Lange danach gesucht - auf Ibiza 2012 endlich gefunden
Musiker gesucht
      “Neurosen un Narzissen”

 

 

 

 

Komödie in 3 Akten

 

 von

 

Helmut Schmidt

 

 

 

(niederdeutsch)

 

 

 

 

 

 

 

 

Inhalt:

 

Guido Schneider schreibt seit Jahren Bücher, die leider von den Verlagen nicht herausgegeben werden. Somit muss seine Frau Yvonne für beide den Unterhalt als Putzfrau verdienen. Eines Tages zieht im Stockwerk über den beiden ein neuer Mieter ein. Die Nachbarin Gisela weiß zu berichten, dass es sich um einen „Gehirnklempner“ handelt, wie sie sich ausdrückt. Zufällig heißt dieser mit Nachnamen ebenfalls Schneider. Yvonne und Guido sind gar nicht erfreut über diese Namensgleichheit, weil sie nun viele Störungen von den Patienten im Treppenhaus erwarten. Immerhin müssen diese an dem ersten Stock vorbei, wenn sie von Dr. Gernot Schneider behandelt werden wollen. Doch schon hat der erste Patient die Türen verwechselt und tritt bei Guido ein. Da dieser Mann verzweifelt ist und behandelt werden will und dafür sofort einen Hunderter auf den Tisch legt, wittert Guido seine Chance und behandelt munter drauf los. Nach ein paar Tagen füllt sich die Praxis mehr und mehr bei dem falschen Arzt, der gar nicht weiß, was er da tut und wie man therapiert. Es kommen Patienten, die glauben, sie sind die Schlagersängerin Helene Fischer, haben einen Putzwahn, sind sexsüchtig oder leiden am Ödipus-Komplex. Die Kasse klingelt beim Ehepaar Schneider. Doch dann erscheint plötzlich der wahre Psychiater Gernot Schneider und will sich auch von Guido behandeln lassen, denn er selbst leidet selbst an einer merkwürdigen Psychose und das Chaos nimmt seinen Lauf...

 

 

Bühnenbild:

 

Das Bühnenbild zeigt das Wohnzimmer des Ehepaars Yvonne und Guido Schneider, das auch als Büroraum genutzt wird. Die Wohnung  befindet sich im zweiten Stock eines vierstöckigen Gebäudes direkt über einem Einkaufszentrum. - Das Wohnzimmer ist nach heutigen Verhältnissen recht schlicht, aber trotzdem gemütlich eingerichtet: ein Schrank, ein Tisch, Stühle und ein Sofa; ein Regal, irgendwo eine Musikanlage, links ein Schreibtisch mit Bürostuhl, auf dem Schreibtisch ein Computer oder Notebook und das Telefon oder Smartphone. Ein Regal mit Büchern. Es stehen hier und da auf einem weiteren Regal, auf einem Schrank und auf dem Schreibtisch diverse kleine Deko-Artikel herum. (wichtig für den 2. Akt) Nach hinten führt eine Tür zum Flur, eine weitere Tür dahinter ins Treppenhaus, nach rechts eine Tür zum Schlafzimmer, zur Küche und zu anderen Räumen. An der linken Wand ein Fenster.

 

 

 

 

Spieler:  5m/5w 

 

 

 

Guido Schneider        -          (30 - 40 Jahre)

 

Yvonne                       -           seine Frau (30-35 Jahre)

 

Gernot Schneider       -           Psychiater (ca. 50 Jahre)

 

Gisela Krämer             -           Nachbarin (35-50 Jahre)

 

Timo Fuchs                 -           Patient (30-40 J.)

 

Petra Fuchs                 -           seine Frau, Patientin (ca. 30 Jahre)

 

Johanna Suppe           -           Patientin (ca. 53 Jahre)

 

Kai Suppe                   -           Patient und Sohn von Johanna (32 Jahre)

 

Jens Kleemann           -           Patient, Briefträger (ca. 50 Jahre)

 

Michaela Toss            -          Patientin (ca. 30 - 50 Jahre)

 

 

 

 

Spielort:        großes Dorf oder Kleinstadt in Deutschland

 

Spielzeit:       Gegenwart - Frühsommer

 

Spieldauer:   ohne Pausen ca. 100 Minuten

 

 

 

Erster Akt

    

                        (Wenn der Vorhang sich öffnet, sitzt Guido am Schreibtisch und tippt eifrig       auf der Computertastatur. Es ist Montagvormittag)

 

1. Szene

GUIDO:          (liest erfreut vom Bildschirm ab) Als Alexandra wieder zu sich kam, saß sie aufrecht auf dem vor Anstrengung feucht glänzenden Rücken des Pferdes - ganz so, als wäre nichts geschehen, als wäre sie ein Baby, dass in den Armen seiner Mutter in einen Tagtraum gefallen war. (tippt wieder eifrig)

 

2. Szene

YVONNE:      (kommt von rechts herein mit einem Staubsauger) Kummst Du vöran, Schatz?

                        (steckt den Stecker des Staubsaugers schon in die Steckdose)

 

GUIDO:          Ja. (sieht den Staubsauger) Oh nee... mööt dat hier nu ween, Yvonne?

 

YVONNE:      Wat denn? Hüüt is Mandag. Dann maak ik jümmers de Wohnung schoon. Dat weest Du doch.

 

GUIDO:          Ja - ik weet. (geht dann zur Steckdose, zieht das Kabel heraus, setzt sich wieder)

 

YVONNE:      Hey...

 

GUIDO:          Yvonne, bidde! Ik hebb just een spirituelle Ingebung. Un just kört vör Sluss mööt ik mi bannig konzentreeren; anners gefallt de Leser dat End vun mien Roman nich. Du weest doch, dat de Minsken jümmers noch gern een Happy-End wüllt.

 

YVONNE:      Okay - deiht mi leed. - Wo wiet büst Du denn?

 

GUIDO:          286 Sieden. Een poor Stünden noch, dann is dat Kind geboren.

 

YVONNE:      Un ik bün wedder de Erst, de dat an de Bost nehmen dörv? (seufzt, aber weniger glücklich) So as jümmers?!

 

GUIDO:          Aver ja. (steht auf, geht zu ihr, umarmt sie): Ditmaal ward dat een Bestseller, Yvonne - dat hebb ik heel dütlik in ´t Geföhl.

 

YVONNE:      Och Guido. Du ahnst ja gor nich, wo ik Di dat wünschen do.

 

GUIDO:          Aver ik brük dorto nu maal mien Ruh. Anners komm ik nich vöran, Schatz.

                        Skandal verdrag ik bi ´t Schrieven eenfach nich.

 

YVONNE:      Verstah. Ik gah erstmaal na tegenan.

 

GUIDO:          Danke. (gibt ihr einen Kuss auf die Stirn, dann poltert es plötzlich laut von hinten)

 

YVONNE:      (verärgert): Na, un DE Skandal verdrag IK nich noch langer. Wenn de so wiedermaken, mööt mörgen dat Trappenhuus renoveert warrn.   

 

GUIDO:          De neij Mieters jümmers noch? Wo lang trecken de eenlik in? Dat geiht nu al dree Dagen so.

 

YVONNE:      Even. (geht nach hinten, öffnet die Tür zum Treppenhaus, laut): Wenn dat nich toveel verlangt is, dann pultern Se bidde een beeten minner herüm, ja?! Hier arbeiden nämlich Minsken, de ehrn Verstand brüken. (knallt die Tür wieder zu) So, ik glöv dat hett seeten. 

 

GUIDO:          Wow. Viellicht harst Du dat een beeten fründliker seggen schullt. Immerhen warrn dat uns neij Navers. Wi wüllt ja nich glieks Stress in ´t Huus.

 

YVONNE:      De Stress maken DE ja woll! Neij Hüürlüüd mööten forts weeten, wo dat hier to lopen hett. (geht zum Fenster, schaut hinaus) Kiek Di maal an, wat de hier allns rinsleepen. Dat is nu al de veerde Schapp. Ik frag mi, wo de dat ünnerbrengen wüllt op neegentig Quadratmeter Wohnfläche. Un wenn ik mi nich täusch, hebbt de ok al twee Schrievdisken na boven dragen.

 

GUIDO:          Viellicht is een vun de ja ok ´n Schriftsteller - off  amenne is dat ´n Familie mit Kinner. (schaut nun auch aus dem Fenster)

 

YVONNE:      Kinner? Na, noch beeter. De heel Dag dat Gebölk vun de Gören hier in ´t Trappenhuus.

 

GUIDO:          Yvonne; bidde reg Di daarover nich op. Blots wiel uns beid dat nich günnt is Kinner to kriegen, möötst Du nich jümmers glieks...

 

YVONNE:      Is ja al good. (wendet sich dann ab, kramt dann von irgendwoher einen Staublappen hervor, beginnt Staub zu wischen. Man sieht, dass sie ihre Tränen kaum verbergen kann)

 

GUIDO:          (hat sich wieder an den Schreibtisch gesetzt, tippt weiter) Na dann wüllt wi maal wieder.

