Lange danach gesucht - auf Ibiza 2012 endlich gefunden
Musiker gesucht

„Aufstand im Haus Abendsonne“

 

 

(hochdeutsche Fassung)

 

 

Kriminal-Komödie in 3 Akten

 

von

 

Helmut Schmidt

 

 

 

 

 

 

Inhalt:

 

Die drei sehr unterschiedlichen Damen Luise, Hedwig und Marga verbringen seit einigen Jahren ihren Lebensabend in der Senioren-Residenz "Haus Abendsonne". Das karge Essen im Heim, die gemeinsamen, langweiligen Gesellschaftsspiele, das Gruppen-Singen, aber vor allem der barsche Heimleiter Andreas Treudler erinnert die rüstigen Frauen immer wieder an bessere Tage. Irgendwann sind die drei sich dann einig: Das kann es noch nicht gewesen sein in ihrem Leben! Jedem von dem Trio sind die hohen Kosten für ihren Pflegeplatz in dem Altersheim bekannt, und das möchten sie unter diesen Umständen nicht länger dulden und unterstützen. In dem Heim etwas zu ändern, scheint den Frauen aussichtslos. Es gibt jedoch bestimmt einen Ort, wo es viel besser ist, sagen sich die drei, und schmieden einen verwegenen Plan. In einer Zeitschrift hat Luise gelesen, welcher Luxus heutzutage den Verbrechern im Gefängnis zuteilwird. Ein Leben hinter Gittern muss der Himmel sein, denken sie sich. Um jedoch mindestens bis an ihr Lebensende dort wohnen zu dürfen, müssen alle 15 Jahre Haft bekommen - und diese Strafe gibt es wohl nur bei Mord. Der Plan, den Heimleiter Treudler umzubringen, erweist sich jedoch als etwas schwierig; und auch über die Methode sind sich die drei zunächst nicht einig. Als sie Treudler dann mit einem Messer töten wollen, liegt dieser jedoch bereits leblos in seinem Büro. Die drei Senioren bleiben dabei, dass sie ihn umgebracht haben und hoffen auf eine lange Haft. Die Polizei glaubt dem Mord-Trio jedoch kein Wort und Luise, Hedwig und Marga kommen unbestraft davon. Was müssen die drei denn noch anstellen, damit man sie endlich ins Gefängnis steckt? Oder gibt es für sie und das Pflegeheim eine andere und bessere Lösung? 

 

 

Spieler:  4m / 5w - 1 Bühnenbild

 

 

Luise Steinbrenner     -           Bewohnerin (75 Jahre)

 

Marga  Bitternagel      -           Bewohnerin (74 Jahre)

 

Hedwig von Rahden  -           Bewohnerin (72 Jahre)

 

Erwin Alberstedt        -           Bewohner (ca. 75 Jahre)

 

Andreas Treudler       -           Heimleiter (ca. 40-60 Jahre)

 

Insa Harms                 -           Altenpflegerin (ca. 25 J.)

 

Angela Jancovic         -           Altenpflegerin (ca. 50 J.)

 

Herr Rosenthal           -           Kommissar der Mordkommission (ca. 30 - 50 Jahre)

 

Bastian Steinbrenner  -           Enkel von Luise (ca. 25 J.)

 

 

 

 

 

 

Bühnenbild:

 

Das Bb. zeigt den Tages - und Aufenthaltsraum der Seniorenresidenz "Haus Abendsonne". Nach hinten ein Durchbruch zum Flur, welcher rechts zu den Zimmern der Bewohner und zu anderen Räumen führt; links zum Ein-und Ausgang des Pflegeheims. Dieser kann offen dargestellt, oder mit einem Perlenvorhang gezeigt werden. Geschickte Bühnenbildner können auch zwei Schiebetüren mit Glasscheiben zeigen. Im eigentlichen sichtbaren Bühnenbild führt rechts eine Tür zur Verwaltung und zu weiteren Räumen der Mitarbeiter, nach links eine Tür zur Gäste-Toilette. Im Raum steht in der Mitte ein Tisch mit 4 Stühlen. In einer Ecke ein weitere kleiner, runder Tisch mit 2 Sessel für Besucher. Irgendwo eine Garderobe und ein CD-Rekorder oder Stereo-Anlage. Ein Regal mit wenigen Büchern, evtl. ein paar Bilder an den Wänden.

 

Alle weiteren Ausstattungen sind der Gruppe überlassen. Bühnenbildänderungen sind im Stück angegeben.

 

 

Spielzeit: Frühling in der Gegenwart

 

Spielort: Ein Seniorenheim in Deutschland

 

Spieldauer: ohne Pausen ca. 100 Minuten

 

 

 

Erster Akt

 

                  (Wenn der Vorhang sich öffnet, sitzen Luise und Marga zunächst schweigend und etwas gelangweilt am Tisch. Luise mit Blick zum Publikum, Marga sitzt rechts. Der Stuhl links steht ein Stück weg vom Tisch. Luise ist normal gekleidet mit Rock oder Hose, Pullover oder Bluse. Margas Kleidung ist eher etwas schlicht und einfach. Hedwig, die bei Spielbeginn noch nicht auf der Bühne ist, trägt auffallend und kostspielig aussehende Garderobe. Ebenso verhält es sich mit den Frisuren der drei Damen. Auf dem Tisch ist ein "Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spiel" aufgebaut mit Spielsteinen. Auf einem kleinen Tisch hinten in einer Ecke liegen einige Zeitschriften. Aus dem CD-Recorder erklingt zwar hörbar, aber nicht zu laut ein deutsches Volkslied. Es ist ein Freitag in den Vormittagsstunden)

 

1. Szene

Luise:        (nach einer angemessenen Pause genervt:) Ist Hedwig ins Klo gefallen oder was?

 

Marga:       Das dauert bei ihr ja immer so lange. Kennst sie doch.

 

Luise:        Was macht die denn da so lange? Die ist doch bestimmt schon 10 Minuten weg. Ich versteh das nicht. Man geht da hin - Hose runter - hinsetzen - drücken und machen - abwischen und gut.

 

Marga:       Ja.  

 

Luise:        (schaut auf die Uhr) Gleich gibt´s Mittagessen und wir sind mit dem Spiel nicht fertig. Und wenn wir unterbrechen müssen, wissen wir anschließend nicht mehr, wie die Spielsteine gestanden haben und wer dran war.

 

Marga:       Ja.

 

Luise:        Hach, eine ganz trockene Zunge hab´ ich. Klebt schon am Gaumen fest. Dass alte Menschen mehr trinken sollen, das weiß ja wohl jeder. Die lassen uns hier verdursten, Marga - was ich Dir sage!

 

Marga:       Ja. 

 

Luise:        Und wenn Du mir einen Gefallen tun willst, dann stell diese grauenvolle Musik ab. Das ist ja nicht auszuhalten. Wer bitte hört denn freiwillig deutsche Volkslieder?

 

Marga:       Ja  - aber... dürfen wir das denn einfach ausstellen?

 

Luise:        Natürlich! Sind ja immer noch unsere Ohren, die das erdulden müssen. Marga, ich würd´ das ja selber machen, aber Du weißt doch: Ich hab´ Rücken und ich hab´ Bein.

 

Marga:       Ja. (steht auf, geht zum Recorder, stellt die Musik aus, kommt zurück und setzt sich unsicher wieder, kurze Pause) Wenn das man bloß keinen Ärger gibt.

 

Luise:        Gibt es nicht. (regt sich wieder auf) Oh Mann... dass Hedwig auch nicht wieder kommt.

 

2. Szene

Angela:      (kommt von hinten zügig herein in weißer Berufskleidung, hat ein Tablett in der Hand, darauf eine Schnabeltasse, Medikamente o.a., gestellt freundlich mit polnischem Akzent) Na, wer hat denn abgestellt Ihre wunderbare Musik? Der Recorder ist nicht kaputt, oder? (stellt die Musik wieder an) So ist es besser, ja?! (abgehend nach rechts, nachdem sie den beiden Frauen jovial zugenickt hat)

 

Luise:        Hey! Hey hey... WIR haben das abgestellt! Gibt es nicht was von Helene Fischer* oder so? *(nennen Sie einen Schlagerstar, der zur Aufführungszeit sehr populär ist)

 

Angela:      (ist schon weg)

 

Marga:       Zu spät, Luise. Hat sie nicht mehr gehört.

 

Luise:        Das WOLLTE die nicht hören! Also, die machen hier doch mit uns, was sie wollen. Wir dürfen nicht mal mehr selbst entscheiden, ob wir dieses Gedudel hören wollen oder nicht. Ist doch unglaublich, nicht wahr?!

 

Marga:       Ja. (wartet) Soll ich denn nun nochmal hin und abstellen?

