sich öffnet, sitzt August am Tisch, schaut betrübt drein. Er hält melancholisch ein Buddelschiff in der Hand, seufzt)

 

1.Szene

 

August:     (zu sich selbst:) Ach Lotti, womit haben wir das nur verdient?

 

Lotti:         (aus dem Haus:) August, der Tee wird kalt.

 

August:     Ja, ich komme gleich.

 

2.Szene

 

Alexander:      (kommt vergnügt von hinten auf die Bühne, ist schick gekleidet, hat eine Aktenmappe in der Hand, spielt den Helden) Tatatata... hey Dad, darf ich mich vorstellen? Hier ist Jerry Urban (sprich Örbenn) – der neue Star am Schlagerhimmel.

 

August:     Hallo Alexander.

 

Alexander:      Was ist denn los? Freust du dich denn gar nicht für mich? Heute war doch mein großer Tag.

 

August:     Großer Tag? – Hhmm,...was war noch gleich?

 

Alexander:      Mann eh... Ich komm soeben aus Hamburg. Schon vergessen, dass ich gestern dahin gefahren bin? - Papa... der Talentwettbewerb. „Radio Inline sucht den neuen Schlager-Star“. Ich war bei einem Casting. - Ich kann nicht glauben, dass Du das vergessen hast.

 

August:     Ja, richtig. Und? Wie ist es gelaufen?

 

Alexander:      18 Konkurrenten hab´ ich aus dem Rennen geschlagen. (öffnet die Aktenmappe) Ich hab´ einen Plattenvertrag, Vater. Ja wirklich. Hier!

 

August:     Nein!

 

Alexander:      Doch. Nächste Woche muss ich ins Studio. Wenn der Song dann aufgenommen ist, und dann das erste Mal im Radio gespielt wird... kannst Du Dir vorstellen, was das für ein Gefühl ist? - Alle reden von der neuen CD von Jerry Urban.

 

August:     Jerry Urban?

 

Alexander:      Ja, das ist nun mal so in der Showbranche. Als Schlagerstar kann ich nicht als Alexander Hüsing auftreten. Das hört sich einfach scheiße an. Und die meisten Namen hat es in Wirklichkeit schon in den 70ern nie gegeben. Roy Black, Rex Gildo – das waren doch auch alles Künstlernamen.

August:     Jerry Urban? – Verrückte Welt. Aber du kündigst doch nicht gleich bei Bäcker Struwe? Sei vorsichtig, Junge. Dein Brötchengeber ist dir bestimmt noch eine zeitlang sicher, aber als Plattenstar kann auch schnell, sehr tief fallen.

 

Alexander:      Das weiß ich doch. Jetzt mach mir die Sache nicht gleich wieder madig. Immerhin hab´ ich gewonnen.

 

August:     Ich freu´ mich ja auch für dich.

 

Alexander:      Sehr überzeugt bringst du das aber nicht rüber.

 

August:     Mir fehlt heute einfach die Kraft, mich zu freuen. Du weißt ja, dass ich Lotti verkaufen musste – heute war es nun soweit. Das hier - (zeigt das Buddelschiff) ist alles, was mir geblieben ist.

 

Alexander:      Alles hat seine Zeit, Dad. Schau mal: So weh es heute auch tut - in ein paar Jahren, wärst du doch sowieso in Rente gegangen.

 

August:     Du verstehst das nicht. Du bist jung und weißt nicht, was in mir vorgeht. Meine Lotti und ich – wir hätten noch so einige Jahre rausfahren können.

 

Alexander:      Ja sicher, aber... (weiß nicht so recht wie er ihn trösten kann) nun kannst du dir doch ein schönes Hobby zulegen. Angeln oder Skat spielen oder... oder geh Mutter ein bisschen mehr zur Hand im Haushalt. Und denk auch an das viele Geld, das der Kutter durch den Verkauf noch eingebracht hat. Das können Mutter und Du doch jetzt gut gebrauchen, so kurz vor eurer silbernen Hochzeit.

 

August:     Oh ja, das stimmt.

 

3.Szene

 

Lotti:         (ist während des letzten Satzes aus dem Haus gekommen) Alexander, du bist zurück?!

 

Alexander:      (sehr glücklich, breitet die Arme aus, umarmt seine Mutter) Ich hab´s geschafft, Mutter. Ich hab´ tatsächlich gewonnen. Ich werd´ eine CD aufnehmen.

 

Lotti:         Oh Kind, ich freu´ mich so für dich. Schade, dass ich nicht dabei war. Du musst mir alles ganz genau erzählen. Komm – der Tee steht schon auf dem Tisch. (zu August:) August! Willst du keinen Tee? Ich hab´ dich doch schon ein paarmal gerufen. Und willst du denn gar nicht wissen, was Alexander uns zu erzählen hat?

 

August:     Ja Lotti, ich komm gleich. Gib mir noch ein paar Minuten.

 

Alexander:      (voller Mitgefühl) Er ist leider nicht so stark wie du, Mam. Das mit seinem Kutter, geht ihm doch sehr an die Nieren, denke ich.

 

Lotti:         Ach was. Das alte Ding hätte es eh nicht mehr lange gemacht. – Reiß dich zusammen, August Hüsing. (abgehend mit Alexander) So, und nun erzähl. Wie ist das genau in Hamburg abgelaufen?

 

Alexander:      Weißt du Mam, das war so: Ich hatte die Startnummer 7. Du glaubst gar nicht, wie nervös ich war. Aber ich hab´ mir gedacht: Cool bleiben. Und dann war ich dran und hab´ alles gegeben...

 

August:     (allein, seufzt, schließt die Augen)

 

4.Szene

 

Manfred:   (kommt gefolgt von Christine von hinten auf die Bühne, beide tragen volle Einkaufstaschen, gehen zu ihrer Haustür, Christine schließt auf; Manfred sieht August zuerst am Tisch sitzen) Genießt Du die Sonne, August?

 

Christine:   Hallo August.

 

August:     Oh. Hallo ihr zwei.

 

Manfred:   Da hat man endlich Urlaub, und was muss man bei dem wunderbaren Wetter machen – mit der Frau einkaufen gehen. Und das bei dieser Hitze.

 

Christine:   (barsch) Schlimm genug, dass ich es das ganze Jahr über alleine machen muss. Nun siehst du endlich einmal, was das für ein Geschleppe ist. (ab ins Haus)

 

Manfred:   Jas ja. (stellt seine Taschen ab) August – geht es dir nicht gut?

 

August:     Ach, weißt du Manfred, es gibt ja Tage im Leben, da fällt alles in sich zusammen. Ich hoffe du verstehst, was ich meine. Aber das mir das selbst mal passieren muss...

 

Manfred:   (setzt sich zu ihm) Hast du Ärger?

 

August:     Dir kann ich es ja erzählen. Es ist wegen Lotti. Alles ist aus, Manfred. Ein

für alle mal aus! - Ich darf gar nicht an die schönen Stunden denken, die wir zusammen verbracht haben.

 

Manfred:   (voller Mitgefühl) Es ist aus mit Lotti?! Sprich dich aus, August. Es gibt nichts, worüber du nicht mit mir reden kannst.

 

August:     Ich weiß. – Pass auf: 23 Jahre lang bin ich jeden Tag auf sie drauf gestiegen.

 

Manfred:   (glaubt es kaum, weil er denkt, August spricht von seiner Frau Lotti) Ja...

 

August:     Und ich hab´ das nicht immer nur als Arbeit gesehen, so wie die meisten Männer – nein, für mich war das auch sowas wie… na ja - Spaß eben!