 

YVONNE:      (hält nach einer Weile mit dem eifrigen Staubwischen inne, holt ein Taschentuch hervor, schluchzt, putzt sich die Nase)

 

GUIDO:          (hört, bzw. sieht dies, geht dann zu ihr): Yvonne, hey, wat is denn los? (nimmt sie in den Arm)

 

YVONNE:      (wehrt ihn ab): Och nix.

 

GUIDO:          Wieso geiht Di dat nu wedder so an de Nieren - dat mit dat Kinnerkriegen? Dat weet wi nu doch al sied fiev Johr, dat dat bi uns nich ween schall. Un over ´n Adoption hebb wi doch ok lang genooch nadocht.

 

                        (Es poltert wieder, evtl. Stimmen aus dem Treppenhaus)

 

YVONNE:      Dat is dat doch gor nich.

 

GUIDO:          Wat hest Du denn?

 

YVONNE:      Och... (wischt wieder Staub)

 

GUIDO:          (hält ihre Hand fest): Kumm, rut mit de Spraak. Jichenswat is doch nich op Steh...

 

YVONNE:      (verzweifelt und weinerlich) Guido, ik schaff dat allns nich mehr. Ik weet eenfach nich mehr wieder. Di fallt dat gor nich op, wiel IK doch jümmers uns Finanzen verwalten do.

 

GUIDO:          Uns Finanzen? Wat is dormit?

 

YVONNE:      Güstern is de tweed Breef vun d´ Bank komen. Mien EC-Kort is intrucken warrn un uns Konto is mit knapp 2000 Euro belast.

 

GUIDO:          Wat seggst Du daar?

 

YVONNE:      Wat verdeen ik denn al?

 

GUIDO:          Aver...

 

YVONNE:      (jetzt verärgerter): Dree Stünden dags as Putzfro in de lütte Supermarkt hier ünnern in ´t Huus. Wenn vun mien Lohn uns Hüür, Strom, Gas un all anner Nebenkosten aftrucken warrn, dann blifft nix over - daar fehlen sogor noch bold 300 Euro. Ik hebb Mudder al üm Hülp beden. Sied ´n half Johr geiht dat nu al so.

 

GUIDO:          Yvonne, ik harr doch keen Ahnung. Du... Du hest Swiegermudder üm Geld anpumpt? Is ja gräsig.

 

YVONNE:      Ja. Sied Du keen Arbeitslosengeld mehr kriggst is dat so. Al sied bold ´n Johr. Un üm Hartz 4 to beandragen, dorto büst Du ja to stolt.

 

GUIDO:          Ja, dat bün ik ok.

 

YVONNE:      Aver Du hest doch ´n Recht op Leistungen vun ´t Amt. Wat büst Du blots för ´n Dummkopp?! - Un ik? Ja, ik wull gern wedder in Volltied in mien Beruf arbeiden. Aver wenn ik doch nix find... Guido... Ik hebb jümmers hopt, dat wi nie nich vun sowat snacken mööten, aver... Keerl nochmaal - Du schriffst un schriffst, al sied Maanten. Du glövst, Du büst ´n grooden Schriftsteller. Aver nich een eenzigen Verlag wisst bitlang ok blots dat geringste Interesse an Dien Manuskripten.

 

GUIDO:          (erbost): Yvonne!

 

YVONNE:      Ik weet, dat deiht weh. Aver dat is nu maal de Wohrheit. Un dorüm... (wieder weinerlich) Dat is good, dat wi keen Kinner hebbt. De kunnen wi doch gor nich satt kriegen.

 

GUIDO:          (nimmt sie liebevoll in den Arm): Yvonne, ik hebb gor nich nadocht. Ik harr würklich keen Ahnung, dat uns Situation so ernst is.

 

YVONNE:      Wiel Du nich overleggst un 12 Stünden an d´ Dag blots over de Computer hangst. Fröhstück, Middageeten, Avendbrood - dat steiht för Di eenfach op ´n Disk. Dat Levensmiddel aver ok Geld kosten... Guido - gestah Di doch endlich

 

                        maal in, dat Du noch keen eenzigen Cent verdeent hest mit Dien Romanen.

 

GUIDO:          "Lauratius´ Erbe" ward een Bestseller. Daar bün ik mi heel seeker.

 

YVONNE:      Un ok düssen Satz hör ik to ´n teihnten Maal. Dat sünd blots jümmers anner Titel.

 

                        (Kurzes Schweigen)

 

GUIDO:          Ik verspreek Di, dat ik allns versöök, üm uns finanziell Laag to annern. So fix as mööglich. Ehrenwoord.

 

YVONNE:      Un wo biddeschöön wullt Du dat anstellen? Wenn Dien Manuskripte nich druckt warrn, kann se ok keen Minsk kopen. Kannst Du dat denn nich wedder mit ´n stinknormalen Job versöken? Viellicht hest Du even doch nich dat Talent as Autor.

 

GUIDO:          Mien Romanen sünd good. De Verlage hebbt ja keen Ahnung, wat se de Leser vörentholen. (setzt sich wieder an den Schreibtisch, starrt betrübt auf die Tastatur des Computers)

 

YVONNE:      Ja, Du hest ja recht. (geht zu ihm): Deiht mi leed. Ik harr beeter swiegen schullt.

 

GUIDO:          Nee nee, dat weer maal heel good so. (man merkt jedoch, dass er recht eingeschnappt ist)

 

YVONNE:      Hach, harr ik doch blots mien Mund holen. Guido, ik wull Di würklich nich weh dohn.

 

GUIDO:          Amenne hest Du sogor recht. Ik bün woll even keen Spitzen-Autor. Ward woll langsam Tied, dat ik dat inseh.

 

YVONNE:      Doch. Du hest Talent. Ehrlich. Also IK find jeeden vun Dien Romanen groodardig.

 

GUIDO:          Ja DU! Dorför könnt wi uns aver ok nix kopen. Liekers schöön, dat Du tomindst een beeten an mi glövst. Ik ward dat Schrieven nu blots noch as Hobby bedrieven un later de Stellenangebote in d´ Zeitung dörchkieken.

 

YVONNE:      Guido - ik hebb Di leev. (Kuss)

 

                        (Es poltert wieder laut von hinten)

 

YVONNE:      Langsam is dat nu aver good mit dat Gepulter.

 

                        (Es klingelt an der Haustür)

 

YVONNE:      (geht nach hinten, öffnet die Tür)

 

 

 

 

3. Szene

 

GISELA:        (noch hinten): Hallo Yvonne.

 

YVONNE:      Gisela; sowat. (nicht besonders erfreut über Giselas Erscheinen)

 

GISELA:        (ist jetzt schon im Raum) Gooden Dag, Guido. (eine recht resolute Person in Alltags-Kleidung, evtl. mit Schürze, hat ein Paket Zucker in der Hand)

 

GUIDO:          (achtlos): Moin, Gisela. (widmet sich wieder seiner Schreiberei)

 

YVONNE:      (hat die Türen nach hinten geschlossen, kommt nun dazu) Un? Gifft dat wat Besünners?

 

GISELA:        Och, man kummt ja to nix, nich wohr?! Ik hebb ok gor keen Tied. Ik hebb vörhin noch to mien Theo seggt: Theo, segg ik - de Dag muss mindestens 10 Stünden mehr hebben. Wat hett man nich allns üm de Ohren, stimmt ´t? Vör allen Dingen just nu. Wi fohren doch Dönnerdag in Urlaub. Hach, ik weet gor nich mehr, wor mi de Kopp steiht. Kuffer packen, de Katt na Swiegermudder brengen, noch een poor Deelen inkopen... dat is de pure Stress, segg ik jo.

 

YVONNE:      (nickt gelangweilt): Hhmm...

 

GISELA:        Bevör ik dat wedder vergeet. Hier is de Zucker, de ik utlehnt harr. (drückt es Yvonne in die Hand) Nich, dat dat noch heet, ik breng nix trüch.

 

YVONNE:      Danke, Gisela.

 

GISELA:        Un wat maakt uns Schriftsteller? (geht zu Guido, schaut ihm über die Schulter auf den Bildschirm) Ward dat denn ditmaal wat?

 

GUIDO:          (hält schnell die Hände davor): Nüms - bit op Yvonne - lest mien Booken, bevör se veröffentlicht sünd.

 

GISELA:        Dann ward ik Dien Romanen ja woll nie nich to lesen kriegen.

 

GUIDO:          Wat wullt Du dormit seggen?

 

GISELA:        Du verlangst doch nich, dat ik Di düssen Satz ok noch oversett, oder? (geht wieder zu Yvonne)

 

GUIDO:          (tippt etwas gereizt weiter)

 

YVONNE:      Tja, Gisela, dörv ik Di wat anbeeden?

 

GISELA:        Nee nee, ik will ja ok gor nich lang blieven. (setzt sich unaufgefordert, macht es sich bequem) Ik hebb doch overhopt keen Tied. - Dat is man blots - mööt wi uns dat eenlik gefallen laten?