 

Luise:        (bestimmend) Ja sicher sollst Du! Du willst das doch auch nicht hören, oder?

 

Marga:       Nein. Aber Du darfst nicht sagen, dass ich das war, wenn wir gefragt werden. (geht wieder zum Recorder, schaltet die Musik erneut ab, während sie wieder zum Tisch läuft, kommt...)

 

3. Szene

Hedwig:    (...von links herein, richtet währenddessen ihre Kleidung. Hedwig ist von den Dreien eher nobler gekleidet und auch geschminkt in allen Akten)

 

Luise:        Na endlich. Da bist Du ja wieder. Warum dauert das denn immer so lange, wenn Du zu Tante Meier gehst?

 

Hedwig:    Ach Gott, das waren doch höchstens 5 Minuten. Solange braucht eine Frau eben.

 

Luise:        Tsss... 5 Minuten? Das waren mindestens 10. Mindestens! Eher 12.

 

Hedwig:    Das ist gar nicht wahr. (setzt sich an den Tisch)

 

Luise:        Marga, waren das mindestens 10?

 

Marga:       Ja also, so genau kann ich das auch nicht sagen.

 

Luise:        Ich aber. So, und nun lass uns weiter spielen.

 

Hedwig:    Wer ist denn dran?

 

Luise:        (verdreht die Augen) Na DUUUUU! Worauf warten Marga und ich denn wohl?!

 

Hedwig:    Ist ja gut. Nun reg´ Dich mal nicht auf. (würfelt) 4. Eine vier. (überlegt, welchen Spielstein sie nimmt, wählt, setzt dann) Eins zwei drei vier. Und raus. Hähä... (wirft einen Spielstein von Luise um)

 

Luise:        Oh Mann eh. Und ich stand damit gerade vor´m Stall.

 

Marga:       "Vor´m Tor" heißt das doch, oder?

 

Luise:        Das hieß immer schon "vor´m Stall".

 

Hedwig:    Das heißt "vor´m Hock".

 

Luise:        "Vor´m Hock"?

 

Hedwig:    Ja.

 

Luise:        Was soll das denn sein - ein Hock? Steht das im Duden?

 

Hedwig:    Wir haben zuhause immer gesagt, dass die Spielsteine ins Hock müssen.

 

Marga:       Ja, gehört hab´ ich das auch schon mal.

 

Luise:        Stall, Tor oder Hock. Das ist doch völlig egal. Ihr wisst doch, was ich meine.

 

Hedwig:    Ja genau. Fakt ist: Ich hab Dich abgeworfen und Du musst mit einer 6 von vorne anfangen. Ätsch!

 

Luise:        Warum hast Du denn nicht einen anderen Stein genommen? Du hast doch noch 3 andere.

 

Hedwig:    Wenn man jemanden abwerfen kann, muss man das tun.

 

Luise:        Gar nicht.

 

Hedwig:    Doch! So steht es in den Spielregeln.

 

Luise:        Gar nicht.

 

Marga:       Ja, gehört hab´ ich das auch schon mal.

 

Luise:        Vorhin hätte ich dich mit einer 5 auch abwerfen können und hab´ es nicht getan. Das hast Du doch bestimmt gesehen, oder?

 

Hedwig:    Ja, hab´ ich.

 

Luise:        Aha. Und warum hast Du nichts gesagt? Wenn Dir die Spielregeln so wichtig sind, dann hättest Du mir sagen müssen, dass ich Dich abwerfen muss. Ist es nicht so, Marga?

 

Marga:       Ja, gehört hab´ ich das auch schon mal.

 

Luise:        (zu Marga) Mann eh, was DU nicht schon alles mal gehört hast.

 

Hedwig:    Du hättest mich abwerfen können - hast es aber nicht getan. Es war Deine Entscheidung und basta.

 

Luise:        Ach, und Du hast jetzt entschieden mich abzuwerfen, obwohl Du es nicht hättest tun müssen.

 

Hedwig:    Richtig.

 

Luise:        Und DANN gelten natürlich die Spielregeln?!

 

Hedwig:    Es ist wie es ist.

 

Luise:        Nein Hedwig von Rahden. Hier ist es nicht wie es ist. Hier geht es um Achtung, Respekt und Nächstenliebe zwischen uns.

 

Marga:       Ja, da hab´ ich auch schon mal was von gehört.

 

Luise:        (zu Marga) Und DU gehst mir nicht länger auf die Nerven, Marga. - Hedwig, ICH hab´ ein Herz; hab´ aus Liebenswürdigkeit gehandelt und Dich nicht abgeworfen. DU jedoch bist kalt und egoistisch.

 

Hedwig:    Ha, Du kannst nicht verlieren. DAS ist der Punkt.

 

Luise:        Kann ich wohl.

 

Hedwig:    Gar nicht.

 

Luise:        Doch.

 

Hedwig:    Du hast vorhin doch gar nicht gesehen, dass Du mich abwerfen kannst.

 

Luise:        Doch.

 

Hedwig:    Hast Du nicht. Bist ´ne blinde Nuss.

 

Luise:        Meine Augen sind gut und dement bin ich auch nicht. Ich hab´ nur Rücken und Bein.

 

Marga:       Rücken und Bein hat sie. Ganz schlimm.

 

Luise:        Also mit Euch macht es wirklich keinen Spaß ein Spiel zu spielen. Es ist immer dasselbe. Und unter diesen Umständen bin ich auch nicht bereit, dieses Durcheinander fortzuführen.

 

Marga:       Wir können doch die Spielregeln durchlesen.

 

Luise:        (verschränkt die Arme) Nein, hier geht´s mir ums Prinzip.

 

Marga:       (überlegt) Prinzip... was war das auch noch?

Hedwig:    (zu Luise) Jetzt sei doch nicht beleidigt. Es ist doch nur ein Spiel.

 

Luise:        Ich möchte jetzt nicht mehr spielen und nun ist gut. Boah, und einen Durst hab´ ich.

 

Hedwig:    Ja, dann eben nicht.

 

Marga:       Schade. Soll ich dann wegräumen?

 

Luise:        Ja bitte.

 

Marga:       Und wir spielen das jetzt nie wieder? (nimmt die Schachtel, packt Spielsteine, Würfel und Brett ein)

 

Luise:        Erst wenn die Regeln geklärt sind. Aber die will ich heute nicht lernen. Ich hab´ auch meinen Kopf. (steht auf, geht langsam, evtl. auch leicht humpelnd zu dem Tisch in der Ecke des Raumes, setzt sich, nimmt eine Zeitschrift, blättert darin herum)

 

Hedwig:    Ich finde "Mensch ärgere Dich nicht" sowieso langweilig. Das ist doch völlig überholt. Mein Enkel kommt nächste Woche und bringt mir ein Smartphone. Da kann ich dann mit den Apps meine eigenen Spiele spielen. Alleine!

 

Marga:       Du willst dann mit Apps spielen und nicht mehr mit uns? Wer ist Apps? Auch ein Bewohner?

 

Luise:        Oh Gott, schick Hirn auf die Erde.

 

Hedwig:    Das ist moderne Technik, Marga. Von solchen Dingen verstehst Du nichts. Und damit Du´s weißt: Apps ist KEIN Bewohner dieser Seniorenresidenz.

 

Marga:       Oh...

 

Luise:        Seniorenresidenz Abendsonne. Wenn ich das Wort schon höre. Klingt ja wie ´n Schloss, nicht?! Dabei ist das hier ´ne billige Absteige, aus der die meisten am Ende mit ´ner Kiste herausgetragen werden.

 

Marga:       Mit ´ner Trage, Luise. Die holen die Toten mit ´ner Trage hier raus. Wenn ihr auch denkt, ich bin ein bisschen doof - DAS weiß ich ganz genau. Der Bestatter kommt mit einer Trage. Jawohl. In die Kiste kommt man dann erst später. Außerdem heißt das nicht Kiste, sondern Sarg. (dann weinerlich) Ich weiß das deshalb so genau, weil es erst 2 Jahre und 4 Monate her ist, als mein Kunibert hier rausgetragen wurde.

 

Luise:        Ja ja, ist ja gut, Marga. Wir glauben Dir ja. (zu Hedwig) Gib ihr mal ´n Taschentuch. Sonst überschwemmt sie hier noch alles.

 

Hedwig:    (gibt ihr mürrisch ein Papiertaschentuch, welches in einem Pack auf ihrem Suhl lag) Hier! - Also ICH werde hier ganz sicher nicht leblos auf einer Trage herausgebracht.

 

Luise:        Na, ICH auch nicht. HIER sterbe ich ganz bestimmt nicht!

 

Marga:       (hat ihre Tränen getrocknet und sich schnell beruhigt) Ja, aber... wenn nicht hier, wo denn dann?

