Lange danach gesucht - auf Ibiza 2012 endlich gefunden
Musiker gesucht

 

 

 

„Tratscherei in Möhlmanns Garten“

 

 

 

(hochdeutsche Fasung)

 

 

Komödie in 3 Akten

 

von

 

Helmut Schmidt

Inhalt:

 

Der Witwe Dina Möhlmann entgeht nichts in ihrer Nachbarschaft in dem ostfriesischen Ort Rhauderfehn. Sie hält ihre Nachbarn ständig über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden, übertreibt mit ihrem Wissen aber auch ganz gerne mal. Sie lästert über jeden ab, ist aber auch auf jedermanns Seite und bekommt so manches Geschehnis und einige Tatsachen durcheinander. Langsam aber sicher setzt sie sich mit ihren zusammengereimten Halbwahrheiten bei allen Nachbarn in die Nesseln, weil sie ihr loses Mundwerk nicht halten kann. Als jedoch der Student Sascha nach Abbruch seines Studiums bei seinen Eltern nicht mehr unterkommen kann, weil diese sein Zimmer bereits vermietet haben und auch noch ein Obdachloser bei Dina um Unterkunft bittet, und sie diese beiden bei sich unterbringt, wendet sich das Blatt in der Nachbarschaft. Und dann will Dina sogar nochmal heiraten...

 

 

Spieler: 3m/4w - 1 w. Statist  -           1 Bühnenbild-Außenkulisse

 

 

Dina Möhlmann         -     Witwe (ca. 60 Jahre)

 

Elfriede Kloster          -     Nachbarin (50-60 Jahre)

 

Sascha                        -     Elfriedes Sohn (25-30 Jahre)

 

Hans Meiners              -     Mieter bei Kloster (ca. 40 – 50 Jahre)

 

Roswitha Müller         -     Nachbarin (ca. 40-50 Jahre)

 

Pia                              -     Roswithas Tochter (20-25 J.)

 

Andreas Berger          -     Obdachloser (ca. 50-60 J.)

 

 

 

 

Spielzeit: Sommer in der Gegenwart

Spielort: Größeres Dorf in Deutschland - im Stück wird Rhauderfehn angegeben, welches Sie gerne ändern dürfen.

Spieldauer: ohne Pausen ca. 90 Minuten

 

Bühnenbild:

 

Das Bühnenbild zeigt eine Außenkulisse. Links ist die Hausfront der Familie Kloster, rechts die von Dina Möhlmann zu sehen; jeweils mit Tür und Fenster. An Klosters Hausseite befindet sich im hinteren Bereich eine weitere schmale Tür. Dieses ist die Eingangstür zu einem vermieteten Zimmer. Neben den beiden Haupt-Türen hängen Zeitungsboxen oder Briefkästen. In der Mitte der Bühne steht ein kleines Bäumchen mit Bank oder aber eine Laterne, Brunnen o.a. Auf jeden Fall muss dort eine Sitzmöglichkeit vorhanden sein. Hinten ist der Abgang nach links und rechts möglich. Dort Sträucher, Büsche, Zaun, Gartenlaube, bemalte Kulisse mit dörflichem Weitblick o. a. Direkt vor den Häusern kleine Gartentische mit je zwei oder vier Stühlen oder aber Hollywood-Schaukel o.a. (je nach Größe der Bühne)
Alle sonstigen Ausstattungen bleiben den Spielern überlassen.

 

 

Erster Akt

 

                  (Ein Wochentag in den Vormittagsstunden. Wenn der Vorhang sich öffnet, ist kein Spieler auf der Bühne)

 

1. Szene

Dina:         (schlicht gekleidet, evtl. mit Schürze - kommt aus dem Haus, schaut in die Zeitungsbox bzw. schließt den Briefkasten auf. Sie hat keine Post bekommen; zuckt mit den Schultern, wieder ab ins Haus, als...)

 

2. Szene

Elfriede:    (...mit einem Einkaufskorb aus dem Haus kommt. Sie trägt sommerliche Kleidung, hat ein Smartphone am Ohr, etwas genervt. Schließt während des Gesprächs evtl. die Haustür zu. Bei einem Knopfgriff kann sie die Tür auch nur zuziehen und den Schlüssel in den Korb legen) Was ist das denn für eine dumme Frage, Dieter?! Selbstverständlich hat Herr Meiners seine Miete wieder pünktlich bezahlt. Warum sollte er denn nicht? - Nein, er ist nicht aufdringlich und stellt auch keine unverschämten Forderungen. Herrgott, nun lass aber mal die Kirche im Dorf. Ich muss jetzt einkaufen; bin schon auf dem Weg. Wir sehen uns dann ja am Wochenende. - Was? Du hast mich lieb? - Ja, schön, dass Du das sagst. Bis Samstag. (drückt genervt eine Taste, legt das Mobilgerät in den Korb, schüttelt mit dem Kopf) Ehemänner. Tsss... (will schon ab nach hinten)

 

Dina:         (hat die Szene belauscht, indem sie die Tür einen Spalt offen gelassen hat)

 

3. Szene

Roswitha:  (ist bereits auf die Bühne gekommen. Sie hat ein paar Zeitschriften in der Hand, sowie einen Zettel) Oh, guten Morgen, Elfriede.

 

Elfriede:    Hallo Roswitha. Auch schon auf den Beinen?

 

Roswitha:  Schon? Es ist gleich halb zehn. Schau Dir doch das Wetter an. Das wird ein ganz besonders schöner Tag. Da ist jede Minute im Bett verschwendete Zeit.

 

Elfriede:    (süffisant) Na ja... Kommt wohl darauf an, was man im Bett macht und mit wem, nicht wahr?! Hähä...

 

Roswitha:  (knufft sie beschämt) Elfriede! Also wirklich. - Du gehst einkaufen?

 

Elfriede:    Ja. Das übliche, was man eben so braucht, nicht?! Und Lidl hat Bettwäsche als Aktionsware in Angebot. Und das neue Notebook bei Aldi möcht´ ich mir noch anschauen.

 

Roswitha:  Ja dann... ich wollt nur Dina den Lesezirkel und ein Kuchen-Rezept vorbei bringen. (geht schon ein paar Schritte weiter nach vorne)

 

Elfriede:    Was denn? Ein Kuchen-Rezept? Auf Papier geschrieben mit einem Stift?

 

Roswitha:  Ja wieso?

 

Elfriede:    Gibt es denn dafür keine Kuchen-App?

Roswitha:  Wir wollen mal auf dem Teppich bleiben, ja?!

 

Elfriede:    Roswitha. Man muss mit der Zeit gehen. Die moderne Technik ist keine Zukunft mehr. Die ist JETZT! Du liest doch nicht vielleicht auch noch Bücher - ich meine, diese unhandlichen schweren Dinger, bei denen man Seite für Seite umblättern muss?

 

Roswitha:  Äh doch. Warum?

 

Elfriede:    Roswitha Müller, ich bitte Dich. Schon mal was von ebook-readern gehört? Naja, manche Menschen brauchen eben etwas länger bis sie verstehen, dass die 70er Jahre vorbei sind, nicht wahr?! - Ich muss jetzt los. (ab nach hinten)

 

Roswitha:  Ja. (leicht eingeschüchtert, kopfschüttelnd, schon fast an Dinas Tür) Bis dann. (will gerade klingeln oder klopfen bei Dina, als diese...)

 

4. Szene

                  (...schon öffnet und vor ihr steht)

 

Dina:         Roswitha - sowas... hähä...         

 

Roswitha:  (leicht erschrocken) Oh... guten Tag, Dina. (ahnt etwas) Du hast doch nicht etwa...

 

Dina:         Roswitha, was Du wieder von mir denkst. Ich wollte gerade nachschauen, ob die Post schon da war. Aber das kann ich mir auch sparen. Wir kennen ja Fritz Kramer, diesen Trödel-Peter.

 

Roswitha:  Erwartest Du denn wichtige Post?

 

Dina:         Was? - Äh - nein nein. Obwohl - man kann ja nie wissen, nicht?! Und sonst so? Alles gut?

 

Roswitha:  Ja, ich kann nicht klagen.

 

Dina:         Und Deine Pia? Wann eröffnet sie ihre Praxis?

 

Roswitha:  Nächsten Monat. Ich bin so stolz auf sie. Eine Heilpraktikerin haben wir hier in Rhauderfehn ja auch noch nicht.

 

Dina:         Hhhmmm... ist sicher ganz schön teuer, eine eigene Praxis aufzubauen, nicht?!

 

Roswitha:  Oh ja. Aber mit meiner Hilfe kriegt Pia das schon hin. (drückt ihr dann die Hefte in die Hand) Hier Dina. Der Lesezirkel bis Samstag - und das Rezept, was Du haben wolltest. Ich hab´s für Dich abgeschrieben.