 

YVONNE:      (schaut sie verständnislos an)

 

 

 

GISELA:        Na, ik meen de neij Mieter, de hier boven intreckt. De pultert hier nu al siet Dagen herüm. Bit laat in de Nacht geiht dat jeeden Dag. Dat mööt ji doch ok hören.

 

YVONNE:      Bit laat in de Nacht? Nu overdriffst Du aver.

 

GISELA:        Wenn al. Alleen dat Trappenhuus. Hebbt ji jo dat al maal wedder ankeeken? As in ´n Swienstall sücht dat daar ut. Un well dörv dat wedder schoon maken? - Ik!

 

GUIDO:          Na, Du warst doch ok betahlt dorför, oder?!

 

GISELA:        Dat is noch lang keen Grund, dat hier jeede maken kann, wat em in de Kopp kummt.

 

YVONNE:      Du hest recht, Gisela. Uns geiht dat Gepulter ok langsam op de Nerven.

 

GISELA:        Seht ji?!

 

YVONNE:      Weest Du denn wat vun de neij Mieter?

 

GISELA:        Aver jaaa... Dat is ja de Krönung vun dat Ganze. Wat denk ji woll, mit well wi hier in Tokunft dat Vergnögen hebbt?

 

GUIDO:          (jetzt interessiert, hört zu)

 

YVONNE:      Na?

 

GISELA:        Mit ´n Gehirnklempner. Ja, wat ik jo segg. De will sien Praxis hier in ´t Huus open maken.

 

GUIDO:          Daar boven in d´ darde Stock?

 

GISELA:        Aver jaaa... Dat sowat overhopt genehmigt ward. Dat hebb ik ok to mien Theo seggt. De Keerl treckt daar woll alleen in. Familie hett he woll nich, soveel ik hört hebb. - Weet ji, wat uns daar verwacht? De heel Dag hier vun mörgens bit avends Lüüd in ´t Trappenhuus. Un wenn dat allns weer. De na so een gahnt, sünd ja ok noch all bekloppt.

 

YVONNE:      So schullen wi dat nich sehn. Minsken mit psychisch Krankheiten sünd noch lang nich bekloppt.

 

GISELA:        Aver seeker doch.

 

GUIDO:          Is he denn Neurologe, Psychiater off Psychologe?

 

GISELA:        Gott, wat weet ik? Wat gifft dat denn daar al grood för ´n Ünnerscheed? Bekloppt is bekloppt!

 

GUIDO:          Vör een poor Johren harr daar boven doch ok ´n Anwalt sien Kanzlei för ´n poor Maant. Daarover hebbt wi uns ok nich opregt.

 

 

GISELA:        Anwalt off Gehirnheini - dat is ja woll een grood Ünnerscheed. Aver nu is he ja erstmaal daar. Leider. - Dat Trappenhuus sücht tomindst nu jeeden Dag schitterg ut! Besünners wenn dat regent. - Aver dat laat ik mi nich gefallen. Dat segg ik de Huusverwalter Behrends dann ok maal heel dütlik. Dann will ik mehr Geld för ´t Reinmaken. Ik bün doch keen Dussel för annern. De Keerl verdeent sik daar boven mit sien Praxis viellicht ´n golden Nöös, un ik mööt de Dreck vun sien Verrückten wegmaken! Un daar ward veel Dreck tosamen komen. Ik hebb vör ´n poor Dagen noch in ´t Fernsehn hört, dat just Püschater de Wartezimmer jümmers vull hebbt. Jümmers! Dat mach hier ja ´n Leeven warrn in ´t Huus.

 

                        (Es klingelt wieder an der Tür)

 

YVONNE:      (leicht genervt) Well is dat denn nu? (abgehend nach hinten)

 

GUIDO:          Du kannst ja maal mit de Huusverwalter snacken. Un Du hest doch ok noch gor nich mit düssen neijen Mieter snackt. Viellicht hett he ja sülmst een dorför, de dat Trappenhuus dann putzt.

 

GISELA:        (geht zu Guido, steht mit dem Rücken zur Tür nach hinten) Dat weer ja woll noch schööner! De will mi de Job wegnehmen? Na, sowiet kummt dat heel seeker nich. Worvun schöllnt wi denn leven? Theo kann na sien Unfall sien Beruf nich mehr maken. Un de Unfall-Rent is ok nich hoch. Wenn ik mien Putz-Stehen nich harr, keem wi gor nich trecht.

 

GUIDO:          Hähä... na, frag UNS maal.

 

                        (Von hinten hört man Yvonne mit Gernot sprechen; zunächst

                        unverständliches - Begrüßung usw. - dann:)

 

YVONNE:      Ja dann... komen Se doch rin.

 

GERNOT:       (auch noch hinten) Veelen Dank. (kommt beim folgenden Dialog von Gisela und Guido dann gefolgt von Yvonne herein)

 

GISELA:        (regt sich auf, geht zu Guido, sieht die Hereinkommenden nicht) Dat ward de Huusverwalter Behrends ok nich wagen, mi de Trappenhuus-Putz-Job wegtonehmen. Ik hebb hier in ´t Huus jümmers mien Plicht dohn; wat man vun anner Mieters just nich behaupten kann.

 

GUIDO:          Dat weer ja ok blots een Idee, Gisela.

 

GISELA:        (hört dies gar nicht) Un al gor nich nimmt mi so ´n Gehirn-Mediziner mien Arbeidsplatz weg. De hebbt ja meestens sülmst nich all Tassen in d´ Schapp. Dat seggt mien Theo übrigens ok.

 

4. Szene

GERNOT:       (steht jetzt neben Yvonne im Raum; bei Giselas letztem Satz): Gooden Dag tosamen.

 

GISELA:        (erschrocken): Dag. - Oh... (fühlt sich etwas ertappt)

 

 

GUIDO:          Gooden Dag. (steht auf)

 

GERNOT:       Dat deiht mi leed, wenn ik nich anmeld bi Se hier so rinkomm; dat is man blots - ik bün ehr neij Naver. Un bevör ik gor nich mehr dorto komm - wiel ik ja al in een poor Dagen mien Praxis open maken much - doch ik mi - ik stell mi eenfach maal vör. Un ik much mi ok dorför entschüldigen, wenn dat hier in ´t Huus dörch dat Intrecken een beeten luut is. Dat Transporteeren vun de Möbels in een Trappenhuus ohn Fohrstohl geiht nu maal nich so heel lies.

 

GUIDO:          (reicht ihm die Hand) Keen Problem - schöön Se kennentolernen.

 

GERNOT:       (freundlich) Schneider.

 

GUIDO:          Ja, dat stimmt. Un mit well hebb wi dat Vergnögen?

 

GERNOT:       (etwas verwirrt) Na, as ik al seggt hebb: Schneider. Gernot Schneider is mien Naam.

 

YVONNE:      Tja, verrückt - nich wohr?!

 

GISELA:        Mien Red, Yvonne! - Verrückt!

 

GUIDO:          Moment maal... Se heeten ok Schneider? Is ja nich to faten. So ´n Tofall. - Guido Schneider. Dat is mien Fro Yvonne.

 

GERNOT:       Wi haren al de Ehre.

 

GISELA:        (platzt dazwischen, reicht ihm die Hand) Gisela Krämer. 1. Stock.

 

GERNOT:       Gernot Schneider. Freit mi.

 

GISELA:        Soso. Se sünd also de neij Doktor hier bi uns in ´t Huus?

 

GERNOT:       Tja, wenn Se so wüllt... Ik bün ut Rostock hierher trucken.

 

GISELA:        (mehr zu sich selbst und zu Yvonne): Ok dat noch. Een vun de anner Sied – ut Dunkeldütskland.

 

YVONNE:      Gisela - bidde! Dat is doch nu woll Snee vun güstern. (dann): Schöön, Se kennentolernen, Herr Schneider.

 

GERNOT:       Ik harr veel Johren mien Praxis daar. Aver al damaals na de Wende hett sik ja veel verannert. Dann keemen privat Dinge dorto un... Na ja, ik will dat nu maal hier utprobeeren un... (schließt die Augen, steht da, man hat den Eindruck, als würde er schlafen)

 

GISELA:        Privat Dinge - soso. Un Ehr Laden leep daar achtern also nich mehr, off wo dörven wi dat verstahn?

 

GERNOT:       (hört nichts, scheint zu schlafen)

 

 

 

GISELA:        (schaut erst Gernot, dann Yvonne und Guido verständnislos an, dann schubst sie Gernot an)

 

GERNOT:       (spontan wieder "da"): Äh... dat is ´n lang Geschicht, Fro Krämer. Ik vertell Ehr dat gern. Aver nich hüüt. Dat lett mien Tiedplan leider nich to.

 

GISELA:        Ochnee? Also, ik hebb Tied genooch. (setzt sich gemütlich, verschränkt die Arme)

 

YVONNE:      Ja? Büst Du nich totol in Stress wegen de Urlaubsvörbereitungen?