 

Hedwig:    Wie ihr wisst, bin ich nur zur Kurzzeitpflege hier, weil meine Kinder beruflich für ein paar Wochen ins Ausland müssen. Nur DAS ist der Grund. Sobald sie zurück sind, holen sie mich hier wieder raus. Ich könnte mich auch noch sehr gut selbst verpflegen. Es ist nur die große Sorge, die meine Kinder haben, dass mir was passieren könnte, wenn niemand bei mir ist. Und das rechne ich ihnen hoch an.

 

Luise:        Das ist ja interessant. Dann wundert´s mich aber, dass diese Kurzzeitpflege bei Dir jetzt schon 8 Monate dauert. Heißt Kurzzeit nicht sonst 3 Wochen?

 

Marga:       Ja, das hab´ ich auch schon mal gehört.

 

Luise:        Und jetzt passt Dein Satz auch endlich mal, Marga. Hähä...

 

Hedwig:    Ääh... meine Kinder haben da eine Sonderregelung vereinbart mit Herrn Treudler. Mein Schwiegersohn will in den USA eine Zweigstelle aufbauen, das dauert eben. Und meine Tochter muss ihm dabei helfen. Wenn alles unter Dach und Fach ist, kommen sie zurück. Bis zu meinem Geburtstag im Mai bin ich hier raus. Dann holen sie mich wieder zu sich.

 

Luise:        Achja? Haben sie das gesagt?

 

Hedwig:    Ja, das haben sie.

 

Luise:        Wann hast Du denn zuletzt mit Deiner Tochter gesprochen?

 

Hedwig:    Äh... das ist wohl schon ein bisschen her; aber Torben - mein Enkel - der hat das gesagt. Am Telefon - erst letzte Woche noch.

 

Luise:        So so. Und was ist mit Deinem großen Haus?

 

Hedwig:    Ich glaub´, dass Susanne sich um einen Mieter bemühen wollte.

 

Luise:        Herrgott Hedwig. Bist Du so doof oder willst Du die Wahrheit nicht erkennen? Dein Haus hat Deine liebe Tochter Susanne längst verkauft. Wovon soll denn sonst Dein Platz hier bezahlt werden?!

 

Hedwig:    Du lügst! Das ist nicht wahr. Mein Haus wird vermietet und ich gehe zurück zu meiner Tochter und meinem Schwiegersohn. So!

 

Luise:        Na, denk´ doch was Du willst. Wenn wir es zulassen, werden wir alle krepieren in dieser (ironisch) Residenz. Dieses Haus MACHT uns doch alt. Hier kann man ja gar nix anderes als abkratzen.

 

Marga:       Sag´ das doch nicht so grob. Sag´ doch sterben.

 

Luise:        Sterben ist dasselbe.

Marga:       Klingt aber besser als abkratzen.

 

Luise:        Helene Fischer klingt auch besser als diese scheußlichen Volkslieder, die man uns hier aufdrängelt.

 

Hedwig:    Bei mir wird alles gut, glaubt mir.

 

Luise:        Ja ja. Wisst ihr was passiert, wenn wir nichts ändern an unserer Situation: Eines Tages werden wir richtige Pflegefälle, scheißen uns voll, müssen gefüttert werden und kommen nicht mehr aus dem Bett. Manche werden komplett gaga im Kopf und nehmen nichts mehr wahr. Andere erleiden einen Schlaganfall oder so. Und jeder wartet nur noch auf eins: Dass der Herr uns endlich zu sich holt. Und unsere Kinder werden froh sein, wenn wir nicht mehr da sind; weil dann diese Belastung und Verpflichtung wegfällt uns zum Geburtstag und zu Weihnachten zu besuchen. Tot werden wir sein. Ja tot! Dann kommt nur noch die Beerdigung, und auch die bringen unsere Kinder so preisgünstig wie möglich hinter sich. Was dann nur noch zählt ist das Erbe. Dafür werden wir dann eine kurze Zeit wieder interessant. So sieht es aus, meine Lieben.

 

Marga:       Luise, hör´ auf! (weint schon wieder)

 

Luise:        Ich bin die älteste von uns allen - ich darf das sagen. Aber wenn ihr mit der Wahrheit nicht umgehen könnt...

 

Hedwig:    Luise - denk Du nur weiter so, Du mit Deiner schwarzen Seele. Aber ich bitte Euch. Ich habe nicht vor schon zu sterben. Ich bin noch fit und im Herzen jung. Ich kann noch soviel geben. Meine Kinder und meine Enkel lieben mich; und ich bin sehr sehr bald wieder raus hier.

 

Luise:        (abwertend ironisch) Ach Hedwig, Du hast ja so recht. Und... bewahre Dir Deine Träume, Liebchen.

 

Hedwig:    (zu Marga) Was will sie denn nun damit wieder sagen?

 

Marga:       Das weiß man bei Luise nie so ganz genau, glaub´ ich.

 

4. Szene

Angela:      (kommt gefolgt von Andreas von rechts lachend herein. Angela hat einige zusammengefaltete Laken in der Hand. Andreas trägt keine weiße Berufsbekleidung, sondern Hemd, Krawatte, Sakko, Hose, sowie ein Namensschild an der Brust) Hach, Herr Treudler, Herr Treudler, Sie sind mir vielleicht eine lustige Mann. Müssten mehr geben von Ihnen, dann Welt wäre weniger traurig.

 

Andreas:    Das haben Sie sehr schön gesagt, Frau Jancovic. Und jetzt wieder husch husch an die Arbeit. (gibt ihr einen Klaps auf den Hintern)

 

Angela:      (jauchzt lachend auf, dann zügig abgehend nach hinten)

 

Andreas:    Und kümmern Sie sich um unseren Neuzugang. Machen Sie eine kleine Führung mit ihm durch das Haus.

Angela:      Jaha... (fröhlich ab)

 

5. Szene

Andreas:    Guten Tag, die Damen.

 

Alle:          (drei Frauen eher gelangweilt) Ja ja... auch Ihnen... Hhmmm... o.a.

 

Andreas:    Na, was ist denn los? So mürrisch an diesem wunderbaren Frühlingstag?! Und kein "Mensch ärgere Dich nicht" heute?

 

Luise:        Ich hab´ Durst.

 

Hedwig:    Und ich warte auf ein Smartphone.

 

Andreas:    So so. Sie haben Durst, Frau Steinbrenner. Tja, es steht ganz sicher eine Flasche Wasser in Ihrem Zimmer.

 

Luise:        Möglich. Aber gleich nach dem Frühstück bestimmen Sie, dass jeder, der nicht bettlägerig ist, sich nicht in seinem Zimmer, sondern im Gemeinschaftsraum aufhalten soll.

 

Andreas:    Ja. Zur... äh... allgemeinen Lebenserhaltung, zur Motivation und zum Austausch mit den anderen Bewohnern. Also nur zu Ihrem Wohl. Ganz recht.

 

Luise:        Wie nett sich das doch anhört. Also, wenn ich nicht in meinem Zimmer sein darf, kann ich auch von meinem Wasser nichts trinken. Und es ist ja wohl nicht zuviel verlangt, HIER auch 1 oder 2 Flaschen für uns alle hinzustellen, oder?!

 

Andreas:    Frau Steinbrenner, Frau Steinbrenner. Frech und forsch wie eh und je. Wenn wir auch hier noch etwas zu trinken anbieten würden, dann heißt das gleichzeitig höhere Personalkosten. Es muss öfter gewischt werden, weil viele kleckern, die Gläser müssen abgewaschen werden und und und... Was glauben Sie denn wohl, mit wie vielen Kosten sich dieses Haus überhaupt jeden Tag belasten muss? Allein schon die ganzen Mahlzeiten, Materialkosten, die ganze Wäsche, die Pflege eines jeden Einzelnen...

 

Hedwig:    Pflege? Na an UNS drei muss ja wohl keiner großartig herumpflegen, oder?

 

Marga:       Genau. Muss uns jemand füttern oder den Hintern abwischen? Nein!

 

Andreas:    (zu Marga) Frau Bitternagel. Sie müssen nicht gepflegt werden? Na, da muss ich mich nun aber wundern.

 

Marga:       (ahnt um was es geht, nimmt wieder das Taschentuch, muss schon wieder weinen)

 

Luise:        Von dem Geld, was diese Unterkunft hier jeden Monat kostet, könnte ich in einem 4-Sterne-Hotel leben. Mit Einzelzimmer, Animationsprogramm und Buffet zur freien Auswahl. Und vor allem: Wasser so viel ich will.

 

Hedwig:    Richtig. Ich möchte nicht meckern; das ist gar nicht meine Art. Und obwohl ich nur zur Kurzzeitpflege hier bin, sag´ ich Ihnen: Das Essen hier ist wirklich eine Katastrophe. Immer dasselbe und ungenießbar dazu.