 

Dina:         Ach, das ist sehr freundlich, Roswitha. Ich danke Dir. Ich hab´ ja sonst immer die teuren Torten bei Bäcker Behrends bestellt zu meinem Geburtstag. Und alle hauten sich den Bauch voll damit. Aber wenn ICH dann eingeladen bin, gibt´s meistens überall nur diesen fertigen, staubigen Fabrikkuchen aus dem Supermarkt. Da dacht` ich mir: Wie dumm bist du eigentlich, Dina Möhlmann?! Und deshalb ist jetzt Schluss. Ich back jetzt selbst. Das ist viel billiger und außerdem gerechter. Ist es nicht so?!

 

Roswitha:  (muss schmunzeln) So ist es wohl. (überlegt kurz) Hab´ ICH Dir denn auch schon mal trockenen Fabrik-Kuchen angeboten?

 

Dina:         (schnell) Nein. DU doch nicht. Aber hier... (zeigt nach nebenan) Elfriede Kloster, um nicht zu sagen: "Lady Geizkragen", die hat IMMER nur dieses trockene Zeug. Man erstickt fast dran. Dass sie sich nicht schämt, sowas anzubieten. Dabei bringt ihr Dieter doch mehr als 4000 Euro netto nach Hause jeden Monat.

 

Roswitha:  Das weißt Du doch gar nicht.

 

Dina:         DOCH - das weiß ich!

 

Roswitha:  Du willst mir doch nicht erzählen, dass Dieter Kloster Dir das freiwillig erzählt hat.

 

Dina:         Nein nein. Also das war so: Ach, Du kennst doch unseren Briefträger, Roswitha. Der kommt nicht nur immer sehr spät am Tag, der bringt auch gerne mal was durcheinander. Na ja - und dann schaute vor einigen Tagen ein Brief aus Klosters Kasten heraus... und bei DEN heftigen Sommerstürmen derzeit wär´ der doch 1-2-3 herausgeflogen. Da hab´ ich dann ein gutes Werk getan und den Brief GANZ in den Kasten hineingesteckt.

 

Roswitha:  Sommerstürme... ahja... - Ja aber...

 

Dina:         (ein wenig kleinlaut) Jaaaaaaaa... ich geb´s ja zu. Vorher hab´ ich mal eben reingeschaut. Es war die Lohnabrechnung von Dieters Firma. (dann wieder bestimmend) Der Brief hätt´ ja auch für mich sein können, nicht?! Ist ja schon vorgekommen das etwas verwechselt worden ist.

 

Roswitha:  Dina, also wirklich.

 

Dina:         Reden wir jetzt nicht mehr davon. Also: 4000 Euro sag´ ich nur. Tja - die haben´s eben. Sieht man ja auch deutlich an den teuren Möbeln und an Elfriedes Klamotten.

 

Roswitha:  Hhmmm...

 

Dina:         Aber DAS ist bald vorbei.

 

Roswitha:  Wieso?

 

Dina:         Na hör mal. Elfriede Kloster geht es doch nur darum, das Geld von Dieter auf den Kopf zu hauen. Die ist nämlich vom Stamme "Nimm", weißt Du?! Aber die beiden haben sich gerade furchtbar gestritten am Telefon.  

 

Roswitha:  Ja?

 

Dina:         Aber jaaa... - Es geht um diesen neuen Mieter da. (deutet auf die Tür der Anliegerwohnung)

 

Roswitha:  Du meinst Herrn Meiners? Was ist mit dem? Der ist doch ganz nett.

 

Dina:         Tsss... NETT... und wenn er auch nett ist - Roswitha, wach doch mal auf, Du Naivchen. Da stimmt doch was nicht.

 

Roswitha:  Ich weiß nicht, was Du meinst.

 

Dina:         Der Sohn von Elfriede und Dieter - dieser Sascha - der studiert seit Februar in Berlin. Und sofort danach hat Elfriede hier draußen eine Tür einbauen lassen und das Zimmer von Sascha vermietet. An diesen Herrn Meiners. Und wenn Dieter 4000 Euro verdient, also... NÖTIG haben die das ja wohl nicht. Also... was kombinierst Du?

 

Roswitha:  Ach, das geht uns doch nichts an, Dina.

 

Dina:         (deutlich) Da läuft doch was zwischen Elfriede und diesem Meiners! Ich sag´s Dir: Die treiben es miteinander.

 

Roswitha:  DINA! Was sagst Du denn da? Hast Du denn was gesehen?

 

Dina:         Gesehen... pah... Ich kann 1 + 1 zusammen zählen, Roswitha. Das reicht ja wohl. Dieter ist von Montags bis Freitags auswärts auf Montage, und Elfriede vermietet plötzlich Michaels Zimmer an einen attraktiven und jüngeren Mann. Dieter ruft jeden Tag ein paarmal an und stellt fast nur Fragen, was diesen Mieter angeht. Der ist eifersüchtig - ist doch klar. Und ab übernächsten Montag hat Dieter 4 Wochen Urlaub. Deshalb ist Elfriede plötzlich ganz besonders gereizt - weil sie dann keine freie Bahn mehr hat für ihren Liebhaber. Ja ja, da wird wohl bald eine Scheidung ins Haus stehen. Was ich Dir sag´.

 

Roswitha:  Meinst Du wirklich?

 

Dina:         Aber ja! Hach, Elfriede Kloster - das sie sich nicht schämt – in ihrem Alter.

 

Roswitha:  Zum Fremdgehen gehören ja wohl immer zwei, Dina.

 

Dina:         Eben, eben. Dieser Herr Meiners ist ja auch nicht besser, wenn er Elfriedes Ehe kaputt macht. Ich hab´ sowieso gleich als er eingezogen ist gespürt, dass das ein geiler Bock ist.

 

5. Szene

Hans:         (ist sodann aus der Tür hinten links gekommen. Ein sympathischer Mann, trägt legere, sommerliche Kleidung, hat eine Aktenmappe unterm Arm, schließt die Tür ab)

 

Dina:         (stößt Roswitha an, deutet auf ihn)

 

Hans:         (dann:) Ach, guten Tag, die Damen.

 

Roswitha:  (und Dina stehen nebeneinander, gestellt freundlich grinsend und nickend gemeinsam:) Guten Tag, Herr Meiners.

 

Hans:         Wow, was für eine verbale Choreographie. Nicht schlecht. (steckt den Schlüssel in die Aktentasche, kramt auch noch ein wenig darin herum, dann abgehend) Einen schönen Tag Ihnen.

 

Dina:         (knufft Roswitha) Hast Du das gehört? Verbale Korea-Phobie. Was ist das denn wohl wieder für ´n Schweinkram?! (dann zu Hans, der schon hinten beim Abgang ist) Äh... auch noch eben raus bei dem schönen Wetter?

 

Hans:         (bleibt stehen, dreht sich um, schmunzelt) Ja, ich bin auf dem Weg zum Verlag. Mein neuer Roman ist fertig.

 

Roswitha:  Ach richtig. Sie sind ja Schriftsteller. Worum geht´s denn in dem neuen Buch, wenn wir mal fragen dürfen - und wie heißt es denn? Nicht das wir neugierig sind oder Sie aufhalten wollen, aber man interessiert sich ja auch ein bisschen für seine Nachbarn, nicht?!

 

Hans:         Natürlich. Der Titel des Buches ist "Schwarzes Geheimnis". Und es geht um Liebe, Betrug und Mord. Jetzt muss ich aber los. (ab)

 

6. Szene

Dina:         Liebe, Betrug und Mord. Jaaaa... damit kennt er sich ja aus, dieser Lustmolch. Hat sicher nur sein eigenes Leben zu Papier gebracht und schwups ist ein Roman fertig. Lächerlich. Wer soll denn so einen Schund lesen?

 

Roswitha:  Es geht auch um Mord, Dina. Und umgebracht hat Herr Meiners ja sicher keinen, oder?

 

Dina:         Wer weiß das schon? Und was nicht ist, kann ja noch werden. Hast Du seine Augen denn nicht gesehen und diese unehrliche Freundlichkeit? Dem steht das Böse doch direkt ins Gesicht geschrieben. Also ICH hatte Gänsehaut gerade.

 

Roswitha:  Jetzt hör´ aber auf. Das ist ein sehr freundlicher Mann. Und gut aussehen tut er auch. Und ich werde mir demnächst auch sicher mal ein Buch von ihm kaufen. Ist doch interessant. Wer hat schon einen Schriftsteller in der Nachbarschaft?

 

Dina:         Interessant. Ja, das ist es wirklich.

 

Roswitha:  Nicht wahr?!

 

Dina:         Dein Verhalten ist vor allem interessant.

 

Roswitha:  Dina, nun sieh Du nicht immer schon Gespenster wo keine sind. Ich muss auch wieder los. Viel Spaß beim Backen. Hast Du einen Wunsch zu Deinem Geburtstag?