 

Manfred:   Hhmm... sollte ja auch ´ne Rolle spielen dabei.

 

August:     Meine Güte, wenn ich daran denke, wie sie manchmal in den Wogen hin-und herging. Aber auch wenn ich sie mal ein bisschen härter angefasst hab´ - nie hat sie mich im Stich gelassen. Weißt du – jedes Jahr so gegen Herbst, dann war sie immer ein wenig störrisch und ich musste auch schon mal etwas lauter werden, damit sie parierte  – aber hinbekommen haben wir es immer. Und das oftmals stundenlang.

 

Manfred:   (ist dieses Gespräch etwas peinlich) Stundenlang? Ja, so genau will ich das eigentlich gar nicht wissen, August - was du und Lotti...

 

August:     Hach, wenn ich an die Tage denke, wo es so richtig zur Sache ging. Manchmal ist mir sogar der Angstschweiß gekommen, weil ich gar nicht wusste, ob ich es überhaupt überleben würde mit ihr. Aber es ist immer gutgegangen.

 

Manfred:   Man muss es in unserem Alter wohl eher langsam angehen lassen, denke ich.

 

August:     Jo, das hab´ ich auch immer gedacht. Gut - sie ist nicht mehr die Jüngste und sie hat auch schon so einige Reparaturen hinter sich, aber trotzdem war es jeden Tag so, als wenn sie nur darauf wartet, dass ich endlich auf sie drauf steigen würde und es dann losging. Und jetzt? - Nichts mehr. Von einem Tag auf den anderen ist alles vorbei. Vorbei! Nie wieder, Manfred. Stell dir das mal vor!

 

Manfred:   Was soll ich dazu sagen, August? Ich meine, wir werden alle nicht jünger, und wenn ich das mal so offen sagen darf – meine Christine ist ja auch schon in den Wechseljahren.

 

August:     Bitte?

 

Manfred:   Na ja, ich meine, damit müssen wir uns wohl alle eines Tages abfinden, dass die Sexualität etwas abflaut. Wir sind ja auch keine 20 mehr.

 

August:     Wechseljahre? Keine 20 mehr? Sexualität? Wovon redest du, Manfred?

 

Manfred:   Na, du bist gut. Wovon schon? Wer ist denn angefangen mit diesem intimen Schweinkram?!

 

August:     Moment mal, ich spreche von meinem Krabbenkutter. Von Lotti – meinem Schiff.

 

Manfred:   Dein was? (muss jetzt laut lachen) Oh August, du musst vielmals entschuldigen. Ich habe doch ernsthaft gedacht, dass du...

 

August:     Sag es lieber nicht, du alter Bock.

 

Manfred:   Hätte mich auch gewundert, wenn du mit mir auf einmal so offen über dein Intimleben reden würdest.

 

August:     Nochmal zum Mitschreiben: Es geht um Lotti, meinen Kutter. Ich musste sie heute verkaufen. Dass es irgendwann mal soweit ist, wusste ich ja. Aber jetzt ist es doch sehr schwer für mich.

 

Manfred:   Das kann ich gut verstehen.

 

August:     Das hätte nicht so kommen müssen. – Gut, wir hatten in der letzten Zeit

nur schlechte Fänge. – Vor Jahren haben uns erst die Holländer viel kaputt gemacht, weil die auch im Winter gefischt haben. Und seit dieser Quotenregelung für Seezungen, Kabeljau und Schollen, ist das Ganze nur noch bergab gegangen mit mir und meiner Lotti.

 

Manfred:   Ja, aber die Quotenregelung ist doch eingeführt worden, damit es IMMER Fisch gibt.

 

August:     Quotenregelung. Wenn ich das schon hör´. Alles muss geregelt werden. Frag mal Bauer Harms, was der z.B. von der Milchquotenregelung hält. Das ist genauso ein Quatsch. In den Güllekeller landet die gute Milch, wenn nach dem Leistungsjahr zu viel abgegeben wird. Da kann einem ja schlecht werden.

 

Manfred:   Ja, da ist was dran. Aber du solltest dennoch dankbar sein für die Zeit, die du mit Deinem Kutter verbracht hast.

 

August:     Hast ja recht. Ich will es wohl einfach nur nicht wahr haben, dass es nun ein Ende hat.

 

Christine:   (aus dem Haus) Manfred Diekmann. Kommst du wohl auf der Stelle mit den Lebensmitteln ins Haus?!

 

Manfred:   Ja doch.

 

5.Szene

 

Christine:   (kommt sodann aus dem Haus) In den Taschen sind die ganzen frischen Sachen drin. Käse, Joghurt, Wurst... das wird bei dieser Hitze doch schlecht, wenn es nicht gekühlt wird. (nimmt wütend und kopfschüttelnd die Taschen, damit ins Haus) Männer! – WAS für eine Erfindung. (ab)

 

6.Szene

 

Manfred:   Immer diese Störungen.

 

August:     Ja. – Manfred - das was ich Dir da gerade erzählt hab´, das ist noch nicht alles. Weißt du, meine Frau und ich haben doch in 4 Wochen silberne Hochzeit. Na ja, und Lotti will ein ganz großes Fest daraus machen. Ich weiß gar nicht, wie viele Leute sie schon eingeladen hat. Gestern Abend war sie auf jeden Fall schon bei 96. Weißt du eigentlich, was so eine Hochzeitsfeier kostet?

 

Manfred:   Na, das sollte doch jetzt Deine geringste Sorge sein. Erstmal erlebt man so einen Tag nur einmal im Leben, und jetzt - nachdem du den Kutter verkauft hast - wird es ja wohl nicht auf einen Euro ankommen, oder?!

 

August:     Das ist ja gerade mein Problem. Lotti war 16 Jahre alt.

 

Manfred:   Wenn schon. Wie viel hast du denn für den alten Schinken noch bekommen?

 

August:     Alter Schinken?! - Nenn sie nicht so.

 

Manfred:   Na, nun sag schon, August. Wie viel?

 

August:     28.000 Euro.

 

Manfred:   Donnerwetter. Davon kannst du ja viermal Hochzeit feiern.

 

August:     Ach Manfred. So wie Deine Christine und meine Frau ab und zu ein neues Kleid brauchen, so hatte mein Kutter auch seine Wünsche. Noch vor knapp zwei Jahren hat sie einen neuen Motor bekommen. Und immer wieder gab es Reparaturen – kurz und gut, von den 28000 Euro ist so gut wie nichts übriggeblieben. Der Kaufpreis hat gerade mal die Verpflichtungen bei der Bank gedeckt.

 

Manfred:   Wow, das hätt´ ich jetzt nicht gedacht. – Und davon weiß deine Frau gar nichts?

 

August:     Nein, und das darf sie auch auf gar keinen Fall erfahren. Ich will ihr doch nicht die Freude auf die Hochzeitsfeier nehmen.

 

Manfred:   Jetzt verstehe ich Dich. Deshalb ist Lotti auch nicht so traurig, wegen dem Verkauf, so wie du?

 

August:     Ach was. Etwas Besseres kann ihr doch gar nicht in den Kram kommen. Jetzt, wo sie doch mit 28000 Euro rechnen kann.

 

Manfred:   28000 Euro, die ihr gar nicht habt. – Und wovon soll die Feier dann bezahlt werden?

 

August:     Gute Frage. Einen Notgroschen haben wir natürlich auf dem Sparbuch. Und gegen eine kleine Feier im Familienkreis hätte ich auch nichts einzuwenden, aber so ein großes Fest... Ich weiß wirklich nicht wie ich das Geld aufbringen soll.

 

Manfred:   Tja...