 

Andreas:    (kann nur süffisant darüber grinsen) Ich wusste ja gar nicht, dass heute Betriebsversammlung mit freier Aussprache ist, meine Damen. - Nun, bleiben wir mal beim Thema "trinken". Sie sollten alle eh viel weniger trinken.

 

Alle:          (drei Frauen:) BITTE?

 

Andreas:    Ja genau. Je mehr ein Bewohner trinkt, umso mehr muss er es auch wieder los werden. Und das bedeutet gleichzeitig wieder Unruhe in der Nacht bei denen, die noch zur Toilette gehen können, und andererseits ein viel höherer Bedarf an Windeln für die Bettnässer. Und hier spreche ich von den Bewohnern, die gepflegt werden müssen diesbezüglich. So wie Sie, Frau Bitternagel.

 

Luise:        (überrascht) Du pisst ins Bett, Marga?

 

Marga:       (weinerlich) Das war nun aber nicht sehr nett, Herr Treudler. Was kann ich denn für meine Blasenschwäche? Und muss das denn jeder wissen? Das ist angefangen, kurz nachdem mein Kunibert gestorben ist. Einfach so.

 

Hedwig:    Das war jetzt wirklich sehr pietätlos von Ihnen. Und damit Sie es wissen: Bei Blasenschwäche nützt weniger trinken ganz sicher nicht.

 

Andreas:    Ach meine Damen, ich habe doch keine Lust mit Ihnen über solche Dinge zu diskutieren. Wer bin ich denn? (schon abgehend zur Tür nach hinten) Was wissen Sie als Laien denn schon?

 

Luise:        Moment. Ich bekomme also kein Wasser hier in diesem Raum, obwohl ich hier in diesem Raum sein muss?

 

Andreas:    Es ist alles gesagt. (ab)

 

6. Szene

Marga:       (immer noch traurig)

 

Hedwig:    (reicht ihr ein weiteres Taschentuch) Mach Dir nichts draus, Marga. Es ist nicht schlimm, wenn Du Dein Wasser nicht halten kannst.

 

Marga:       Es ist mir aber peinlich. Ihr solltet das gar nicht erfahren.

 

Luise:        Marga pisst sich voll; ich fass´ es nicht.

 

Marga:       (weint lauter)

 

Hedwig:    Hör´ jetzt auf, Luise!

 

Luise:        Ja. Entschuldige. Und dann... also dann trägst Du solche Windeln, so wie die Babys und lässt das einfach man so laufen? Eigentlich auch wieder irgendwie praktisch, nicht?!

Hedwig:    LUISE!

 

Luise:        Ja ja. Alles kommt wieder zurück.

 

Marga:       Das kann bei Dir auch jederzeit losgehen. Das kann man gar nicht steuern, Luise.

 

Luise:        Hast ja recht. Tut mir leid. (überlegt kurz) 2300 Euro kostet mich dieses Luxushotel jeden Monat. Dafür könnte ich fast 800 Kisten Mineralwasser kaufen, wenn´s im Angebot ist. Es ist nicht zu glauben. Was zahlt denn wohl jemand mit Pflegestufe 3?

 

Hedwig:    Bestimmt fast das Doppelte. Es ist wirklich unverschämt. Ist es nicht so, Marga? (tröstet sie, indem sie ihr über´s Haar streichelt) Na?

 

Marga:       (beruhigt sich langsam) Ja, das ist es. Vor allem das Verhalten von diesem... diesem... Chef hier.

 

Luise:        Jetzt soll ich in mein Zimmer gehen und muss DORT ein Glas Wasser trinken. Obwohl ich Rücken und Bein hab´. Wir werden hier behandelt wie Sklaven. Wartet es ab: Eines Tages reduzieren die hier noch das Personal und WIR werden hier als Putzfrauen für umsonst angestellt. (steht auf, kommt wieder an den Tisch in der Mitte, setzt sich wieder auf ihren Platz. Sie hat mehrere Zeitschriften mitgenommen. "Das neue Blatt", "Frau im Spiegel", "Tina" o.a.)

 

Hedwig:    Und gleich servieren sie uns wieder püriertes Gemüse, Stampfkartoffeln und vorweg gibt´s zum 1000sten mal Kürbissuppe.

 

Luise:        Böah, ich kann es nicht mehr sehen.

 

Marga:       Und... und die Kürbisse dafür bekommen sie geschenkt - von allen Leuten im Ort, die noch ´nen Gemüsegarten haben. Das stand letzten Herbst in der Zeitung.

 

Hedwig:    Richtig. Dann macht in der Küche jemand 2 Tage lang diese Plörre davon und friert es in 100te von Plastiktöpfen ein.

 

Luise:        Wir müssen diese Spende herunterwürgen und so kostet dieses feine Haus eine Mahlzeit kaum 10 Cent.

 

Hedwig:    Und jeder bekommt hier zu Mittag das Gleiche. Egal, ob manche noch selbst essen können - so wie wir - oder gefüttert werden müssen. Alles ein und dieselbe Pampe.

 

Marga:       Das ist kostengünstiger.

 

Luise:        Das ist eine Katastrophe, die unser Gesundheitsminister erfahren sollte. Allein schon wie dieser Treudler mit uns gesprochen hat. Als hätten wir nicht alle Tassen im Schrank.

 

Hedwig:    Solche Themen sind unbequem. Deshalb haben sie auch lieber demente Bewohner. Die können sich nicht wehren und meckern nicht herum.

 

Marga:       Man ist hier wirklich so gut wie ausgeliefert.

Luise:        Moment. Wir können uns wehren! - Und mit dem Treudler und dieser Angela - da läuft doch was.

 

Marga:       Meinst Du? Treudler ist doch verheiratet.

 

Luise:        Was ich euch sage! So wie die miteinander herumgeshakert haben?! Vor allem - wer gibt einer Angestellten denn einen Klaps auf den Po?! Das ist ja eigentlich sexuelle Belästigung - wenn diese polnische Dame es nicht schick findet. Die haben da nebenan doch vorhin ganz bestimmt ´ne Nummer geschoben.

 

Hedwig:    (leicht empört) Luise, ALSO WIRKLICH!

 

Luise:        Ist doch wahr. Und zum Geburtstag kauft er ihr dann ein neues Brillantkollier - von UNSEREM Geld - von MEINEN 2300 Euro, die ich zahlen muss für diese Luxussuite.

 

Marga:       Lasst uns lieber nicht mehr darüber sprechen. Wir ändern sowieso nichts.

 

Luise:        Und genau DAS ist der Punkt. Wir MÜSSEN darüber reden. Marga, Du fühlst Dich hier doch auch nicht rundum wohl, oder?

 

Marga:       Na ja...

 

Luise:        Na ja ist keine Antwort. Die Antwort heißt: NEIN! Wir sind Deine Freundinnen. Sag´ jetzt ganz offen, wenn Dir was nicht passt. Wir drei dürfen keine Geheimnisse voreinander haben - wir müssen zusammen halten und uns alles sagen können. Na los, Marga. Erzähl´ uns was.

 

Marga:       Nun, da ihr es eh schon wisst - na das mit meiner Blasenschwäche... ich kann mir die Windeln ja noch selbst anziehen. Das sind so Schlupfteile, wisst ihr. Aber ich musste letzte Woche 3 Tage mit einer einzigen nassen herumlaufen. Immer wieder hab´ ich Fräulein Angela gebeten, sie soll mir doch bitte eine neue bringen. Aber es dauerte 3 Tage.

 

Luise:        Du musstest 3 Tage lang mit vollgepissten Windeln rumlaufen?

 

Marga:       (nickt verschämt)

 

Luise:        Und diese Pisstücher - also, ich meine Vorlagen - die werden Dir einzeln zugeteilt, und Du musst danach fragen? Hast Du davon denn keine auf Vorrat in Deinem Zimmer im Schrank?

 

Marga:       Nein. Fräulein Angela sagte, dass hätte der Chef so angeordnet. Wenn welche davon im Schrank wären, dann würden wir öfter als nötig davon eine anziehen und das wäre zu teuer.

 

Luise:        Das ist ja wohl der Gipfel der Frechheit.

 

Marga:       Und letzten Monat, da hatte Herr Treudler wohl vergessen, neue Windeln für das Haus zu bestellen und es gab ein paar Tage keine.

 

Luise:        Und dann?

 

Marga:       Dann hat Fräulein Angela die nassen auf die Heizung gelegt zum trocknen.

 

Luise:        Ich muss gleich brechen.

 

Hedwig:    Da fehlen selbst mir die Worte. Das ist ja gesundheitsschädlich.

 

Luise:        Prima Hedwig. Ich merke, dass es auch DIR nicht egal ist, was die hier mit uns machen. Immerhin bist Du eine "von".