 

GISELA:        Ja, stimmt ja ok.

 

GUIDO:          Wat dörven wi Se anbeeden, Herr Schneider? - Un - bidde - nehmen Se gern Platz.

 

GERNOT:       Danke. Dat is leev meent, aver ik mööt leider wedder gahn. De Umzug - Se verstahnt?! Ik much Se gern inladen, overmorgen Avend - to een lütte - na ja - Willkommensfier is woll dat recht Woord. Nix Groots; blots een poor Stünden mit mien neij Navers hier in ´t Huus - to ´n Kennenlernen.

 

GISELA:        Oh, dat is ja wunnerbor. Daar kann ik ok noch. Dönnerdag fleegen mien Mann un ik nämlich na Gran Canaria. Ik meen, ik bün doch ok inladen, oder?

 

GERNOT:       Selbstverständlich. Eenlik passt dat good, dat ik ok Se hier drap. Un grööten Se Ehrn Mann ok vun mi. Se verzeihen mi doch, wenn ik nich ok noch persönlich komm?

 

GISELA:        Natürlik, natürlik. Wo laat schöllnt wi denn daar ween Middeweek? Ik meen, man mööt ja schließlich planen, nich wohr?!

 

GERNOT:       Ik doch daar an 20 Ühr. Ik much anner Freedag woll al mien Praxis open maken, un ik hebb vör Dagen ok al ördentlik Reklam in de Zeitungen maakt un ok Flyer verdeelt; aver dat ward seeker ´n Tiedlang dürn, bit sik de ersten Patienten na mi hen verirren.

 

GISELA:        Wenn Se na Ehr Party jichenseen brüken, de Ehr bi ´t Oprühmen helpt - also för 9 Euro de Stünd maak ik dat gern.

 

YVONNE:      Gisela - bidde! - Wi komen gern, Herr Schneider. Off mööt wi "Herr Doktor" seggen?

 

GERNOT:       Oh nee, blots dat nich. Ik bün för Se de Gernot. (geht zur Tür) Na dann, bit overmörgen Avend.

 

GUIDO:          Bit Middeweek.

 

YVONNE:      Veel Glück hier bi uns in ´t Huus.

 

GERNOT:       Danke.

 

 

 

GISELA:        (ihm nach): Moment maal. Ehr Inladung in all Ehren. Aver wi mööten uns noch over ´n poor Saken ünnerholen, Herr Gernot - off Doktor.

 

GERNOT:       (bleibt an der Tür stehen) Fro Krämer - hebb ik jichenswat verkehrt maakt?

 

GISELA:        Wenn Se dat so utdrücken muchen. Wenn dat mit Ehrn Umzugs-Skandaleree hier in ´t Huus dann maal een End nimmt, is dat entschülligt. Intrecken mööten Se ja; dat seh ik in. Mien Theo seggt dat ok. Aver wat is mit de Stoff un Dreck in ´t Trappenhuus, wenn Ehr Verrückten... also ik meen, wenn Ehr Patienten hier erstmaal in un ut gahnt? Ik bün hier in ´t Huus de Raumpflegerin. Wat denken Se woll, woveel Arbeid ik nu MEHR hebb?! Wo schall dat denn regelt warrn? Mien Bandschiev dörv ik nämlich nich belasten. (nach hinten abgehend) Is just so as bi mien Theo - de hett de ok twei. Seggen Se maal, hebbt Se dorför nich jichenseen good Medizin? Of behandeln Se blots Bekloppte? (jetzt sind beide ab)

 

4. Szene

YVONNE:      (ist den beiden langsam gefolgt, schließt die Tür, die zum Treppenhaus führt, kommt schmunzelnd zurück, schließt die Wohnungstür) So so, dann praktizeert also bold ´n Psychiater hier bi uns in ´t Huus.

 

GUIDO:          (nicht sehr erfreut) Ja, sücht so ut. Aver, kannst Du Di ok vörstellen, wat dat för ´n Dörchnanner geven kann?

 

YVONNE:      Dörchnanner?

 

GUIDO:          Overlegg doch maal, Yvonne. Heel dorvun afsehn, dat wi hier nu jeeden Dag mehr as 20 Bekloppte in ´t Huus hebbt; so as Gisela sik uttodrücken plegt...

 

YVONNE:      Ja?

 

GUIDO:          Un nich blots, dat dat Trappenhuus nu jümmers smeerig is... Yvonne, de Mann heet Schneider. Gernot Schneider. Dat gifft ´n Chaos hier. Versteihst Du denn nich? G - Punkt Schneider.

 

YVONNE:      Ja Guido; dat is ´n unglücklichen Tofall. Aver glövst Du denn, dat WI dordör Arger kriegen kunnen?

 

GUIDO:          Een Katastroph ward dat. Erstmaal de Post. Allns geiht dörchnanner. Ik wett drum. Just nu, wor düsse neij Postbote hier sien Unwesen drifft. Un dann mööten de Patienten doch bi uns, an de tweed Stock vörbi, wenn Se na sien Praxis wüllt. Un an uns Döör steiht doch ok G - Punkt Schneider. Versteihst Du nu, wat ik meen?

 

YVONNE:      Dat is seeker blots an Anfang so, Guido. Wenn de Lüüd erstmaal weeten, wor se em finden...

 

GUIDO:          Wenn, Yvonne. Wenn!

 

YVONNE:      Ik find dat jichenswie heel witzig, dat wi nu ´n Doktor in ´t Huus hebbt. Man weet ja nie nich - kann doch jümmers maal wat passeeren. Scheen mi een

 

 

                        beeten mööd to ween, de arm Keerl. Aver nett is he. Op mi hett he tomindst een gooden Indruck maakt.

 

GUIDO:          "Nett" is de lütte Süster vun Scheiße, Yvonne. Butendem is de Keerl Psychiater. Wat schull de denn woll för uns dohn können? Sörgen mit uns Koppen hebbt wi ja woll nich, oder?!

 

YVONNE:      Du hörst Di al bold so an as Gisela. Slimm genooch, wenn Minsken psychisch krank sünd. (ab)

 

GUIDO:          (setzt sich wieder an den Schreibtisch) Ja ja. (ruft ihr nach rechts zu): Düsse Psycho-Mediziner wüllt blots de Lüüd dat Geld ut de Taske trecken, anners nix. Un wenn de Patienten Pech hebbt, könnt se bi so een nich maal op Krankenschien behandelt warrn. "Barzahlung bittesehr". Un - kannst Du Di vörstellen, wat een Stünd kosten deiht, bi so ´n Spinner?

                       

YVONNE:      (kommt zurück) Nee, kann ik nich. Ik hebb keen Ahnung. - Wat schall ik koken, Guido? (nimmt den Staublappen, der noch auf dem Schrank liegt)

 

GUIDO:          (schon wieder abwesend und über seinen Text grübelnd) Wat? - Du, dat is mi schietegol.

 

YVONNE:      Sünd noch Bohnen daar vun güstern. Is Di dat recht, wenn ik de opwarmen do?

                       

GUIDO:          Hä? - Ja, maak doch.

 

YVONNE:      (merkt, dass sie ihn stört) Ik stör Di ok nich langer. Bevör Dien (leicht ironisch) spirituelle Ingebung nalett, gah ik leever na tegenan. (ab nach rechts)

 

GUIDO:          (denkt nach, tippt dann wieder eifrig drauflos; liest sein Geschriebenes): Aber was war mit Tom und Pamela? Würde es ihnen schwerfallen, die Forderungen des Erpressers zu erfüllen? Plötzlich fiel ihm das Telefongespräch von heute morgen ein. Was hatte sie nochmal gesagt? - "Hast Du das Geld aufgetrieben?" Ihre hastige Erklärung, dass sie einen Einkaufsbummel machen wollte, hatte nicht sehr glaubwürdig geklungen. (tippt die letzten Buchstaben auf der Tastatur mit viel Elan; ist von seiner Arbeit selbst sehr überzeugt) Jawoll. Dat ward ´n Knaller ditmaal.

 

                        (Es klingelt wieder an der Haustür)

 

GUIDO:          (genervt) Oh Mann eh...  (geht dann schließlich zur Tür, öffnet): Ja? Oh - gooden Dag.

 

JENS:              (noch hinten) Gooden Dag, Herr Schneider. Ik brük een Ünnerschrift.

 

GUIDO:          Ja gern. Muchen Se kört rinkomen?

 

5. Szene

JENS:              (kommt evtl. mit Posttasche, evtl. auch mit Postbekleidung herein, hat einen Brief in der Hand, sowie ein Klemmbrett bzw. digitales Gerät): Danke. Wenn Se hier bidde ünnerschrieven muchen?!    

 

 

GUIDO:          (unterschreibt, nimmt dann den Brief, schaut darauf, ist etwas ahnungslos) Un? Hebbt Se sik al inlevt in Ehr neij Verdeel-Rebeet?