 

7.Szene

 

Tobias:       (Franziska und Tina kommen von hinten auf die Bühne. Alle sind sommerlich gekleidet, tragen Taschen bzw. Rucksäcke bei sich) Guten Tag.

 

Manfred:   Oh, guten Tag.

 

August:     Hallo.

 

Franziska:  Beim Kiosk auf der anderen Straßenseite hat man uns erzählt, dass Sie Fremdenzimmer zu vermieten haben.

 

Manfred:   Ja, das stimmt. Wir! Meine Frau und ich. (falls er saß, steht er jetzt auf, ruft ins Haus:) Christine! – Manfred Diekmann, freut mich.

 

Tobias:       Wir sind Familie Ratke. Seit heute morgen sind wir von Bremen unterwegs hierher – mit dem Fahrrad.

 

Manfred:   Meine Güte. So weit sind Sie heute schon gefahren?!

 

Tina:          (leicht genervt) Allerdings. Jedes Jahr das gleiche Ritual mit meinen Eltern. Mit dem Drahtesel am liebsten durch ganz Deutschland. – Ooooh, und mein Hintern tut mir vielleicht weh.

 

Franziska:  Nun jammer nicht schon wieder herum, Kind. – (reicht Manfred die Hand) Franziska Radtke. Das ist mein Mann Tobias und unsere Tochter Tina. (allgemeines Händeschütteln und Begrüßen)

 

Manfred:   Manfred Diekmann. – Und das ist unser Nachbar August Hüsing.

 

August:     (begrüßt die Anwesenden ebenfalls, jedoch ohne Händeschütteln)

 

Franziska:  Können wir bei Ihnen auch Frühstück bekommen?

 

Manfred:   So, wie Sie möchten. Nur übernachten, mit Frühstück oder Halbpension. Meine Frau regelt das alles immer mit unseren Gästen. (ruft wieder ins Haus, diesmal energischer:) Christine! Christine, verflixt noch mal! Kommst Du jetzt bitte mal raus?!

 

8.Szene

 

Christine:   (kommt zügig aus dem Haus, sehr barsch) Was ist das denn für ein Ton, Manfred Diekmann?! (sieht jetzt erst die Urlauber, sehr freundlich) Oh, guten Tag.

 

Alle:          (außer Manfred und August) Guten Tag.

 

Tobias:       Haben Sie eine Unterkunft für uns?

 

Christine:   (jetzt noch freundlicher) Aber ja. Kommen Sie doch mit ins Haus. Ich zeig´ Ihnen alles. Äh… ein Doppel-und ein Einzelzimmer?

 

Franziska:  Ich glaube, unsere Kleine sollte bei uns im Zimmer schlafen. Dann haben wir sie besser im Auge.

 

Tina:          M a m a ! Bitte! Das ist voll peinlich.

 

                                                                       9.Szene

 

Alexander:      (kommt aus dem Haus) Vater, wo bleibst du denn? Der Tee wird kalt. – Oh, Hallo. (sieht dann Tina, erfreut)

 

Tina:          (ebenso erfreut) Hallo.

 

August:     (steht auf) Ja, ich komm ja schon.

 

Franziska:  (Christine und Tobias folgend ins Haus, sieht dann, dass Tina kaum den Blick von

Alexander wenden kann) Na, nun komm schon, Tina.

 

Tina:          (schaut beim Reingehen ins Haus fortwährend zu Alexander, läuft dann fast gegen den Türrahmen, dann auch ab ins Haus)

 

10.Szene

 

Alexander:      Wow! Tina... ein hübsches Mädchen. Machen die Urlaub hier - pennen die bei Euch,  Manfred?

 

Manfred:   Wenn Christine die Preise nicht wieder so unverschämt hoch treibt, ist das gut möglich.

 

August:     Ich denke, DU willst erstmal Plattenstar werden.

 

Alexander:Dad! (leicht genervt) Das Mädchen gefällt mir. Das ist alles. Und der liebe Herrgott hat mir auch Gefühle mit in die Wiege gelegt. Du bist doch selbst mal jung gewesen, oder?

 

August:     Jaja, ist schon gut.

 

Alexander:      Na also. Kommst du jetzt? Oder soll Mutter den Tisch abräumen?

 

August:     Nein, ich bin schon unterwegs.

 

Alexander:      (ab ins Haus)

 

August:     (will ihm gerade folgen, als...)

 

11.Szene

 

Manfred:   (...ihn schnell zurückhält) August, warte noch kurz. (geht schnell ab ins Haus)

 

August:     Was ist denn noch?

 

Manfred:   (kommt sodann zurück, versteckt eine aufgerollte Illustrierte hinterm Rücken, schaut sich um, ob niemand in der Nähe ist, steckt sie August dann zu) Die neue „Sexy-Hexy“ ist gekommen.

 

August:     (freut sich, fängt sofort an, darin herumzublättern) Oh Danke, Manfred.

 

Manfred:   Christine hat ein großes Spektakel gemacht, als ich plötzlich vorgeschlagen hab´, wir sollten uns bei der Post ein Fach anschaffen. Sie kann es nicht verstehen, warum wir uns nicht wie jeder andere Mensch die Post mit ´nem Boten nach Hause liefert lassen und das dort abholen sollen. Aber nur so ist das möglich. Das Heft kommt ja immer Dienstags - und an DIESEM Tag hol ICH die Post dort ab. 

                                                       

August:     Raffiniert.

 

Manfred:   Wäre doch zu peinlich, wenn der Bote uns dieses Heft in den Briefkasten werfen würde. Und pass Du auf, dass Christine es nicht sieht, wenn du mir das Heft wieder zurückgibst.

 

August:     Meine Lotti soll doch auch nichts davon wissen, dass ich solch „anspruchsvolle Literatur“ lese.

 

Manfred:   Sollen sie uns das mal gönnen. Unsere Frauen haben ja auch ihre Laster.

 

August:     Ja, aber die lesen nicht „Sexy-Hexy“.

 

Manfred:   Hähä…(geht an August heran) Du musst mal auf Seite 42 gucken. Da steht ein Bericht drin, wie man am besten... (flüstert ihm was ins Ohr)

 

August:     Manfred, du altes Schwein!

 

Manfred:   Na, ICH hab´ das nicht geschrieben. – Und auf der vorletzten Seite, August, da...

 

August:     Nun verrate doch nicht schon alles. Ich kann doch selbst lesen.

 

Manfred:   Na gut. Übermorgen krieg ich das Heft aber wieder, ja?! Immerhin zahle ICH das Abo. (schon abgehend zum Haus)

 

August:     Ja sicher.

 

Manfred:   Und wegen deiner Sorgen lass dir mal keine grauen Haare wachsen. Da findest Du sicher noch eine Lösung. Du wirst schon sehen. (ab ins Haus)

 

August:     Hoffentlich. (abgehend ins Haus, schaut vorher noch schnell mal auf das Titelblatt) Hohoho... (verstaut es dann schnell in der Hose, ab)

 

12.Szene

 

Christine:   (kommt von hinten, gefolgt von Franziska, Tobias und Tina) Ja, und hier ist unser Garten. Den kennen sie ja schon. Wenn Sie möchten, können Sie den gerne mitbenutzen. Einen Grill haben wir hier hinten und Stühle sind im Schuppen. Machen Sie es sich so gemütlich, wie Sie möchten.

 

Tobias:       Tja, was meinst du, Franziska?

 

Franziska:  Ich finde es hier sehr schön.

 

Tobias:       Und du, Tina?

 

Tina:          Na ja, von mir aus.

 

Tobias:       Und 100 Euro pro Tag soll es für uns drei kosten?