 

Hedwig:    (stolz) Richtig. Hedwig von Rahden. Geborene Freifrau von Rittenberg-Wallersheim. Bei uns fließt blaues Blut in den Adern - seit Jahrhunderten. Ganz rein und unvermischt. Das war so: Meine Vorfahren haben in der Eifel...

 

Luise:        Oooooh... Diese Geschichte hast Du uns schon 38 mal erzählt. Vielen Dank. - Pass auf: Zuhause, da hast Du doch mit deinem vielen Geld in Saus und Braus gelebt, oder?!

 

Hedwig:    Ja stimmt. Aber ich möchte mich in die Missstände hier nicht gerne einmischen. Ihr wisst ja: Für mich ist dieser Aufenthalt ja eh nicht von langer Dauer.

 

Luise:        (mehr zu sich selbst) Nun kommt DIE Leier wieder. - Hedwig! DU BIST ABER JETZT HIER !!! - Und wir drei werden jetzt erstmal auf die Barrikaden gehen.

 

Marga:       Auf die Barrikaden gehen? Und wie willst Du das machen?

 

Luise:        (klopft mit beiden Fäusten auf den Tisch, laut:) Wir wollen Wasser haben. Wir wollen Wasser haben.

 

Hedwig:    (und Marga nicken sich zu, stimmen mit ein, machen es ebenso, und dann lauter) Wir wollen Wasser haben. Wir wollen Wasser haben. Wir wollen Wasser haben.

 

7. Szene

Insa:          (eine freundlich wirkende junge Frau, kommt von hinten herein. Auch sie trägt weiße Berufsbekleidung, hat einen kleinen Karton unter´m Arm. Ist überrascht, aber nicht erbost, sondern eher belustigt) Hey hey hey... was ist denn hier los? Proben wir den Aufstand, meine Damen?

 

Alle:          (drei Damen hören mit dem Klopfen und Protestieren auf)

 

Luise:        Ja, so kann man es nennen. Revolution in der Seniorenresidenz Abendsonne.

 

Hedwig:    Endlich mal ein Lichtblick in diesem Haus.

 

Marga:       Ja, Fräulein Insa Harms - das ist eine nette Person.

 

Luise:        "Fräulein" sagt man nicht mehr, Marga. Aber eine nette Person, das ist sie wirklich. Eigentlich praktisch regelrecht die einzige hier.

 

Marga:       Regelrecht praktisch.

Hedwig:    Und nicht eigentlich, sondern wirklich und wahrhaftig.

 

Insa:          (belustigt) Meine Güte. Soviel Lob. Vielen Dank. Aber was hat dieser Krach nun zu bedeuten?

 

Luise:        Wir haben Durst - ICH vor allem. Aber wir kriegen hier nix. Glauben Sie uns, Frau Harms. Es ist die Wahrheit.

 

Insa:          Ach, das ist doch Unsinn. Wer sollte Ihnen denn bitte so etwas verbieten? Moment mal eben. (ab nach hinten)

 

8. Szene

Marga:       Was hat sie vor?

 

Hedwig:    Ob sie jetzt mit Treudler reden will?

 

Luise:        Wenn sie clever ist, überspringt sie diesen Teil.

 

Marga:       Die arbeitet hier aber noch nicht lange, Luise. Die ist noch unsicher, glaub´ ich.

 

Luise:        Man kann auch mit Unsicherheit clever sein. Mein Enkel ist auch so. Die jungen Leute reden heutzutage nicht mehr so viel. Die handeln gleich. Glaubt mir.

 

9. Szene

Insa:          (kommt zurück, trägt jetzt eine Kiste Mineralwasser herein, darauf liegen mehrere Plastikbecher. Sie stellt die Kiste am Tisch ab, verteilt die Becher, stellt eine Flasche dazu, freundlich:) Möchten die Damen es auch noch eingeschenkt haben?

 

Marga:       Na, da sag´ mal einer, dass die unsicher ist.

 

Hedwig:    Frau Harms, das ist jetzt aber wirklich freundlich von Ihnen.

 

Insa:          Ach, das ist doch selbstverständlich.

 

Luise:        (nimmt sich die Flasche, schenkt ein) Oh danke. Das wurde auch höchste Zeit.

                  (trinkt recht gierig)

 

Marga:       Frau Steinbrenner war schon fast am Deo-hyperventilieren, Fräulein Insa.

 

Hedwig:    Das heißt dehydrieren, Marga.

 

Marga:       Och Gottelchen, Du Schlaumeier. - Es wurde nötig Zeit, dass sie was zu trinken kriegte. Das mein ich. (schenkt sich nun auch ein, danach nimmt sich auch Hedwig)

 

Insa:          Ist ja gut. Trinken Sie! Trinken Sie, soviel Sie wollen. Es ist wichtig für den Körper, dass Sie viel trinken.   

 

Luise:        Achja? Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Aber fragen Sie mal Ihren Chef, was der dazu sagt.

 

Insa:          Ich verstehe Sie nicht. Hier geht es nur um Wasser. Was sollte Herr Treudler denn bitte dagegen haben?

 

10. Szene

Angela:      (kommt mit Herrn Erwin Alberstedt im Arm auf die Bühne, den beiden folgt Andreas) So. Schauen Sie hier, Herr Alberstedt. Das ist Gemeinschaftsraum für alle. Sie können hier zusammen singen und spielen und sich unterhalten. Ist immer schön hier. Sie werden sehen.

 

Erwin:       Ahja. (zu den Frauen) Guten Tag, die Damen.

 

Alle:          (drei Frauen) Ja ja... auch Ihnen... Hhmmm... o.a.

 

Erwin:       Äh... Sie müssen mich nicht festhalten, Frau Jancovic. Mein Gleichgewicht funktioniert noch sehr gut. (schaut sich dann im Raum ein wenig um)

 

Angela:      Wie Herr Alberstedt meinen.

 

Andreas:    (sieht dann das Wasser auf dem Tisch) Was ist denn das? (deutet darauf)

 

Insa:          Na Wasser, Herr Treudler. Die Frauen hatten Durst.

 

Andreas:    Das ist mir sehr wohl bekannt, und die Damen und ich hatten gerade ausführlich darüber diskutiert.

 

Insa:          Ja, dann ist ja alles gut.

 

Erwin:       (bleibt dann irgendwo stehen, hört zu)

 

Andreas:    Dann ist ja alles gut? - Kommen Sie bitte in mein Büro, Frau Harms.

 

Insa:          In Ihr Büro? Ja, aber was ist denn?

 

Andreas:    Ihnen ist ja wohl bekannt, dass Sie noch in der Probezeit sind, ja?! Mitarbeiter, die hier einfach so ihre eigenen Regeln aufstellen, die passen so gar nicht in unser Team.

 

Insa:          Eigene Regeln? Herr Treudler, wovon reden Sie?

 

Andreas:    Na, jetzt kommen Sie in mein Büro. Muss ja nicht jeder hören. (zügig ab nach rechts) Na, kommen Sie schon.

 

Insa:          Ja. (unsicher hinterher)

 

11. Szene

Angela:      (schadenfroh) Oh oh... hat wohl gemacht eine große Fehler, unsere neue, kleine Pflegekraft. Das ist nicht gut. Das ist gar nicht gut, spürt Angela.

 

Luise:        Jetzt tun Sie mal bloß nicht so schadenfroh. Die gute Insa hat absolut nichts falsch gemacht. Nur weil sie hier menschlich gehandelt hat, bekommt sie nun ein Gespräch mit dem Chef?! Kann ja wohl nicht wahr sein.

Hedwig:    Unerhört ist das.

 

Marga:       Das ist eine Frechheit.

 

Luise:        Und wenn sie wirklich Ärger bekommt, dann kriegt es der feine Herr Treudler aber mit mir zu tun.

 

Hedwig:    Und mit mir auch.

 

Marga:       Ja, mit mir vielleicht auch.

 

Angela:      Mischen nicht ein in das. Sie haben kein Recht. Was Chef tut ist richtig.

 

Luise:        (ironisch) Aber jaaaa... natürlich doch. Ihnen immer wieder einen Klapps auf den Po geben ist auch das richtige Verhalten von einem Vorgesetzten, ja?! - Sie haben eine Äffare mit ihm, nicht wahr?! Uns machen Sie nichts vor, Frau Jancovic.

 

Angela:      (unsicher) Ach... ach... halten Sie doch den Mund - alle. Alte Schachteln. (schnell ab nach hinten)

 

Luise:        (ruft ihr noch hinterher) Besser ´ne alte Schachtel als ein... ein...

 

Hedwig:    (ruft) Flittchen!

 

12. Szene

Luise:        Hähähä... das war gut.

 

Marga:       (überrascht) Hedwig! Du siehst mich überrascht.

 

Hedwig:    (stolz) Ja, wenn ich will, dann kann ich wohl. (dann zu Erwin) Och Gott, Herr...