 

Dina:         Nein nein. Hauptsache Du kommst, damit ich nicht so alleine bin. Morgen gegen drei, ja?! Ja ja, als Witwe ist es manchmal ganz schön einsam. Vor allem in diesem großen Haus.

Roswitha:  Geschieden, so wie ich, ist es auch nicht anders, Dina. Bis dann. (abgehend nach hinten rechts)

 

Dina:         (wartet vor ihrem Haus bis Roswitha weg ist, will gerade ins Haus, als...)

 

7. Szene

Elfriede:    (...von hinten links zurückkommt, die Tür schon aufschließt, genervt) Portemonnaie - das Portemonnaie. Mein Gott, der ganze Weg umsonst.

 

Dina:         Guten Morgen, Frau Nachbarin.

 

Elfriede:    Ach, Hallo Dina. (ab ins Haus, Tür bleibt offen)

 

Dina:         Ohne Geld kauft es sich heutzutage ganz schlecht ein, nicht wahr?! Ja ja, das waren noch Zeiten, als wir bei Hänschen Boekhoffs kleinem Laden anschreiben lassen konnten, nicht wahr?!

 

Elfriede:    (kommt zurück, schließt die Tür wieder) Ja, Du sagst es.

 

Dina:         (steht nun fast vor Elfriede mit verschränkten Armen, grinst süffisant) Jaja.

 

Elfriede:    Äh... ist irgendwas?

 

Dina:         Och, eigentlich geht mich das ja alles gar nichts an...

 

Elfriede:    Was geht Dich nichts an?

 

Dina:         Nun ja... Euer Mieter - oder sollte ich lieber sagen: DEIN Mieter, denn Dieter ist ja eh meistens nicht da. Dieser Herr Meiners...

 

Elfriede:    Was ist mit Herrn Meiners?

 

Dina:         Nun, ich kann es ja nicht beweisen, aber es ist gut möglich, dass Herr Meiners die längste Zeit hier bei Dir gewohnt hat.

 

Elfriede:    Wie bitte? Der wohnt hier ja erst ein paar Monate. Hat er gesagt, dass er wieder ausziehen will? Aber warum denn? Sucht er eine größere Wohnung? Und warum redet er denn nicht mit mir darüber?

 

Dina:         Tja, DAS kann ich Dir auch nicht sagen.

 

Elfriede:    Ja, nun rede doch schon. Was weißt Du - und woher? Warum sollte Herr Meiners hier ausziehen?

 

Dina:         Das kann ich Dir genau sagen, Elfriede: Weil unsere herzensgute Nachbarin Roswitha Müller zwei Augen auf ihn geworfen hat! Jaaaaa, sie wirft sich ihm direkt an den Hals. Widerlich ist das. Und das in ihrem Alter. Aber so ist Roswitha ja schon immer gewesen. Sie gibt ja ihrem Mann die Schuld für die Scheidung, aber MIR macht sie nichts vor. Die ist mannstoll, jawohl. Allen jammert sie vor, wie sehr sie noch darunter leidet, dass ihr Mann sie immer wieder betrogen hat. Aber SIE ist das durchtriebene Luder, glaub´ mir.

Elfriede:    Dina - ich bin ja fassungslos. Ich hatte ja keine Ahnung. Und ich hab´ die beiden auch noch nie zusammen gesehen.

 

Dina:         Roswitha Müller ist doch eh ein einziges Rätsel. Woher hat die wohl das viele Geld, um ihrer Tochter Pia diese Heilpraktiker-Praxis einzurichten? Das Mädchen hat bislang nur auf der Schulbank gesessen und nix verdient. Und Roswitha hat ´nen 400-Euro-Job als Putze bei Edeka. Da stimmt doch was nicht. Vielleicht ist DAS ja auch der Grund, weshalb sie sich jetzt unseren Autor Meiners geangelt hat. Was verdient eigentlich so ´n Schriftsteller, Elfriede?

 

Elfriede:    Ich weiß es nicht. - Und Du meinst wirklich, dass Roswitha und Herr Meiners zusammen ziehen wollen?

 

Dina:         Na, warum sollte Roswitha denn in ihrem großen Haus alleine wohnen? Ihre Tochter Pia hat doch 3 Zimmer in ihrer neuen Praxis, die sie bald eröffnen will. Die ist doch schon raus aus dem Elternhaus. Bietet sich doch sehr an, wenn sie mit Herrn Meiners ihre Klamotten zusammenschmeißt, nicht?! (grinst schelmisch) Und? Eifersüchtig?

 

Elfriede:    Hä? Was? Eifersüchtig? - Wieso sollte ich denn eifersüchtig sein? - Sag mal, seit wann geht das denn schon mit den beiden? 

 

Dina:         Das weiß ich auch nicht so genau.

 

Elfriede:    (ahnt langsam, dass Dina mal wieder übertreiben könnte mit ihren Geschichten) Dina, jetzt mal Klartext: WAS weißt Du denn genau?

 

Dina:         Du kannst mir glauben. Was ich gesehen und gehört hab´, hab´ ich gesehen und gehört!

 

Elfriede:    (deutlicher, mit strengem Blick) DINA - WAS WEISST DU?

 

Dina:         (kleinlaut) Nun ja, dass Roswitha Herrn Meiners sympathisch und gutaussehend findet. (schnell) Und sie ist freundlich zu ihm. Ja. (schneller) Und - und ein Buch will sie sich kaufen von ihm. Ja, das will sie. Sie will einen Roman lesen, den er geschrieben hat. Wobei, ich weiß gar nicht, ob die überhaupt soviele Worte hintereinander lesen kann. Sie soll ja in der Schule ja auch nicht die hellste gewesen sein. Das sagte Lisbeth Voskuhl zumindest.

 

Elfriede:    (kann es kaum glauben) Dina?

 

Dina:         Ja?

 

Elfriede:    Bevor ich mich hier jetzt wieder mal aufrege über Deine verdrehten und überzogenen Geschichten - wie ich es schon so oft getan hab´- wünsche ich Dir lieber noch einen schönen Tag, bevor ich richtig böse werde. (zügig ab nach hinten links)

 

Dina:         (allein) Also... (dann zu sich selbst abgehend zu ihrer Haustür) DAS ist nun der Dank. (pikiert) Tsss... Wenn ICH hier die Augen nicht offen halten würde, gäb´s hier Zustände wie in Sodom und Gomorrha. (ab ins Haus, kurze Pause)          

8. Szene

Sascha:      (kommt von hinten rechts mit einem großen, gefüllten Rucksack auf dem Rücken auf die Bühne, geht zur Tür von Klosters Haus, dann aber erstmal seufzend zur Bühnenmitte zurück, legt den Rucksack ab, setzt sich, holt Handy oder Smartphone hervor, tippt eine Nummer, Gerät dann ans Ohr, wartet) Marcel? Ja, ich bin´s. So wie besprochen, nur damit Du zufrieden bist. Ich bin gerade angekommen. - Wie sie es aufgenommen haben? Kann ich Dir nicht sagen. Ich bin noch draußen vor der Tür. Ja okay. Ich melde mich wieder. Bye. (drückt erneut eine Taste auf dem Gerät, verstaut es, steht auf, geht ohne Rucksack wieder zur Tür, als...)

 

9. Szene

Pia:            (...von hinten links kommt. Eine sympathische, flotte junge Frau in hübscher Sommerkleidung. Sie hat einen in Folie eingeschweißten dünnen Katalog in der Hand, in Richtung Dinas Haus gehend, sieht dann Sascha, überrascht) Sascha!

 

Sascha:      (der gerade an die Tür seiner Eltern klopfen oder klingeln wollte) Pia - Hallo.

 

Pia:            (geht zu ihm, breitet die Arme aus) Komm her. Schön, dass Du wieder mal hier bei uns im Dorf bist. (umarmt ihn herzlich) Semester-Ferien?

 

Sascha:      Auch.

 

Pia:            Auch?

 

Sascha:      Ja. Und Du? Was machst Du so?

 

Pia:            Ich mach grad ´ne Pause. Bin seit Wochen nur noch am Vorbereiten. Die Praxis wird bald eröffnet. Ich hab´s Dir doch gemailt.

 

Sascha:      Toll. Pia Müller, die Heilpraktikerin. Ich bin schwer beeindruckt, dass Du das echt durchgezogen hast. 

 

Pia:            Durchziehen willst, muss es heißen. Der große Tag der Eröffnung steht mir ja noch bevor. Ich kann nur hoffen, dass die Leute mich akzeptieren und diese Idee auch funktioniert.

 

Sascha:      Wird sie. Ich kenne doch Deinen Ehrgeiz.

 

Pia:            Jetzt erzähl´ aber von Dir? Wie läuft Dein Medizin-Studium?

 

Sascha:      Ich äh... tja, wie soll ich sagen?

 

Pia:            Wieso?

 

Sascha:      Nun, ich hab´... ich hab´ abgebrochen.

 

Pia:            W a s ?