 

Franziska:  Ja, dass muss ich haben. Wir müssen ja auch leben, nicht wahr? Dafür dürfen Sie aber auch umsonst die Waschmaschine, den Grill und die Gartenmöbel mitbenutzen... ja. Das heißt, ...in den 100 Euro ist allerdings kein Frühstück enthalten. Das kostet dann noch mal 10 Euro extra pro Person.

 

Tobias:       Tja…

 

Tina:          Für eine Übernachtung werden unsere finanziellen Mittel sicher reichen, oder?!

 

Franziska:  Nun, ICH würde dann auch gerne ein paar Tage länger hier bleiben.

Tina:          W a s? Aber so viele Klamotten haben wir doch gar nicht mitgenommen.

 

Franziska:  Wenn wir die Waschmaschine doch mitbenutzen dürfen...

 

Tina:          (nicht sehr begeistert) Na toll...

 

Franziska:  Ich denke, wir sollten uns das gönnen. Hier ist es sauber und ruhig... nicht wahr, Tobias?!

 

Tobias:       (nickt zustimmend)

 

Christine:   Prima. Und wenn Sie irgendeinen Wunsch haben, sagen Sie einfach nur Bescheid. Ich bin die meiste Zeit zu Hause. Und mein Mann hat auch gerade Urlaub.

 

Tina:          Gibt es hier in diesem Nest auch eine Disko?

 

Franziska:  Also wirklich, Schatz. Du weißt ganz genau, dass ich von diesen Räucherkammern nichts halte. Was liest man nicht alles über Extasy und wie alle diese Drogen heißen...!

 

Tina:          Mama, bitte.

 

Christine:   Na ja, sehr groß ist das Angebot hier auf dem Land leider nicht. Aber eine kleine Diskothek haben wir. Sind nur 10 Minuten zu Fuß. Sie können mir glauben, Frau Radtke, von diesem Laden hört man wirklich nichts Negatives. Der Sohn von unserem Nachbarn geht auch immer dorthin.

 

Tina:          Oh ja ?

 

Franziska:  Das hat gar nichts zu sagen. – Haben SIE Kinder?

 

Christine:   Nein, meinem Mann und mir war das wohl nicht vergönnt.

 

Franziska:  Na bitte. Was wissen wir schon, was alles in solchen Spelunken vorgeht!? Die jungen Leute sind heute doch viel zu oberflächlich. Die lernen sich kennen, und springen dann schon nach zwei Stunden miteinander ins Bett.

 

Tina:          (zu sich selbst) Ich glaub´ es einfach nicht...

 

Christine:   Nun ja, das hat ja auch etwas mit Erziehung zu tun, oder?!

 

Tobias:       Franziska – bitte. Wir wollen uns ein paar Tage erholen und uns nicht nur aufregen.

 

Franziska:  An mir soll es nicht liegen.

 

Christine:   Es bleibt also dabei? Soll ich Sie erstmal für drei Tage einplanen bei uns?

 

Tobias:       (und Franziska nicken zustimmend, nachdem sie sich angeschaut haben) Ja.

 

Christine:   Sie können sich jetzt gerne frisch machen, und gegen sechs Uhr hab´ ich dann auch das Abendessen fertig, ja?!

 

Tobias:       Ja, das ist gut.

 

Christine:   (ab ins Haus, gefolgt von Tobias und Franziska)

 

Tina:          Ich hol´ schon mal das restliche Gepäck vom Fahrrad. (ab nach hinten)

 

13.Szene

 

Alexander:      (kommt nach einer kleinen Pause aus dem Haus, geht ab nach hinten, stößt dort mit Tina zusammen, die mit weiteren Taschen von dort kommt) Oh, sorry. Ich hab´ dich gar nicht gesehen.

 

Tina:          Macht nichts. Ich war auch ganz in Gedanken. (evtl. fällt ihr eine Tasche herunter)

 

Alexander:      Alexander. Alexander Hüsing. Aber du darfst Jerry Urban zu mir sagen.

 

Tina:          Aha. Ich bin Tina. Tina Radtke. Und du darfst Tina Radtke zu mir sagen.

 

Alexander:      (muss lachen) Bist wohl ein kleiner Witzbold, was?

 

Tina:          Wie man es nimmt.

 

Alexander:      Sag mal – hast du Zeit?

 

Tina:          Oh ja. Mindestens drei Tage.

 

Alexander:      Das ist gut. Ich muss dir nämlich unbedingt etwas erzählen. Ich habe eine ganz große Karriere vor mir.

 

Tina:          Das klingt ja interessant.

 

Alexander:      Ist es auch. Gerade hat mich ein Herr McBride angerufen, dabei bin ich gerade erst wieder aus Hamburg zurück. Der kommt tatsächlich schon morgen hierher, um die ersten Fotos für das Cover zu machen.

 

Tina:          Fotos? (setzt die Taschen ab)

 

Alexander:      Ja. Sag mal, was denkst du? Was zieht man am besten an? Hemd, Krawatte und Sakko? Oder ist etwas Legeres besser? Ist ein Brustbild besser? Oder ein Ganzkörperfoto? Weißt du, man muss den Produzenten zeigen, dass man eine eigene Meinung hat, sonst haben die einen gleich in der Hand.

 

Tina:          Also, es tut mir ja leid, aber ich verstehe nur Bahnhof.

 

Alexander:      War wohl alles ein bisschen zu viel auf einmal. Ich wollte mir gerade Zigaretten vom Kiosk holen. Hast du Lust, mitzukommen? Dann erzähle ich dir alles.

 

Tina:          Ja gern.

Alexander:      (mit Tina abgehend nach hinten)       Weißt du, ich habe als Kind schon gerne gesungen. Und meine Kollegen haben immer gesagt, dass ich eine gute Stimme hab´. Tja, und gestern hatte ich in Hamburg meine große Chance... (erzählt noch weiter, während beide abgehen)

 

                  (Kurze Pause)

 

14.Szene

 

Lotti:         (kommt aus dem Haus, schaut, ob jemand in der Nähe ist, klingelt oder klopft dann bei Diekmann. Sie hat eine Baumwolltasche mit „Inhalt“ dabei)

 

Christine:   (öffnet dann nach einer kleinen Pause) Oh Lotti. Sei mir nicht böse, aber ich hab´ überhaupt keine Zeit für dich. Wir haben gerade 3 Feriengäste bekommen.

 

Lotti:         Ich will dich ja gar nicht aufhalten. Hab´ ja selbst tausend Sachen um die Ohren. Was meinst du wohl, wie viel Arbeit die Vorbereitung für eine Silberne Hochzeitsfeier macht?! Und alles bleibt natürlich an mir hängen. August kann ich dabei abschreiben.

 

Christine:   Wenn ich dir helfen soll, musst du es mir nur sagen. Aber heute geht das wirklich nicht.

 

Lotti:         Ich sag´ dir dann früh genug Bescheid. – Du ich wollte eigentlich nur... (kramt in ihrer Tasche herum) Die neue „Mann oh Mann“ ist gekommen, Lotti. (gibt ihr dann die Zeitschrift; es handelt sich um eine Illustrierte mit freizügig abgelichteten Männern)

 

Christine:   (freut sich sichtbar, reißt ihr das Heft sofort aus der Hand, blättert „gierig“ darin) Oh Lotti, und ich dachte schon, dass du vor lauter Hochzeitsvorbereitungen, die Zeitschrift ganz vergessen hast. – Oooh,... guck dir doch bloß diese makellosen Körper an. (je nach Mut der Spielerin bzw. der Gruppe, kann das Heft auch so ins Publikum gezeigt werden, dass eines der nackten Männerkörper deutlich zu sehen ist für die Zuschauer. Dann sollte es sich allerdings um reine Portrait-Akt-Fotos handeln, und auf gar keinen Fall um pornografische Bilder)

 

Lotti:         Aber Christine, doch nicht hier. Wenn jemand kommt...