 

Erwin:       Alberstedt. Erwin Alberstedt. (kommt langsam zurück an den Tisch)

 

Hedwig:    Was müssen Sie wohl von uns und diesem Haus denken? (stellt sich vor) Ich bin Hedwig von Rahden geborene Freifrau von…

 

Luise:        Lass es sein, Hedwig!

 

Marga:       (ebenso) Marga Bitternagel.

 

Luise:        Steinbrenner. Luise Steinbrenner.

 

Erwin:       Freut mich sehr, die Damen. - Und was ich denke, fragen Sie?! Ich denke, dass ich genau den richtigen Eindruck hatte von dieser Seniorenresidenz. Und es ist schön zu sehen, dass Sie sich wehren gegen einige Missstände. Aber mein Sohn meinte ja, dass es unbedingt dieses Haus sein muss, wo ich ab heute leben soll.

 

Hedwig:    Nun ja, wir wollen Ihnen das hier ja nun nicht gleich nach ein paar Minuten vermiesen, aber... (fühlt sich sichtbar unwohl, aber nicht wegen Herrn Alberstedt, sondern, weil sie schon wieder zur Toilette muss, ruckelt herum)

 

Erwin:       Nein nein, das ist schon richtig so. Hier gibt es also schon Ärger, wenn es ums Trinken geht?

 

Luise:        Ja. Das kann man wohl sagen. Aber das ist noch längst nicht alles. Hier stimmt eigentlich gar nichts. Das Essen, die Betreuung, die Qualität der Betten...

 

Erwin:       Ja, mein Zimmer hab´ ich ja schon gesehen. Ist wirklich nicht besonders gastfreundlich. Und dazu kommt, dass ich mit einem Herren zusammen auf einem Zimmer wohne, der nach drei Schlaganfällen bettlägerig ist. Das macht mich ganz unsicher. Dabei hatte man mir eigentlich ein Einzelzimmer versprochen.

 

Luise:        Jaaaaa, natürlich. Das können Sie auch bestimmt bekommen, wenn DAS hier stimmt. (deutet mit den Fingern Geld an)

 

Marga:       Ja, so sieht das hier aus.

 

Hedwig:    Ja, das tut es wohl. (ruckelt wieder herum)

 

Luise:        (sieht das) Gott, was hast DU denn schon wieder?

 

Hedwig:    Nichts. Alles gut.

 

Luise:        Nun lass Herrn Alberstedt doch mal erzählen.

 

Hedwig:    Ja doch.

 

Erwin:       Nun ja, ich denke, nachdem was hier so vorgeht, wäre ich doch wohl lieber dort geblieben, wo ich vorher war.

 

Luise:        Ja, Herr Alberstedt, unser zuhause war uns allen lieber. Aber wenn man alt ist und die Kinder uns als Belastung sehen... was soll man denn machen?

 

Hedwig:    Also, ICH bin ja nur zur Kurzzeitpflege hier - nur, damit Sie das schon mal wissen.

 

Erwin:       Zuhause? Kinder? Ach so, jetzt verstehe ich. Sie meinen, dass ich aus meinem Haus hierher... nein nein, so ist es nicht. Ich bin heute Morgen aus dem Gefängnis entlassen worden.

 

Alle:          (drei Damen zunächst recht erschrocken)

 

Luise:        So so...

 

Hedwig:    Gefängnis...

 

Marga:       So richtig Knast, ja?

 

Erwin:       So richtig Knast, Frau Bitternagel. Das war doch Ihr Name, ja?

 

Marga:       Richtig. Schön, dass Sie sich den gleich gemerkt haben.

 

Hedwig:    Och Gottchen, unsere weiß er ganz sicher auch noch.

 

Luise:        Knast. Das ist ja interessant. Hedwig, hol doch noch eben einen Stuhl her und schieb den an den Tisch. Herr Alberstedt kann doch nicht die ganze Zeit stehen.

 

Hedwig:    Ich? Ja, aber...

 

Luise:        Ja, nun mach schon. Du weißt doch - ich hab´ Rücken.

 

Erwin:       Ich kann mir doch selber einen Stuhl holen. (geht schon hin, holt einen weiteren Stuhl zum Tisch) Bleiben Sie sitzen, Frau... äh... wie war noch gleich...?

 

Marga:       Hähä... hat sich Deinen Namen also doch nicht gemerkt. MEINEN schon, nur mal so zur Information.

 

Hedwig:    (zu Erwin hinsprechend) von Rahden. Hedwig von Rahden.

 

Erwin:       Richtig.

 

Luise:        (barsch zu Marga) Ja, nun rück mal ´n bisschen zur Seite, damit Herr Alberstedt mit an den Tisch kann.

 

Marga:       Ja doch. (tut es)

 

Hedwig:    (ruckelt heftiger herum, springt dann zügig auf) Ich weiß, das ist jetzt ein ganz ungünstiger Zeitpunkt, aber ich halte es nicht mehr aus. (schnell ab zur Toilette)

 

13. Szene

Luise:        Hähähä... Hedwig und ihre schwache Blase. Darüber kann man Bücher schreiben.

 

Erwin:       (setzt sich dann, zwischen Marga und Luise)

 

Marga:       Möchten Sie ein Glas Wasser? Wir haben ausnahmsweise gerade was da.

 

Erwin:       Vielen Dank. Jetzt nicht.

 

Luise:        Nun lenk doch nicht ab, Marga. Herr Alberstedt ist schon groß. Der wird sich schon melden, wenn er was will. - Sagen Sie, wie lange waren Sie denn hinter schwedischen Gardinen, Herr Alberstedt?

 

Erwin:       8 Jahre.

 

Marga:       8 Jahre? Oh mein Gott. Das muss ja schrecklich gewesen sein.

 

Luise:        Wofür... also... nicht das ich neugierig bin; aber wofür kriegt man denn so acht Jahre Knast?

 

Erwin:       (eher belustigt) Das ist recht unterschiedlich in Deutschland. Manche bekommen diese Strafe für Steuerhinterziehung, Raub oder mehrfache Einbrüche oder Überfälle. Kommt immer darauf an, wie schwer die Tat war. ICH habe sie für Totschlag bekommen.

Marga:       (erschrocken) Sie... Sie haben jemanden totgeschlagen? Du liebe Zeit. Luise, ich glaube, ich möchte jetzt wohl auf mein Zimmer. (steht schon auf)

 

Luise:        Ja, dann geh doch. Ich halt´ Dich nicht auf.

 

Erwin:       Frau Bitternagel, bitte beruhigen Sie sich doch. Totschlag ist nur das Wort dafür. Es ist nicht so, wie Sie denken.

 

Marga:       Ja ja, es ist mit Verbrechern nie so wie man denkt. Das kennt man doch aus dem Fernsehen.

 

Luise:        (genervt) Haaaach, nun reg´ uns hier mal nicht auf, Marga. Wenn Du nicht in Ruhe zuhören willst, dann hau ab. ICH möchte gerne die Geschichte von Herrn Alberstedt hören.

 

Marga:       ICH nicht. Na, dann viel Spaß. (kopfschüttelnd abgehend nach hinten, zu sich selbst beim Herausgehen:) Das wird ja immer besser hier. Erst müssen wir fast verdursten, jetzt haben wir auch noch Mörder im Haus. Mörder - hier bei uns. (dann ist sie endgültig ab)

 

14. Szene

Luise:        (winkt abwertend ab) Hören Sie nicht auf sie - sie ist schon leicht dement. 

 

Erwin:       Ich kann sie ja sogar verstehen. Ich wäre doch bestimmt auch erschrocken, wenn mir jemand so etwas erzählen würde.

 

Luise:        Ja ja. Na, nun mal raus mit der Sprache. Was genau haben Sie gemacht?

 

Erwin:       Meine Frau. Als sie noch gesund war, hat sie immer gesagt, dass sie mal eine Patientenverfügung möchte. Leider hat sie es versäumt. Irgendwann bekam sie Krebs. Nach einigen Op´s und wochenlangen Qualen fiel sie dann ins Koma. 5 Monate bin ich jeden Tag ins Krankenhaus gefahren und musste sie da hilflos liegen sehen. Es waren wirklich nur noch die Maschinen, die ihr Leben einhauchten. Tja, und dann... als ich für eine Minute mal alleine mit ihr war, habe ich die Maschinen abgestellt.

 

Luise:        Ach Herr Alberstedt. Ich kann das so gut verstehen. Aber dann... 8 Jahre Haft?

 

Erwin:       Ich konnte nicht beweisen, dass meine Frau das wirklich gewollt hat. Dazu kam ein sehr scharfer Richter und eine Falschaussage vom behandelnden Arzt.

 

Luise:        Bitte?