 

Sascha:      Ja. Ich hab´ das Studium geschmissen. Das ist auch der Grund, weshalb ich hierher zurück bin. Es sind für mich sozusagen.. na ja... recht lange Semesterferien.

Pia:            Sascha - aber - warum?

 

Sascha:      (leicht erbost) Ach, es war doch immer nur meine Mutter, die mir diese Idee vom Halbgott in weiß eingeredet hat. - Sicher war es zuerst auch für mich ein Thema, aber... ich... ich kann das nicht. Dieses Studium ist mir viel zu umfangreich - ich kann oft nicht folgen in den Vorlesungen - es macht mir keinen Spaß - und dazu kommt, dass ich auch kein Blut sehen kann.

 

Pia:            Ach Mensch, das tut mir leid. - Und? Schon neue Pläne?

 

Sascha:      Nein, erstmal wieder hier wohnen - bei meinen Alten. ´ne eigene Bude wär´ mir auch lieber - aber wovon soll ich das zahlen? Ich brauch´ erstmal ´nen Job.

 

Pia:            Hhmm... und Deine berufliche Zukunft?

 

Sascha:      Keinen Plan - also, das heißt - nicht so wirklich.

 

Pia:            Meine Oma hat immer gesagt: In jedem Menschen schlummert etwas ganz tief. Ein Talent - eine Gabe - etwas, wofür man brennt. Manche erkennen das leider nie - andere wissen es und machen nichts daraus. Aber jeder hat es in sich und man sollte genau DAS tun, was einem wirklich gegeben ist. Also denk mal nach: WAS ist es, was Dich fasziniert und was macht Dir Spaß? Schau nach bei Dir.

 

Sascha:      (schaut an sich herunter) Ich find´s grad nicht.

 

Pia:            (muss lachen) Du musst nur richtig suchen.

 

Sascha:      Na ja, Gesundheit interessiert mich schon.

 

Pia:            Was heißt das genau? Denk nach!

 

Sascha:      Pia, sei nicht böse, aber dazu fehlt mir jetzt im Moment der Kopf. Ich muss hier erstmal rein... (deutet zur Haustür) und meiner Mam und meinem Dad reinen Wein einschenken.

 

Pia:            Kann ich gut verstehen. Denk drüber nach, wenn Du wieder Zeit dafür hast. (geht schon zu Dinas Haus) Ich bring nur schnell Frau Möhlmann einen Katalog. Der Postbote hat wieder mal was verwechselt. (klopft oder klingelt dort)

 

Sascha:      (zur Tür seiner Eltern gehend) Wir sehen uns. Viel Erfolg mit Deiner Praxis.

 

Pia:            Ich will doch stark hoffen, dass Du zur Eröffnung kommst.

 

10. Szene

Dina:         (öffnet die Tür, kommt heraus) Pia. Guten Tag. Was gibt´s denn? Ist wieder mal die falsche Post in Euren Briefkasten gela... (schaut über Pias Schulter) Ooooh... Sascha. Du bist zurück? (drängelt sich an Pia vorbei, entreißt ihr den Katalog, geht zu Sascha) Elfriede hat ja gar nichts erzählt davon, dass Du deine Ferien hier verbringen willst. Dabei hab´ ich gerade noch mit ihr gesprochen.

 

Sascha:      (eher weniger begeistert über dieses Aufeinandertreffen, dreht sich dennoch zu ihr um) Hallo Dina.

 

Dina:         Oooh... abgenommen hast Du. Ja ja... wenn der Kochtopf der Mutter fehlt, ich sag´s ja immer.

 

Sascha:      Studieren macht eben schlank, Dina.

 

Dina:         So kann man das natürlich auch ausdrücken. Ganz schön was passiert in den letzten Monaten, nicht?!

 

Sascha:      (verwirrt, ahnt böses) Wieso? Was meinst Du? Du weißt doch noch nicht, dass ich mein Studium...

 

Dina:         Was? - Sag´ mal, DU weißt wirklich noch nicht, was hier passiert ist?

 

Sascha:      Wovon sprichst Du, Dina.

 

Dina:         Sascha - Deine Mutter wird Dir doch sicher am Telefon oder so mitgeteilt haben, dass sie umgehend nach dem Beginn Deines Studiums das Haus umgebaut und Dein Zimmer vermietet hat, nicht?!

 

Sascha:      Bitte? (schaut dahin) Oh Scheisse - jetzt seh´ ich das ja erst. Seit wann ist denn da ´ne Tür?

 

Dina:         Genauso lange, wie Du in Berlin bist. Ja, da wohnt jetzt ein Schriftsteller.

 

Pia:            Ach, das ist Dir neu, Sascha?

 

Sascha:      DU weißt das auch? Mutter hat kein Wort erzählt davon. Dabei simsen und mailen wir jede Woche.

 

Dina:         Na, das sieht Deiner Mutter mal wieder ähnlich. Na ja, es wird sich schon eine Lösung finden, solange Du hier Deine Ferien verbringst, denke ich. - Deine Eltern wissen doch, dass Du kommst, oder? Weil - merkwürdig ist das ja schon, dass Elfriede kein Wort davon gesagt hat.

 

Sascha:      Meine Ferien... Ja also...

 

Pia:            Äh Dina, Sascha hat ´ne lange Fahrt hinter sich und muss nun erstmal ankommen. Da sollten wir ihn am besten jetzt mal alleine lassen, meinst Du nicht auch? Ich muss jetzt auch geh´n.

 

Sascha:      Danke Pia.

 

Dina:         Ja ja. Das versteh ich doch. (geht zurück zu ihrer Tür, stellt sich davor, verschränkt die Arme, wartet)

 

Pia:            (und Sascha schauen sie verblüfft an) Tja, wir sehen uns, Sascha. Bis bald. (abgehend) Tschüß Dina.

 

Sascha:      Bis dann, Pia.

 

Dina:         Tschüßiii... Und danke für den Katalog, Du Gute, Du!

 

11. Szene

Sascha:      (an der Tür seiner Eltern, will klingeln oder klopfen, dreht sich dann nochmal zu Dina um) Du äh... willst also tatsächlich zuschauen?

 

Dina:         Ach, was DU nun wieder denkst. Ich genieße nur gerade die frische Luft vor meiner Tür. (atmet 3 x tief ein und aus, macht 2 Kniebeugen dabei) Ein herrlicher Tag, nicht wahr?! Obwohl ja noch Gewitter angekündigt ist.

 

Sascha:      (seufzt) Hhmm... Na dann... (klopft oder klingelt)

 

Dina:         Ich hätte da ´ne sehr interessante Information

                  für Dich.

 

Sascha:      Dina, jetzt lass mich doch einfach mal in Ruhe ankommen und meine Mutter begrüßen.

 

Dina:         Aha. Willst also nichts von mir hören?

 

Sascha:      Nein!

 

Dina:         Okay, so wie Du willst.

 

                  (es öffnet keiner, kurze Pause)

 

Dina:         Deine Mutter ist übrigens einkaufen.

 

Sascha:      WAS? Und das sagst Du erst jetzt?!

 

Dina:         Du wolltest meine interessante Information doch nicht hören.

 

Sascha:      Dina, also Du bist echt...

 

Dina:         Ja, was denn?

 

Sascha:      Unglaublich. - Mann eh, was mach ich denn nun? Wann kommt sie denn zurück?

 

Dina:         So wie ich Deine Mutter kenne, hat sie wieder ein neues technisches Gerät entdeckt im Supermarkt und nicht genug Bargeld dabei. Und wie so oft, hat sie ihre EC-Karte nicht dabei. Sie sollte also gleich zurück sein.

 

12. Szene

Elfriede:    (kommt sodann recht genervt mit sich selbst schimpfend von hinten zurück) Da will man EINMAL was kaufen, dann hat man die EC-Karte nicht dabei. (sieht dann ihren Sohn) Sascha!

 

Sascha:      Hallo Mam.

 

Dina:         (süffisant) Ach, da schau an. DOCH so überrascht über den Besuch Deines Sohnes, Elfriede?

 

Elfriede:    (schaut wie Sascha leicht genervt zu Dina herüber)

 

Sascha:      Ja, ich bin´s. Können wir reden, Mam?

 

Elfriede:    Natürlich. Komm rein. (holt den Türschlüssel hervor, schließt auf, legt ihre Hand auf seine Schulter, schiebt ihn schon ins Haus)

 

Sascha:      (ab ins Haus)

 

Dina:         Na, wenn DAS mal alles gut geht. Mir scheint, da ist einiges im Argen bei Euch.