 

Christine:   Und wenn schon. Mensch, das ich doch mal was anderes, als unsere klapprigen Kerle, nicht wahr?!

 

Lotti:         Diese hier sind ja auch 30 Jahre jünger. - Als August 25 war, hab´ ich in ihm auch immer den perfekten Adonis gesehen.

 

Christine:   Ja, schade, dass sie nun voller Falten sind, nicht?! – Das alleine schon ist Grund genug, das wir uns zumindest bei diesen knackigen Boys Appetit holen.

 

Lotti:         Eigentlich sollten wir uns schämen. Seit fünf Jahren kaufen wir uns jetzt dieses Heft jeden Monat.

 

Christine:   Du kaufst das, Lotti. Ich geb´ dir nur immer die Hälfte von dem Geld dazu.

Lotti:         6 Euro für ein so ´n Heft. Unverschämt ist das eigentlich.

 

Christine:   Ist doch egal. Und schämen tu ich mich dafür auch nicht. Meinst du denn, das unsere Männer nicht auch mal so eine pikante Zeitschrift lesen?

 

Lotti:         Was? Also, mein August auf gar keinen Fall. Ich kenne ihn schon über 25 Jahre. Dafür leg ich meine Hand ins Feuer.

 

Christine:   Dann verbrenn dich lieber nicht. Bei meinem Manfred bin ich mir da gar nicht so sicher.

 

Lotti:         Ich hab´ fast keinen Platz mehr in unserem Bettkasten für all die Hefte, Christine.

 

Christine:   Nein? Ich hab´ genug Stellen im Haus, wo Manfred nicht rangeht. – Jetzt muss ich aber wirklich weiter, Lotti. Unsere Gäste - Du verstehst...?!

 

Lotti:         Ja. Ich bin schon weg. (abgehend zu ihrer Haustür) Und – viel Spaß beim Lesen.

 

Christine:   Lesen? – Mann oh Mann. Gucken ist doch viel besser.

 

Beide:        (Frauen schelmisch lachend ab in ihre Häuser)

 

15.Szene

 

August:     (kommt gerade aus dem Haus, als Lotti hinein will)

 

Lotti:         (leicht erschrocken) Huch...

 

August:     Ich bleib´ noch ein bisschen hier draußen, Lotti – solange das Wetter noch so schön ist.

 

Lotti:         (etwas gereizt) Mach das. Ob ich alleine mit den Hochzeitsvorbereitungen klar komme, spielt ja keine große Rolle, nicht wahr, Schatz?! (ab ins Haus)

 

August:     (schüttelt den Kopf) Keiner versteht mich. (findet nach einer Weile auf dem Boden einen Zettel oder ein Geldstück, bückt sich danach, plötzlich...) Aaaaah... (greift sich an den Rücken, kommt nicht wieder hoch) Oooh... nein, was ist das denn?

 

                    16.Szene

 

Franziska:  (kommt aus Diekmanns Haus, dorthin sprechend:) Ich schau mal, wo Tina mit unserem Gepäck bleibt, Tobias. (will ab nach hinten, sieht dann August) Oh, ist etwas nicht in Ordnung?

 

August:     (mit schmerzverstellter Stimme, immer noch gebückt) Ich... ich... mein Rück... ich kann nicht mehr hoch.

 

Franziska:  (geht zu ihm) Oh, das sieht ja ganz nach einem Hexenschuss aus. Darf ich Ihnen helfen?

 

August:     Ja, haben Sie denn Ahnung davon?

Franziska:  Ich bin wohl kein Chiropraktiker oder Orthopäde, aber ich hab´ in Flensburg eine Naturheilpraxis. – Das haben wir gleich. (tastet die Wirbelsäule ab) Wo sitzt denn der Schmerz genau? Hier?

 

August:     Nein...

 

Franziska:  Hier?

 

August:     Hhhmm...

 

Franziska:  Oder hier?

 

August:     (schreit auf) Aaah…! Ja, genau da.

 

Franziska:  Tja, das dacht´ ich mir. Wenn die Wirbel nicht in einer Reihe bleiben, dann kann das höllisch weh tun. – Das schmerzt jetzt etwas, aber anders geht es nicht. Danach fühlen sie sich bestimmt besser. (stellt sich hinter August, greift ihm unter die Arme, beugt sich über ihn, handelt aber ernsthaft nur aus medizinischen Gründen) Und nun ganz locker lassen. Die Arme einfach nach unten fallen lassen. Und nun... (macht einen heftigen Ruck mit seinen Armen, dabei wird August wieder fast in die stehende Lage gebracht)

 

August:     (stöhnt zunächst vor Schmerz, welches dann aber in ein erleichtertes Stöhnen übergeht, er legt seinen Kopf zurück an Franziskas, die ihn noch immer umarmt, lächelt befriedigt) Oh, sie sind ein Engel.

 

Lotti:         (kommt aus dem Haus, bleibt an der Tür stehen, als sie die Situation sieht und natürlich falsch deutet; „kocht“)

 

August:     So etwas hat noch nie jemand mit mir gemacht. Meine Frau hat das auch schon mal versucht, aber sie kann das längst nicht so gut wie Sie.

 

Franziska:  Nun, ich geb´ eben mein Bestes.

 

Lotti:         (platzt nun dazwischen) Ja, das sieht man! (laut heulend ab ins Haus)

 

August:     (konnte gar nicht so schnell reagieren) Äh, Lotti... – meine Frau, wissen sie?!

 

Franziska:  (hat ihn nun losgelassen) Oh oh, wenn sie da nur nichts falsch verstanden hat.

 

August:     Wieso? Was denn?

 

Franziska:  Na, was wohl, Herr Hüsing? Denken Sie mal scharf nach.

 

 

Vorhang

 

Ende des ersten Akts

 

 

 

Zweiter Akt

 

                  (Am darauffolgenden Tag, etwa 16.00 Uhr. Wenn der Vorhang sich öffnet, sitzen Manfred und August am Tisch und singen ein Seemannslied. Falls möglich, begleitet einer der beiden den Gesang mit einem Akkordeon oder Gitarre. Auf dem Tisch stehen Schnapsflasche und Gläser, sowie Bier. Beide sind lustig und etwas angeheitert, aber nicht betrunken. Der Gesang sollte schon eingesetzt haben, bevor sich der Vorhang öffnet. Sie dürfen natürlich gerne ein anderes Seemannslied wählen.)

 

                                                                       1.Szene

 

Beide:        (singen:) Jimmy Brown, das war ein Seemann, und das Herz war ihm so schwer. Doch es blieben ihm zwei Freunde; die Gitarre und das Meer. Jimmy wollt´ ein Mädchen lieben; doch ein andrer kam daher. Und als Trost sind ihm geblieben: Die Gitarre und das Meer. Juanita hieß das Mädchen, aus der großen fernen Welt. Und so nennt er die Gitarre, die er in den Armen hält. – Ob am Kay von Casablanca, ob am Kap von Salvador; singt er leis´ von Juanita, deren Liebe er verlor. Juanita hieß das Mädchen... (stoßen nach dem Lied wieder miteinander an, lachen)

 

Manfred:   Prost August.

 

August:     Prost Manfred.

 

Manfred:   Jetzt müssen wir aber so langsam mal aufhören, sonst sind wir bei dieser Hitze gleich sturzbetrunken, August.