 

Erwin:       Ja. Dieser miese Dr. Raupbach hatte sich wohl in meine Frau verliebt. Zumindest glaube ich das und hörte auch davon. Dann hat er vor Gericht ausgesagt, dass meine Frau sogar wieder gesund hätte werden können. Aber das war absoluter Unfug.

 

Luise:        Aber dennoch hat man diesem Arzt geglaubt?

 

Erwin:       Mediziner gegen Lagerarbeiter. Was denken Sie wohl, wem der Richter eher glaubt? Ich hatte keine Kraft dazu, Widerspruch einzulegen und hab´ das Urteil akzeptiert. Somit war es nicht mehr aktive Sterbehilfe, sondern Totschlag.

 

Luise:        Wie furchtbar. Und dann so lange in einem so grauenhaften Gefängnis.

 

Erwin:       Aber nein. Da muss ich widersprechen. So grauenvoll ist das gar nicht. Das Urteil war ungerecht und 8 Jahre waren lang. Aber das Gefängnis war wirklich sehr schön. Jeder hatte eine Beschäftigung, es gab sehr gutes Essen, die Zimmer waren ganz nett eingerichtet. Es gab einen Kinosaal, manchmal hat jemand für uns ein Konzert gespielt, ich hatte einen Computer und hab´ sogar Freunde gefunden dort. Und Wasser - also das gab es da nun wirklich soviel man wollte. 

 

Luise:        Das hört sich ja wirklich nicht schlecht an.

 

Erwin:       Es war immer Leben im Gefängnis und wurde nie langweilig. Manche Insassen haben sogar ein Fernstudium gemacht und einen Schulabschluss nachgeholt.

 

Luise:        Ein Paradies.

 

Erwin:       Wir wollen mal nicht übertreiben.

 

Luise:        Haben Sie dort jemals Kürbissuppe zu Mittag bekommen?

 

Erwin:       Kürbissuppe? Äh... nein. Ich kann mich nicht erinnern.

 

Luise:        So ein Gefängnis wird mir immer sympathischer. Hört sich alles sehr gut an. Besser als es hier abgeht. Hier gibt´s nichts, Herr Alberstedt. Essen, Freizeit, Pflege... alles zum Vergessen in diesem Heim.

 

Erwin:       Tja... so sind Heime wohl.

 

Luise:        Ach papperlapapp. So ist DIESES Heim. Und das ist falsch. Das liegt nur an dem miesen Heimleiter Treudler und seiner kleinen polnischen Affäre Angela. Die müssen hier raus. Dann wird vielleicht einiges besser.

 

15. Szene

Insa:          (kommt weinend von rechts aus dem Zimmer, geht langsam nach hinten)

 

Luise:        Hey hey hey... was ist passiert?

 

Insa:          Ach ich... ich hab´ eine letzte Abmahnung bekommen. Eine LETZTE! Obwohl ich von gar keiner weiß, die ich vorher bekommen haben soll. Wenn ich noch einmal etwas in Eigenregie entscheide, wirft Herr Treudler mich raus.

 

Erwin:       Das tut mir aber leid.

 

Luise:        Und es ging hier dabei jetzt nur darum, dass Sie uns Wasser gebracht haben?

 

Insa:          Ja. Das hätte ich nicht tun dürfen.

 

Erwin:       Ich glaube das ja wohl nicht. Das ist doch nicht Ihr Ernst?

 

Luise:        Oh doch. Die Zustände hier sind eine Katastrophe. Es ist kaum zu toppen.

 

Insa:          Entschuldigen Sie mich bitte. (noch weinerlich ab nach hinten)

 

16. Szene

Erwin:       Ich bin zwar hier gerade erst angekommen, aber nach diesem Erlebnis und all dem, was Sie mir erzählt haben, glaube ich wirklich, dass sich hier etwas ändern muss.

 

Luise:        (grinst süffisant) Allerdings.

 

17. Szene

Hedwig:    (kommt von der Toilette zurück) So, fertig. Hab ich was verpasst? Wo ist Marga denn?

 

Luise:        Stör´ uns nicht, Hedwig. Ich denke gerade nach.

 

Hedwig:    Ach ja? Was denkst Du denn?

 

Erwin:       Wir sprachen darüber, dass es Zeit wird, die Heimleitung hier auszutauschen. Herr Treudler sollte gehen, damit hier einiges besser wird.

 

Hedwig:    Ja, das ist richtig.

 

Luise:        Nein, das ist falsch.

 

Erwin:       Bitte?

 

Luise:        Ich hab´ da eine viel bessere Idee. Wenn wir es auch mühsam nach Monaten schaffen sollten, dass Treudler ausgetauscht wird - hier im Haus wird sich so viel nicht ändern. Nein - Treudler geht - aber WIR auch!

 

Hedwig:    Luise, was redest Du da? Was hast Du vor?

 

Luise:        Im Gefängnis würden wir wie im Paradies leben. Genau dort sollten wir die letzten Jahre unseres Lebens verbringen - nicht hier. Und wir brauchen 15 Jahre, sonst lohnt sich das nicht. Wir drei. Marga, Du (zeigt auf Hedwig) und ich.

 

Hedwig:    Was brauchen wir? 15 Jahre?

 

Luise:        Richtig.

 

Erwin:       Frau Steinbrenner - was haben Sie vor?

 

Luise:        Wir drei machen Treudler kalt. Ja, wir bringen ihn um und landen dafür im Knast-Paradies. Und wir killen ihn so schnell wie möglich. Ich brauche nur noch einen guten Plan.

 

Blackout oder schneller Vorhang - Ende des ersten Akts

 

Zweiter Akt

 

                  (ca. 1 Woche später. Wenn der Vorhang sich öffnet, stehen Angela und Bastian auf der Bühne. Angela trägt wieder ihre Arbeitsbekleidung, Bastian - ein junger, flotter Mann - trägt lockere, legere Kleidung und eine Umhängetasche. Es ist ca. 14:30 Uhr.)

 

1. Szene

Bastian:     (recht deutlich) Also - wenn ich ehrlich sein darf: Normal ist das nicht!

 

Angela:      (aufgebracht) Normal normal. Was wollen Sie sagen damit, junger Mann? Sie können mir nicht zuweisen irgendeine Schuld.

 

Bastian:     Okay, dann fassen wir zusammen: Es ist also völlig normal, dass ich hier in diesem Haus seit fast einer Stunde nach meiner Oma suche und mir niemand sagen kann, wo sie ist?! Obwohl meine Oma weiß, dass ich sie heute besuchen will?

 

Angela:      Es ist wohl eher Ihre Großmutter, die nicht ist ganz normal. Frau Steinbrenner ist schon sehr schwierig. (macht Bewegungen mit der Hand, die auf einen geistigen "Schaden" hindeuten)

 

Bastian:     Nun vergreifen Sie sich mal nicht im Ton. Meine Oma ist ganz sicher nicht verrückt.

 

Angela:      SIE sind doch der, der macht Stress hier. Ich habe auch keine Zeit mehr für solche Schwätzchen mit Ihnen. Reden Sie mit Chef - mit Herrn Treudler. Auf Wiedersehen. (pikiert ab nach hinten)

 

Bastian:     (ruft ihr noch hinterher:) Ja, aber den darf ich doch nicht stören, haben Sie mir schon 10 mal gesagt. (seufzt wütend, schaut auf die Uhr, dann kommt...)

 

2. Szene

Insa:          (...sodann betrübt aus Treudlers Büro mit Jacke und Tasche, hat Unterlagen in der Hand. Ihr folgt sogleich Andreas, der aber vor der Tür stehen bleibt)

 

Andreas:    Frau Harms?!

 

Insa:          (dreht sich nochmal zu ihm um) Ja?

 

Andreas:    Äh... (mit leichter Überwindung und eher arrogant, reicht ihr die Hand) Alles Gute, sagt man wohl.

 

Insa:          (schaut nur auf seine Hand, nimmt diese aber nicht, ironisch:) Vielen herzlichen Dank, Herr Treudler. Auf Ihre Wünsche da... da... scheiß ich drauf. (wendet sich abrupt ab)

 

Andreas:    Tsss... (zurückgehend in sein Büro)

 

Bastian:     (erhebt den Arm) Äh Hallo?! Sind Sie Herr Treudler?

 

Andreas:    (hat die Tür schon wieder geschlossen) 

3. Szene

Insa:          (hat ihre Unterlagen in ihre Tasche gesteckt, will schon ab, als...) Entschuldigung. Ja, das war Herr Treudler.

 

Bastian:     Der hat mich gar nicht wahrgenommen. Ich war doch laut genug, oder?

 

Insa:          (mit leicht wütendem Unterton) Herr Treudler hört und sieht immer nur das, was er hören und sehen will.

 

Bastian:     Aha.