 

Elfriede:    (erbost) Ach, kümmer´ Du Dich doch um den Dreck vor Deiner eigenen Tür, Dina Möhlmann. (zügig ab ins Haus, Tür zu)

 

Dina:         (allein, zunächst sehr empört) Also, das ist dann doch... das ist dann doch... (dann) Ja ja. Spuck Du nur große Töne, Elfriede. Denn wer am lautesten schreit, wird am Ende die kleinsten Kartoffeln essen müssen. Warte es nur ab. (dann ruhiger) Es dauert eh nur 30 Sekunden, bis Du wieder aus dem Haus kommst. Streitgespräche hast Du bisher IMMER vor der Tür geregelt. (schaut auf die Uhr, kurze Pause, geht ins Haus, steckt aber den Kopf heraus) Und... JETZT müsstest Du wieder rauskommen mit Deinem Sohnemann.

 

13. Szene

                  (Die Tür bei Klosters wird sehr zügig geöffnet exakt als Dina ihren Satz beendet hat)

 

Elfriede:    (noch im Haus) Bist Du jetzt sauer oder was?

 

Sascha:      (kommt wütend aus dem Haus, ihm folgt sogleich Elfriede) Ja, sicher bin ich sauer. Und wie. Natürlich haben Vater und Du das Recht, in Eurem Haus Zimmer zu vermieten. Aber es gibt 2 Dinge, die mich da sehr stören: Zunächst mal bin ich erst ein paar Monate weg; und dann hast Du mir bisher nicht ein Wort davon erzählt.

 

Elfriede:    (ebenso erbost) Na, frag MICH mal, ob ich vielleicht auch sauer bin. Da wollen Dein Vater und ich nur das Allerbeste für Dich, helfen Dir finanziell wo es nur geht und setzen alles daran, dass aus Dir etwas Vernünftiges wird - und was machst DU: Kommst nach einem halben Jahr hierher und hast nichts anderes zu berichten, als dass Du Dein Medizin-Studium abgebrochen hast.

 

Sascha:      Kannst Du mir mal sagen, wo ich jetzt wohnen und pennen soll?

 

Elfriede:    Kannst DU mir mal sagen, was Du jetzt beruflich vor hast?

 

Sascha:      Ich kann also nicht wieder zurück in mein eigenes Zimmer?

 

Elfriede:    Nein. Wie stellst Du Dir das denn vor? Ich kann doch Herrn Meiners nicht rauswerfen.

Sascha:      Alles klar.

 

Elfriede:    Und Du wirst das Studium nicht wieder aufnehmen?

 

Sascha:      Nein. Es ist entschieden und basta.

 

Elfriede:    Dann ist bei mir auch alles klar. Du hast keine Ahnung, wie Du mich enttäuscht.

 

Sascha:      Das gebe ich gerne zurück. Und jetzt lass mich einen Moment allein.

 

Elfriede:    Wie Du meinst. Ich muss diese schreckliche Botschaft eh erst verarbeiten. Und ich bin sehr gespannt, was Dein Vater dazu sagt. Am besten ruf ich ihn sofort an. (zügig ab ins Haus)

 

Dina:         (lacht) Hähähä... (schließt ihre Tür vom Haus, ab)

 

Elfriede:    (und Sascha haben Dina gar nicht bemerkt)

 

14. Szene

Sascha:      (allein, setzt sich wütend auf den Boden an die Hauswand, dann:) Scheiße Mann! (kurze Pause, dann kommt...)

 

15. Szene

Andreas:    (...langsam von hinten auf die Bühne. Er sieht aus, wie ein "typischer" Obdachloser. Er trägt recht abgenutzte Kleidung, einen offenen Mantel, darunter Pullover, dreckige Hose, kaputte Schuhe oder Stiefel, eine Strick-Mütze. Das Haar zottelig usw. Auch im Gesicht ist er leicht dreckig. Er hat einen alten Rucksack auf dem Rücken, sowie 3-4 prallgefüllte Plastiktüten in den Händen. Er geht dann zu Dinas Haus, schaut auf das Klingelschild, will gerade klopfen oder klingeln. Sascha sieht er zunächst nicht)

 

Sascha:      (sieht ihn zwar, beobachtet ihn, schweigt aber und bleibt sitzen)

 

16. Szene

Dina:         (öffnet spontan die Tür, noch bevor Andreas sich bemerkbar machen konnte) Pass mal auf Sascha... (sieht dann Andreas direkt vor sich stehen, furchtbar erschrocken) Aaaaah... (Hände vor die Brust)

 

Andreas:    Oh mein Gott, entschuldigen Sie bitte. Ich wollte Sie auf gar keinen Fall erschrecken.

 

Dina:         (barsch) Das haben Sie aber! Und wie!

 

Andreas:    Das hab´ ich wirklich nicht gewollt. Wenn Sie aber ein gesundes Herz haben, regt das den Kreislauf eher nur an - und das ist nicht unbedingt gesundheitsschädlich.

 

Dina:         Was ist das denn für ´n Spruch? Und wenn ich ein schwaches Herz hab´ wär´s jetzt vorbei mit mir, oder was? Ein toller Trost.

 

Andreas:    (leicht erschrocken) Sie haben doch kein schwaches Herz, gnädige Frau, oder?

 

Dina:         Bis vor einer Minute noch nicht. Und das „gnädige“ macht Ihr Verhalten auch nicht wieder gut. (mustert ihn, geht einen Schritt zurück) Wer sind Sie überhaupt und was wollen Sie?

 

Andreas:    Berger ist mein Name. Andreas Berger.

 

Dina:         Berger. Andreas Berger? Ja und weiter? Sind Sie ein Bruder von Andrea Berg? Hähä...

 

Andreas:    Wie bitte? - Äh nein. Nicht das ich wüsste.

 

Dina:         Na dann... Und? Was gibt´s?

 

Andreas:    Ihr Herz!

 

Dina:         Was?

 

Andreas:    Es ist bestimmt stark – Ihr Herz – aber auch ganz sicher besonders gutmütig. Das sehe ich Ihnen doch an. Ihre Augen sagen mir das. Sie sehen, dass es manchen Menschen weniger gut geht auf dieser Erde. Und deshalb möchte ich Sie um eine milde Gabe für einen hungrigen Mann ohne Obdach bitten. (hält die Hand offen)

 

Dina:         Das ist ja wohl nicht zu glauben. Jetzt laufen die Penner schon von Haus zu Haus?! Sonst musste ich immer nur die Zeugen Jehovas und Zeitschriften-Verkäufer abwimmeln. Und jetzt DAS hier. Die Menschen werden ja wohl immer dreister. (sieht dann Sascha auf dem Boden sitzen) Sascha? Alles in Ordnung?

 

Sascha:      (barsch) Nee. Nix ist in Ordnung. Ich hab´ kein Dach über´m Kopf.

 

Andreas:    (dreht sich zu ihm um) Ach, guten Tag. Ein Dach über´m Kopf hab´ ich auch nicht. Jetzt im Sommer ist das nicht so schlimm, draußen zu schlafen. Aber wenn erst die Wintermonate wieder kommen... Heute soll es aber noch ein Gewitter geben, wurde mir gesagt. Aber was erzähl´ ich Dir, Kollege, das weißt Du ja sicher ebenso gut wie ich.

 

Sascha:      Äh... für mich ist das eigentlich neu. Aber die Situation ist dennoch großer Mist.

 

Andreas:    (recht klagend) Es gibt nur eins, was wir brauchen, mein Freund. Menschen mit Herz. Menschen, die noch teilen können. Menschen, die ihr Brot brechen und uns nicht unserem Schicksal überlassen.

 

Dina:         Ja ja. Nun bleiben Sie mal auf dem Teppich.

 

Andreas:    Ich meine ja man bloß. Weil es ja auch noch ein Gewitter geben soll, hat man mir gesagt.

 

17. Szene

Elfriede:    (kommt zügig aus dem Haus, Smartphone am Ohr) Jaaaaa...  DEIN Herr Sohn hat mal eben sein Studium abgebrochen. Und jetzt hat er noch die Frechheit, hier laut zu werden, weil sein Zimmer für ihn nicht mehr zur Verfügung steht. Das konnte ja nun wirklich keiner ahnen. Immerhin waren wir auf 12 Semester eingestellt.

18. Szene

Hans:         (kommt wieder von hinten auf die Bühne, schließt die Tür zu seiner Wohnung auf, währenddessen kurz zu den Anwesenden) Guten Tag.

 

Sascha:      (erbost) Ach, DER Typ wohnt jetzt also in meiner Bude, ja?!

 

Dina:         Ja, das tut er wohl.

 

Hans:         Wie bitte?

 

Sascha:      (geht zu ihm, fast drohend) Das hier war immer MEIN Zimmer, nur damit Sie es mal wissen. Und nur weil ich mein Studium nicht fortführe, heißt das noch lange nicht, dass SIE das Recht haben, sich hier breit zu machen.

 

Elfriede:    (senkt die Hand mit dem Smartphone) Sascha! Jetzt ist es aber gut. Du kannst doch den Herrn Meiners nicht so anfahren. (Smartphone wieder am Ohr) Nein Dieter! Wir müssen jetzt auch mal hart sein. Wir haben alles für Sascha getan. Und er enttäuscht uns nur. Da können wir ihm zur Belohnung nicht einfach sein Zimmer zurück geben und Herrn Meiners fort schicken. (deutet auf Andreas) Wer sind Sie denn?