 

August:     Da magst du recht haben. – Aber einen trinken wir noch. (schenkt wieder ein) Meinen Kutter habe ich nicht mehr, meine Frau denkt, dass ich ein Verhältnis mit eurem Feriengast habe und ich weiß nicht, wie ich schnell an viel Geld komme. Schöne Aussichten, nicht wahr?! Prost Manfred.

 

Manfred:   Prost August.

 

                                                                       2.Szene

 

Justin:        (ist während Augusts letzten Satz auf die Bühne gekommen, hört zu, bleibt aber zunächst im Hintergrund stehen. Er trägt eine Aktenmappe unterm Arm, hat einen Fotoapparat dabei. Er trägt entweder seriöse Kleidung, Anzug, Krawatte o.a. – oder aber ein recht schrilles Outfit – wie auffälliges buntes Hemd, welches weit geöffnet ist, Gel im Haar, Schmuck... Justin kann den Eindruck eines „normalen“ Reporters erscheinen lassen, oder aber wie eine Art Zuhälter auftreten. Das ist dem Mut und Geschmack der Spielgruppe überlassen. Er kommt dann langsam vor) Guten Tag, die Herren.

 

August:     Guten Tag.

 

Manfred:   (ebenso)

 

 

Justin:        Justin McBride ist mein Name. Ich suche einen Herrn... (holt einen Zettel aus seiner Hemd-bzw. Jackeninnentasche, liest) ...Jerry Urban.

 

August:     (und Manfred sehen sich an, zucken mit den Schultern)

 

Manfred:   Den kennen wir nicht.

 

August:     Nein, da sind sie hier falsch.

 

Justin:        (reicht beiden die Hand) Ich bin Fotograf.

 

August:     Schade, dass sie keine gute Fee sind, die könnte ich jetzt besser gebrauchen.

 

Justin:        Das glaube ich. Ich habe gerade etwas von Ihrem Gespräch mitgehört – nicht das ich gelauscht hätte, aber ist es richtig, dass sie ganz schnell zu viel Geld kommen wollen?

 

August:     Wollen ist gut. – Das muss ich.

 

Justin:        Dann bin ich genau der richtige Mann für Sie. (sitzt schon, ohne dass ihm Platz angeboten wurde, legt seine Sachen ab) Wissen Sie, Aktien, Immobilien, Lotto... – das sind im Grunde doch nur Utopien, nicht wahr?!

 

August:     Utopien? Oh ja, das habe ich gestern erst gehabt – hier hinten im Rücken. Sie können sich gar nicht vorstellen wie schmerzhaft das war.

 

Justin:        Ja, ja, sicher. Ich rede von Dingen, die viel versprechen, wofür es aber keine Garantie gibt. Vor allen Dingen, dauert es viel zu lange, bis man endlich mal sein Geld bekommt – und wo es doch bei Ihnen so schnell gehen soll...

 

August:     Da haben Sie recht. Und? Haben Sie eine Idee?

 

Justin:        Idee? Ich mache Sie innerhalb von 14 Tagen zu einem reichen Mann, wenn Sie selbst auch ein bisschen dafür tun.

 

Manfred:   (und August, die sich recht gelangweilt zurückgelehnt hatten, kommen nun gemeinsam neugierig vor, dann beide) Ja?

 

Justin:        Aber ja.

 

Christine:   (aus dem Haus, sehr resolut:) Manfred Diekmann! Bist du immer noch draußen?

 

Manfred:   (zu August) Oh nein, muss das sein? Immer wenn es spannend wird.

 

                                 3.Szene

 

Christine:   (kommt aus dem Haus, geht zügig zu Manfred) Hatten wir nicht abgemacht, dass du mir hilfst, wenn wir Feriengäste haben?! Und was machst du stattdessen? Sitzt hier am Nachmittag herum und besäufst dich mit unserem Nachbarn. (dann etwas freundlicher zu Justin) Guten Tag auch.

 

Justin:        Hallo.

 

Manfred:   Kommst du denn nicht noch 20 Minuten ohne mich zurecht? Es wird hier gerade so richtig spannend.

 

Christine:   Spannend oder nicht! Ich kann unseren Gästen nicht schon wieder nur trockenes Brot anbieten. Es muss auch mal etwas anderes auf den Tisch stehen. Salat, Bratkartoffeln, was weiß ich... Du kannst mir doch helfen, du Schlafmütze.

 

Manfred:   (steht genervt auf) Ja, ja...

 

Christine:   (schon wieder abgehend ins Haus) Na also. (bleibt stehen, als Manfred ins Haus will) Du, sag mal, wer ist denn dieser Mann dort?

 

Manfred:   Du musst ja nicht alles wissen, Christine.

 

Christine:   (sehr böse) Na warte, du Frechdachs. (scheucht ihn ins Haus, selbst hinterher)

 

4.Szene

 

Justin:        So, nun passen Sie einmal auf, Herr...

 

August:     Hüsing. August Hüsing.

 

Justin:        Fotograf bin ich eigentlich nur nebenbei. Aber hauptberuflich bin ich der „Dienst für ungewöhnliche Notfälle. Denn mit meinem neuen Produkt habe ich in Deutschland eine Marktlücke abgedeckt.

 

August:     Aha.

 

Justin:        Wie viel Geld brauchen Sie denn genau?

 

August:     Schwer zu sagen. Aber so 5.000 bis 10.000 Euro in den nächsten 14 Tagen, wären nicht schlecht. Wenn Sie mir nun aber einen Kredit aufschwatzen wollen - das können Sie gleich vergessen.

 

Justin:        Herr Hüsing – wer spricht denn von einem Kredit? Den bekommen Sie doch bei jeder Bank. Das was ich vertreibe, kriegen Sie nur bei mir. Und 5.000 bis 10.000 Euro sind lächerlich. Wenn Sie für mich arbeiten und das auch richtig machen, dann können Sie in 14 Tagen das dreifache verdienen.

 

August:     Bitte? – Da gibt es aber doch sicher einen Haken.

 

Justin:        Absolut nicht. Wenn Sie wollen, dann können Sie morgen schon mit Ihrer neuen Arbeit beginnen.

 

August:     Nun aber raus mit der Sprache. Ich muss also etwas verkaufen?

 

Justin:        Ganz genau.

 

August:     Oh nein, sicher Staubsauger oder Autopolitur, wie?! Ich laufe nicht von Tür zu Tür, um sowas anzupreisen.

 

Justin:        Autopolitur gibt es doch schon länger, oder? Mein Produkt ist nagelneu.

 

August:     Ja, nun sagen Sie doch schon, worum es sich dabei handelt.

 

Justin:        (geht an ihn heran) Haben Sie schon einmal etwas von Verona B gehört?

 

August:     (zuckt mit den Schultern) Verona... wer?

 

Justin:        Sehen Sie – das habe ich mir gedacht. – Aber, Sie wissen doch hoffentlich, was Viagra ist.

 

August:     Viagra? Das ist ein Mittel für Männer, damit sie wieder... na ja... Die Zeitungen standen ja eine Zeit lang voll davon, als es neu auf den Markt gekommen ist.

 

Justin:        Genau! Viagra gibt es aber nur auf Rezept. Und das schönste daran ist, dass es auch Männer ausprobieren, die gar keine Probleme damit haben. Und Sie, Herr Hüsing, können davon profitieren. Denn ich – Justin McBride – habe die Exklusiv-Rechte für dieses Mittel. Nur – bei mir heißt das Medikament Verona B. Wegen der Konkurrenz, wissen Sie?! Sie bekommen dieses Potenzmittel bei mir zu einem absolut Spitzen-Sonderpreis von 75 Euro. Die können Sie dann an jeden für 100 bis 150 Euro weiterverkaufen. Sehen Sie nun, was für ein hoher Gewinn da für Sie drin ist?