 

JENS:              Na ja, dat is gor nich so eenfach, bit man all Breefkasten funden hett un de Lüüd kennt. Un - wenn ik heel ehrlich bün, daar is ok al maal wat dörchnanner rakt; aver bitlang hebb ik allns noch wedder utbügelt.

 

GUIDO:          Na toll. Wi hebbt hier in ´t Huus siet hüüt noch een, de Schneider heet. Blots maal so to Ehr Information.

 

JENS:              Keen Problem. (kurze Pause, beide stehen unschlüssig da, dann): Tja, äh, nich dat ik opdringlich ween much, aver - Tee hebbt Se al drunken, wa?

 

GUIDO:          Bidde?

 

JENS:              Na ja, in Großhansdörp (einen Ort nennen, der etwa 10-20 km vom Spielort entfernt liegt - hier wäre es z.B. Poppenbüttel) kreeg ik bi jeede darde Huus jümmers ´n Tass Tee. Nu, man will ja ok maal ´n poor Woorden mitnanner wesseln. Un off Se dat glöven off nich - dit hier is exakt dat darde Huus.

 

GUIDO:          Verstah. - Also, wesen Se mi bidde nich bös, aver ik hebb hüüt overhopt keen Tied. Een anner Maal gern.

 

JENS:              Se hebbt veel to dohn, ja?! - Kleemann is übrigens mien Naam. Jens Kleemann.

 

GUIDO:          Wo schöön för Se.

 

JENS:              Ik komm nu faker. Ik bün ja de Neij, weeten Se...

 

GUIDO:          Ja ja; dat is mi klor. (wundert sich ein wenig über sein Verhalten)

 

JENS:              Na denn. Op Weddersehn. (ab)

 

GUIDO:          (begleitet ihn hinaus, schließt beide Türen, will den Brief öffnen, währenddessen zu sich selbst): Ik glöv, dat weer al een good Patient för de neij Naver vun boven. (hat den Brief noch nicht ganz geöffnet, als es erneut an der Tür klingelt) Oh nee - wat is hier hüüt denn blots los? (genervt, wirft den Brief auf den Schreibtisch) Kann man hier denn nich maal 5 Minüten sien Ruh hebben? (geht dann zur Tür zum Treppenhaus, öffnet) Ja bidde?

 

TIMO:             (von hinten zu hören, recht aufgebracht): Schneider? Ik bün hier doch recht bi Schneider?

 

GUIDO:          Ja.

 

6. Szene

TIMO:             (stürmt aufgebracht ins Zimmer, sieht sich um, wirkt nervös und verzweifelt)     

GUIDO:          (kommt zurück, schließt die Tür, wundert sich sehr) Äh, ik will ja nich unverschamt ween, aver...

 

 

TIMO:             Entschüldigen Se - entschüldigen Se bidde veelmaals, aver... (beginnt zu weinen) aver ik weet eenfach nich mehr wieder. (fällt vor ihm auf die Knie, umarmt seine Beine)

 

GUIDO:          Du leev Tied; wat is denn los? Well sünd Se un - nu komen Se maal wedder hoch.

 

TIMO:             (löst sich dann langsam von ihm, steht aber noch nicht auf) Ik weet ja, dat Se erst Freedag Ehr Praxis open maken. Aver solang kann ik nich mehr töven.

 

GUIDO:          (muss lachen, versteht jetzt, geht ein paar Schritte von ihm weg) Ochso... nu verstah ik dat erst. Se glöven, dat ik... (zeigt nach oben)

 

TIMO:             (läuft ihm auf Knien hinterher) Helpen Se mi, Herr Doktor. Bidde! Ohn Se bün ik verloren.

 

GUIDO:          Nu stahnt Se bidde erstmaal wedder op. (hilft ihm jetzt hoch)

 

TIMO:             18 Therapeuten un Psychiater hebb ik in de lesd 12 Maant opsöcht. Nüms - (wieder weinerlich) nüms kunn mi bitlang helpen. (holt ein Taschentuch hervor, trocknet die Tränen)

 

GUIDO:          Dat deiht mi oprichtig leed. Nu hören Se mi aver erstmaal to.- Ik mööt Ehr seggen, daar liggt ´n Verwesslung vör.

 

TIMO:             Nich wohr?! Just so is dat. Een Verwesslung. Genau dat segg ik ok jümmers to mien Fro. De Gehirnhälften liggen bi ehr eenfach nich an de recht Stehen. De Gene hebbt bi de Entwicklung verrückt speelt - in ´t Mudderliev al, verstahnt Se?! Daar is wat scheef lopen. Se hebbt totol recht, Herr Doktor. Daar liggt een Verwesslung vör. - Aver ik bün langsam an ´t End. Ik kann so eenfach nich mehr leven. Se sünd mien lesd Chance. Wenn Se mi nich helpen, dann... ik bün kört dorvör mi ümtobrengen, Herr Doktor.

 

GUIDO:          Oh bidde - dont Se dat nich hier in uns Wohnung. - Dat deiht mi würklich bannig leed, wenn Se Probleme hebbt. Nu aver endlich Klortext: Ik bün...

 

TIMO:             ...mien allerlesd Chance. Bidde, Herr Doktor Schneider - helpen Se mi. De Pries speelt ok keen Rull. (holt aus seiner Hosentasche einige 50-und 100-Euro-Scheine hervor)

 

GUIDO:          Leev Herr. Ik hebb just al maal seggt, dat ik nich de bün, de Se söken! Ik bün...

 

TIMO:             Hier! Nehmen Se!

 

GUIDO:          Oh... (sieht das viele Geld, stockt, holt tief Luft - Pause - wollte zunächst erneut ablehnen, doch dann plötzlich freundlich und jovial und lauter) Na dann... nehmen Se doch erstmaal Platz, Herr...

 

TIMO:             Fuchs. Timo Fuchs. Veelen veelen Dank, Herr Doktor. (sehr erleichtert, setzt sich, beruhigt sich dann auch etwas)

 

 

 

GUIDO:          (setzt sich zu ihm, "spielt" den gelehrten Arzt) Dat veel Geld, also... Wat äh - hebbt Se denn bitlang so betahlt? Ik meen, bi mien Kollegen?

 

TIMO:             (wundert sich) Wat stellen Se denn daar för ´n sünnerbor Frag?! Wenn de Krankenkassen nich för de Behandlungen opkomen - un dat is ja bi de meesten so - liggt de Pries so üm 75 Euro.

 

GUIDO:          (steht auf, kann es kaum glauben) 75 Euro? För een - äh - Sitzung bi een Psychiater? Un - wo lang dürt de so - also, ik meen...

 

TIMO:             Herr Doktor, dat weeten Se doch woll beeter as ik. Un dat speelt doch overhopt keen Rull.

 

GUIDO:          Oh doch. Dat is bannig wichtig för mi. Weeten Se, ik bün ja heel neij in dit Dörp un much ja nich mehr nehmen, as mien Kollegen.

 

TIMO:             Wenn Se mi doch blots helpen, is mi jeede Pries recht.

 

GUIDO:          Ochja?! (überlegt kurz) Tja, mien Praxis in Rostock weer een vun de Besten. Aver - 100 Euro mööt ik leider verlangen. Un na 45 Minüten fangt de 2. Sitzung - also - Stünd an. Hebbt Se dat verstahn?

 

TIMO:             Ja seeker. Hier, nehmen Se. (reicht ihm zwei Hundert-Euro-Scheine, steckt den Rest wieder ein, wirkt immer noch sehr nervös und "zerstreut")

 

GUIDO:          (nimmt sie, steckt sie blitzschnell ein, lächelt, nimmt einen Stuhl, stellt diesen vor den Schreibtisch) Also - wat kann ik för Se dohn, Herr Fuchs? - Un - bidde - nehmen Se doch hier Platz. (er selbst setzt sich an den Schreibtisch, lehnt sich zurück)

 

TIMO:             (seufzt erleichtert auf, setzt sich vor den Schreibtisch) Dat is so: Ik bün blots an tweed Steh betruffen - wiel ik dat utholen mööt. De Haupt-Patientin is mien Fro Petra.

 

GUIDO:          Aha.

 

TIMO:             Seeker fragen Se sik nu, wat IK hier will. Aver mien Fro markt nich, dat se krank is; ik aver lied blots noch. Un dorüm sünd wi bitlang ok beid in Behandlung ween. Mien Fro lidd an een Art - na ja - besünners ungewöhnlich Art vun een endogene Psychose.

 

GUIDO:          (versteht kein Wort, tippt schnell auf der Computer-Tastatur herum, sucht im Internet, findet dann): Hhmmm... ahja... Ehr Fro hett een Persönlichkeitsstörung?

 

TIMO:             Kann man woll so seggen. Wat kann man denn daar dohn, Herr Doktor?

 

GUIDO:          Dat is ´n good Frag. Ik kenn Ehr Fro ja nich. Se mööten mi mehr vun düsse Krankheit vertellen. Wat is denn mit Ehr Beziehung - ik meen - Ehr Ehe? Kriselt dat daar viellicht?