 

Hans:         (zu Elfriede) Sie wollen mich rauswerfen?

 

Elfriede:    Aber nein! Es sei denn, Sie ziehen doch eher als geplant zu Roswitha Müller. Dann ist das natürlich etwas anderes.

 

Hans:         Bitte?

 

Elfriede:    Ja, ich hörte, dass Sie und Roswitha zusammen ziehen wollen. (schaut Dina dabei an, die sich leicht verschämt abwendet)

 

Hans:         Ich soll mit Frau Müller zusammenziehen? Davon kann gar keine Rede sein.

 

Elfriede:    Aha. War diese Information denn vielleicht eine Lüge? Tja, Dina Möhlmann. (verschränkt die Arme) Du weißt doch immer alles und hast immer eine Lösung und Erklärung parat. Jetzt zeig´ uns mal, was Du kannst. Na?

 

Dina:         Was äh... willst Du damit sagen?

 

Elfriede:    Na, dass DU Dir doch bei allen - noch so kleinen Problemen - das Maul über alle zerreißt und überhaupt nicht verstehen kannst, warum irgendetwas nicht rund läuft. Du bist doch immer so sehr für Harmonie - besonders in der Nachbarschaft. Verheimlichen kann man vor Dir ja eh nichts. Ja, wir haben ein Problem in unserer Familie. Und jeder Mensch wird verstehen, dass ich unseren Mieter nicht einfach auf die Straße setzen kann, weil Sascha mich mit seiner Botschaft überfallen hat. Da fällt auch DIR keine Lösung ein, wie?! Hach, ich finde es herrlich Dina, dass Du endlich mal sprach-und machtlos bist.

 

Dina:         Sprachlos? Machtlos? Ich? (holt tief Luft, dann) Na da scheiß Dich man nicht an, Elfriede Kloster. (Pause, dann deutlich und stolz) Sascha mein Lieber. - Selbstverständlich kannst Du bei MIR wohnen, wenn Du willst, bis sich eine Lösung gefunden hat!

 

Sascha:      Oh geil. (geht schon mit seinem Rucksack auf die Seite von Dinas Haus)

 

Hans:         Na dann ist ja erstmal alles geregelt.

 

Andreas:    Das ist gut. Weil es ja auch noch ein Gewitter geben soll, wie man mir sagte.

 

Elfriede:    Was? (zu Hans) Gar nix ist hier geregelt. (zu Dina) Also... das kannst Du doch nicht machen, Dina. SO hab´ ich das doch auch gar nicht gemeint.

 

Sascha:      Ja, warum denn nicht?! DIE hat zumindest noch ein Gewissen und lässt mich nicht unter ´ner Brücke pennen heut´ Nacht.

 

Andreas:    Eben. Ist unter einer Brücke auch wirklich nicht schön - bei so ´nem Gewitter, dass es noch geben soll.

 

Dina:         (stolz) Richtig! Also, hinein in meine gute Stube. Ist Platz genug. Aber bitte die Füße abtreten.

 

Andreas:    Diese Lösung ist doch gar nicht schlecht. Zeigt doch Ihr gutes Herz, Frau Möhlmann.

 

Hans:         Das sehe ich auch so.

 

Elfriede:    Dina Möhlmann. Du kannst doch unseren Sohn nicht bei Dir wohnen lassen. Er soll lernen, dass er sich falsch verhalten hat. Da sollte ihn jetzt keiner auch noch belohnen. Hier geht es ums Prinzip.

 

Dina:         Ein Prinzip hab´ ich nicht. Ich war letzte Woche erst beim Arzt. Es war alles in Ordnung. (legt den Arm um Sascha) Nun geh schon rein, mein Junge. Tante Dina kümmert sich um Dich.

 

Sascha:      (stolz ab ins Haus)

 

Dina:         Tja Elfriede. Ich habe ein Herz und bin nicht so kalt wie Du. Kannst Dir mal ein Beispiel dran nehmen.

 

Andreas:    Beispiel dran nehmen.

 

Hans:         Beispiel dran nehmen. (belustigt die Tür zu seiner Wohnung aufschließend ab)

 

19. Szene

Elfriede:    Ja also das ist dann doch. (Hörer wieder am Ohr) Dieter? Dieter - bist Du noch dran? Du glaubst ja gar nicht, was hier gerade vor unserer Tür passiert. (wendet sich ein wenig ab, telefoniert kurz leise weiter)

 

Dina:         (will stolz auch ab ins Haus)

 

 

20. Szene

Andreas:    (…enttäuscht, schon leicht weinerlich) Und was ist mit mir, Frau Dina? Ich... ich hab´ doch auch keinen Schlafplatz. Und wie ich schon sagte: Es wurde doch noch ein Gewitter angekündigt. Und Hunger hab´ ich auch. Und wenn Sie doch so ein gutes Herz haben...

 

Elfriede:    (hat das gehört, zu Dieter am Telefon) Moment Dieter. (dann zu Dina belustigt ironisch:) Aaaah... kommen wir gerade ein wenig ins Schwitzen, Dina Möhlmann? Ein Obdachloser bittet um eine Herberge bei Dir. Na, was machst Du jetzt? 

 

Dina:         (überlegt kurz, dann stolz) Was ich jetzt mache? Das will ich Dir genau sagen, Elfriede: Auf einen mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an. - Sie dürfen gerne bei mir nächtigen, Herr Berger. Bitte sehr.

 

Andreas:    Oh danke. (schnell ab ins Haus)

 

Dina:         Was hab´ ich gesagt?! Füüüüße abtreten!

 

Andreas:    (kommt nochmal zurück, tut dieses recht übertrieben, dann wieder ab)

 

21. Szene

Elfriede:    Du bist ja völlig durchgedreht, Dina Möhlmann. Erst nimmst Du unseren Sohn auf - und jetzt noch einen stinkenden Penner von der Straße. Wird das jetzt so eine Art Hotten-Totten-WG bei Dir, oder was?

 

Dina:         (mit stolzer Brust) Nein. Ich zeige nur mein Herz und kehre gerade den Dreck vor meiner eigenen Tür, so wie Du es mir vorhin noch geraten hast. Kannst Dir mal ´ne Scheibe von abschneiden, Elfriede Kloster. Oder von mir aus auch zwei! - (sie singt fast) Meine Herren, was kann ich für Euch tun? (erhobenen Hauptes ab ins Haus)

 

Elfriede:    Etwas sonderbar war Dina Möhlmann schon immer. Aber jetzt dreht sie völlig durch. (weinerlich ins Smartphone:) DIETER - komm nach Hause. (dann donnert und blitzt es stark im Hintergrund, darin fällt schnell der Vorhang, besser ist Blackout – und dann Vorhang, Ende des 1. Akts)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zweiter Akt

 

                  (Derselbe Tag, am Abend. Wenn der Vorhang sich öffnet ist kein Spieler auf der Bühne)

 

1. Szene

Dina:         (kommt aus dem Haus, Tür bleibt offen, ein bisschen stolz auf sich) Ich sag´s ja immer: Kleider machen Leute. (spricht zur offenen Tür hin) Na, nun kommen Sie schon und zeigen Sie sich, Herr Berger. Nur Mut. (in irgendeiner ihrer Taschen hat sie den Schlüssel für ihren Briefkasten)

 

2. Szene

Andreas:    (kommt langsam aus dem Haus. Er trägt jetzt einen Anzug, der ihm zu klein und zu eng ist, sowie Hemd, Krawatte, andere Schuhe. Das Haar ist frisiert liegt recht "platt" am Kopf. Er fühlt sich sichtbar etwas unwohl)

 

Dina:         Sehen Sie, Herr Berger?! Ein schönes heißes Bad, der schicke Anzug von meinem verstorbenen Alfred, und Sie sehen aus wie ein Gentleman. (lauter, zu Klosters Haus hin sprechend:) Was ich nicht alles für Menschen tue, die ein wenig Hilfe brauchen, nicht?! Andere Leute verstoßen ja ihre Kinder.

 

Andreas:    Das ist wirklich überaus freundlich von Ihnen, Frau Möhlmann. Aber mir scheint, Ihr Mann war wohl eher ein kleines, dünnes Würstchen, nicht?!

Dina:         Jaaa, mag sein. Aber heutzutage spielt das doch keine Rolle mehr, bei der verrückten Mode in dieser Zeit. Schauen Sie sich doch nur die Modelle auf dem Katzenweg an.

 

Andreas:    Katzenweg?

 

Dina:         Na Katzenweg. - Catwalk oder wie das heißt.

 

Andreas:    Aha.

 

Dina:         Dieser amerikanische Ausdruck für Laufsteg.

 

Andreas:    Ahja.