 

August:     Moment mal. 150 Euro für eine Schachtel Verona B? Das bezahlt tatsächlich jemand?

 

Justin:        Aber ja. Viagra ist in Amerika nur in 30er Packungen zu kriegen und kostet wahrhaftig 435 Euro. Das ist wirklich wahr. Sie sehen also, wie viel die Männer durch Verona B sparen. Und viel Reklame müssen Sie dafür auch nicht machen. Fragen Sie gerne meinen anderen Mitarbeiter. Sobald der Erste angebissen hat, und sich die enorme Wirkung von Verona B herumgesprochen hat, geht es so richtig los. Und ganz sicher sind Sie nächste Woche Ihre Geldsorgen los, Herr Hüsing.

 

August:     Jaaa,... aber irgendwie verstehe ich das nicht ganz. Wenn das Original-Viagra in

Deutschland freigegeben ist, warum holen die Menschen sich das dann nicht in der Apotheke? Und warum sollen die Leute denn gerade bei mir Verona B kaufen?

 

Justin:        Weil Viagra zu teuer ist, Herr Hüsing. Bezahlen müssen die die Tabletten doch sowieso – auch ohne Rezept. Verona B gibt es nicht auf Rezept, sondern nur von mir. Und jetzt mal ehrlich: Wer gibt sein Leiden schon gerne zu und geht zum Arzt, um sich Viagra verschreiben zu lassen? Da schämen sich doch die meisten viel zu sehr – vor allem wenn die Ehefrau den gleichen Hausarzt hat. Stellen Sie sich einmal vor, die erfährt das. Männer können ja so sensibel sein, nicht wahr?!

 

August:     Da ist schon was dran. Wenn ich daran denke, dass meine Frau von Dr. Heimann so etwas über mich erfahren würde... Sie darf ja nicht mal wissen, dass ich jede Woche zusammen mit meinem Nachbarn „Sexy-Hexy“ lese.

Justin:        Na bitte. – Also, wollen Sie nun für mich arbeiten?

 

August:     Ich weiß nicht so recht. Komm ich denn dadurch nicht ins Gerede? Irgendwie kommt mir das Ganze auch ein wenig seltsam vor, wenn ich das mal so sagen darf.

 

Justin:        Sie trauen mir zu, dass ich hierher gekommen bin, um Ihnen ein illegales Angebot zu machen? (steht auf, spielt den Beleidigten) Auch gut, einigen Menschen kann man eben nicht zu Ihrem Glück verhelfen. (tut schon so, als wolle er gehen)

 

August:     Nun warten Sie doch. Also, das ist wirklich eine seriöse Sache, die Sie mir da anbieten?

 

Justin:        (wieder freundlicher) Herr Hüsing – bitte.

 

August:     Und wie läuft das genau ab? Ich meine, bekomme ich die Tabletten von Ihnen? Und wie ist das mit dem Bezahlen?

 

Justin:        Ich wusste doch, dass Sie mir trauen. Lassen Sie uns einen kleinen Spaziergang machen, und dann erzähle ich Ihnen alles, was Sie wissen müssen. Also, bezahlen müssen Sie die Tabletten natürlich bei mir. Und das im Voraus und bar. Mindestabnahme sind 100 Packungen bei Vertragsabschluss.

 

August:     (erschrocken) 100 Packungen? Ja, aber das sind ja... 7500 Euro.

 

Justin:        Richtig. Aber investieren muss man doch vor jedem Geschäft. Das ist nun mal so auf dieser Welt. (mit August abgehend nach hinten, legt jovial seinen Arm um seine Schulter)

 

August:     Ja, aber 7500 Euro die brauche ich ja. Jetzt muss ich die erst auftreiben, um dann hinterher überhaupt etwas zu verdienen?

 

Justin:        Wenn Sie alles richtig machen, haben Sie die in 2 Tagen wieder raus, Herr Hüsing, versprochen. (beide ab)

 

                  (Kurze Pause)

 

5.Szene

 

                  (Aus Hüsings Haus kommt Franziska, gefolgt von Lotti. Beide sind fröhlich)

 

Lotti:         (sieht zum Gartentisch) Nun sehen Sie sich das mal an, Frau Radtke. Das ist immer noch das schönste Hobby für unsere Männer – sich den Kopf zuknallen.

 

Franziska:  Lassen Sie Ihrem Mann doch die kleine Freude, solange er es nicht übertreibt. Immerhin hat er nach fast 25 Jahren seinen Krabbenkutter verkaufen müssen, so wie Sie mir erzählt haben. Und es ist doch besser, er trinkt mal einen über den Durst, als wenn an Ihrem Verdacht wirklich etwas dran gewesen wäre.

 

Lotti:         Ich glaub´ Ihnen ja, das Sie meinen August aus rein medizinischen Gründen angefasst haben. Einen Hexenschuss hatte er ja schon öfter. Aber was sollte ich denn denken, als ich sie beide so gesehen habe? Ich habe wirklich gedacht, dass ich ausgedient hätte. Die Situation sah so eindeutig aus. Und auch so intim.

 

Franziska:  Entschuldigen Sie, aber wenn Sie Ihren Mann besser kennen würden, hätten Sie gestern gar nicht erst Verdacht geschöpft. Vertrauen ist sehr wichtig, Frau Hüsing.

 

Lotti:         Vertrauen...? Welcher Mensch ist schon perfekt? Und kleine Sünder, sind wir doch alle.

 

Franziska:  Tut mir leid, aber mein Tobias und ich haben solche Probleme nicht. Wir kämen nie auf den Gedanken mit anderen zu flirten.

 

Lotti:         Oh, dann führen Sie eine Musterehe, ja?! Interessant. – Sie haben wirklich eine Naturheilpraxis?

 

Franziska:  Ganz richtig. Wenn Sie mal eine Frage haben, wir sind ja noch ein paar Tage hier.

 

Lotti:         Oh ja. Haben Sie nicht einen Tipp, wie man ganz schnell ein paar Pfund abnehmen kann? Ich passe nämlich fast nicht mehr in mein Silber-Hochzeitskleid rein.

 

Franziska:  (muss lachen) Na ja, ich will mal sehen, ob ich einen guten Diät-Plan für Sie erstellen kann. Jetzt müssen Sie mich aber entschuldigen, Frau Hüsing.

 

Lotti:         Ja sicher. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Urlaub. (ab ins Haus)

 

Franziska:  (will ebenfalls ab ins Haus, als ihr...)

 

6.Szene

 

Christine:   (...mit einem Einkaufskorb aus dem Haus entgegenkommt) Oh, Frau Radtke. Kann ich Ihnen irgendwas mitbringen? Ich wollte gerade einkaufen gehen.

 

Franziska:  Das ist sehr nett von Ihnen, aber mein Mann ist schon unterwegs. (ab ins Haus)

 

Christine:   Oh, dann ist ja gut. (will ab nach hinten, als...)

 

7.Szene

 

Tobias:       (...von hinten mit einer gefüllten Tasche wieder auf die Bühne kommt. Er trägt ein kurzärmeliges Oberhemd, eine Krawatte, sowie lange Hosen)

 

Christine:   (sehr freundlich) Oh, Herr Radtke. Sie sind schon vom Einkaufen zurück?

 

Tobias:       Äh ja,... das kann man so sagen.

 

Christine:   Sagen Sie, was machen Sie eigentlich beruflich? Wenn ich das mal so dreist fragen darf.