 

Insa:          MICH will er ab sofort zumindest nicht mehr sehen. Ich wurde soeben gekündigt. Fristlos. Probezeit, Sie verstehen? - Aber was erzähl´ ich Ihnen da überhaupt?! Tut mir leid. Einen schönen Tag noch. (will ab)

 

Bastian:     Nein nein. Warten Sie. Äh... (überlegt kurz) Insa? Insa Harms?

 

Insa:          (überrascht) Ja. Woher wissen Sie das?

 

Bastian:     Meine Oma - Sie hat am Telefon in der letzten Woche schon sehr viel von Ihnen erzählt. - Bastian Steinbrenner. (reicht ihr die Hand, was Insa gerne erwidert)

 

Insa:          Ach, jetzt verstehe ich. Frau Luise Steinbrenner ist Ihre Großmutter.

 

Bastian:     Genau. Und - na ja - ich suche sie. In ihrem Zimmer ist sie nicht, im Garten auch nicht, und hier... sind auch nur wir.

 

Insa:          Beim Frühstück hab´ ich sie noch gesehen, aber danach... nein, danach nicht mehr. Aber kommen Sie - wir fragen einfach Frau Bitternagel und Frau von Rahden - ihre besten Freundinnen, wissen Sie?!

 

Bastian:     Ja gerne; aber ich dachte Sie...

 

Insa:          Ach natürlich. Ich bin raus hier. Ich bin so dumm. Was mach´ ich überhaupt noch hier? Ist so ´ne blöde Eigenart von mir immer aktive Lebenshilfe zu geben.

 

Bastian:     Dagegen ist ja auch absolut nichts zu sagen. Sie würden mir aber helfen, wenn Sie mir zeigen, wo ich die beiden Frauen finde, dann lasse ich Sie auch in Ruhe.

 

Insa:          Gerne. (will mit Bastian nach hinten ab, als...)

 

4. Szene

Angela:      (...von dort wieder herein kommt, überheblich "fies":) Ach da schau an. SIE (deutet auf Bastian) haben immer noch nicht gefunden Ihre große Mutter, ja?! Und SIE (zu Insa) ...was machen Sie noch hier? Wer viele Fehler macht, darf nicht wundern sich, wenn er nicht bekommt neue Chance auf Arbeit hier. (abgehend in den Raum rechts zu Andreas. Dreht sich dann zu ihr um) Ich glaube, Sie dürfen gehen. (süffisant und ironisch) Ich wünsche viel Glück bei neue Arbeitssuche, junges Fräulein. Hähä... (ab)

 

 

5. Szene

Insa:          (sehr wütend, will ihr schon hinterher) Ich will Dir mal was...

 

Bastian:     (hält sie zurück) Lassen Sie es sein. Das bringt nichts.

 

Insa:          Ooooh, dieses Luder. Ich würd´ ihr so gerne eine auf´s Maul hauen. SIE war es doch, die mich bei Treudler angeschwärzt hat. Darum möcht´ ich wetten.

 

Bastian:     Was war denn eigentlich der Grund für diese fristlose Kündigung, wenn ich das wissen darf?

 

Insa:          Ich hab´ mich geweigert, Herrn Lehmann zu fixieren. Er ist dement und verirrt sich auch schon mal in andere Zimmer. Da gibt es nur eine Lösung: Man muss sich um ihn kümmern! Ihn immer wieder zurückbringen. Er weiß doch gar nicht, was da in seinem Gehirn für eine Achterbahn fährt. Aber Madame Angela und dem (ironisch) lieben Chef war das zu mühselig. Festbinden ist da bequemer.

 

Bastian:     Aber das ist doch gar nicht erlaubt ohne Einwilligung der Kinder, des Betreuers...was weiß ich?!

 

Insa:          Allerdings. Und ich hab´ dazu auch NEIN gesagt. Tja, und wer sich den Anweisungen in diesem Haus widersetzt, der fliegt.

 

Bastian:     Unglaublich.

 

                  (aus dem Zimmer rechts hört man nun recht deutlich, Angela und Andreas jauchzen und reden)

 

Insa:          Ich würde Treudler und dieser polnischen Tusse so gerne die Leviten lesen, aber wie?

 

Bastian:     (schaut zum Raum rechts) Hören Sie mal.

 

Insa:          (hört kurz zu) Das hab´ ich immer geahnt, dass die beiden was miteinander haben. Ich könnt´ kotzen.

 

Bastian:     (nimmt sie an die Hand, zieht sie mit nach links in den Toilettenraum) Kommen Sie, vielleicht können wir irgendwas Genaues erfahren.

 

Insa:          (leicht verwirrt) Äh... bitte? (lässt sich von Bastian "ziehen", beide ab, Tür bleibt einen Spalt geöffnet)

 

6. Szene

Angela:      (kommt lachend aus dem rechten Raum, ihr folgt sogleich Andreas, albert mit ihr herum. Angela schaut sich kurz um) Ist niemand hier, mein kleiner Bock. (umarmt und küsst ihn neckisch)

 

Andreas:    Wir müssen aufpassen, Mäuschen. Wenn uns jemand sieht...

 

Angela:      Ach, sind alles alte verrückte Leute hier. Wer sollte denen etwas glauben? (steht nun vor ihm, ihre Arme um seinen Hals)

Andreas:    Aber wir haben Personal, dass nicht alt und verrückt ist.

 

Angela:      Ist doch niemand hier, meine Hase. (erneuter Kuss) Du machst so sehr glücklich mich. Und Du meinst wirklich ernst, dass wir beide fahren zusammen in Herbst für 2 Wochen auf die Kanaren?

 

Andreas:    Es ist schon gebucht. Es gibt nur drei kleine Probleme.

 

Angela:      Was? Gleich drei?

 

Andreas:    Ja. Meine Frau muss mir abkaufen, dass ich zu einer Fortbildung muss.

 

Angela:      Sie wird glauben Dir. Hat Frau doch gemerkt nix von unserer Liebe seit 2 Jahren nicht. (kurzer Kuss)

 

Andreas:    Dann brauche ich hier eine gute Vertretung. Und ich bin nicht sicher, ob Herr Hansen dafür geeignet ist.

 

Angela:      Ist er. Schon mehr als 4 Jahre hier - und macht Arbeit gut. Macht, was wir sagen.

 

Andreas:    Hhmm... na ja. Vielleicht haben wir ja bis zum Herbst auch noch einen neuen Mitarbeiter. (süffisant) Die junge Frau Harms hat uns ja heute leider verlassen.

 

Angela:      Besser Du schaust nach eine Mann. Diese Insa hat doch immer nur gearbeitet gegen uns - diese kleine Luder.

 

Andreas:    Richtig. Und dann wäre da noch... meine Frau schaut auch gerne mal auf unsere Kontoauszüge. Ich muss das Geld für unsere Reise noch überweisen und wir brauchen dort auch ordentlich Taschengeld.

 

Angela:      Machst Du einfach so wie immer. Buchst Du ein wenig um in Akten von Geld der verrückten Menschen hier und wir haben genug für Vergnügen.

 

Andreas:    Ja. Ich hoffe nur, dass mir da wieder etwas einfällt, und dass es bei einer Prüfung und beim Finanzamt nicht auffliegt. Und diese dummen Kontrollen von den Krankenkassen könnten mir Ärger machen.

 

Angela:      Ach, Du schreibst einfach wieder 100 Pakete mehr auf von diese Windeln. Wer kann schon beweisen, dass nicht stimmt?! Du bist doch so klug. Du wirst machen das gut.

 

Andreas:    Danke. Nun aber an die Arbeit. Gleich ist Teezeit.

 

Angela:      Ja, ich eile mein Chef. (Kuss, dann vergnügt ab nach hinten)

 

Andreas:    (lächelt ihr hinterher, dann wieder ab in den rechten Raum)

 

7. Szene

Insa:          (kommt mit Bastian fassungslos schauend von links zurück) Das ist doch... also, das kann doch wohl nicht... haben Sie das gehört?

 

Bastian:     Die unterschlagen Gelder von den Bewohnern und machen sich damit ein schönes Leben?!

 

Insa:          Okay, ich bin ganz ruhig. Andreas Treudler hat drei Probleme aufgezählt, die er noch aus dem Weg räumen muss. Und ICH werde nun auch drei Dinge erledigen. Ich werde zu den Krankenkassen gehen und über diese Machenschaften berichten und dann werd´ ich auch dem Finanzamt einen kleinen Tipp geben.

 

Bastian:     Richtig. Und Nummer drei?

 

Insa:          Nummer drei ist der größte Triumph von allem. Ich werde...

 

8. Szene

Luise:        (betritt sodann mit Stock und einer Tasche den Raum, so dass Insa nicht mehr zuende erzählen kann, sehr erfreut) B a s t i a n !!!

 

 

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