 

 

 

TIMO:             Eheprobleme? Wo komen Se denn dorup? Nee nee, mien Petra un ik verstahnt uns eenlik good - wenn düsse Saak daar nich weer. Anner Frons un Mannslüüd hebbt bi uns nie nich ´n Rull speelt. Un ehr Krankheit - na ja, wo schall ik dat verkloren? Se denkt, dat se nich berühmt genooch is un is ok faken overfördert in ehr Rull.

 

GUIDO:          Nu seggen Se maal heel open, wat Ehr Fro fehlt.

 

TIMO:             Tja; siet over ´n Johr bild mien Fro sik in, dat... (druckst herum) na ja...

 

GUIDO:          Ja, wat denn?

 

TIMO:             Dat is echt verrückt. Un Se lachen mi seeker ut.

 

GUIDO:          Se mööten sik nich schamen, Herr Fuchs. Wat bild Ehr Fro sik in?

 

TIMO:             (nach kurzer Überwindung) Se denkt, se is de Schlagersängerin Helene Fischer.

 

GUIDO:          Och Du Scheiße - dat is allerdings ´n Problem.

 

TIMO:             Even! Dat is nich mehr uttoholen. Ehr Fan-Post schrifft se sik jeeden Dag sülmst. Jeede Week lett se neij Autogrammkorten vun sik drucken, köfft sik jeeden tweed Dag een neij Bühnen-Outfit. - Un dann dat Gesinge. Se könnt sik nich vörstellen, wat ik dörch maak. De heel Dag vun mörgens bit avends singt se. Un jümmers blots Leeder vun Helene Fischer. Ik ward langsam wahnsinnig, Herr Doktor.

 

GUIDO:          Hhmm... seggen Se, Herr Fuchs - IS Ehr Fro viellicht Helene Fischer?

 

TIMO:             Bidde?

 

GUIDO:          Deiht mi leed - deiht mi leed, dat weer blots ´n dummen Spaß. Dann mussen Se ja ok düsse Silbereisen* ween. Hähä... Tja, wat maak wi denn daar mit Ehr Fro? *(evtl. aktualisieren, je nach Beziehungsstatus der realen Helene Fischer)

 

TIMO:             All de anner Psychiater kunnen uns nich würklich helpen. Na de Behandlungen weer mien Fro woll jümmers een poor Stünden ruhig, is in ´t Wohnzimmer gahn, hett sik heel ruhig op ´t Sofa leggt un sogor af un to freewillig een CD vun Michael Wendler off so hört. Man dat dürt jümmers blots ´n knappen Stünd, dann is se wedder heelmaal utflippt. (verzweifelt und wieder weinerlich) Ik kann eenfach nich mehr. Könnt Se mi verstahn?

 

GUIDO:          Oh ja, dat verstah ik sogor heel good. (schreibt sich Stichpunkte auf)

 

TIMO:             Weder de Therapeuten noch ik kapeeren, wat se just an düsse Helene Fischer finden deiht. Ik meen, wenn dat Lady Gaga off Madonna weer, okay. Aver nee - blots düsse Fischer un de ehr Schlagers.

 

GUIDO:          Schlagers sünd doch wedder bannig "in", Herr Fuchs.

 

 

 

TIMO:             Un wenn al... Sogor nachts steiht se nu al op, wiel dat Telefon pingelt - een Fan anröppt off ehr Manager de Tourdaten mit ehr dörch geiht.

 

GUIDO:          Hä? Un dat Telefon pingelt ok?

 

TIMO:             Ja seeker.

 

GUIDO:          Ja aver...? - Well röppt daar denn an?

 

TIMO:             Na, se! Se hett sik mehrere Handys un Smartphones anschafft. Un mit de een wählt se de Nummers vun de annen Aparaten. Dann geiht se ran un deiht so, as de se mit ehr Fans snacken.

 

GUIDO:          Oh Hilfe. Dat is würklich krank, Herr Fuchs. Ik verspreek dat - ik ward Ehr Fro helpen.

 

TIMO:             Oh ja - bidde befreen Se uns vun dit Übel. Ik will de Fro trüch, de ik vör 8 Johren hierat hebb.

 

GUIDO:          Erstmaal mööten wi de Ursaak rutkriegen. Ik mööt allns heel genau weeten vun Ehr Fro.

 

TIMO:             Seeker. Ik maak allns, wat Se verlangen.

 

GUIDO:          Dat weer natürlik beeter, wenn Se tosamen to de Behandlung komen. Dann is dat för mi veel eenfacher.

 

TIMO:             Seeker.

 

GUIDO:          Dann äh... mööt ik allerdings för de glieke Tied vun Se beid mien

                        Entlohnung verlangen. Dat de dann bedüden: Twee maal 100 Euro.

 

TIMO:             Dat is mi dat wert. Bi all de Sörgen mangelt uns dat - Gott sei Dank - nich an Geld.

 

GUIDO:          Na, dat is doch al maal wat. (steht auf)

 

TIMO:             Wenher könnt Se denn mit de Behandlung anfangen? (steht auch auf)

 

GUIDO:          Och, dat is mi schie... (besinnt sich schnell, schaut dann "wichtig" in einen Terminkalender) Wo weer dat anner Mandag tegen dree?

 

TIMO:             So fix krieg wi bi Se een Termin?! (schüttelt ihm heftig dankbar die Hand) Bi anner Psychiaters mööt man meestens weekenlang töven.

 

GUIDO:          Nu, ik bün ja neij hier in d´ Dörp. Mien Kartei mööt sik ja erst füllen.

 

TIMO:             Danke. Veelen Dank, Herr Doktor. Ik föhl nu al heel dütlik, dat Se de Richtige sünd för mien Petra.

 

GUIDO:          Dat wüllt wi doch hopen. (hat jetzt ein schlechtes Gewissen, holt das Geld wieder aus seiner Hosentasche hervor, gibt ihm die Scheine zurück) Na ja, un

 

                        för düsse lütte Snackeree mööten Se natürlik nix betahlen. Erst ab Mandag. Off schall ik dat glieks hier beholen - dann mööten Se dat nich extra wedder mitbrengen?

 

TIMO:             Maken Se dat - gern.

 

GUIDO:          (steckt das Geld wieder ein) Over ´t Weekenend mööten Se nu allerdings nochmaal stark ween, Herr Fuchs. Blieven Se eenfach cool, wenn Ehr Fro wedder een vun ehr Anfälle hett.

 

TIMO:             Dat is licht seggt. Mörgen hett Petra een Optreeden in de NDR-Hitparade. Un ik bün ehr Chauffeur.

 

GUIDO:          (schaut verblüfft drein) Un wor is ehr Fro nu?

 

TIMO:             Tohuus. Se hett sik henleggt, üm een Nickerchen to maken. Daar bün ik dann heimlich hierher. Ik kann blots hopen, dat se ok würklich slöppt un mi nich heimlich folgt is. Dat maakt se männichmaal, weeten Se?!

 

                        (es klingelt "Sturm" an der Wohnungstür)

 

7. Szene

GUIDO:          (verunsichert) Dat äh... is se doch nich, oder?

 

TIMO:             Nee nee - heel seeker nich. Kann ik mi tomindst nich vörstellen.

 

GUIDO:          (geht zur Tür nach hinten, öffnet dann die Tür zum Flur, schon stürmt...)

 

PETRA:          (...herein mit buntem Bühnenoutfit, Perücke, eine Haarbürste als Mikrophon, kommt sofort in die Mitte, singt zum Publikum. Diese Szene kann auch mit einem musikalischen Playback** untermalt werden, welches Sie beim Autor kostenlos zu Übungszwecken anfordern können unter theaterschmidt@aol.com)

 

                        Atemlos durch die Nacht,
Bis ein neuer Tag erwacht
Atemlos einfach raus
Deine Augen zieh´n mich aus!
Atemlos durch die Nacht
Spür' was Liebe mit uns macht
Atemlos, schwindelfrei, großes Kino für uns zwei
Wir sind heute ewig, tausend Glücksgefühle
Alles was ich bin, teil' ich mit Dir

                        Wir sind unzertrennlich, irgendwie unsterblich

                        Komm nimm' meine Hand und geh' mit mir
 

                        **(als Autor bin ich dazu verpflichtet, bei musikalischen Einspielungen auf GEMA-Gebühren hinzuweisen)

 

GUIDO:          (steht erschrocken da)

 

 

 

TIMO:             (schaut zunächst verzweifelt, nimmt Petra bei den letzten gesungenen Sätzen dann in den Arm und schiebt sie praktisch hinaus zur Tür) Dat deiht mi so leed, Herr Doktor. Dat haren Se gor nich sehn schullt. – Kumm Helene, Dien Fans töven.

 

PETRA:          (singt wieder im Flur)

 

GUIDO:          (schließt die Tür dann, schüttelt mit dem Kopf)

 

8. Szene

YVONNE:      (kommt zügig herein) Leev Tied, wat is dat denn för ´n Skandal? Weer jichenseen hier?