 

Tobias:       Ich bin bei der Kripo in Flensburg.

 

Christine:   Ach, du liebe Zeit. Dann muss ich wohl vorsichtig sein, solange Sie noch bei uns zu Gast sind, nicht?!

 

Tobias:       Sie mit Ihren treuen Augen, können doch wohl kein Unheil anrichten, Frau Diekmann.

 

Christine:   Oh, das haben Sie aber schön gesagt. (mustert ihn) Sagen Sie – nicht, dass ich zu persönlich werden will – aber, ist es Ihnen nicht zu warm, wenn Sie so eingeschnürt sind? (deutet auf seine Krawatte)

 

Tobias:       Disziplin ist das erste Gebot, Frau Diekmann. Das gehört sich so – besonders in meinem Beruf. Und das fängt beim äußeren Erscheinungsbild an, auch wenn ich jetzt offiziell nicht im Dienst bin.

 

Christine:   Offiziell? Was heißt das denn nun?

 

Tobias:       Na ja, wir sind schon seit Wochen hinter einem Betrüger her, der sich hier an der Küste aufhalten soll. Auch wenn ich Urlaub habe, so kann ich doch meine Augen aufhalten, nicht wahr?! – Und unser Beruf hat eben ein paar Prinzipien, was unsere Kleidung angeht. Das kann ich in meiner Freizeit auch nicht ablegen.

 

Christine:   Nun machen Sie aber mal einen Punkt. In unserer heutigen, freien Welt macht doch jeder, was ihm gerade in den Kopf kommt.

 

Tobias:       Eben, Frau Diekmann. Ist das nicht ein Grund mehr dafür, dass die Verbrecher-Quote so hoch ist?!

 

Christine:   Ach was. Worüber sich früher noch jeder aufgeregt hat, das ist heute doch völlig selbstverständlich geworden. Sehen Sie mal, Frank und Helga Treudler aus der Nelkenstraße haben vor 4 Monaten geheiratet. Ja, und gestern wurde da ein Kind geboren. Ist das nicht komisch?

 

Tobias:       Was? 4 Monate? Und das Kind lebt?

 

Christine:   (muss lachen) Herr Radtke...

 

Tobias:       (plötzlich) Ach so,... jetzt verstehe ich.

 

Christine:   Sehen Sie? Und da regt sich doch heute keiner mehr drüber auf. Was hat sich in den letzten Jahren nicht alles geändert. Früher hat man Schnaps gebrannt, heute macht man das mit CDs. – Erst vor ein paar Jahren fingen die Menschen an auf dem Meer zu surfen, und jetzt kann man das auch im Internet. Wir leben in einer Zeit, wo die jungen Leute sich Löcher durch die Zunge stechen lassen, weil das „in“ ist.

 

Tobias:       Ja, Sie haben recht.

 

Christine:   Und hier am Strand liegen die jungen Frauen im Hochsommer nackig herum.

 

Tobias:       (überrascht) Ganz nackt?

 

Christine:   Na ja, untenherum haben sie meistens noch was an, aber größer als ein Putzlappen ist das ja auch nicht.

 

Tobias:       Die Welt ist vollkommen verrückt, das sage ich ja immer wieder.

 

Christine:   Und Sie sind zu verklemmt. Wenn Sie erlauben? (öffnet die Krawatte und die ersten Hemdknöpfe) Sehen Sie, so kriegen Sie doch viel mehr Luft bei dieser Hitze. (reißt ihm dann aber die Krawatte ganz vom Hals) Ach was, weg mit der Schlinge.

 

Tobias:       (überrumpelt) Frau Diekmann...

 

Christine:   Das ist doch so mal etwas ganz anderes, oder?

 

Tobias.       Na ja...

 

Christine:   (öffnet noch mehr Knöpfe seines Oberhemds, streichelt ihm dann über die Brust, genießt das ein bisschen) Sehen Sie...

 

Tobias:       (ist die Situation ein bisschen peinlich) Ich fühle mich wirklich besser. Das ist aber... das Sie einfach so...

 

Christine:   Und dann diese langen Hosen. (deutet auf seine Hose)

 

Franziska:  (kommt aus dem Haus, sieht die beiden, macht die Tür zügig wieder zu, bis auf einen Spalt um die Szene zu beobachten)

 

Christine:   Sagen Sie, ist es nicht besser, wenn ein bisschen Wind um die Beine wehen kann? Wollen Sie nicht lieber eine Shorts anziehen, oder eine Badehose? Was tragen Sie denn so drunter? (geht ihm schon an den Reißverschluss)

 

Tobias:       (weiß gar nicht, was mit ihm passiert) Du meine Güte, Frau Diekmann...

 

8.Szene

 

Franziska:  (platzt nun dazwischen) Wenn du DIE hier jetzt ausziehst vor Frau Diekmann, dann wäre ich schon gerne dabei, Schatz!

 

Tobias:       (sowie Christine erschrocken und etwas ertappt) Oh Franziska. Wo kommst du denn plötzlich her?

 

Franziska:  Was spielt denn das für eine Rolle? Ich würde zu gerne wissen, was hier als nächstes passiert.

 

Christine:   Frau Radtke, jetzt beruhigen Sie sich doch. Es gibt doch gar keinen Grund, hier so aufzubrausen.

 

Franziska:  Das lassen Sie mal meine Sorge sein, wann ich aufbrause. Ich hab´ genug gesehen. Wenn Sie an Ihrem Mann nicht genug haben, dann legen Sie sich bitte einen Callboy zu, aber meinen Tobias lassen Sie gefälligst in Ruhe, ja?!

 

Tobias:       Franziska, hier ist doch überhaupt nichts passiert. Frau Diekmann hat doch nur vorgeschlagen, dass ich mich bei dieser Hitze etwas... nun ja... freimachen soll.

 

Christine:   Genau!

 

Franziska:  Schau an! Und wenn ICH dir das sage, dann kümmert es dich überhaupt nicht. (nimmt Tobias grob am Arm) Komm, wir gehen jetzt in unser Zimmer. Und dann ist es wohl das Beste, dass wir unsere Sachen packen und wieder von hier verschwinden. Auf der Stelle!

 

Tobias:       Was? Heute schon? Du hast doch vorhin noch gesagt, wie gut es dir hier gefällt.

 

Franziska:  Das war auch so. Aber jetzt wird mir das hier zu heiß! (wütend mit Tobias ab ins Haus)

 

Christine:   (allein, kann darüber nur schmunzeln) Oh, oh, das hat ihr gar nicht gefallen. (winkt ab) Da kann ich auch nichts machen. Aber ein toller Mann ist er schon – da kann man sagen, was man will. (ab nach hinten)

 

                  (Kurze Pause)

 

9.Szene

 

Alexander:      (kommt mit Tina von hinten auf die Bühne)

 

Tina:          Ach Alex, das ist alles gar nicht so einfach.

 

Alexander:      Wieso denn? Steht da jemand zwischen uns?

 

Tina:          Nein. Aber wir kennen uns doch erst seit gestern.

 

Alexander:      Und wenn schon? Ich habe mich in dich verliebt. Und ich denke – wenn du ganz ehrlich bist...

 

Tina:          Na ja... (nickt verlegen)

 

Alexander:      (küsst sie)

 

Tina:          (lässt es gern geschehen) Ich seh´ aber keine Zukunft für uns, Alex – auch wenn wir uns gern haben. Du wohnst hier und ich 100 km weit weg. Wie soll das denn weitergehen, wenn ich in ein paar Tagen wieder wegfahre? Denn auf so eine Wochenendbeziehung hab´  ich wirklich keine Lust.

 

 

 

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