 

Dina:         Auf dem Katzenweg haben die jungen Dinger zumindest auch immer Sachen an, da fragt man sich doch: Hat sie jetzt beim Anziehen etwas vergessen, fehlt da Stoff oder muss das so?

 

Andreas:    Na ja... Auf jedenfall: Danke, Frau Möhlmann.

 

Dina:         Okay okay, ich geb´s ja zu. Ist ein bisschen klein, der Anzug. Aber sauber ist er. Und bis ich Ihre alten Klamotten gewaschen und getrocknet habe, sehen Sie hiermit besser aus als nackt.

 

Andreas:    Das ist wohl wahr.

 

Dina:         Wir können uns ja gleich noch ein bisschen unterhalten. Jetzt muss ich aber erst noch die Zimmer herrichten. Das eine für Sie, Herr Berger und das andere für Sascha natürlich. (wieder laut zu Klosters herübersprechend:) Meine Gäste sollen es ja schließlich gemütlich haben. (dann zu Andreas:) Es ist doch in Ordnung, wenn ich Sie einen Augenblick alleine lasse? (holt dann den Briefkastenschlüssel hervor, öffnet den Kasten während Andreas´ nächstem Satz)

 

Andreas:    (währenddessen) Ja sicher. Sie sind so gut zu mir, Frau Möhlmann. Aber... aber morgen früh kann ich meine eigene Kleidung doch wieder anziehen, oder? Ich fühl´ mich einfach besser darin.

 

Dina:         Bestimmt. - Nun schauen Sie sich das an. Jetzt ist DOCH noch Post gekommen. Nicht zu fassen. (mit einigen Briefen ab ins Haus) Bis später dann.

 

3. Szene

Andreas:    (schaut sich um, setzt sich dann auf einen Stuhl oder auf die Gartenbank)

 

4. Szene

Hans:         (kommt lesend und beschäftigt wirkend mit einem Manuskript und einem Stift aus seiner Wohnung heraus, in dem Text versunken schlendert er langsam nach hinten)

 

Andreas:    (sieht ihn) Hey Hallooo...

 

Hans:         (schaut zu ihm) Oh Sie sind immer noch da? (geht langsam zu ihm, bleibt aber stehen)

 

Andreas:    Das gute Herz von Frau Möhlmann lässt mich einfach nicht gehen. Ich darf auch mit ihr... äh bei ihr schlafen.

 

Hans:         Ach... das ist aber freundlich von ihr.

 

Andreas:    Sie hat zwei Gästezimmer. Ihr verstorbener Mann und sie haben sich immer Kinder gewünscht, hat aber nicht sollen sein. Und somit werden diese Räume auch endlich mal von Sascha und mir benutzt. (reicht ihm die Hand) Andreas Berger. Obdachloser.

 

Hans:         (erwidert) Hans Meiners. Schriftsteller.

 

Andreas:    Ach, Sie schreiben?! Ich bin schon seit Jahren am odachlosen.

 

Hans:         Das tut mir leid. (setzt sich jetzt zu ihm) Und jetzt sind Sie heute zufällig hierhergekommen um ein paar Cent zu sammeln und dürfen sogar bei Frau Möhlmann übernachten? Passiert Ihnen sowas öfter? Und vor allem: Eine Lösung auf Dauer ist das ja für Sie auch leider nicht. 

 

Andreas:    Das ist richtig. Aber... na ja... da ist noch was anderes.

 

Hans:         Was meinen Sie?

 

Andreas:    Ich bin nicht ganz zufällig hierhergekommen.

 

Hans:         Aha.

Andreas:    Sie sehen ja selbst, dass es das Schicksal nicht so gut mit mir meint. Es gibt Tage, da geben die Leute gerne und es kommen schon mal 20 Euro zusammen. Davon kann man dann ganz gut leben. Aber vor ein paar Monaten da lief es gar nicht gut bei mir. Ich konnte so gut wie nix erbetteln und war fast am Ende.

 

Hans:         Das muss bitter sein. Aber Herr Berger, eigentlich muss heutzutage niemand mehr betteln. Es gibt soziale Einrichtungen und Unterstützung für jeden in Deutschland.

 

Andreas:    Nein nein. Dazu bin ich zu stolz. Ich bin obdachlos und will beweisen, dass ich alleine durch´s Leben komme. Wenn einem die Menschen aber nichts geben ist das verdammt hart.Wer´s nicht selbst erlebt hat, hat kaum eine Vorstellung davon.

 

Hans:         Das glaub´ ich Ihnen gerne. Und was haben Sie gemacht, als es vor einiger Zeit bei Ihnen nichts gab?

 

Andreas:    Ich hab´ Scheiße gebaut und bin dafür 6 Monate ins Gefängnis gekommen.

 

Hans:         Auch das noch.

 

Andreas:    Verstehen Sie das jetzt bloß nicht falsch. Es war nur ein kleiner Einbruch in der Nacht in einem Kiosk. Ich hab´ nicht mal Geld geklaut - nur was zu essen. Ich kann noch nicht mal eine Fliege umbringen - mir geht es immer nur darum, den Hunger zu stillen und im Winter nicht zu erfrieren. - Tja, ich wurde geschnappt und bekam ein halbes Jahr Gefängnis.

 

Hans:         Übel - aber immerhin ein Dach über´m Kopf.

 

Andreas:    Stimmt. Ganz so schlecht war es wirklich nicht im Knast. Und seit 10 Tagen bin ich jetzt wieder draußen. Aber ich hab´ da hinter Gittern auch etwas gemacht, was nicht ganz in Ordnung ist.

 

Hans:         Sie inspirieren mich gerade. Ist ein schöner Stoff für einen neuen Roman. Erzählen Sie weiter.

 

Andreas:    Jaaa... ich... also ich möchte endlich auch mal wieder eine richtige Chance haben und normal leben. Ich hab´ das Hausen auf der Straße satt. Das können Sie doch verstehen, oder? Aber das erste was man braucht um überhaupt neu starten zu können, ist ein fester Wohnsitz. Obdachlose sind Abschaum. Und... na ja... um damit endlich anfangen zu können, habe ich bei meiner Entlassung eben einen Wohnsitz angeben.

 

Hans:         Das ist cool. Und welchen?

 

Andreas:    Na, DIESEN hier. Die Adresse von Dina Möhlmann.

 

Hans:         W a s ???

 

Andreas:    Ja, sie muss das ja gar nicht erfahren. Sie können doch schweigen, oder?

 

Hans:         Ja sicher. Aber wie kam es denn gerade zu dieser Adresse?

 

Andreas:    Das war purer Zufall. Mein Zellengenosse Gustav und ich haben wahllos im Telefonbuch geblättert - und Dina Möhlmann aus Rhauderfehn ist dabei ausgelost worden. Und deswegen dachte ich heute: WENN ich schon offiziell hier wohne, dann schau ich doch auch mal vorbei. Und jetzt lässt die Gute mich hier wirklich eine Nacht unterkommen.

 

Hans:         Und DAS nennt man dann Schicksal! - Diese Geschichte ist voll krass, Herr Berger. Aber ich verstehe das. Es wäre doch schön, wenn Sie durch diese kleine Lüge wieder einen neuen Anfang machen könnten. Und - von mir wird Frau Möhlmann niemals etwas erfahren. Ich verspreche es.

 

Andreas:    Hach, da bin ich aber beruhigt.

 

5. Szene

Dina:         (kommt in einer Mischung aus Empörung und Verwirrung mit einem Brief aus dem Haus, sieht dann auch Hans) Ach, der Schreiberling ist auch zugegen. Sagen Sie mal - Sie beide kennen mich nicht wirklich - aber ich bin doch noch nicht dement, oder?

 

Hans:         Wie kommen Sie denn darauf?

 

Dina:         Und meine Augen sind auch soweit in Ordnung, soviel ich weiß.

 

Andreas:    (freundlich) Das sind sie ganz bestimmt, Frau Möhlmann.

 

Dina:         (deutlicher) Dann frag ich mich allerdings, wie ein Brief in meinem Kasten landet, auf dem draufsteht: An Herrn Andreas Berger, bei Dina Möhlmann, Eichenstrasse 6 in 26817 Rhauderfehn.

 

Andreas:    Oh...

 

Hans:         Oh...

 

Dina:         Ja - Oh...

 

Hans:         Soweit zu der Sache mit "Sie wird niemals etwas davon erfahren".

 

Dina:         Sie wird niemals WOVON etwas erfahren, Herr Meiners? --- Herr Berger - Sie haben mir nicht vielleicht etwas zu sagen?

 

Andreas:    (eingeschüchtert) Ja, also... wissen Sie... das... das konnte ich ja nun auch nicht ahnen, dass ich Post bekomme. Vor allem frag ich mich: Wer schreibt mir denn? Mir hat ja seit Jahren niemand mehr geschrieben. Wie denn auch, wenn man keine feste Bleibe hat?

 

Dina:         (deutlich) Herr Berger - ich kenne Sie noch keine 12 Stunden und dennoch ist schon Post für Sie in meinem Briefkasten?! Wie erklären Sie mir das?