 

GUIDO:          (geht zu ihr, legt seinen Arm um ihre Taille, schmunzelt) Ja Yvonne, hier weer well.

 

YVONNE:      Well denn?

 

GERNOT:       Ik segg dat maal so: Ik glöv, ik hebb een neijen Job un ward ab hütt bannig veel Geld verdeenen.

 

YVONNE:      (versteht nicht) Hä?

 

(schneller Vorhang)

 

 

 

Ende des ersten Akts

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zweiter Akt

 

                        (Einige Tage später. Montag. Das Zimmer ist verändert worden, indem jetzt die Couch oder das Sofa in den Vordergrund gerückt, oder ein zusätzliches

                        Canapé in den Raum gestellt wurde. Der Tisch und die Stühle aus dem 1. Akt sind nicht mehr vorhanden. Dafür stehen neben der Couch ein kleiner Glastisch und ein bequemer Sessel. Auf dem Glastisch eine Box mit

                        Papiertaschentüchern. Evtl. hängen auch andere Bilder an den Wänden. Es sollte zumindest ansatzweise der Eindruck entstehen, als wäre es das Behandlungszimmer eines Psychiaters, darf aber gerne Wohnzimmeratmos-

                        phäre haben. Es ist ein Montag in den Nachmittagsstunden, eine Woche nach Ende des ersten Akts. Wenn der Vorhang sich öffnet, sitzt Guido im Sessel. Er trägt ein weißes Oberhemd, Sandalen, Jeans, trägt jetzt auch eine Brille; hat ein Klemmbrett auf den Knien, einen Stift in der Hand. Auf der Couch oder dem Canapé liegt Petra Fuchs. Timo sitzt etwas abseits auf einem weiteren

                        Stuhl, schaut und hört der Behandlung zunächst gespannt zu)

 

1. Szene

GUIDO:          (notiert etwas auf einem Papierbogen)

 

PETRA:          (hat große Probleme sich zu entspannen, liegt unruhig da)

 

TIMO:             (sieht das) Petra, worüm büst Du wedder so unruhig? Du möötst Di entspannen. So, as jeede Maal. Anners kann Doktor Schneider Di nich helpen. - Ik hebb doch recht, Herr Doktor, oder?!

 

GUIDO:          (schaut über die Brille hinweg zu Timo herüber) Richtig.

 

TIMO:             (geht zu Guido, leiser): Ik bün ok besünners dankbor, Herr Doktor, dat Se uns noch mehr Termine anbeeden kunnen lesd Week. Aver so recht gesund is mien Petra noch nich, denk ik.     

 

GUIDO:          Nu, wenn man bedenkt, dat Se un Ehr Fro nu al to d´ fievte Maal hier bi mi sünd, hett sik ehr Tostand doch al wat beetert, meenen Se nich ok?

 

TIMO:             Ik bün daar nich so heel seeker.

 

GUIDO:          Dat dürt nu maal, Herr Fuchs. Se dörven keen Wunner vun mi verwachten. (widmet sich dann wieder Petra): So, Fro Fuchs.

 

PETRA:          Fuchs? Fuchs? - Mien Naam is Fuchs?

 

GUIDO:          Oh ja. Se heeten Fuchs. Petra Fuchs. Se sünd de Fro vun Timo. Un Se beid sünd al siet 8 Johren mitnanner verhierat. Dat haren wi doch all mehrmaals. Ehr Mann arbeid bi Blohm un Voss, un Se hebbt lesd Johr noch as Verkäuferin bi Edeka arbeid.

 

PETRA:          (setzt sich verwirrt blitzschnell aufrecht hin): Mien Naam is wohrhaftig Petra Fuchs?

 

GUIDO:          Natürlik. Glöven Se mi dat doch endlich.

 

 

TIMO:             Heel ruhig, Schatz. Legg Di wedder hen.

 

PETRA:          Nee nee, dat kann ik nich. Keen Tied. Ik mööt noch soveel vörbereiten.

 

TIMO:             Oh nee, bidde nich al wedder.

 

PETRA:          (steht auf, starrt ins Leere, läuft rastlos umher) De Tournee. De Tournee fangt an. Mörgen mööt ik in München optreden - overmörgen in Köln - un mien neij Kostüm is noch nich fardig. Düt sülvern Glitzerdeel mit extra deep Utschnee. Dat kann nich sexy genooch ween, weeten Se?!

 

GUIDO:          (etwas streng): Fro Fuchs, bidde! Dat gifft keen Tournee un ok keen extra sexy Glitzerkleed. Hüüt nich un ok nich mörgen. Dont Se mi bidde een Gefallen un leggen Se sik wedder hen.

 

PETRA:          Keen Tournee? Keen neij Kleed? - Aver worüm... wat is denn blots...

 

TIMO:             Hasi, wees leev nu. Do doch eenfach dat, wat de Doktor Di seggt.

 

PETRA:          Ja? (enttäuscht) Ja, is good. (legt sich wieder hin)

 

GUIDO:          Fro Fuchs, Schlagers sünd schöön. Un berühmte Interpreten singen düsse Schlagers. Normal Börgers hören de Lieder aver blots. Un SE hören to de normal Börgers. Un nu laten Se uns nochmaal over Ehr Kindheit snacken.

 

PETRA:          Kindheit? (ein bisschen wie in Trance) Wat is denn mit mien Kindheit? Weer ik jemaals ´n Kind?

 

GUIDO:          Nu, ik bün mi bold seeker, dat de Wuddels vun Ehr Krankheit vör veel Johren in Ehr Tied as Kind to finden sünd. Is meestens so. Hebb ik tomindst lest - äh... ik meen - so hebb ik dat lert - in mien Studium - ja. - Fakt is: SE, Fro Fuchs, sünd NICH Helene Fischer.

 

PETRA:          (springt spontan wieder auf, fasst Guido an die Schultern, dann bestimmend): Se hebbt ja keen Ahnung. Wo snacken Se eenlik mit mi? Ik BÜN Helene Fischer. Ik bün een Superstar, de dat nich nödig hett, sik vun een tweedklassigen Doktor dumm Ratschläge antohören!

 

TIMO:             (verzweifelt) Aver Schatzi, nu hör doch bidde op dormit.

 

GUIDO:          (leicht verängstigt) Bidde, Fro Fuchs...

 

PETRA:          (drohend, drückt Guido in den Sessel) Fischer, verdammt! Ik bün berühmt un de afslute Nummer 1 un jeede Minsk op düsse Welt hett mi leev. Mi un mien Musik. Ik hebb mehr as 18 Millionen Platten verköfft. Un daar weern de Downloads noch gor nich mit inreekend. So! Un DU, hest mi gor nix to seggen. Du kannst Di mien CDs un Ticketts för mien Konzerten kopen un mi bewunnern - anners dörvst Du gor nix!

 

GUIDO:          (sinkt zurück in den Sessel, etwas ängstlich, liegt fast im Sessel) Ja ja... wenn Se dat seggen.

 

 

TIMO:             Petra, Du hest ja recht. Wi hebbt Di leev. All hebbt Di leev! Aver laat doch de Doktor in Ruh. De will Di doch blots helpen. De maakt bestimmt allns richtig un maakt ok bi de Behandlung keen Fehler.

 

PETRA:          (lässt nun von Guido ab, beginnt lauthals zu singen und auf der Bühne für die Zuschauer im Saal zu interpretieren): "Keiner ist fehlerfrei, was ist denn schon dabei? Spinner und Spieler, Träumer und Fühler hat diese Welt doch nie genug".

 

TIMO:             (hält sich die Ohren zu): Herr Doktor, so dont Se doch wat!

 

GUIDO:          (steht auf, stellt sich vor Petra, dann laut und deutlich): Se hören nu op de Steh op, düsse Lieder to singen! Hebbt Se mi verstahn?

 

PETRA:          (singt weiter): "Keiner ist fehlerfrei, sei es doch wie es sei. Lasst uns versprechen, auf Biegen und Brechen, wir feiern die Schwächen. Wer ist schon fehlerfrei?".

 

TIMO:             Petra - hör op!

 

GUIDO:          Fro Fuchs - dat langt nu! Se hören sofort op, sik intobilden, dat Se Helene Fischer sünd un hören vör allem op, ehr Lieder to singen! (zu Timo) Dat is würklich nich to faten, bold so as ´n Phänomen.

 

PETRA:          (singt): "Du, bist ein Phänomen. Du, kannst die Erde dreh´n. Du, Dich fängt niemand ein. Der Wind trägt Deinen Namen. Du, bist ein Phänomen. Du, manchmal unbequem. Du, bist ein echter Freund. Dein Wort hält Wort, lachst alle Schatten fort." (geht dann nach rechts und links, verbeugt sich vor dem - für sie eigentlich nicht vorhandenem - Publikum) Danke. Veelen veelen Dank, mien leev Lüüd. (ständiges Zahnpasta-Lächeln, Freude, mehrfaches theatralisches Verbeugen, macht Gesten, als würde sie die vielen Blumen vom Boden aufheben, die ihr zugeworfen wurden, drückt diese glücklich an ihre Brust. Währenddessen):

 

GUIDO:          (zu Timo): Un dat passeert mehrmaals jeeden Dag?