 

Hans:         (steht auf) Frau Möhlmann, bitte beruhigen Sie sich.

 

Andreas:    (steht auch auf) Ja genau. Bitte beruhigen Sie sich. Ich werde Ihnen alles erklären. Unter vier Augen, wenn es Ihnen recht ist.

 

Dina:         (barsch) Ja, das ist mir sogar SEHR recht. (deutet zur Tür) Bitte - nach mir. (geht ins Haus, Andreas - ertappt – hinterher; Dina von innen: Und Füße abtreten! (Andreas tut dies, dann ab; Tür zu)

 

Hans:         (ruft ihm noch hinterher) Viel Glück und Kraft, Herr Berger. (ab nach hinten)

 

6. Szene

Elfriede:    (kommt aus dem Haus, will zu Dinas Haus gehen, als...)

 

7. Szene

Pia:            (...sodann fröhlich von hinten kommt) Hallo Elfriede.

 

Elfriede:    Pia.

 

Pia:            Ist Sascha da?

 

Elfriede:    Hör bloß auf. Ich hab´ ihm in den letzten Stunden mindestens 20 SMS geschickt und ebenso oft angerufen. Wenn er aber doch nicht reagiert und nicht ran geht...

 

Pia:            Hä? Was hast Du? Das kapier´ ich nicht.

 

Elfriede:    Ach Pia. Keiner von uns konnte ahnen, dass Sascha hier so plötzlich auftaucht. Und wir haben nun mal sein Zimmer vermietet.

 

Pia:            Da wird sich doch aber eine Lösung finden.

 

Elfriede:    (erbost) Jaaa... und die hatte Dina Möhlmann auch spontan parat. (deutet auf das Haus von Dina)

 

Pia:            Du willst damit sagen, dass Sascha...

 

Elfriede:    Kind, tu mir einen Gefallen und erzähl´ das bloß niemanden. Aber es wird erst gar nicht dazu kommen, dass unser Sohn bei Dina wohnt. Das weiß doch morgen ganz Rhauderfehn. Du kennst doch diese Tratschliese. Und deshalb werde ich das jetzt und hier regeln. (geht zu Dinas Tür, klopft oder klingelt)

 

Pia:            Na dann viel Glück. (bleibt etwas abseits stehen)

 

8. Szene

Dina:         (öffnet nach einer kurzen Pause) Ja? (kommt dann vor die Tür, dann leicht überheblich) Ach, Frau Kloster. Guten Abend. Was auch immer mir die Ehre verschaffen sollte; ich habe jetzt gerade keine, um nicht zu sagen: sowas von absolut gar keine Zeit für ein kleines Schwätzchen mit Ihnen. Ich bearbeite soeben meine Post, und danach befinde mich dann in einem sehr wichtigen Meeting. Schauen Sie doch bitte ein andermal wieder vorbei, ja?! Oder besser noch: Melden Sie sich doch an. (geht wieder rein, knallt ihr die Tür vor der Nase zu)

 

 

9. Szene

Elfriede:    Dina, so warte doch. Dina! Ich möchte doch nur kurz mit Sascha reden. (zu Pia) Schlägt die mir einfach die Tür vor der Nase zu. In einem Meeting befindet sie sich - wo hat sie das Wort nur wieder her? Und sie hat SIE zu mir gesagt. Ist sie jetzt völlig übergeschnappt? Die hält meinen Sohn bei sich gefangen.

 

Pia:            (belustigt) Ja, das ist ganz Dinas Art. Aber wenn ich darüber nachdenke, war es ja wohl wirklich ein wenig vorschnell, Michaels Zimmer so rasch zu vermieten.

 

Elfriede:    (holt das Smartphone wieder hervor, tippt, hält es ans Ohr) Ach Pia, bitte. Das geht Dich doch gar nichts an.  

 

Pia:            Stimmt. Na ja, ist ja auch nichts dabei, wenn Sascha bei einer netten Nachbarin schlafen muss.

 

Elfriede:    Nein... oh Gott, das darf auf gar keinen Fall passieren. Wenn Sascha hier wirklich übernachten sollte, schludert Dina Möhlmann das spätestens Morgen nach dem Frühstück nicht nur durch ganz Rhauderfehn, sondern durch ganz Norddeutschland. Dann sind wir erledigt. - Warum geht er denn auch nicht an sein Smartphone?

 

Pia:            Vielleicht ist er enttäuscht von dieser Vermiet-Aktion.

 

Elfriede:    (tippt auf dem Gerät herum, steckt es weg) Ja, enttäuscht bin ich auch von ihm. Und Herr Meiners hat einen Mietvertrag. Gott, ist das alles schrecklich. Entschuldige mich, Kind. Ich muss erst meinen Mann anrufen. (ab ins Haus)

 

Pia:            (kopfschüttelnd ab nach hinten rechts)

 

10. Szene

Dina:         (kommt empört aus dem Haus, Tür bleibt offen, spricht zum Haus hin) Ja, das ist wirklich ein starkes Stück, Herr Berger. Sowas macht man mit MIR nicht! Und jetzt möchte ich Sie bitten, dass Sie SOFORT die Sachen von meinem Mann wieder ausziehen und dann aus meinem Haus verschwinden.

 

Andreas:    (kommt auch heraus, bleibt aber in der Tür stehen, traurig, hat einen Brief in der Hand) Aber ich will mich doch gar nicht bei Ihnen breit machen, Frau Möhlmann. Und wer konnte denn ahnen, dass hier ein Brief hergeschickt wird? Hier ging es doch nur um die Sache selbst.

 

Dina:         Das ist mir egal. Was ist das denn überhaupt für ein Brief?

 

Andreas:    Ich hatte ja noch keine Gelegenheit, ihn zu lesen. Aber nun lassen Sie mich nochmal ganz deutlich sagen, dass...

 

11. Szene

Hans:         (kommt mit Roswitha fröhlich lachend von hinten links auf die Bühne. Roswitha hat ein gebundenes Buch in der Hand. Beide gehen in Richtung Eingangstür von Hans)

 

Dina:         (hört die beiden, drückt Andreas zurück ins Haus) Pssst! Ruhe! (sie selbst geht auch hinein, lässt aber die Tür wieder einen Spalt offen, um zu lauschen)

 

Hans:         Schön, dass Sie ein Stück mit mir gelaufen sind. So lernt man seine Nachbarn doch gleich viel besser kennen.

 

Roswitha:  Ja, das finde ich auch.

 

Hans:         Und Sie sind sicher, dass Sie das da wirklich freiwillig gekauft haben? (deutet auf das Buch)

 

Roswitha:  Herr Meiners, ich bitte Sie. Jeder hier in der gesamten Nachbarschaft sollte Ihre Bücher lesen.

 

Hans:         Wenn es Ihnen nicht gefällt tut´s Ihnen leid um das viele Geld, Frau Müller. Sie hätten noch ein paar Monate warten sollen - dann gibt´s die Taschenbuchausgabe - die ist etwas günstiger.

 

Roswitha:  Was Sie da reden, Herr Meiners. Der Preis spielt doch keine Rolle, wenn man einen Autor quasi als Nachbarn hat.

 

Hans:         Und Sie sind auch sicher, dass ich es signieren soll? Weil - umtauschen können Sie es dann sicher nicht mehr.

 

Roswitha:  Ich bin ganz sicher. Das ist eine große Ehre für mich. Ich bin Ihr Fan. (gibt ihm das Buch)

 

Hans:         MIR ist es eine Ehre, wenn ich es Ihnen signieren darf. (holt einen Stift hervor, setzt sich dann auf einen Gartenstuhl) Für wen?

 

Roswitha:  Roswitha. Schreiben Sie: Für Roswitha. Das ist mein Vorname - ja.

 

Hans:         (schreibt)

 

Roswitha:  (schaut ihm ein bisschen gespannt dabei über die Schulter, nach einer angemessenen Zeit reicht Hans ihr das Buch, sie liest) "Für meinen Fan und meine liebenswürdige Nachbarin Roswitha. Herzliche Grüße - Hans Meiners." - Hach, vielen Dank. Das bedeutet mir sehr viel.

 

Hans:         Aber gerne doch.

 

Roswitha:  Dann äh... also... sagen Sie doch auch bitte ab jetzt Roswitha zu mir.

 

Hans:         Wie Sie meinen. Ich heiße Hans. Aber das haben Sie ja jetzt schwarz auf weiß.

 

Roswitha:  (versteht erst nicht) Was? (muss dann lachen, etwas gestellt) Jaaa... haha... richtig.

 

Hans:         (steht auf, holt einen Schlüssel hervor, geht zu seiner Tür) Tja, dann viel Freude beim Lesen, Roswitha. Und sagen Sie mir bitte offen Ihre Meinung zu dem Buch, wenn Sie es durch haben.

 

 

 

 

 

 

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