 

TIMO:             (nickt) Mehrmaals jeeden Dag? In een Tour un all man weg geböhrt dat. Un dat ward jümmers slimmer. Ehr Therapie wirkt ok nich besünners, Herr Doktor. Sogor hier - während Se mien Fro behandeln, flippt se nu al ut. Dat is bitlang noch nich vörkomen.

 

GUIDO:          Ehr Fro is aver ok würklich ´n besünners swor Fall. Aver töven Se maal. Ik maak dat al. (geht dann zu Petra) Fro Fuchs, nu hören Se mi maal good to! Ik bün Doktor Schneider. Ik hol Se runner vun düsse dumm Idee, dat Se Helene Fischer sünd un fang Se op.

 

PETRA:          (dreht sich erschrocken zu ihm um, singt): "Du fängst mich auf und lässt mich fliegen, hältst mich nie zu fest. Ich kann bei Dir ich selber sein und weiß, dass Du mich lässt. Schick mich einfach los, die Welt entlang, mein Herz ist wie ein Boomerang, es kommt doch immer wieder bei Dir an."

 

 

 

GUIDO:          Bi mi? Bi mi kummt dat an? - Gott, Herr Fuchs, dat is ja würklich ´n Drama. Un dat geiht nu so wieder de heel Dag?

 

TIMO:             Männchmaal ok de heel Nacht dörch - bit mörgen fröh.

 

GUIDO:          Bit mörgen Fröh? Dat mööt för Se ja de Höll ween.

 

TIMO:             Ja, dat is dat ok.

 

PETRA:          (singt:) "Die Hölle morgen früh ist mir egal. Egal wie oft ich noch zu Boden knall´.  Für eine Nacht mit dir allein im Himmel - mit dir allein im Himmel, sterb´ ich noch 1000 Mal".

 

TIMO:             (geht zu ihr, umarmt sie verzweifelt) Mäussi - is ja good. (streichelt ihr liebevoll über´s Haar, dann zu Guido): Ehr Behandlung hett nu keen Zweck mehr, Herr Doktor. Ik kenn düsse Phasen. Dat dürt nu mindestens dree Stünden, bit se dormit ophört - wenn overhopt. Wenn man ehr in düsse Tostand tegensnackt, kann se ok gewalttätig warrn.

 

GUIDO:          Um Himmels Willen.

 

TIMO:             (zu Petra): Wi gahnt nu beeter, Helene, ja?!

 

PETRA:          (schaut Timo überrascht an): Well... well sünd Se?

 

TIMO:             Aver Helene - ik bün dat doch - Dien Mann. Ik hör doch to Di; un ik laat Di so as Du büst.

 

PETRA:          (singt): "Du lässt mich sein, so wie ich bin. Mich zurechtzubeigen hätte keinen Sinn. Ich bin bei Dir und atme frei. Ob ich wein´, ob ich lach´ - und auch wenn ich Fehler mach´ - Du gibst mir Kraft und strehst mir bei".

 

TIMO:             (umarmt sie, "schiebt" sie schon langsam zur Tür nach draußen, zu Guido): Dat is beeter, wenn wi nu gahnt. Ik roop Se an. Dann maak wi ´n neijen Termin klor.

 

GUIDO:          So as Se wüllt. Komen Se denn klor mit ehr alleen?

 

TIMO:             Ja ja. Is ja nich dat erst Maal. - Kumm Schatz, de Lüüd töven op Dien Optree.

 

PETRA:          (erfreut) Stimmt dat? Stimmt dat würklich? Is dat würklich wohr?

 

TIMO:             Ik swör. 100 Prozent.

 

PETRA:          (singt): "Ich will alles oder gar nichts - will 100 Prozent. Kann es sein, dass dieser Wahnsinn uns irgendwann trennt? Meine Sehnsucht wird dich nie verlieren und sie findet dich wo du auch immer bist..."

 

TIMO:             (an der Tür mit ihr) Ganz toll, Helene. Kiek doch blots, wo Dien Fans jubeln, un wo se siet Stünden Dien Lieder mitsingen. De hebbt bold keen Ahm mehr.

 

 

 

PETRA:          (kommt spontan nochmal nach vorne zurück, interpretiert wieder): "Atemlos durch die Nacht, bis ein neuer Tag erwacht. Atemlos einfach raus, Deine Augen zieh´n mich aus! Atemlos durch die Nacht, spür' was Liebe mit uns macht. Atemlos, schwindelfrei, großes Kino für uns zwei..."

 

TIMO:             (drückt sie umarmend dann hinaus, während Petra bis zum Abtritt weitersingt)
 

GUIDO:          (hat den beiden ungläubig hinterher geschaut)

 

2. Szene

YVONNE:      (kommt dann von rechts herein)

 

GUIDO:          Hest Du dat mitkreegen?

 

YVONNE:      Blots hört - aver dat hett langt.

 

GUIDO:          Hest Du jemaals sowat belevt?

 

YVONNE:      Noch nie nich. Düsse Fro glövt in ernst, se is Helene Fischer? Boah, dat is krank. De hört doch in ´n Anstalt; meenst Du nich ok?

 

GUIDO:          Nee! Wenn de nich wedder kummt, well betahlt mi dann?

 

YVONNE:      Oh Guido; op wat hebb wi uns daar blots inlaten? Wenn dat rut kummt, dann sünd wi aver dran.

 

GUIDO:          (spielt): Se as Spreekstündenhülp hebbt hier gor nix to seggen, Fräulein Yvonne. Marken Se sik dat!

 

YVONNE:      Natürlik. As Se meenen, Herr Doktor.

 

BEIDE:           (lachen dann)

 

GUIDO:          Wenn ik mi nich täusch, hebb ik doch mien Woord holen, oder?! Ik hebb Di vör ´n Week versproken, dat ik allns versöken will, uns finanziell Laag to verbeetern. (geht zum Schreibtisch, holt aus einer Schublade eine Blechdose hervor, öffnet diese, holt einige 50 - und 100-Euro-Scheine heraus, wedelt damit herum) Un? Wat seggst Du dorto?

 

YVONNE:      (erstaunt über das viele Geld) Ik faat dat nich. Dat betahlen de Lüüd eenfach so?

 

GUIDO:          Wenn de Kassen doch nich mitspeelen - de Lüüd sünd krank un wüllt, dat man ehr helpt. Okay, ik gev to, dat meeste Geld bitlang is vun dat Ehepoor Fuchs. Och, daar fallt mi just in - de hebbt hüüt gor nich betahlt. (etwas verärgert) Na, DE schöllnt wedderkomen! So geiht dat ja nich!

 

YVONNE:      Guido, dit Geld is een wunnerbor Saak. Aver wenn dat opflüggt, wat wi hier maken... wi hebbt doch overhopt keen Ahnung, wat wi hier eenlik dohn.

 

GUIDO:          Na hör maal. Ik hebb doch ´n Hopen Psycho-Tests ut ´t Internet utdruckt. Un ok over Verholensmuster un verscheeden Diagnosen un Therapien hebbt wi

 

                        wat lest in de lesd Dagen. Butendem hebbt de meesten Patienten een so gewaltigen Sockenschööt, dat de gor nich marken, dat ik keen Psychiater bün.

 

YVONNE:      Wenn al. Dat is swor Bedrug, wat wi hier maken. Un dat kummt rut. Un dann?

 

GUIDO:          Jümmers optimistisch ween, Yvonne. Un maal ehrlich: Wormit genau maak wi uns denn strafbor? De Lüüd pingeln freewillig bi uns. Ik hebb nix anners maakt, as uns Naamschild an d´ Döör een beeten vergrootert. Wenn de Minsken dann to uns komen un behandelt warrn wüllt...

 

YVONNE:      Aver wi nehmen Geld vun düsse Minsken. Un tegen uns Naam an de Döör steiht siet een poor Dag "D - r - Punkt".

 

GUIDO:          Heeeeeel lütt. Well schull uns al jichenswat nawiesen?! Dat kann ja ok een Kind dorup malt hebben. Un sowieso. D - r - Punkt. Dat kann doch allns Mögliche bedüden. To ´n Biespiel...

 

YVONNE:      Hör leever op, Guido. Di fallt so un so nix in. Wenn dat uns Doktor Schneider vun boven sücht, dann sünd wi fällig.

 

GUIDO:          Wat könnt wi denn dorför, wenn de Keerl genauso heet as wi? De harr ja ok woranners hentrecken un daar sien Praxis open maken kunnt. - Mensch, Yvonne. Nu frei Di doch, dat wi endlich Geld verdeenen.

 

Druckversion Druckversion | Sitemap Diese Seite weiterempfehlen Diese Seite weiterempfehlen
© Die ganze Welt ist eine Bühne